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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die kühle, ja mißfällige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. «So herb, so unerbittlich!» rief er aus, als er sich ermüdet in seinem Zimmer niedersetzte. Aus einem Winkel seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf, daß sein Prinzipal doch mehr Egoismus und weniger Gemüt habe, als er ihm zugetraut. Manche Äußerung Finks fiel ihm wieder ein, jener Abend fiel ihm ein, wo der junge Rothsattel in knabenhaftem Übermut gegen den Kaufmann seinen Kamm gesträubt hatte. «Ist es möglich, daß diese Unart von ihm unvergessen ist?» fragte er sich zweifelnd. Und hinter den hellen Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines Kaufherrn. «Ich tue nicht unrecht», rief er sich selbst zu. «Was er sagen mag, ich habe recht auch gegen ihn. Und mein Los wird sein, von heute ab für mich allein den Weg zu suchen, auf dem ich gehen muß.» So saß er lange im Finstern, und düster wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat an das Fenster und blickte in den dunklen Hof hinunter. Da schimmerte in dem matten Schein, der aus den Wolken in sein Zimmer fiel, ein riesiger weißer Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft. Erstaunt faßte er danach. Er machte Licht und sah die prächtige Blüte der Kalla von Sabinens Blumentisch. Sabine hatte ihm die Blume heimlich hereingestellt, jetzt hing sie traurig an dem geknickten Stengel herab. Wie ein trauriges Vorzeichen erschien ihm der kleine Unfall. Er löste die Blüte, legte sie vor sich auf den Tisch und starrte schweigend auf das zusammengerollte Blütenblatt. -

Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. «Gute Nacht, Traugott», nickte sie ihm zu. «Wohlfart war den Abend bei dir, so spät hat er dich verlassen.»

«Er wird uns verlassen», erwiderte der Kaufmann finster. Sabine erschrak, der Leuchter klirrte auf den Tisch. «Um Gottes willen, was ist geschehen? Hat Wohlfart gesagt, daß er von uns will?»

«Noch weiß er es selbst nicht; ich sehe es aber kommen Schritt für Schritt. Und nicht ich und noch weniger du können etwas tun, um ihn zurückzuhalten. Als er hier vor mir stand und mit glühenden Wangen und bebender Stimme Hilfe für einen ruinierten Mann erbat, erkannte ich, was ihn forttreibt.»

«Ich verstehe dich nicht», sagte Sabine und sah ihren Bruder groß an.

«Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu werden. Ein paar Mädchenaugen ziehen ihn von uns ab, es erscheint ihm ein würdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschäftsführer der Rothsattel zu werden. Er heißt im Kontor Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem adeligen Gutsbesitzer ist die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat.»

«Und du hast ihm deine Hilfe verweigert?» fragte Sabine leise. «Die Toten sollen ihre Toten begraben», sagte der Kaufmann rauh und wandte sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine. Der Leuchter zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe schritt. Ängstlich horchte sie auf ihren eigenen Fußtritt, und ein Schauer überlief sie, ihr war, als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar an ihrer Seite hin. Das war die Rache des andern. Der Schatten, welcher aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses Leben fiel, er scheuchte jetzt auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer andern hing Antons sehnendes Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen Entfernten geliebt und verschmäht hatte und jetzt im Witwenschleier auf das verglühende Gefühl ihrer Jugend zurücksah.

Die nächsten Wochen vergingen Anton in einer aufreibenden Tätigkeit. Er war peinlich bemüht, in den Kontorstunden seine Pflicht zu tun. Die Abende, jede Freistunde brachte er an dem Aktentisch oder in Konferenzen mit dem Rechtsanwalt und mit der Baronin zu. Unterdes nahm das Unglück des Freiherrn seinen Verlauf. Er hatte die Zinsen der Kapitalien, welche auf seinem Familiengut lasteten, am letzten Termin nicht gezahlt, eine ganze Reihe von Hypotheken wurde ihm an einem Tage gekündigt, das Familiengut kam unter die Verwaltung der Landschaft. Verwickelte Prozesse erhoben sich. Ehrenthal klagte, forderte die erste Hypothek von zwanzigtausend Talern und forderte die neue Ausfertigung; er war aber auch geneigt, Ansprüche an die letzte Hypothek zu machen, welche ihm der Freiherr in der unheilvollen Stunde angeboten hatte. Löbel Pinkus verlangte ebenfalls die erste Hypothek für sich und behauptete, die volle Summe von zwanzigtausend Talern gezahlt zu haben. Ehrenthal hatte keine Beweise und führte seinen Prozeß unordentlich, er war jetzt wochenlang außerstande, sich um seine Geschäfte zu kümmern; Pinkus dagegen focht mit allen Ränken, die ein hartgesottener Sünder ausfindig machen konnte, und der Vertrag, welchen der Freiherr mit ihm abgeschlossen hatte, war ein so vortreffliches Meisterstück des schlauen Advokaten, daß der Anwalt des Freiherrn gleich am Anfange des Prozesses wenig Hoffnung gab. Nebenbei bemerkt, Pinkus gewann den Prozeß, und die Hypothek wurde ihm zugesprochen.

Anton hatte nach und nach Einsicht in die Verhältnisse des Freiherrn genommen. Nur den doppelten Verkauf der ersten Hypothek verbarg der Freiherr sorgfältig vor seiner Gemahlin. Er nannte die Ansprüche Ehrenthals unbegründet und äußerte den Verdacht, daß Ehrenthal selbst den Diebstahl in seinem Kontor begangen habe. Das letztere war in der Tat seine Meinung geworden. So wurde der Name Itzigs Anton gegenüber gar nicht genannt, und der Verdacht gegen Ehrenthal, den auch der Anwalt teilte, verhinderte Anton, bei diesem Aufklärung zu suchen.

Zwischen Anton und dem Kaufmann war eine Spannung eingetreten, welche das ganze Kontor mit Erstaunen wahrnahm. Finster sah der Kaufmann auf Antons leeren Sitz, wenn dieser einmal in den Arbeitsstunden abwesend war, und gleichgültig auf das Gesicht seines Kontoristen, welches in Gemütsbewegungen und Nachtarbeit erblich. Wie einst für die Unregelmäßigkeit Finks, so hatte er auch jetzt für Antons neue Tätigkeit kein Wort, er schien sie nicht zu bemerken. Selbst der Schwester gegenüber beobachtete er ein hartnäckiges Stillschweigen, Sabinens Versuche, das Gespräch auf Wohlfart zu bringen, wies er mit kurzem Ernst ab. Antons Herz empörte sich gegen diese Kälte. Nach seiner Rückkehr behandelt wie ein Kind vom Hause, gerühmt, gepflegt, gehätschelt, und jetzt wieder gemißhandelt wie ein Lohnarbeiter, der das Brot nicht verdient, welches man ihm hinwirft. Ein Spielzeug unbegreiflicher Launen! Das wenigstens hatte er nicht verdient! So saß er verschlossen neben der Familie, wortkarg vor seinem Pult, aber des Abends, in der Einsamkeit seines Zimmers, fuhr ihm oft der Gegensatz zwischen einst und jetzt so schneidend durch das Haupt, daß er heftig aufsprang und mit dem Fuß auf den Boden stampfte.

Nur ein Trost blieb ihm: Sabine zürnte ihm nicht. Er sah sie jetzt wenig. Auch sie war bei Tische schweigsam und vermied, Anton anzureden, aber er wußte doch, daß sie ihm recht gab. Wenige Tage nach jener Unterredung mit dem Kaufmann stand Anton allein an der großen Waage, während die Hausknechte vor der Tür um einen Frachtwagen beschäftigt waren. Da kam Sabine die Treppe herab, sie ging so nahe bei ihm vorüber, daß ihr Kleid ihn berührte. Anton trat zurück und machte eine förmliche Verbeugung. «Mir dürfen Sie nicht fremd werden, Wohlfart», sagte sie leise und sah ihn bittend an. Es war nur ein Augenblick, ein kurzer Gruß, aber in dem Gesicht beider glänzte eine frohe Rührung.

So kam die Zeit heran, in welcher Herr Jordan die Handlung verlassen sollte. Der Prinzipal rief Anton wieder in das kleine Kontor. Ohne Härte, aber auch ohne eine Spur der Herzlichkeit, die er ihm sonst gezeigt hatte, begann er: «Ich habe Ihnen meine Absicht ausgesprochen, Sie an Jordans Stelle zu setzen, um Ihnen die Prokura zu übergeben. Ihre Kraft war in den letzten Wochen durch andere Geschäfte mehr in Anspruch genommen, als für meinen Stellvertreter wünschenswert ist, deshalb frage ich Sie selbst, sind Sie imstande, von jetzt ab die Tätigkeit Jordans zu übernehmen?»

«Nein», sagte Anton.

«Können Sie mir eine – nicht zu entfernte – Zeit angeben, in welcher Sie frei von Ihren gegenwärtigen Arbeiten sein werden?» fragte der Kaufmann. «Ich würde in diesem Fall für die nächsten Wochen eine Behelfslösung suchen.»

Anton erwiderte traurig: «Noch kann ich nicht bestimmen, wann ich wieder Herr meiner ganzen Zeit sein werde; ich fühle, daß ich durch manche Unregelmäßigkeit Ihre Nachsicht ohnedies sehr in Anspruch nehme. Deshalb bitte ich Sie, Herr Schröter, bei Besetzung der Stelle auf mich keine Rücksicht zu nehmen.» Die Stirn des Kaufmanns zog sich in Falten, und stumm neigte er sein Haupt gegen Anton. Als Anton die Tür des Zimmers hinter sich schloß, fühlte er, daß dieser Augenblick den Bruch zwischen ihm und dem Prinzipal vollendet hatte. Er setzte sich auf seinen Platz und stützte den heißen Kopf mit der Hand. Gleich darauf wurde Baumann zum Prinzipal beschieden, er erhielt die Stelle Jordans. Als er in das vordere Kontor zurückkehrte, trat er zu Anton und sagte leise: «Ich habe mich geweigert, die Stelle zu übernehmen, aber Herr Schröter bestand darauf. Ich begehe ein Unrecht gegen Sie.» – Und am Abend las Herr Baumann in seiner Stube aus dem ersten Buch Samuelis die Kapitel vom grimmigen König Saul, seinem Prinzipal, und von der Freundschaft zwischen Jonathan und dem verfolgten David und stärkte dadurch sein Herz.

Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die Mutter saßen an einem großen Tisch unter Toiletten und Kästchen von jeder Form; ein Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Füßen der Edelfrau. Die Vorhänge waren geschlossen, das gedämpfte Sonnenlicht füllte den reichgeschmückten Raum mit mattem Glanz; auf dem Teppich des Fußbodens lagen nimmerwelkende Kränze, und lustig tickte die Uhr im Gehäuse von Alabaster. Unter blühender Myrte saßen zwei Sympathievögel in einem versilberten Käfig, sie schrien unaufhörlich einander zu, und wenn der eine zur nächsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn ängstlich, bis er zurückflog. Dann saßen beide behaglich dicht aneinandergedrückt. Von grünem und rotem Gold schimmerten die zärtlichen Kinder eines wärmeren Himmels, wo nie das weiche Leben im kalten Sturmwind erstarrt. So glänzte und duftete das Zimmer. – ‹Wie lange noch?› dachte Anton.

Die Baronin erhob sich: «Schon wieder bemühen wir Sie. Wir sind bei einer Arbeit, die uns Frauen viel zu tun macht.»

Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe, Halsbänder, in einem Haufen zusammengeschichtet. «Wir haben ausgesucht, was wir entbehren können», sagte die Baronin, «und bitten Sie, den Verkauf dieser Sachen zu übernehmen. Man hat mir gesagt, daß einzelnes davon nicht ohne Geldwert ist, und da jetzt vor allem Geld nötig wird, so suchen wir hier eine Hilfe, welche die Sorge unserer Freunde verringert.»

Anton sah betroffen auf den blitzenden Knäuel. «Sprechen Sie, Wohlfart», bat Lenore ängstlich, «ist das nötig und kann es etwas nützen? Mama hat darauf bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir nicht täglich gebrauchen, zum Verkauf zurückzulegen. Was ich selbst geben kann, ist nicht der Rede wert, aber der Schmuck der Mutter ist kostbar, es sind viele Geschenke aus ihrer Jugend dabei, Erinnerungen, von denen sie sich nicht trennen soll, wenn Sie nicht sagen, daß es nötig ist.»

«Ich fürchte, es wird nötig sein», erwiderte Anton ernst.

Lenore sprang auf. «Arme Mutter!» klagte sie und schlang ihre Arme um den Hals der Baronin.

«Nehmen Sie», sagte die Mutter leise zu Anton, «ich werde ruhiger sein, wenn ich weiß, daß wir das mögliche getan haben.»

«Ist es aber gut, alles hinzugeben?» fragte Anton bittend. «Vieles, was Ihnen vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Wert haben.»

«Ich werde keinen Schmuck mehr tragen», sprach die Baronin kalt, «nehmen Sie alles, alles.» Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte sich ab.

«Wir foltern die Mutter», rief Lenore heftig, «verschließen Sie, was auf dem Tische liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause, sobald als möglich.»

«Ich kann diese Kostbarkeiten nicht übernehmen», sagte Anton, «ohne einige Maßregeln, welche meine Verantwortung geringer machen. Vor allem will ich in Ihrer Gegenwart wenigstens flüchtig aufzeichnen, was Sie mir übergeben wollen.»

«Welch unnütze Grausamkeit!» rief Lenore.

«Es soll nicht lange aufhalten.» Anton riß einige Blätter aus seiner Brieftasche und schrieb Stück für Stück auf.

«Du darfst nicht zusehen, Mutter, ich leide es nicht», drängte Lenore; sie zog die Mutter aus dem Zimmer, dann setzte sie sich zu Anton und sah ihm zu, wie er die einzelnen Stücke einpackte, mit Nummern versah und zusammen in den Koffer legte.

«Die Vorbereitungen für den Markt sind schrecklich», klagte Lenore, «das ganze Leben der Mutter wird verkauft, an jedem Stück hängen für sie Erinnerungen. Sehen Sie, Wohlfart, diesen Diamantenschmuck hat sie von der Prinzessin bekommen, als sie den Vater heiratete.»

«Es sind prachtvolle Brillanten!» rief Anton bewundernd.

«Dieser Ring stammt von meinem Großvater, und das hier sind Geschenke meines armen Papas. – Ach, kein Mann versteht, wie lieb uns diese Schmucksachen sind. Es war jedesmal ein Festtag auch für mich, wenn Mama die Brillanten trug. – Jetzt kommen wir zu meinen Habseligkeiten, sie sind nicht viel wert. Ob dieses Armband gutes Gold sein mag?»

«Ich weiß es nicht.»

«Wir wollen es doch zu dem übrigen tun», sagte Lenore, streifte den Goldreif vom Arm und legte ihn auf den Tisch. «Ja, Sie sind ein guter Mensch, Wohlfart», fuhr sie fort und sah ihm treuherzig in die feuchten Augen, «verlassen nur Sie uns nicht. Der Bruder hat keine Erfahrung und ist hilfloser als wir. Es ist eine furchtbare Lage auch für mich. Vor Mama mühe ich mich gefaßt zu sein, aber ich möchte laut schreien und weinen den ganzen Tag.» Sie sank in einen Stuhl und hielt seine Hand fest. «Lieber Wohlfart, verlassen Sie uns nicht.»

Anton beugte sich über sie und sah in leidenschaftlicher Bewegung auf die schöne Gestalt, die so vertrauend aus ihren Tränen zu ihm aufsah. «Ich will Ihnen nützlich sein, wo ich kann», sprach er in mächtiger Aufwallung seines Gefühls, «ich will Ihnen nahe sein, sooft Sie meiner bedürfen. Sie haben eine zu gute Meinung von meinen Kenntnissen und meiner Kraft, ich kann Ihnen weniger helfen, als Sie glauben. Was ich aber vermag, das werde ich tun, in jeder Tätigkeit und auf allen Wegen.»

Mit einem warmen Druck lösten sich ihre Hände, ein Vertrag war geschlossen.

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