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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Die Stube des Herrn Jordan war die größte unter den kleinen Wohnungen des Hinterhauses, in welchem die Herren vom Kontor einzeln oder zu zweien hausten, und wurde deshalb und wegen der ansprechenden Gemütsart ihres Bewohners zuweilen als Salon benutzt; sie genoß die Auszeichnung, ein Fortepiano und einige Armstühle zu besitzen. An den Fenstern hingen zahlreiche Biskuitbilder, in denen edle Weiblichkeit durch mittelalterliche Kirchgängerinnen, Loreleis und Madonnen vertreten war. In diesem Zimmer saßen und standen die Herren und erwarteten die Ankunft des Neulings. Anton machte die Massenvorstellung mit Erfolg durch, indem er jedem einzelnen die Hand schüttelte und hintendrein alle zusammen um ihr Wohlwollen und freundliche Hilfe bat, weil er im Geschäft ganz unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter Menschen gewesen sei. Diese Offenheit verfehlte nicht, einen guten Eindruck hervorzubringen. Darauf ging eine friedfertige Unterhaltung an, gewürzt mit kleinen Scherzen und Anspielungen, welche für einen Neuling so unverständlich als möglich waren. Anton verhielt sich schweigend und mühte sich, das Wesen der einzelnen Herren zu erkennen. Da war der Buchhalter, Herr Liebold, ein ältlicher kleiner Mann mit einer feinen Stimme und einem bescheidenen Lächeln, durch welches er die Welt um Vergebung bat, daß er sich die Freiheit nehme, vorhanden zu sein. Er sprach wenig, hatte aber die Eigenschaft, im Nachsatz das zurückzunehmen, was er im Vorsatz behauptete; z. B.: «Ich glaube fast, daß dieser Tee zu schwach ist, aber freilich ist starker Tee sehr ungesund.» Ferner war da Herr Pix, der tyrannische Führer des schwarzen Pinsels in dem Hausflur, ein entschlossener Mann, welcher geneigt schien, alle menschlichen Verhältnisse wie Detailgeschäfte zu betrachten, vielleicht respektabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im Zimmer fehlte, rückte er verächtlich einen kleinen Tisch in die Nähe des Tees, schwang sich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf sitzen. Ferner war da ein Herr Specht, welcher viel sprach und stark in Behauptungen war, die von jedermann bestritten wurden. Er behauptete, China werde durch eine Konstitution regiert, die von der englischen nur wenig verschieden sei, und verfocht mit Leidenschaft die Ansicht, daß Schneckensuppe das Lieblingsgericht des seligen Kaisers Napoleon gewesen sei. Ferner war da ein schmächtiger Herr Baumann mit kurzgeschorenem Haar und sinnigem Wesen, welcher jeden Sonntag in die Kirche ging, allen Missionsvereinen Beiträge zahlte und, wie seine Kollegen ihm auf den Kopf zusagten, die Absicht hatte, später einmal Missionar zu werden. Er schob das noch auf aus einer gewissen kindlichen Gewöhnung an Deutschland und die Firma, zu deren Nutzen er gegenwärtig arbeitete. Anton bemerkte mit Freuden, daß im ganzen ein artiger und rücksichtsvoller Ton unter den Herren herrschte. Da er ermüdet war, empfahl er sich in kurzem, und weil er niemandem widersprochen hatte und gegen alle zuvorkommend gewesen war, so wurde nach seinem Abgange erklärt, er verspreche ein guter Kollege zu werden.

Unterdes schritt Veitel Itzig mit der Gleichgültigkeit eines Herumtreibers und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der Menschen und Straßen. Das rötliche Licht der Abendsonne war von den Steinen der Straße an den Häusern hinaufgestiegen, von einem Fenstersims zu dem andern bis hoch auf die Dächer, und das Dunkel des Abends erfüllte die engen Gassen des alten Stadtteils, welcher am Flusse liegt. In einer solchen Gasse stand ein großes Haus mit breiter Front. Die untern Fenster waren durch Eisenstäbe vergittert, im ersten Stockwerk glänzten die weißen Rahmen, welche große Spiegelscheiben einfaßten, unter dem Dach waren die Fenster blind, schmutzig, hier und da eine Scheibe zerschlagen. Es war kein guter Charakter in dem Hause, wie eine alte Zigeunerin sah es aus, die über ihr bettelhaftes Kostüm ein neues buntes Tuch geworfen hat.

In dieses Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputzten Dienstmädchen an der Tür schnalzend einen Kuß zuwarf, den diese wie eine heranfliegende Wespe pantomimisch mit der Hand fortscheuchte. Die unsaubere Treppe führte zu einer weißlackierten Entreetür, auf welcher in großem Messingschild der Name: ‹Hirsch Ehrenthal› zu lesen war. Veitel faßte den dicken Porzellangriff der Klingel und schellte, ein ältliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube öffnete einen schmalen Spalt und fragte, die Nase hinaussteckend, nach seinem Begehr, dann riß sie die Stubentür auf und rief in das Zimmer: «Es ist einer da, Itzig Veitel heißt er, aus Ostrau, er will den Herrn Hirsch Ehrenthal sprechen.» Aus der Stube scholl die Stimme des Hausherrn: «Warten soll er!», und das Geklirr von Tellern verriet, daß der Geschäftsmann erst das Familienglück des Abendessens genießen wollte, bevor er dem künftigen Millionär Audienz gab. Die aufwartende Person warf mit mißtrauischen Blicken auf den Ankömmling die Tür wieder zu und sperrte ihn aus.

Veitel setzte sich auf die Treppe und sah mit starren Augen auf das Messingschild und die weiße Tür, bewunderte die abgeschrägten Ecken der Messingplatte und versuchte sich vorzustellen, wie der Name Itzig auf einer ebensolchen Platte an einer ähnlichen weißen Tür aussehen würde. Darauf kam er auf geradem Wege zu der Betrachtung, wieviel ihm noch fehle, um so reich zu sein wie Hirsch Ehrenthal; er fühlte nach einem halben Dukaten, welchen ihm seine alte Mutter mit einem Lederfleck in das Futter seiner Weste eingenäht hatte, und überlegte, wieviel er alle Tage dazu sparen könnte, vorausgesetzt, daß ihm der reiche Mann Gelegenheit ließe, etwas zu verdienen. Er war tief in Betrachtungen versunken über den Wert von zwei Phantasiestiefeln, welche er sich auf den Beinen eines jungen Elegants vorstellte und welche nach seiner Annahme den dreifachen Wert des Viergroschenstücks haben mußten, das er dem eleganten Herrn dafür bieten wollte; da wurde die Entreetür mit starker Hand aufgemacht, und Herr Ehrenthal stand vor dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von heut nachmittag, die anschmiegende Freundlichkeit war verschwunden wie der Duft einer Rose am Ende des heißen Tages, er war ganz Majestät, Selbstgefühl, Despotismus; kein asiatischer Kaiser kann so stolz auf die Kreatur vor seinen Füßen heruntersehen, als er auf das Kind von Ostrau zu blicken verstand. Itzig fühlte das Bedeutende in der Stellung des großen Mannes und seine eigene Nichtigkeit trotz der sechs Dukaten im Ledersäckchen, er schnellte in die Höhe und stand demütig vor seinem Meister. «Hier ist ein Brief von Baruch Goldmann, bei welchem der Herr Ehrenthal mich hat verschrieben für sein Geschäft», begann Veitel und hielt dem großen Mann einen Brief entgegen.

«Ich habe dem Goldmann geschrieben, er soll mir einen Menschen schicken, den ich mir ansehe, ob ich ihn brauchen kann; gemacht ist noch nichts», sprach Ehrenthal vornehm und öffnete das Schreiben.

«Ich bin doch gekommen, damit Sie mich ansehen», entgegnete Veitel.

«Und was kommst du so spät, junger Itzig? Es ist keine Zeit mehr zur Rede vom Geschäft», schnarrte ihn der Hausherr an.

«Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirsch Ehrenthal zum Dienst noch heut abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag für morgen früh.»

«Davon ist zu reden morgen früh», antwortete gereizt der Herr, welcher es für vorteilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an seiner Person gelegen sei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmäßige dieses Benehmens, und da er sah, daß seine Stellung bei dem abzuschließenden Geschäftsvertrag bis jetzt keine günstige war, suchte er sie dadurch zu verbessern, daß er tiefer auf die Sache einging und entgegenwarf: «Ich kann vielleicht leisten einen Dienst morgen früh, wo Markttag ist, weil ich kenne die meisten Kutscher von den Herren, welche hereinkommen mit Raps.»

«Was Raps! Was tue ich mit Raps? Was will er reden vom Geschäft?» schleuderte ihm Hirsch Ehrenthal noch grimmiger entgegen.

Aber unerschüttert fuhr Veitel fort, sich herauszustreichen wie ein seidenes Halstuch: «Ich bin auch sonst bekannt in der Stadt, ich kenne die Makler und die kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem Geschäft, das er machen will im Haus und außer dem Haus.» Und um seinen Selbstverkauf dem Abschluß näherzubringen, fügte er mit resignierter Miene hinzu: «Ich bin nicht so stolz, daß ich will wohnen in dem Hause bei Herrn Hirsch Ehrenthal; wenn der Herr Ehrenthal für mich nicht hat ein Bett in seinem Hause, so will ich mir suchen mein Lager in der Nähe bei einem Wirt.»

Herr Ehrenthal wurde durch die Anspruchslosigkeit so weit gerührt, daß er den Burschen noch einmal von oben bis unten ansah und mit mehr Herablassung fragte: «Sind deine Papiere in Ordnung, daß du mich in keine Unannehmlichkeiten bringst mit der Polizei?»

Veitel beruhigte ihn über diesen wichtigen Punkt; eine uralte große Brieftasche flog plötzlich auf geheimnisvolle Weise aus den Falten seiner schlottrigen Jacke; aus ihr suchte er seine Legitimation heraus.

Herr Ehrenthal faßte das Papier mit einem geschickt angenommenen Widerwillen gegen dessen gelbliche Farbe und sah es genau durch, Unterschrift, Siegel und alles, indem er es sogar gegen das Licht hielt. Veitel wartete gespannt, ob er das Dokument behalten würde; wenn er es in der Hand behielt, so war das Geschäft zum Abschluß reif.

Als Herr Ehrenthal das Dokument nachlässig in der Hand wiegte, versuchte Itzig, mit unterwürfiger Vertraulichkeit zu lächeln. «Wenn ich dich in meinen Dienst nehme», sprach der Hausherr, «so wirst du machen alles in meinem Hause, was ich dir werde auftragen oder Madame Ehrenthal oder mein Sohn Bernhard Ehrenthal; du wirst putzen die Stiefel am Morgen und die Schuhe meiner Frau, du wirst holen in die Küche, was dir die Köchin sagen wird, in meinem Geschäft wirst du machen alle Gänge, die ich habe zu machen, und wirst ausrichten alle Bestellungen.»

«Ich will, Herr Ehrenthal», sagte Veitel demütig, «ich will alles tun, daß Sie seien zufrieden mit mir.»

«Frühstück und Mittagessen wird dir geben die Köchin, am Abend von sieben Uhr kannst du sein dein eigener Herr.» – Veitel nahm mit derselben Bereitwilligkeit auch diese Bedingung an und bemerkte nur: «Kann ich nicht haben am Morgen ein bis zwei Stunden für mich?»

«Nein», sprach Ehrenthal ungnädig, «ich kann es nicht leiden, wenn einer in meinen Diensten ist und macht Geschäfte für eigene Rechnung.»

Da Veitel beschlossen hatte, unter allen Umständen Geschäfte für eigene Rechnung zu machen, und Herr Ehrenthal das ebensogut wußte wie Veitel, so wurde auf diesen zarten Punkt nicht weiter eingegangen.

«Dafür sollst du erhalten alle Monat zwei Taler, und wenn ich mit deiner Hilfe ein Geschäft mache, erhältst du deinen Anteil davon.»

«Wie groß soll sein dieser Anteil?» rief Veitel schnell.

«Wie groß er soll sein?» fragte Herr Ehrenthal unwillig. «Was ich dir werde geben, wird sein groß genug.»

«Groß genug für den Herrn, aber nicht für mich», antwortete Veitel dreist, denn er fühlte, daß bei diesem Hauptpunkt Entschlossenheit nötig sei.

«Das wird sich finden, wenn du wirst abgedient haben deine Probezeit. Vier Wochen dienst du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden über deinen Verdienst.»

Das war alles, was Veitel billigerweise verlangen konnte, er hob sein Bündel von den Treppenstufen auf und sagte unterwürfig: «Ich bin's zufrieden, wenn der Herr Ehrenthal mir noch will schenken eine alte Hose und Rock, daß ich ihm keine Schande mache vor den Leuten.»

«Keinen Rock und keine Hose», antwortete der Herr entschieden.

«Dann geben Sie mir Hose und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit zu Ende ist.» Diese Forderung war nach dem Kurs der Trödlerbörse gleich einem Geschenk von drei bis vier Talern, und Ehrenthal fand die Forderung mit Recht hoch; er warf noch einen prüfenden Blick auf den Burschen, auf die Demut seiner Stellung und die ungewöhnliche Frechheit seiner Augen, er schloß, daß der Mensch brauchbar sein werde, und fühlte sich bewogen, Großmut zu zeigen. «So mag es sein», schloß er, «in vier Wochen. Dein Nachtquartier kannst du nehmen bei Löbel Pinkus an der Ecke, damit ich weiß, wo du bist zu finden.» Darauf öffnete Herr Ehrenthal die Entreetür und rief hinein: «Frau, Bernhard, Rosalie, kommt heraus.» Zwei Stubentüren und die Küchentür öffneten sich, und die Familie des Hausherrn wurde sichtbar, dahinter die zerknitterte Köchin.

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