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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief; Eugen war nicht imstande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die Briefe und Dokumente zu, welche sie für nützlich hielt, und sooft sie auch ihre Tätigkeit unterbrechen mußte, sie hielt aus. Anton ordnete das Vorhandene und suchte bei flüchtiger Durchsicht einzelner Schreiben wenigstens zu einem oberflächlichen Verständnis zu kommen.

Es war Abend geworden, da öffnete der alte Diener erschrocken die Tür und rief in das Zimmer: «Er ist wieder da.» Die Baronin stieß einen leichten Schrei aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.

«Ich habe ihm gesagt, daß niemand zu Hause ist, aber er läßt sich nicht fortschicken, er lärmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig werden.»

«Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder höre», murmelte die Baronin.

«Wenn der Mann Ehrenthal ist», sagte Anton aufstehend, «so will ich versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Nötigste ist hier geschehen; haben Sie die Güte, die Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, daß ich morgen wiederkomme.» Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in den Stuhl zurück. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer, wo er schon von weitem die lärmende Stimme Ehrenthals vernahm.

Er erschrak über das Aussehen des Händlers. Den Hut weit nach dem Nacken zurückgesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die gläsernen Augen gerötet, stand Ehrenthal vor ihm und rief in abgebrochenen Sätzen nach dem Freiherrn, klagte und fluchte. «Er soll kommen», schrie er, «auf der Stelle soll er kommen, der schlechte Mann. Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen den ich werde holen die Polizei. Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypothek? Ich will wieder haben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher ist nicht zu Hause.»

Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: «Kennen Sie mich, Herr Ehrenthal?» Ehrenthal richtete seine verglasten Augen auf ihn, allmählich erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.

«Er hat Sie liebgehabt», rief er kläglich, «er hat mit Ihnen gesprochen mehr als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er gehabt hat auf Erden. – Haben Sie gehört, was geschehen ist im Hause Ehrenthal?» fuhr er flüsternd fort. – «Als sie gestohlen haben die Papiere, ist er gestorben. Er ist gestorben mit einer solchen Hand.» Er ballte die Faust und schlug sich vor die Stirn. «O mein Sohn, mein Sohn, was hast du nicht verziehen deinem Vater!»

«Wir gehen zu Ihrem Sohn» sprach Anton und ergriff den Arm des Händlers. Ehrenthal leistete keinen Widerstand und ließ sich von ihm die Treppe hinunter nach seinem Hause führen.

Von da eilte Anton zur Wohnung des Justizrats Horn und hatte mit diesem eine lange Unterredung.

Leidenschaftlich bewegt kam er am späten Abend nach Hause. In der Sorge um die Menschen, deren sicheres Glück ihm seit Jahren die Phantasie erfüllt hatte, erbebte sein Herz, das Vertrauen, mit dem sie ihn in ihr Unglück eingeweiht hatten, erfüllte ihn mit Stolz. Er brannte vor Begierde, ihnen zu helfen; er hoffte, daß es dem treuen Diensteifer gelingen werde, die Wege zur Rettung zu finden. Noch sah er sie nicht. Als er im Mondenschein das große Haus der Handlung vor sich erblickte, die Fenster des untern Stocks vergittert, Gewölbe und Keller mit eisernen Türen verschlossen, so sicher und fest im Schlummer der Nacht, da wurde ihm klar: wenn ein Mann helfen konnte, so war es sein Prinzipal. Sein Scharfblick wußte in alle dunklen Geheimnisse, denen der Freiherr verfallen war, einzudringen, seiner eisernen Kraft mußten die Schurken erliegen, welche den Gutsbesitzer festhielten. Ja, und er hatte ein großes Herz, er fand das Rechte mühelos, ohne Kampf. Anton sah zu dem ersten Stock auf. Die ganze Hausfront war finster, nur in der Eckstube brannte noch ein Licht. Dort war das Arbeitszimmer des Kaufmanns.

Mit schnellem Entschluß suchte Anton den Bedienten auf und ließ sich zu Herrn Schröter führen. Verwundert sah dieser auf den eintretenden Anton. «Was bringen Sie, Wohlfart? Ist etwas vorgefallen?»

«Ich bitte um Ihren Rat, ich bitte um Ihre Hilfe», rief Anton.

«Für sich oder für andere?»

«Für eine Familie, mit welcher ich durch Zufall in Verbindung gekommen bin. Sie geht unter, wenn nicht eine starke Freundeshand das Unheil abwehrt.» Darauf berichtete Anton in fliegender Eile, was er an diesem Nachmittag erlebt hatte, faßte in seiner Bewegung die Hand des Kaufmanns und rief: «Was ich gesehen habe, war schrecklich für mich. Haben Sie Erbarmen mit den unglücklichen Frauen und helfen Sie.»

«Helfen?» fragte der Kaufmann ernst. «Wie kann ich das? Haben Sie einen Auftrag, mich dazu in Anspruch zu nehmen, oder ist es nur Ihre warme Empfindung, welche diese Forderung an mich richtet?»

«Ich habe keinen Auftrag», sagte Anton, «nur der Anteil, den ich an dem Schicksal des Freiherrn nehme, treibt mich zu Ihnen.»

«Und welches Recht haben Sie, mir diese Mitteilung zu machen, die Ihnen selbst doch nur im engen Vertrauen von der Frau des Gutsbesitzers gemacht sein kann?» fragte der Kaufmann zurückhaltend.

«Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich Ihnen sage, was in wenigen Tagen auch für Fremde kein Geheimnis sein wird.»

«Sie sind jetzt in einer ungewöhnlichen Aufregung, sonst würden Sie nicht vergessen, daß unter allen Umständen der Kaufmann, der erste Korrespondent meines Kontors, solche Mitteilung nur mit besonderer Erlaubnis der Beteiligten wagt. Es versteht sich von selbst, daß ich keinen Mißbrauch von dem machen werde, was Sie mir gesagt haben, aber es war doch wenig geschäftsmäßig, Wohlfart, daß Sie so offen gegen mich waren.»

Anton schwieg betroffen. Er erkannte, daß sein Prinzipal recht hatte, aber es schien ihm hart, daß dieser in solcher Stunde den Vertrauenden tadelte. Auch der Kaufmann ging schweigend im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor Anton stehen. «Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie dazu kommen, so warmen Anteil an dem Schicksal dieser Familie zu nehmen; ich fürchte, es ist eine Bekanntschaft, die Sie Fink verdanken.»

«Sie sollen alles erfahren», warf Anton ein.

«Noch nicht», erwiderte der Prinzipal abwehrend. «jetzt will ich Ihnen nur wiederholen, daß für mich keine Möglichkeit vorhanden ist, ohne direkte Aufforderung der Beteiligten in fremde Angelegenheiten einzugreifen. Ich füge hinzu, daß ich diese Aufforderung nicht wünsche. Ich verberge Ihnen nicht, daß ich wahrscheinlich auch dann ablehnen würde, etwas für den Freiherrn von Rothsattel zu tun.»

Antons Gefühl wallte auf. «Es gilt, einen ehrlichen Mann, liebenswürdige Frauen aus den Händen von Gaunern zu retten, welche sie umgarnt haben. Dies scheint mir Pflicht eines jeden Mannes, und vollends, ich halte es für eine teure Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen darf. Ohne Ihre Unterstützung aber vermag ich nichts.»

«Wie also denken Sie, daß dem verschuldeten Gutsbesitzer geholfen werden kann?» fragte der Kaufmann, sich niedersetzend.

Mit etwas mehr Ruhe erwiderte Anton: «Zunächst nur dadurch, daß ein erfahrener Geschäftsmann wie Sie die Verwickelungen zu durchschauen sucht. Es muß einen Punkt geben, wo die Schurken zu fassen sind. Ihr Rat, Ihre Einsicht würden ihn finden.»

«Beides besitzt jeder Rechtsanwalt in höherem Grade als ich», entgegnete der Kaufmann. «Ohne Schwierigkeit wird der Baron gescheite und ehrliche Juristen gewinnen. Wenn die Gegner des Freiherrn dem Gesetz irgendeine Blöße gegeben haben, so wird das Spürauge eines Sachwalters diese am ersten entdecken.»

«Leider gibt der Anwalt des Freiherrn wenig Hoffnung», erwiderte Anton.

«Dann, lieber Wohlfart, wird auch für andere schwerlich etwas zu machen sein. Zeigen Sie mir einen Mann, der in Verlegenheit ist und Kraft hat, sich an einer dargebotenen Hand aufzuhelfen, sagen Sie mir: Hilf ihm!, so werde ich, weil ich Ihr Freund und Ihnen zu großem Dank verpflichtet bin, meine Hand dem Gefährdeten nicht verweigern. Ich denke, Sie sind davon überzeugt.»

«Ich bin es», versetzte Anton kleinlaut.

«So aber steht es nach allem, was ich höre, mit dem Freiherrn nicht. Soweit ich aus Ihren Worten und dem, was man in der Stadt über ihn erzählt, seine Verhältnisse verstehe, konnte er nur deshalb in die Hände der Wucherer fallen, weil ihm das fehlte, was dem Leben jedes Menschen erst Wert gibt, ein besonnenes Urteil und eine stetige Arbeitskraft.»

Anton mußte dies mit einem Seufzer zugeben.

«Einem solchen Manne zu helfen», fuhr der Kaufmann unerbittlich fort, «ist eine mißliche Aufgabe, bei welcher der Verstand wohl das Recht hat zu widersprechen. Man soll bei keinem Menschen die Hoffnung aufgeben, daß er sich ändern kann, aber gerade der Mangel an Kraft wird am allerschwersten gebessert. Unsere Fähigkeit, für andere zu arbeiten, ist beschränkt, und bevor man einem Schwächling seine Zeit opfert, soll man fragen, ob man sich dadurch nicht selbst der Fähigkeit beraubt, einem bessern Mann zu helfen.»

Anton fragte unruhig: «Verdient er nicht einige Rücksicht? Er ist in Ansprüchen an das Leben erzogen, er hat nicht wie wir gelernt, durch eigene Anstrengung sich heraufzuarbeiten.»

Der Kaufmann legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. «Gerade darum. Glauben Sie mir, einem großen Teil dieser Herren, welche an ihren alten Familienerinnerungen leiden, ist nicht zu helfen. Ich bin der letzte, zu verkennen, wie groß die Anzahl tüchtiger Männer auch in dieser Menschenklasse ist. Und wo ein bedeutendes Talent oder eine edle Persönlichkeit unter ihnen aufschießt, mag sie sich gerade in ihrer geschützten Stellung vortrefflich entfalten; aber für den großen Mittelschlag der Menschen ist diese Lage nicht günstig. Wer von Haus aus den Anspruch an das Leben macht, zu genießen und seiner Vorfahren wegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr häufig nicht die volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen. Sehr viele unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen, und es wird kein Unglück für den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre Familienerinnerungen machen sie hochmütig ohne Berechtigung, beschränken ihren Gesichtskreis, verwirren ihr Urteil.»

«Und wenn das alles wahr ist», rief Anton, «so darf es uns doch nicht abhalten, dem einzelnen als unserm Mitbruder zu helfen, wo unser Mitgefühl angeregt wird.»

«Ja», sagte der Prinzipal, «wo es entflammt wird. Aber es glüht im Alter nicht mehr so schnell auf als in der Jugend. – Der Freiherr soll dahin gearbeitet haben, sein Eigentum aus der großen Flut der Kapitalien und Menschenkraft dadurch zu isolieren, daß er es auf ewige Zeit seiner Familie verschrieb. Auf ewige Zeit! Sie als Kaufmann wissen, was von solchem Streben zu halten ist. Wohl muß jeder vernünftige Mann wünschen, daß der adelige Schacher mit Grundbesitz in unserm Lande aufhört, jedermann wird es für vorteilhaft halten wenn die Kultur desselben Bodens vom Vater auf den Sohn übergeht, weil so die Kräfte des Ackers am ersten liebevoll und planmäßig gesteigert werden. Wir schätzen ein Möbel, das unsere Vorfahren benutzt haben, und Sabine wird Ihnen mit Stolz jeden Raum dieses Hauses aufschließen, zu dem schon ihre Urgroßmutter die Schlüssel getragen hat. So ist es auch natürlich, wenn im Gemüt des Landwirts der Wunsch entsteht, das Stück Natur, welches ihn umgibt, die Quelle seiner Kraft und seines Wohlstandes, den Menschen zu erhalten, welche ihm die liebsten sind. Aber dafür gibt es nur ein Mittel, und dies Mittel heißt, sein Leben tüchtig machen zur Behauptung und zur Vermehrung des Erbes. Wo die Kraft aufhört in der Familie oder im einzelnen, da soll auch das Vermögen aufhören, das Geld soll frei dahinrollen in andere Hände, und die Pflugschar soll übergehen in eine andere Hand, welche sie besser zu führen weiß. Und die Familie, welche im Genusse erschlafft, soll wieder heruntersinken auf den Grund des Volkslebens, um frisch aufsteigender Kraft Raum zu machen. Jeden, der auf Kosten der freien Bewegung anderer für sich und seine Nachkommen ein ewiges Privilegium sucht, betrachte ich als einen Gegner der gesunden Entwicklung des Staates. Und wenn ein solcher Mann in diesem Bestreben sich zugrunde richtet, so werde ich ihm ohne Schadenfreude zusehen, aber ich werde sagen, daß ihm sein Recht geschehen, weil er gegen einen großen Grundsatz unseres Lebens gesündigt hat. Und für ein doppeltes Unrecht werde ich eine Unterstützung dieses Mannes halten, solange ich befürchten muß, daß meine Hilfe dazu verwandt wird, eine ungesunde Familienpolitik zu unterstützen.»

Anton sah traurig vor sich nieder; er hatte Teilnahme, ein warmes Eingehen in seine Wünsche erwartet und fand bei dem Mann, der ihm so viel galt, eine Kälte, die er zu überwinden verzweifelte. «Ich kann Ihnen nicht widersprechen», sagte er endlich, «aber ich kann in diesem Falle nicht so denken wie Sie. Ich habe den ungeheuern Schmerz in der Familie des Freiherrn mit angesehen, und meine Seele ist voll von Wehmut und Mitgefühl und von dem Wunsch, irgend etwas für die Menschen zu tun, welche mir ihr Herz geöffnet haben. Nach dem, was Sie mir gesagt haben, wage ich nicht mehr, Sie selbst zu bitten, daß Sie sich um diese Angelegenheit kümmern. Aber ich habe der Baronin versprochen, ihr, soweit ich mit meiner geringen Kraft vermag und soweit Ihre Güte mir dies erlaubt, beim Ordnen ihrer Verhältnisse behilflich zu sein. Ich ersuche Sie um die Erlaubnis dazu. Ich werde mich bemühen, meine Kontorstunden regelmäßig einzuhalten, aber wenn ich in den nächsten Wochen zuweilen eine Stunde versäume, so bitte ich Sie, mir dies nachzusehen.»

Wieder ging der Kaufmann schweigend im Zimmer auf und ab, endlich blieb er vor Anton stehen, sah ihm mit tiefem Ernst in das aufgeregte Gesicht, und es war etwas wie Trauer in seinen Zügen, als er mit Überwindung erwiderte: «Denken Sie auch daran, Wohlfart, daß jede Tätigkeit, bei welcher das Gemüt aufgeregt wird, leicht eine Macht über den Menschen gewinnt, die sein Leben ebensowohl stören als fördern kann. Dieser Grund ist es, welcher mir die Gewährung Ihres Wunsches nicht leicht macht.»

«Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefühlt», sagte Anton leise. «Jetzt kann ich nicht anders.»

«Wohl, so tun Sie, was Sie müssen», schloß der Kaufmann finster, «ich werde Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wünsche, daß Sie nach einigen Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mögen!» Anton verließ mit mehr Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit gefurchter Stirn auf die Stelle, an welcher sein Kommis gestanden hatte.

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