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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Einige Tage darauf saß Anton in der Dämmerstunde am Lager des kranken Bernhard: «Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehen, wie es Ihnen geht.»

«Schwach», erwiderte Bernhard, «immer noch schwach; das Atmen wird mir schwer. Wenn ich nur ins Freie käme, nur einmal hinaus aus dem dunklen Zimmer!»

«Erlaubt Ihnen der Arzt nicht auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint, komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.»

«Ja», rief Bernhard, «Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas erzählen.» Er sah sich vorsichtig um. «Ich habe heut durch die Stadtpost einen Zettel ohne Unterschrift erhalten.» Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen Brief hervor und übergab ihn mit geheimnisvoller Miene dem Freund: «Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.»

Anton ging zum Fenster und las: «Der Baron Rothsattel will Sie heut gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafür, daß Sie mit Ihrem Vater allein sind.»

Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig und steckte es wieder unter die Kissen. «Kennen Sie die Hand?» fragte er.

«Wer auch der Schreiber ist», fuhr Bernhard kleinlaut fort, «ich hoffe Gutes von dem heutigen Abend, Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Zentnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Atem, wie ein Gewicht fühle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.»

Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von seinen Lippen. «Also auf Wiedersehen morgen», rief Anton. Als er sich erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und begrüßten den Gast. «Wie geht's, Bernhard?» fragte die Mutter. «Du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist heut große musikalische Akademie, Rosalie wird auf dem Flügel spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube gerückt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch Übungen stört.»

«Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter», sagte Bernhard, «ich habe dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heut hübsch aus, ein solches Kleid trugst du, wie ich als Knabe das Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gib mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut abend Musik hörst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.»

Die Mutter setzte sich zu ihm. «Er hat wieder das Fieber», sprach sie zu Anton. Anton stimmte schweigend bei

«Morgen fahre ich in die Sonne», rief Bernhard aufgeregt, «das wird mein Vergnügen sein.»

«Der Wagen wartet», erinnerte Rosalie, «wir müssen mit unsern Kleidern durchs Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater eingeredet, daß der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den Bernhard stört.»

«Schlaf wohl, Bernhard», sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal die runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.

«Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard?» fragte die Mutter auf der Treppe.

«Ich halte ihn für sehr krank», erwiderte Anton.

«Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt, gehe ich mit Rosalie ins Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.»

Anton schied mit schwerem Herzen.

Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hörte man nichts als die schweren Atemzüge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es. Eine Maus nagte am Holz. Unruhig hörte Bernhard ihr zu. «Wie lange wird sie noch nagen, bis sie sich eine Öffnung ausgehöhlt hat, dann kommt sie zu mir in die Stube.» Ein Frösteln überfiel ihn, er warf sich auf seinem Lager herum, die Dunkelheit war ihm heut beengend, die Luft dick. Er klingelte so lange, bis die Aufwärterin kam und die Lampe hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermüdet um. Die Stube sah ihm heut alt und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer und er sich wie ein Fremder, der hier zu Besuch war. Teilnahmslos blickte er auf seinen Bücherschrank und auf die Schublade, in welcher die teuren Manuskripte lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der Tür, durch den das Licht in der Nebenstube alle Abende durchschimmerte, das alles wollte er morgen verlassen, um mit Anton aus der engen Stube auszuziehen. Er dachte daran, ob sie nicht auf dem Wege fahren könnten, auf dem das Fräulein nach dem Gute fuhr und wieder zurück. Vielleicht würde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte sicher, daß er das Fräulein auf dem Wege treffen müßte. Sie saß stolz aufgerichtet in ihrem Wagen, der Schleier flog um das blühende Gesicht, ihr weißer Arm hob sich und winkte grüßend zu seinem Wagen herüber. Ja, sie erkennt ihn, sie weiß, daß er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht läßt sie stillhalten und fragt herüber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So wird er mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hören. Noch einmal wird sie ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinanderfahren, einer hierhin und der andere dorthin. – Und wohin würde er fahren? «Hinein in die Sonne», flüsterte er. – Und wieder lauschte er ängstlich auf das Nagen der Maus.

Ein eiliger Fuß durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf, und das Blut stieg ihm ins Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu ihm kam. Leise öffnete sich die Tür, eine häßliche Gestalt schlüpfte herein und sah sich scheu im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: «Was wollen Sie hier?»

Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Atem und einer Stimme, die ebenso gepreßt klang wie die des Kranken: «Der Baron ist jetzt in das Kontor gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen gehen und Ihnen zureden, damit Sie die Forderung unterstützen, die er stellt an Ihren Vater.»

«Ihnen hat er das gesagt?» rief Bernhard. «Wie kann der Freiherr einem Mann, wie Sie sind, einen Auftrag geben?»

«Schweigen Sie still», entgegnete Veitel rauh, «es ist jetzt keine Zeit für Ihr Gerede. Hören Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit seinem Ehrenwort die Sicherheit für zwanzigtausend Taler versprochen, und er kann ihm diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Dokument einem andern verkauft hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt von Ihrem Vater, daß er auf seine gute Sicherheit verzichtet. Können Sie zureden, daß Ihr Vater zwanzigtausend Taler verliert, so tun Sie es.»

Bernhard zitterte, daß ihm die Hände flogen. «Sie sind ein Lügner!» rief er. «Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und Hinterlist.»

«Schweigen Sie», wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. «Sie sollten Ihrem Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er ist eine Fliege, welche sich die Flügel am Licht verbrannt hat, er kann nur noch kriechen. Und wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rat folgt, den Sie ihm geben, weil Sie nichts verstehen, so kann er doch den Freiherrn nicht erhalten auf seinem Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so tut's ein anderer. Ich habe keinen Vorteil dabei, wenn ich Ihnen das sage», fuhr er unruhig fort und horchte nach einem Geräusch vor dem Hause, «ich tu' es nur aus Anhänglichkeit an Ihre Familie.»

Bernhard rang nach Luft. «Gehen Sie hinaus», rief er endlich, «es ist alles Betrug und Lüge auf dieser Welt.»

«Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf», sprach Veitel und stürzte hinaus.

Laut scholl in dem Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: «Ich werde gehen zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intrigen.» Veitel riß die Tür auf. Auf dem Lederstuhl saß der Freiherr und verbarg das Gesicht mit der Hand, vor ihm drohte Ehrenthal im Zorne zitternd, auf dem Pult stand die Kassette des Freiherrn mit den verhängnisvollen Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief in das Zimmer: «Hören Sie auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt oben allein und ruft nach Ihnen und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie beide haben an sein Bett.»

«Was ist das?» schrie Ehrenthal. «Spielen Sie Intrige hinter meinem Rücken auch mit meinem Sohn?»

«Haben Sie ihm die neue Hypothek gezeigt, die Sie für ihn bestellt haben?» fragte Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.

«Er hat sie gar nicht sehen wollen», sagte der Freiherr finster.

«Geben Sie her», sagte Veitel hastig und legte ein neues Dokument vor Ehrenthal auf den Tisch.

«Sie wollen mir geben ein Stück Papier für mein gutes Geld, einen Wisch, welcher nicht wert ist, daß ich ihn verbrenne.»

«Halten Sie sich nicht auf», rief Veitel wieder mit ängstlicher Stimme. «Es ist niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron, er wird sich einen Schaden tun. Machen Sie, daß Sie hinaufgehen, er hat gestöhnt, ich soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.»

«Gerechter Gott!» rief Ehrenthal und ergriff seinen Hut. «Was ist das wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich hab' jetzt Sorge um mein Geld.»

«Er wird sich schreien zu Tode», rief Veitel, «wegen dem Geld können Sie nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.»

Der Freiherr und Ehrenthal traten aus dem Kontor. Itzig folgte. Ehrenthal verschloß die Tür, er legte die eiserne Stange vor und befestigte das Vorlegeschloß. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als letzter. Auf den Stufen klang ein Geldstück, Ehrenthal sah sich um. «Es ist mir aus der Tasche gefallen», sagte Veitel.

Der Freiherr und Ehrenthal traten in das Zimmer des Kranken, hinter ihnen schob sich Itzig herein und fuhr längs der Wand bis an das Fenster, hinter das Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblickte. Der Freiherr setzte sich zu Häupten des Lagers, der Vater an das Fußende; aus der Lampe fiel ein mattes Licht auf die Parteien, welche zu dem Todkranken kamen, um über Kapital und Sicherheit zu hadern. Der Edelmann begann mit höflicher Rede, er erinnerte sich der früheren Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf seinem Gute zu begrüßen, aber seine Augen sahen furchtsam auf das entstellte Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die höchste Zeit. Bernhard saß aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust hinabgeneigt, er erhob die Hand und unterbrach die Rede des Freiherrn: «Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was Sie von meinem Vater wollen, und nehmen Sie Rücksicht darauf, daß ich kein Geschäftsmann bin.»

Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrenthal versuchte ihn oft zu unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder abbrach und sich begnügte, heftig den Kopf zu schütteln und vor sich hin zu brummen.

Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: «Komm näher heran, höre ruhig auf meine Worte.» Der Vater fuhr mit seinem Ohr bis nah an den Mund des Sohnes. «Was ich sage», sprach Bernhard leise, «ist mein fester Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschluß gekommen. Wenn du Geld erworben hast, so war dein Gedanke, daß ich dich überleben sollte und nach deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so?» Ehrenthal nickte stark mit dem Kopf. «Wenn du in mir deinen Erben siehst», fuhr Bernhard fort, «so höre auf meine Worte. Wenn du mich liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich verzichte auf mein Erbteil, während wir beide leben. Was du für mich gesammelt hast, das wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts für meine Zukunft. Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir durch eigene Arbeit forthelfen, ich will lernen auf mich selbst vertrauen, außer deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr für mich. Daran denke.»

Ehrenthal erhob die Arme und rief: «Was ist das für eine Sprache, mein Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.»

«Höre mich weiter», bat Bernhard. «Was du für Rechte auf das Gut dieses Herrn hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm im Verkehr gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, daß seine Familie unglücklich wird. Ich verlange nicht, daß du die große Summe wegschenken sollst, das würde dir zu wehe tun und würde den Herrn demütigen; aber ich fordere von dir, daß du die Sicherheit nimmst, die er dir anbietet. Hat er dir früher anders versprochen, vergiß das; hast du Papiere in Händen, die ihn ängstigen, gib sie ihm zurück.»

«Er ist krank», stöhnte der Vater, «sehr krank ist er.»

«Ich weiß, daß dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus des Großvaters weggingst als ein armer Judenknabe, barfuß, mit einem Taler in der Tasche, seitdem hast du nichts anderes gedacht als an Erwerb. Niemand hat dich etwas anderes gelehrt, dein Glaube hat dich ausgeschlossen von dem Verkehr mit solchen, welche besser verstehen, was dem Leben Wert gibt. Ich weiß, daß es dir ans Herz geht, eine große Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch tun, du wirst es tun, weil du mich liebst.»

Ehrenthal rang die Hände und sagte unter strömenden Tränen: «Du weißt nicht, was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist Diebstahl an deinem Vater.»

Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. «Du hast mich immer geliebt. Du hast gewollt, ich sollte anders werden als du. Du hast immer auf meine Worte gehört, und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfüllt. Was ich jetzt von dir will, das ist die erste große Bitte, die ich an dich tue. Und diese Bitte werde ich dir ins Ohr sprechen, solange ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es wird meine letzte sein.»

«Du bist ein törichtes Kind», rief der Vater außer sich, «du verlangst mein Leben, du verlangst mein ganzes Geschäft.»

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