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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Die Baronin kam in das Zimmer zurück. «Unser Anwalt war heut morgen bei mir. Jetzt bitte ich Sie um Ihren Rat. Wie der Anwalt mir mitteilt, ist keine Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu erhalten.»

«In dieser Zeit, wo das Geld teuer und schwer zu haben ist, keine», erwiderte Anton.

«Und auch Sie sind der Meinung, daß wir alles anwenden müssen, um die polnische Herrschaft uns zu retten?»

«Ja», versetzte Anton.

«Dazu wird Geld nötig sein. Vielleicht vermag ich durch meine Verwandten Ihnen eine wenn auch geringe Summe zugänglich zu machen; sie soll mit diesem» – sie wies auf den Koffer – «ausreichen, die Kosten der ersten Einrichtung zu decken. Ich wünsche den Schmuck nicht hier zu verkaufen, und für die Übernahme der Geldsumme, welche ich erhoffen darf, wird eine Reise nach der Residenz unvermeidlich werden. Der Anwalt des Freiherrn hat mit großer Achtung von Ihrer Umsicht gesprochen. Es ist zugleich sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein Anerbieten zu machen. Wollen Sie uns für die nächsten Jahre, wenigstens so lange, bis die größten Schwierigkeiten überwunden sind, Ihre ganze Zeit widmen? Ich habe mit meinen Kindern beraten, beide sehen, wie ich, in Ihrer Tätigkeit die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit einverstanden. Es fragt sich, ob Ihre Verhältnisse Ihnen erlauben, uns Unglücklichen Ihren dauernden Beistand zu gönnen. Unter welchen Bedingungen Sie dies tun wollen, wir werden Ihnen dankbar sein. Wenn Sie irgendeine Form finden, in der wir die großen Verpflichtungen, die wir gegen Sie haben, auch in Ihrer äußern Stellung ausdrücken können, so sagen Sie mir das.»

Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von dem Geschäft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe Gedanke schon früher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er sich über die Briefe des Freiherrn beugte? – Jetzt, wo das Wort ausgesprochen wurde, erschütterte es ihn. Er sah auf Lenore, welche hinter der Mutter ihre Hände bittend zusammenlegte. «Ich stehe in einem Verhältnis», erwiderte er endlich, «welches ich nicht ohne Einwilligung anderer lösen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und bitte Sie, gnädige Frau mir Zeit zur Überlegung zu lassen. Es ist ein Schritt, der über meine Zukunft entscheidet.»

«Ich dränge nicht», sagte die Baronin, «ich bitte nur. Wie Ihre Entscheidung auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn Sie außerstande sind, unsere schwache Kraft zu stützen, so fürchte ich, finden wir niemanden. Denken Sie auch daran», bat sie flehend.

Mit glühenden Wangen eilte Anton über die Straße. Der bittende Blick der Edelfrau, die gerungenen Hände Lenorens winkten ihm hinaus aus dem dunkeln Kontor in größere Freiheit, in eine ungewöhnliche Zukunft, aus deren Dunkel einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufblitzten. Mit großem Sinn war eine Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mächtig, ihr gerecht zu werden. Ein unermüdlicher, aufopfernder Helfer war den Frauen nötig, um sie vor dem letzten Unheil zu bewahren. Und er tat ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfüllte seine Pflicht.

So trat er in das Haus der Handlung. Ach, was hier sein Auge ansah, streckte eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in dämmrige Warengewölbe, in die treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten der großen Waage und über den Farbentopf des ehrlichen Pix und empfand wieder, daß er hierher gehörte. Der Hund Sabinens stupfte seine Hand mit feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis an sein Zimmer. Sein und Finks Zimmer! Hier hatte das kindliche Herz des verwaisten Knaben einen Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimat, ein festes, ehrenhaftes Ziel für sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof, auf die Winkel und Vorsprünge des mächtigen Hauses, auf das Gitterfenster, hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch saß, in das Kontor, wo sein Pult stand, und auf die kleine Stube, wo der arbeitete, der ihm jetzt zürnte und der jahrelang sein väterlicher Freund gewesen war. Da fiel sein Blick auch auf das Fenster von Sabinens Vorratsstube; oft hatte sein Auge dort einen wandernden Lichtschimmer gesucht, der das ganze große Haus erhellte und auch Behagen in sein Zimmer sandte. Und schnell aufgerichtet sprach er zu sich selbst: «Sie soll entscheiden.»

Sabine erhob sich überrascht, als Anton mit schnellem Schritt vor sie trat. «Es treibt mich unwiderstehlich zu Ihnen», rief er. «Ich soll über meine Zukunft einen Entschluß fassen, und ich fühle mich unsicher und traue meinem Urteil nicht mehr. Sie sind mir immer eine gütige Freundin gewesen, vom ersten Tage meines Eintritts. Ich bin gewöhnt, auf Sie zu sehen und an Sie zu denken bei allem, was in diesem Hause mein Herz erregt. Lassen Sie mich auch heut aus Ihrem Munde hören, was Sie für gut halten. Mir ist von Frau von Rothsattel der Antrag gemacht worden, als Bevollmächtigter des Freiherrn in ein festes Verhältnis zu ihm zu treten. Soll ich annehmen oder soll ich hierbleiben? Ich weiß es nicht; sagen Sie mir, was recht ist für mich und für andere.»

«Nicht ich», sagte Sabine zurücktretend, und ihre Wange erblich. «Ich darf nicht wagen, darüber zu entscheiden. – Und Sie selbst wollen das nicht, Wohlfart, denn Sie haben bereits entschieden.»

Anton sah vor sich hin.

«Sie haben daran gedacht, dies Haus zu verlassen, und aus dem Gedanken ist ein Wunsch geworden. Und ich soll Ihnen recht geben und Ihren Entschluß loben. Das wollen Sie von mir», fuhr sie bitter fort. – «Das aber kann ich nicht, Wohlfart, denn ich traure, daß Sie von uns gehen.»

Sie wandte ihm den Rücken zu und stützte sich auf einen Stuhl.

«O zürnen Sie mir nicht, Fräulein Sabine», flehte Anton, «das kann ich nicht ertragen. Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten. Herr Schröter hat mir plötzlich sein Wohlwollen entzogen, das ich lange für den größten Schatz meines Lebens hielt. Ich habe seine Kälte nicht verschuldet. Nicht unrecht war, was ich in der letzten Zeit getan habe, und mit seinem Vorwissen habe ich es getan. Ich war wohl verwöhnt durch seine Güte, ich habe deshalb auch seinen Unwillen um so tiefer empfunden. Und wenn ich eine Beruhigung hatte, so war es der Gedanke, daß Sie mich nicht verurteilen. Seien Sie jetzt nicht kalt gegen mich, es würde mich elend machen für immer. Ich habe keine Seele auf Erden, die ich um Liebe bitten darf und um Verständnis für meine Zweifel. Hätte ich eine Schwester, heut würde ich ihr Herz suchen. Sie wissen nicht, was mir, dem Einsamen, Ihr Gruß, Ihr fröhlicher Handschlag bis heut gewesen ist. Wenden Sie sich nicht kalt von mir, Fräulein Sabine.»

Sabine schwieg lange, und von ihm abgewandt fragte sie endlich zurück: «Was zieht Sie zu den Fremden? – Ist's eine frohe Hoffnung – ist's das Mitgefühl allein? – Seien Sie strenger gegen sich selbst, als ich gegen Sie bin, wenn Sie sich darauf antworten.»

«Was mir jetzt möglich macht, von hier zu scheiden, weiß ich nicht. Wenn ich für die Bewegung in mir einen Namen suche, so ist es Dankbarkeit gegen eine. – Sie war die erste, die freundlich zu dem wandernden Knaben sprach, als er allein in die Welt zog. Ich habe sie bewundert in dem ruhigen Glanz ihres vergangenen Lebens. Ich habe oft kindlich von ihr geträumt. Es war eine Zeit, wo eine zärtliche Empfindung für sie mein ganzes Herz erfüllte, damals glaubte ich für immer an ihr Bild gefesselt zu sein. Aber die Jahre zogen ein neues Grün darüber, ich sah die Menschen und das Leben mit andern Augen an. Da fand ich sie wieder, angstvoll, unglücklich, verzweifelt, und die Rührung in mir wurde übermächtig. Wenn ich von ihr entfernt bin, weiß ich, daß sie mir eine Fremde ist, und wenn ich vor ihr stehe, fühle ich nichts als ihren hinreißenden Schmerz. Damals, als ich aus ihrem Kreise wie ein Übeltäter ausscheiden mußte, damals eilte sie mir nach, und vor den Augen der spöttischen Gesellschaft reichte sie mir die Hand und bekannte sich zu mir. Und jetzt kommt sie und fordert meine Hand zur Hilfe für ihren Vater. Darf ich sie ihr verweigern? Ist es ein Unrecht, daß ich so fühle? Ich weiß es nicht, und niemand kann es mir sagen, niemand als nur Sie.»

Sabinens Haupt hatte sich heruntergeneigt bis auf die Lehne des Sessels. Jetzt erhob sie sich schnell, und mit tränenvollen Augen, mit einer Stimme voll Liebe und Schmerz rief sie: «Folgen Sie der Stimme, die Sie ruft! Gehen Sie, Wohlfart, gehen Sie!»

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