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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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8

Im Hause des Kaufmanns floß das Leben der Hausgenossen wieder in ebener Strömung dahin. Die kleinen Wirbel, welche der heimkehrende Anton aufgeregt hatte, waren allmählich zerronnen. Die unerhörten Prachtstücke aus dem Nußbaumschrank hatten andern Nummern das Feld geräumt, welche zwar ebenfalls ausgezeichnet, aber für die Tante noch begreiflich waren. Auch darin hatte die Tante recht prophezeit, daß Anton von diesem heimlichen Sieg des ruhigen Verstandes über leidenschaftliche Dankbarkeit gar nichts bemerkte. Nur eine Veränderung war geblieben, die größte, glorreichste: der Bewohner des Hinterhauses behielt einen bevorzugten Platz in dem Herzen der jungen Herrin, und seine stattliche Gestalt erschien jetzt oft unter den Bildern, welche Sabine am Arbeitskorb und in der Schatzkammer um sich versammelte.

Heut schritt Sabine vor dem Mittagstisch unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die Tante, welche alles erfuhr, hatte ihr soeben erzählt, daß ein Mädchen aus Ehrenthals Hause in das Kontor gelaufen war, um Bernhards Tod dem Freunde zu melden. ‹Wie wird er die Nachricht ertragen?› dachte Sabine. Und bei dem Namen Ehrenthal mußte sie an die Vergangenheit denken, an einen andern, der jetzt in weiter Ferne lebte, und an die Stunde, wo das Schwanken ihrer Seele durch einen Brief aus dem Hause des Toten zu schnellem Ende gebracht worden war. Und Anton wußte um dies bekämpfte Gefühl, o wie oft hatte sie dies Wissen aus seinem besorgten Blick, aus seiner schonenden Rede erkannt! Wie rücksichtsvoll war seine Haltung ihr gegenüber gewesen, wie ritterlich die stille Hilfe, die er ihr in der Unterhaltung gebracht. Ob er auch eine Ahnung hatte von dem tapfern Sieg, den sie nach und nach über eine Jugendtorheit erkämpft hatte? Sie schüttelte ihr Haupt. ‹Nein, er weiß nichts davon, noch immer sieht er in mir das Mädchen, das der Schwäche ihrer kindischen Neigung erlag.› Sie blieb vor ihrem Blumentisch stehen. ‹An dieser Stelle verriet ihm der Zufall, wie ich damals empfand. Noch heut steht die Vergangenheit als eine dunkle Wand zwischen ihm und mir. Überall fühle ich den Schatten des Geschiedenen an meiner Seite, wenn ich am Abend neben Wohlfart sitze, wenn er mich grüßt und zu mir spricht. Immer sagen sein Ton und seine Haltung: Sie ist nicht allein, er ist bei ihr.› Sie zuckte zusammen und fuhr mit der Hand leise über das lustige Laub, um den Gedanken wegzuwischen, der sie quälte. Sie konnte ihm nicht sagen, daß sie jetzt frei war von dem lange verhohlenen Leid. Aber heut, wo er einen Freund verloren hatte, der ihm so lieb war, mußte sie ihm zeigen, daß er noch andere besaß, die an ihm hingen. Und wieder ging sie sinnend auf und ab und suchte einen Weg, ihn allein zu sprechen

Der Diener rief zur Tafel. Anton kam mit den andern Herren und setzte sich sogleich an seinen Platz. Es war keine Gelegenheit, vor Tische mit ihm zu reden. Aber er sah sie mit einem Blick voll Trauer an, daß sie sich nicht enthalten konnte, ihm herzlich zuzunicken. «Er ißt heut nichts», flüsterte ihr die Tante zu; «auch keinen Braten», wiederholte sie vorwurfsvoll. Sabine wurde sehr unruhig und besorgt. Jetzt mußten die Herren die Stühle rücken, dann ging er mit ihnen aus dem Saal, und sie sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Schon erhob sich Herr Jordan, da rief sie zu Anton hinüber: «Die große Kalla ist aufgeblüht, Sie haben sich neulich über die Knospe gefreut, verweilen Sie noch einen Augenblick, ich möchte sie Ihnen zeigen.» Anton verneigte sich und blieb. Noch einige peinliche Minuten, da stand auch der Bruder auf, sie eilte zu Anton und führte ihn in ihr Zimmer vor den Blumentisch.

«Sie haben heut eine schmerzliche Nachricht erhalten», begann sie leise.

«Die Botschaft selbst hat mich nicht überrascht», erwiderte Anton bewegt, «der Arzt gab mir keine Hoffnung. Aber ich verliere viel mit ihm.»

«Ich habe ihn nie gesehen», sagte Sabine, «nur aus Ihrem Munde weiß ich, daß sein Leben einsam war, arm an Freuden und Liebe.»

Sie rückte Anton einen Sessel hin und ließ ihn von dem Freunde erzählen. Mit warmem Anteil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wußte sie zu fragen und zu trösten. Für Anton war es ein Bedürfnis, von dem Freunde zu sprechen, und beredt schilderte er sein stilles Treiben, seine Gelehrsamkeit und sein enthusiastisches Gefühl. Da, nach einer Pause, sah ihm Sabine herzlich in die Augen und fragte: «Haben Sie Nachricht von Herrn von Fink?»

Es war das erstemal, daß sie gegen Anton den Namen über die Lippen brachte. Er fühlte das Rührende des Vertrauens, daß sie gerade in dieser Stunde nach dem Geliebten ihrer Seele fragte. In seiner Bewegung faßte er ihre Hand; die vor ihm auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand zurück und schlug die Augen nieder. Nur einen Augenblick, dann sah sie ihm wieder freundlich ins Gesicht.

«Er fühlt sich in dem neuen Leben nicht glücklich», sagte Anton ernst. «In seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schließe daraus noch mehr als aus seinen Worten, daß dort vieles nicht so ist, wie er es erwartet hat. Die Geschäfte, in welche er durch den Tod seines Onkels hineingeworfen wurde, gefallen ihm nicht.»

«Sie sind unwürdig», rief Sabine schnell.

«Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heißt», erwiderte Anton. «Fink denkt zu groß und hat zu lange in der Nähe Ihres Bruders gelebt, als daß ihn die wüsten Spekulationen erfreuen könnten, welche dort drüben nur zu gewöhnlich sind. Seine Geschäftsfreunde sind zum großen Teil gewissenlose Menschen, und seine Seele empört sich gegen ihre Genossenschaft.»

«Und kann Herr von Fink ein solches Verhältnis auch nur einen Tag ertragen?» fragte Sabine.

«Es ist ein merkwürdiges Schicksal», antwortete Anton, «daß er, der seinen eigenen Willen gegen andere so überlegen geltend macht, gerade er, der so wenig geneigt ist, äußerem Zwang zu gehorchen, doch in seiner gegenwärtigen Tätigkeit überall mit gebundenen Händen arbeitet. Das ganze Getriebe dieser Spekulationen ist in Amerika so fest geordnet, daß ein einzelner Teilhaber wenig daran ändern kann. Und so ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wünsche erreicht hat, große Kapitalien, freie Verfügung über viele Quadratmeilen Landes, zweifelhafter als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern Menschen zu denken, jetzt ängstigt mich die herbe Verachtung, mit welcher er von seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief schilderte eine unerträgliche Lage und ließ irgendeinen gewaltsamen Entschluß ahnen.»

«Es gibt für ihn nur einen Entschluß», rief Sabine. «Darf ich fragen was Sie ihm geantwortet haben?»

«Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung von diesen Geschäften zu lösen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu sich bieten, auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmöglich sein sollte. Und ich habe ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszuführen und ein wirklicher Gutsbesitzer in Amerika zu werden oder zu uns zurückzukehren.»

«Ich wußte, daß Sie so schreiben würden», sagte Sabine tief aufatmend. «Ja, er soll zurückkehren, Wohlfart», wiederholte sie leiser, «aber nicht zu uns soll er kommen.» – Anton schwieg.

«Und glauben Sie, daß Herr von Fink Ihrem Rat folgen wird?»

«Ich weiß es nicht», erwiderte Anton langsam, «mein Rat war wenig amerikanisch.»

«Aber er war, wie Sie ihn geben mußten», sagte Sabine mit freudigem Stolz.

«Ein Offizier wünscht Herrn Wohlfart zu sprechen», unterbrach sie der eintretende Diener. – Anton sprang auf. Sabine trat zu ihren Blumen und beugte sich traurig über die grünen Blätter. Noch schwebte der Schatten des andern zwischen ihr und ihm.

Die hastigen Worte des Meldenden erfüllten Anton mit einer unbestimmten Angst, er eilte in das Vorzimmer. Dort stand Eugen von Rothsattel. Anton wollte ihm mit warmem Gruß entgegeneilen, da sah er das verstörte Gesicht und trat erschrocken zurück. Eugen aber flüsterte ängstlich wie mit bösem Gewissen: «Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen, es ist etwas Schreckliches bei uns vorgefallen.» Anton griff nach seinem Hut und sprang nach dem Kontor, wo er schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal zu entschuldigen; dann begleitete er den Leutnant nach der Wohnung des Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite, er hatte alle Fassung verloren. Unzusammenhängend und für Anton nicht ganz verständlich war, was er sagte: «Mein Vater hat sich gestern abend aus Versehen durch einen Schuß verwundet – ein reitender Bote hat mich aus der Garnison nach der Hauptstadt gerufen -, als ich ankam, fand ich die Mutter in Ohnmacht. Wohl eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester wissen uns keinen Rat. Lenore hat die Mutter auf den Knien gebeten, zu Ihnen zu schicken. Sie sind der einzige Mensch, zu dem wir in unserer Not Vertrauen haben. Ich verstehe nichts von Geschäften, aber es muß mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist ganz außer sich. Alles im Hause ist in der größten Unordnung.»

Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick, ahnte Anton einiges von den Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er Lenore; verweint, erschöpft wankte sie ihm entgegen. «Lieber Wohlfart», rief sie, seine Hand fassend; von neuem begann sie zu schlucken, und kraftlos sank ihr Haupt an seine Schulter. Unterdes ging Eugen mit gerungenen Händen in der Stube auf und ab, setzte sich endlich in eine Sofaecke und weinte still vor sich hin.

«Es ist gräßlich, Herr Wohlfart», klagte Lenore, sich aufrichtend. «Niemand darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und der alte Johann sind um ihn. Und heut früh war der Kaufmann Ehrenthal hier, er wollte durchaus mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen die Mama, er schalt den Vater einen Betrüger, so daß die Mutter zu Boden sank. Als ich in das Zimmer stürzte, ging der schreckliche Mensch fort und drohte noch mit der Faust nach uns.»

Anton führte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholte hatte. Hier zu trösten war unmöglich, ihn selbst erschütterte der Jammer im tiefsten Herzen. «Ruf die Mutter, Eugen», sagte Lenore endlich. Der Bruder eilte hinaus. «Verlassen Sie uns nicht», bat Lenore mit gerungenen Händen. «Es ist zum Äußersten mit uns gekommen, auch Ihre Hilfe vermochte nicht das Unglück abzuwenden.»

«Er ist tot, der es vielleicht gekonnt hätte», erwiderte Anton traurig. «Ob ich Ihnen nützen kann, weiß ich nicht; daß ich den guten Willen habe, daran werden Sie nicht zweifeln.»

«Nein», rief Lenore, «auch Eugen dachte sogleich an Sie.»

Die Baronin trat herein. Sie ging mühsam auf Anton zu und stützte sich mit der Hand auf einen Stuhl, aber sie begrüßte ihn mit Haltung. «Wir sind in eine Lage gekommen, in der uns ein Freund nötig ist, welcher mit Geschäften mehr Bescheid weiß als wir drei. Ein unglücklicher Zufall verhindert den Freiherrn, wahrscheinlich für längere Zeit, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern, und so wenig ich davon verstehe, so sehe ich doch, daß schnelle Tätigkeit in unserm Interesse notwendig wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich mute ihnen viel zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wünschen Ihre Zeit zu opfern.» Sie setzte sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: «Verlaßt uns, ich werde Herrn Wohlfart das wenige, das ich weiß, leichter sagen, wenn ich euren Schmerz nicht sehe.»

Als sie allein waren, winkte sie Anton näher an sich heran und versuchte zu sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter dem Taschentuch.

Anton sah gerührt auf den Kampf, den ihr die Mitteilung kostete: «Bevor ich zugeben kann, daß Sie, gnädige Frau, mir ein so ehrenvolles Vertrauen schenken, muß ich Sie in Ihrem Interesse fragen: Hat nicht Ihr Herr Gemahl einen Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine diskrete Mitteilung leichter machen würden? Ich bitte Sie, daran zu denken, daß meine eigene Geschäftserfahrung nicht groß und meine Stellung nicht von der Art ist, daß ich für einen geeigneten Ratgeber des Herrn Barons gelten könnte.»

«Ich weiß niemanden», sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich hin. «Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen darf, als einem von den Bekannten unseres Hauses. Betrachten Sie sich als einen Arzt, der zu Kranken gerufen wird. – Der Freiherr hat mir heute früh einige Mitteilungen über seine Vermögensverhältnisse gemacht.»

Und jetzt erzählte sie ihm, was sie von den Verwicklungen ihres Gemahls verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte, von dem Kapital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu übernehmen. Es war unvollständig, was sie zu sagen wußte, aber es reichte hin, Anton mit banger Sorge um die Zukunft der Familie zu erfüllen.

«Mein Mann hat mir den Schlüssel zu seinem Sekretär übergeben; er wünscht, daß Eugen mit einem Sachverständigen unsere Angelegenheiten ruhiger als der Freiherr selbst berate. An Sie habe ich die Bitte, daß Sie mit meinem Sohn diese Prüfung vornehmen. Wo Sie Auskunft brauchen, werde ich Ihnen diese von dem Freiherrn zu verschaffen suchen. Es fragt sich nun, ob Sie geneigt sind, für uns, die wir Ihnen doch Fremde sind, diese Mühe zu übernehmen.»

«Gern bin ich dazu bereit», erwiderte Anton ernst, «und ich hoffe, durch die Güte meines Chefs die dazu nötige Zeit zu erhalten; wenn Sie es nicht für zweckmäßiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese Tätigkeit zu überweisen.»

«Es wird ja wohl später Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rat zu fragen», sagte die Baronin abwehrend.

Anton erhob sich. «Wann befehlen Sie, daß wir anfangen?»

«Sogleich», erwiderte die Dame, «ich fürchte, es ist kein Tag zu verlieren. Ich werde mir Mühe geben, Ihnen bei der Durchsicht der Papiere zu helfen.» Sie führte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und steckte den Schlüssel in das Büro des Freiherrn. Als sich der Schrank öffnete, verlor auch sie auf einen Augenblick die Selbstbeherrschung, und ihrem Mund entglitten die Worte: «Die Hinterlassenschaft eines Toten!» Sie wankte an das Fenster, und die zitternde Bewegung der Gardine verriet den Kampf, in dem ihr Körper erbebte.

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