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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Endlich betrat Anton die verfallene Treppe des Turmes und stieg auf die Plattform. Dort sah er über den Mauerrand in die Tiefe und hinaus in die Ebene. Zu seiner linken Seite sank die Sonne hinter grauen Wolkenmassen hinab in den dunkeln Schatten der Nadelwälder, zur rechten Seite lag das unregelmäßige Viereck des Wirtschaftshofes, dahinter an der Landstraße die unschönen Hütten des Dorfes, in seinem Rücken der Bach, der von der untergehenden Sonne her nach dem Dorfe zu floß und an seinen Ufern einen Streifen Wiesenland zeigte. Um die Wiesen und den Anger lagen die Ackerstücke wie in toter Ruhe, ein unreines Grün war auf den meisten aufgeschossen, nur wenige zeigten die braunen Schollen, die Zeichen neuer Kultur. Auf dem Ackerboden erhoben sich hier und da wilde Birnbäume, die Freude des polnischen Landmanns, starke Stämme mit einer mächtigen Krone; unter jedem war eine Insel von Gras- und Pflanzenbüscheln, buntgefärbt durch das abgefallene Laub. Die wilden Bäume allein, die Wohnungen zahlloser Vögel, unterbrachen die einförmige Fläche, sie und am Rande des Gesichtskreises der dunkle Wald. Denn hinter Wiese und Feld und hinter dem gelben Sande umschloß einförmiges Nadelholz die Aussicht. Der Himmel grau, der Boden mißfarbig, die Bäume und Sträucher am Bach ohne Grün und der Wald mit seinen Vorsprüngen und Buchten einem Walle gleich, welcher diesen Erdfleck abschied von allen Menschen, von aller Bildung, von jeder Freude und Schönheit des Lebens.

Antons Herz wurde schwer. «Arme Lenore, ihr armen Leute!» seufzte er laut und faltete traurig die Hände. «Es sieht hier abscheulich aus, aber das läßt sich bessern. Wer Geld und Geschmack hat, der Mensch kann alles. Man kann dies Haus umbauen und schmücken ohne ungewöhnliche Kosten. Vorhänge, Teppiche, einige hundert Fuß Goldleisten, der Tapezierer und Maler würden es in ein stattliches Schloß verwandeln. Leicht wäre der Anger geebnet, mit feinem Gras besät, einige Blumenbeete von leuchtenden Farben hineingesetzt, dahinter eine Anzahl Büsche gepflanzt, die Hütten des Dorfes durch Baumlaub versteckt. Und käme dann zu Haus und Park das Gefühl der Kraft und Tätigkeit, dann könnte auch diese Landschaft, die trostloseste und ödeste, ein heiteres Bild werden. Es ist nichts dazu nötig als Kapital, Menschenkraft und ein geordneter Sinn. Wie aber will der Freiherr diese Güter finden? Die behagliche Einrichtung dieses Hauses sollte die Blüte eines tätigen und erfolgreichen Lebens sein, und das Leben des Hausherrn ist zerbrochen; sie kann mit Verstand nur geschehen aus den Überschüssen, welche dieses Gut seinem Herrn bereitwillig gewährt, und Tausende von Talern werden nötig sein, um in dieser Unordnung die Anfänge eines neuen Lebens zu schaffen, und Jahre werden vergehen, bevor der Boden mehr trägt als die Wirtschaftskosten oder dürftige Interessen des angelegten Kapitals.»

Unterdes betrachtete Karl zwei Zimmer des Oberstocks mit Kennerblicken. «Diese beiden gefallen mir vor allen andern», sagte er zu dem Wirt. «Sie haben gekalkte Wände, sie haben Fußböden, sie haben Öfen, ja sie haben sogar Fenster. Zwar sind die Scheiben schadhaft, aber bis der Glaser kommt, ist dickes Papier nicht zu verachten. Hier richten wir uns ein. Könnt Ihr mir etwas holen, was mit Besen und Scheuerlappen umzugehen weiß? Gut, Ihr könnt's; und hört, sucht einige Bogen Papier zurecht, einen Leimtiegel führe ich mit mir. Wir wollen auf der Stelle Holz holen, dann will ich einheizen, Leim kochen, Papierfenster einsetzen und Ritze verkleben. Vor allem aber helft mir unser Gepäck vom Hofe herschaffen. Rasch vorwärts!»

Er riß durch seinen Eifer den Wirt fort, das Gepäck wurde in die Stube getragen, Karl packte eine Kiste mit allerlei Handwerkszeug aus, und der Wirt lief nach der Schenke, seine Magd zu rufen.

Unterdes trabten auf der Landstraße einige Reiter dem Hofe zu, stattliche Männer in Herrentracht; sie hielten vor der Wohnung des Beamten. Einer von ihnen stieg ab und pochte heftig an die verschlossene Tür. Anton rief seinen Gefährten, Karl eilte über den Anger den Fremden entgegen. Die Reiter galoppierten heran. «Guten Tag», rief der eine in sorgfältigem Deutsch, «ist der Inspektor zu Haus?»

«Wo ist der Ökonom? Wo ist Bratzky?» riefen die andern, ungeduldig wie ihre flüchtigen Pferde.

«Wenn Sie den früheren Inspektor dieses Gutes meinen», erwiderte Karl trocken, «so wird er Ihnen nicht entlaufen, obgleich Sie ihn hier nicht vorfinden.»

«Was soll das?» fragte der erste Reiter und ritt näher an Karl heran. «Ich ersuche Sie um Auskunft.»

«Wollen Sie Herrn Bratzky sprechen, so müssen Sie sich nach der Stadt bemühen, er sitzt im Stock.»

Die Pferde bäumten sich, die Reiter drängten sich näher an Karl heran, lebhafte Ausrufe in polnischer Sprache flogen von allen Lippen. «Im Stock? Weshalb?»

«Fragen Sie meinen Herrn», erwiderte Karl und wies auf die Tür des Turms, in welche Anton getreten war.

«Habe ich das Vergnügen, den neuen Eigentümer des Gutes vor mir zu sehen?» fragte der Reiter, sich dem Turm nähernd, hinauf und lüftete seinen Hut. Anton sah erstaunt auf den Fremden herunter, Stimme und Gesicht erinnerten ihn an einen Herrn mit weißen Glacéhandschuhen, der in kritischer Zeit einen unangenehmen Eifer gezeigt hatte, Standrecht über Anton zu halten. «Ich bin der Geschäftsführer des Freiherrn von Rothsattel», entgegnete er. Das Pferd des Reiters tat zwei Sprünge zurück, der Reiter wandte sich schnell ab und sprach einige Worte zu seinen Begleitern. Darauf rief ein älterer Mann mit einem schlauen Fuchsgesicht: «Wir wollen in einer Privatangelegenheit den bisherigen Inspektor des Gutes sprechen. Wir erfahren, daß er in Haft ist, und bitten Sie, uns zu sagen, weshalb.»

«Er hat sich durch die Flucht der Übergabe der Güter an mich entziehen wollen. Es ist Verdacht, daß er unredlich gehandelt hat.»

«Sind seine Sachen mit Beschlag belegt?» fragte der Reiter wieder hinauf.

«Weshalb tun Sie diese Frage?» fragte Anton zurück.

«Um Vergebung», entgegnete der andere, «der Mann hatte durch Zufall Akten, welche mir gehören, in seiner Wohnung, es könnte mich in Verlegenheit setzen, wenn mir die Disposition darüber entzogen würde.»

«Seine Effekten sind mit ihm nach der Stadt geschafft worden», erwiderte Anton. Wieder fuhren die Pferde der Reiter durcheinander, eine leise Unterredung entstand, dann stoben die Fremden mit kurzem Gruß in gestrecktem Galopp zurück nach dem Dorfe, dort hielten sie einen Augenblick vor der Schenke und verschwanden endlich auf dem Fahrweg hinter dem Walde.

«Was wollten die, Herr Wohlfart?» fragte Karl. «Das war ein Besuch im Sturmwind.»

«Jawohl», erwiderte Anton, «auch ich habe Grund, ihn für auffallend zu halten. Wenn ich nicht irre, habe ich einen der Herren bereits in ganz anderer Umgebung gesehen. Wahrscheinlich hat dieser Herr Bratzky sich Freunde zu erwerben gewußt durch unrechten Mammon.»

Der Abend hüllte Schloß und Wald in seine grauen Decken. Die Knechte kehrten mit den Pferden aus dem Walde zurück, Karl führte sie vor Antons Augen, hielt ihnen in polnischer Sprache eine kurze Rede und nahm sie für den neuen Herrn in Pflicht. Dann kam noch der Wirt zum Rechten sehen, er brachte Wasser und eine Tracht Holz und sagte zu Anton: «Ich bitte den gnädigen Herrn, vorsichtig zu sein in der Nacht, die Bauern sitzen in der Schenke und räsonieren über Ihre Ankunft; es sind schlechte Leute darunter, ich traue nicht, daß einer zur Nacht einen Schwefelfaden in das Stroh steckt und Ihnen den Hof abbrennt.»

«Ich traue, es tut's keiner», entgegnete Karl, einen neuen Holzblock in den Ofen werfend. «Es bläst ein hübscher Wind gerade auf das Dorf zu, 's wird niemand ein Narr sein und sich selbst die volle Scheuer in Brand stecken. Wir wollen dafür sorgen, daß derselbe Westwind von heut ab immer weht, solange wir hier sind. Sagt das Euren Leuten. – Habt Ihr mir die beiden Kartoffeln mitgebracht?»

Anton bestellte den Wirt zum nächsten Morgen, und die beiden Gefährten waren allein in dem öden Hause.

«Auf das Anlegen dürfen Sie nichts geben, Herr Anton», fuhr Karl fort, «es ist überall in der Welt die Unart betrunkener Schlingel, mit Feuer zu drohen. – Und zuletzt, mit Respekt zu sagen, wär's auch noch kein großer Schade. – Jetzt, Herr Anton, sind wir unter uns, jetzt sieht man so wenig als möglich von dieser polnischen Wirtschaft, jetzt fängt's an und wird gemütlich.»

«Du hast recht», sagte Anton und schob sich einen Schemel zum Ofen.

In den grünen Kacheln knisterte das Holz, und der rote Schein der Flamme versuchte, auf dem Fußboden einen feurigen Teppich zu malen und streifige Lichter und Schatten durch die ganze Stube zu ziehen.

«Die Wärme tut wohl», sagte Anton, «aber riechst du keinen Rauch?»

«Natürlich», erwiderte Karl, welcher vor dem Ofenloch mit seinem Messer runde Löcher in die Kartoffeln bohrte. «Gerade die besten Öfen rauchen im Anfange des Winters am kräftigsten, bis sie sich wieder an ihre Arbeit gewöhnen. Und vollends dieser grüne Dickkopf hier hat vielleicht seit einem Menschenalter kein Feuer gesehen; es ist in der Ordnung, daß er nicht sogleich in Zug kommt. Bitte, schneiden Sie ein Stück Brot ab und streichen Sie hier den Ritz zu, ich verfertige unsere Leuchter.» Er holte ein großes Paket Lichte hervor, schnitt die halbe untere Rundung der Kartoffel ab, steckte in jede ein Licht und stellte sie als Leuchter auf den Tisch, dann setzte er die Blechbüchse auf. «Die ist unerschöpflich», sagte er, «sie hält noch morgen mittag vor.»

«Gewiß», stimmte Anton vergnügt bei. «Ich habe einen merkwürdigen Appetit. Und jetzt laß uns überlegen, wie wir unsere Wirtschaft einrichten. Was wir von Hausrat nicht entbehren können, holen wir aus der Stadt, ich will sogleich ein Verzeichnis machen. Das eine Licht löschen wir wieder aus, wir müssen sparen.»

So verging der Abend unter guten Plänen; Karl machte die Entdeckung, daß er aus Kisten und Brettern einen Teil der Möbel in wenigen Stunden zusammenschlagen konnte. Und lustig klang zuweilen das Lachen der Genossen in den Wänden des Despotenhauses wider. Endlich riet Anton, zu Bett zu gehen. Sie schüttelten ihr Lager aus Stroh und Heu zurecht, schnallten die Mantelsäcke auf und holten ihre Matratzenstücke und Decken hervor. Karl befestigte ein Schraubenschloß aus seinem Kasten an der Stubentür, untersuchte die Ladung des Karabiners, ergriff seine Kartoffel und sagte salutierend: «Wann befehlen der Herr Generalbevollmächtigte morgen geweckt zu werden?»

«Du guter Junge», rief Anton, die Hand von seinem Lager nach ihm ausstreckend.

So ging Karl in das Nebenzimmer, das er für sich ausgesucht hatte. Kurz darauf verlöschten die beiden Lichter, der erste Schimmer des Lebens, welcher in dem verlassenen Hause wieder aufgeglüht war. In dem Ofen knackten noch lange die kleinen Kobolde des Hauses über dem neuen Feuer, sie summten in dem Rauchfang, sie klopften an Türen und Fenster, erstaunt über das Treiben der fremden Männer. Endlich fuhren sie zusammen in eine Ecke des alten Turmes und fingen an, sich zu streiten, ob die Flamme, die heut abend angezündet war, von jetzt ab fortbrennen würde und ob aus den Fenstern von jetzt ab alle Tage ein fröhliches Licht hinausfallen würde auf den Anger, die Felder, den Wald. Und während sie zweifelten, ob das Neue stark genug sei, sich zu erhalten, trieb der Rauch die Fledermäuse aus ihrer Wohnung im Schornstein, daß sie schlaftrunken um die Zinnen des Turms flatterten, und die Käuze im Mauerritz schüttelten ihren dicken Kopf und stöhnten über die neue Zeit.

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