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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Viertes Buch

1

An einem kalten Oktobertage fuhren zwei Männer bei dem Torgitter der Stadt Rosmin vorüber in die Ebene, welche sich einförmig und endlos vor ihnen ausbreitete. Anton saß in seinen Pelz gehüllt, den Hut tief auf der Stirn, neben ihm der junge Sturm im alten Reitermantel, die Soldatenmütze lustig auf dem Ohr. Vorn hockte auf einem Strohbund der Knecht eines Ackerbürgers und peitschte die kleinen Pferde. Der Wind fegte mit seinem riesigen Besen Sand und Strohhalme über die Stoppelfelder, die Straße war ein breiter Feldweg, ohne Gräben und Baumreihen, die Pferde wateten bald durch ausgefahrene Wasserpfützen, bald durch tiefen Sand. Gelber Sand glänzte zwischen dem dürftigen Grün der Äcker überall, wo eine Feldmaus den Eingang zu ihrer Grube angelegt oder wo der emsige Maulwurf nach Kräften gearbeitet hatte, die Ebene durch kleine Hügelketten zu unterbrechen. In den Senkungen des Bodens stand schlammiges Wasser; an solchen Stellen streckten die ausgehöhlten Stämme alter Weiden ihre verkrüppelten Arme in die Luft, ihre Ruten peitschten einander im Wind, und die welken Blätter flatterten herunter in das trübe Wasser. Hier und da stand ein kleiner Busch zwerghafter Kiefern, ein Ruheplatz für Krähen, die, durch den Wagen aufgescheucht, mit lautem Schrei über die Häupter der Reisenden flogen. Kein Haus war zu sehen an der Straße, kein Wanderer und kein Fuhrwerk.

Karl blickte zuweilen auf seinen schweigsamen Gefährten und sagte endlich, nach den Pferden zeigend: «Wie struppig ihr Haar ist und wie schön ihr graues Mäusefell! Ich möchte wissen, wieviel Stück von diesen Tieren auf das Pferd meines Wachtmeisters gehen. – Als ich von meinem Vater Abschied nahm, sprach der Alte: ‹Vielleicht besuche ich dich, Kleiner, zu Weihnachten, wenn sie die Christbäume anzünden.› ‹Du wirst nicht imstande sein›, sagte ich. ‹Warum nicht?› fragte er. ‹Du traust dich in keinen Postwagen›, sagte ich. Da rief der Alte: ‹Oho! Die Postwagen haben eine gute Bauart, ich traue mich schon.› – Jetzt, Herr Anton, weiß ich, daß mein Vater uns niemals besucht.»

«Warum nicht?» fragte Anton.

«Es ist möglich, daß er bis Rosmin kommt. Zwar nicht im Wagen, aber daneben. Denn solange er weiß, daß er einen oder zwei Plätze belegt hat, wird er allenfalls neben der Post herlaufen. Sobald er aber diese Pferde und diesen Weg sieht, kehrt er auf der Stelle um. ‹Soll ich in eine Gegend, wo der Sand unter den Beinen wegläuft wie Wasser und wo die Mäuse im Geschirr gehen?› wird er sagen. ‹Dieses Land ist mir nicht fest genug.›»

«Die Pferde sind nicht das Schlechteste in dieser Gegend», erwiderte Anton zerstreut, «sieh zu, auch diese laufen.»

«Ja», antwortete Karl, «aber nicht als ordentliche Pferde, sie werfen ihre Beine durcheinander wie zwei Kater, die sich in der Petersilie balgen. Und was sie für Schuhe haben, deutliche Gänsefüße; für diese Hufe ist noch kein Eisen erfunden.»

«Wenn wir nur vorwärts kommen», entgegnete Anton, «der Wind geht kalt, und mich fröstelt durch den Pelz.»

«Der Herr Bevollmächtigte haben die letzten Nächte wenig geschlafen», sagte Karl salutierend. «Die Luft bläst hier wie über eine Tenne. Die Erde ist in dieser Gegend nicht rund wie anderswo, sondern platt wie ein Kuchen. Gerade hier haben sich die Leute eine Wüstenei angelegt, wir fahren schon über eine Stunde, und noch ist kein Dorf zu sehen.»

«Jawohl, eine Wüste», seufzte Anton. «Hoffen wir, daß es besser wird.»

So ging es in tiefem Schweigen weiter. Endlich hielt der Kutscher neben einer Wasserlache, spannte die Pferde los, ohne sich um die Reisenden zu kümmern, und führte sie an das Wasser.

«Was, Teufel, soll das heißen?» rief Karl, vom Wagen springend.

«Ich füttere», antwortete der Knecht mürrisch mit fremdem Akzent.

«Ich bin neugierig, wie er das anfangen wird», sprach Karl in den Wagen. «Es ist auch nicht der Schatten eines Futtersacks zu sehen.»

Die Pferde aber bewiesen, daß sie auch ohne Hafer zu leben wußten, sie streckten die zottigen Hälse zum Boden und fraßen das Gras und die Blätter des Strauchwerks am Wasserrand ab, zuweilen senkten sie den Kopf bis auf die Wasserfläche und prüften den trüben Trank. Der Knecht aber holte seinen Beutel unter seinem Sitz hervor, setzte sich in den Schutz eines Erlenstrauches und schnitt mit seinem Messer Brot und Käse zurecht, ohne einen Blick auf seine Passagiere zu werfen.

«Höre, Ignaz oder Jakob», rief Karl, ihn unsanft anstoßend, «wie lange soll das Frühstück dauern?»

«Eine Stunde», erwiderte der Knecht kauend.

«Und wie weit ist es noch von hier nach dem Gut?»

«Zwei Stunden, vielleicht auch mehr.»

«Du wirst nichts mit ihm ausrichten», sagte Anton, «wir müssen uns den Brauch der Landstraße gefallen lassen.» Er stieg vom Wagen und trat zu den Pferden.

Anton ist auf dem Wege zu der polnischen Herrschaft. Er ist jetzt Geschäftsführer des Freiherrn. Sorgenvolle Monate hat er verlebt. – Die Trennung von seinem Prinzipal und dem Hause war reich an bitteren Empfindungen. Anton stand die letzte Zeit allein, auch unter seinen Kollegen; nur der stille Baumann war auf seiner Seite, das übrige Kontor betrachtete ihn als einen Verlorenen. Mit eisiger Kälte hörte der Kaufmann seine Kündigung an, noch in der Stunde des Abschieds lag die Hand des Chefs wie hartes Metall in der seinen. – Seitdem hat Anton im Auftrag der Familie einige Reisen gemacht, nach der Residenz zu Gläubigern. Jetzt soll er mit Karl, den er für die Wirtschaft des Freiherrn geworben, auf dem neuen Gut eine bessere Ordnung einrichten. Ehrenthal hatte nach dem Termin der Versteigerung auf Grund seiner Vollmacht die Herrschaft übernommen, er hatte den polnischen Verwalter auch für den Freiherrn verpflichtet. Es war unordentlich zugegangen bei der Übernahme, und in Rosmin wußte man, daß der Verwalter des Gutes seitdem viele Verkäufe und Betrügereien vorgenommen hatte. So hat Anton keine Aussicht auf friedliche Tage.

«Jetzt ist die Stunde gekommen, wo ich meinen Auftrag ausrichten soll», rief Karl und fuhr mit den Händen in das Stroh des Wagens. Er holte eine große Kapsel von lackiertem Blech hervor und trug sie zu Anton hinunter. «Dies hat mir Fräulein Sabine für Sie mitgegeben.» Vergnügt öffnete er den Deckel und präsentierte die Bestandteile eines reichlichen Frühstücks, eine Flasche Wein und einen silbernen Becher. Anton griff nach der Kapsel. «Sie hat eine sehr schlaue Einrichtung», erklärte Karl, «Fräulein Sabine hat sie so bestellt.» Anton betrachtete das Gefäß von allen Seiten und stellte es sorgfältig auf ein weiches Grasbüschel, dann ergriff er den Becher und sah darauf seinen Namenszug graviert und darunter die Worte: ‹Dein Wohl!› Darüber vergaß er das Frühstück und seine Umgebung und starrte nachdenklich auf das kleine Gefäß.

«Vergessen Sie das Frühstück nicht, Herr Generalbevollmächtigter», erinnerte Karl.

«Setze dich zu mir, mein treuer Freund», sagte Anton, «iß und trink mit mir. Deine höflichen Possen gewöhne dir ab; wir werden wenig haben, was wir aber erwerben, das wollen wir brüderlich miteinander teilen. Nimm die Flasche, wenn du kein Glas hast.»

«Nichts über Leder», sagte Karl, ein kleines Trinkgefäß von braunem Leder aus der Tasche ziehend. «Und was Sie soeben zu mir gesagt haben, das war freundlich gemeint, und ich danke Ihnen dafür. Aber Subordination muß sein, schon wegen der andern Leute, und so wird der Herr Bevollmächtigte mir schon gütigst erlauben, daß ich Ihnen zuerst die Hand schüttele und im übrigen alles beim alten bleibt. Sehen Sie nur die Pferde, Herr Anton, meiner Treu, die Racker fressen auch Disteln.»

Wieder wurden die Pferde eingespannt, wieder warfen sie ihre kurzen Beine im Sande vorwärts, und wieder ging es fort in der kahlen Gegend. Zuerst durch eine leere Ebene, durch einen schlechten Kiefernwald, dann über eine Reihe von niedrigen Sandhügeln, die wie Dünen der öden Wasserflut über den pflanzenarmen Boden hervorragten, dann auf schadhafter Brücke über einen kleinen Bach. «Hier ist das Gut», sagte der Kutscher, sich umdrehend, und wies mit der Peitsche auf einen Haufen dunkler Strohdächer, welcher gerade vor ihnen sichtbar wurde. Anton erhob sich von seinem Sitz und suchte die Baumgruppe, in welcher das Herrenhaus liegen konnte. Er sah nichts davon. Um das Dorf war manches nicht zu finden, was auch die ärmlichsten Bauernhäuser seiner Heimat schmückte, kein Haufe von Obstbäumen hinter den Scheuern, kein umzäunter Garten, keine Linde auf dem Dorfplatz, einförmig und kahl standen die schmutzigen Hütten nebeneinander.

«Das ist traurig», seufzte er, sich niedersetzend, «viel ärger, als man uns in Rosmin gesagt.»

«Das Dorf sieht aus wie verwünscht», rief Karl. «Die Gespanne arbeiten nicht auf dem Felde, und weder Kühe noch Schafe sind auf dem Stoppelland zu sehen. Wahrscheinlich haben die Leute hier Stallfütterung.»

Der Knecht schlug auf die Pferde, und in unregelmäßigem Galopp fuhren sie zwischen zwei Reihen von Lehmhütten durch das Dorf und hielten vor der Schenke an. Karl sprang vom Wagen, öffnete die Schenkstube und rief den Wirt. Ein Jude erhob sich langsam von seinem Sitz am Ofen und kam an die Haustür. «Ist der Gendarm von Rosmin angekommen?» fragte Anton. Er war in das Dorf gegangen. – «Wo ist der Weg nach dem Hofe?»

Der Wirt, ein ältlicher Mann mit verständigem Gesicht, beschrieb den Weg deutsch und polnisch und blieb an der Tür stehen, wie Karl behauptete, ganz außer sich über den Anblick von zwei Menschen. Der Wagen bog in einen Nebenweg ein, der auf beiden Seiten mit dicken Baumstümpfen besetzt war, den Überresten einer gefällten Allee. Durch die Löcher des Weges, durch Schlammpfützen und über Steine rasselte der Wagen vor einen Haufen von Lehmhütten, an denen noch die Reste eines weißen Kalkmantels hingen. «Die Scheunen und Ställe sind leer», rief Karl, «denn in den Dächern sind Öffnungen, groß genug, um mit unserm Wagen hineinzufahren.»

Anton sprach nichts mehr, er war gefaßt auf alles. Durch eine Lücke zwischen den Ställen fuhren die Reisenden in den Wirtschaftshof, einen großen unregelmäßigen Platz, auf drei Seiten von schadhaften Gebäuden umgeben, die vierte offen gegen das Feld. Dort lag ein Haufen von Trümmern, Lehm und verfaulten Balken, die Überreste einer eingefallenen Scheuer. Der Hofraum war leer; von Ackergeräten und menschlicher Tätigkeit war nichts zu erblicken. «Wo ist die Wohnung des Inspektors?» fragte Anton betroffen. Der Kutscher sah sich suchend um, endlich entschied er sich für ein kleines Parterregebäude mit einem Strohdache und unsaubern Fenstern.

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