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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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7

Welle um Welle schlug über das Haupt des Ertrinkenden.

Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des Gutes war mißraten, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirte hatten ihre Kontrakte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rüben fehlten, es fehlte das Kapital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen sich.

Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist. Den Freiherrn schüttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmächtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluß des Protokolls Und wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstere Tag, wo Ehrenthal mit dem Brief des Justizkommissarius Walther vor ihn trat. Das Kapital des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, daß Ehrenthal die Herrschaft für den Freiherrn erstand. Die Eigentümer der ersten Hypothek von hunderttausend Talern hatten ihn hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer Käufer war im Termin erschienen. «Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen, Herr Baron», schloß der Händler. «Damit Sie imstande sind, die Güter zu behaupten, habe ich mit den Eigentümern der ersten Hypothek verhandelt, sie werden Ihnen die hunderttausend auf der Herrschaft stehenlassen. Ich habe für Sie erlegt viertausend Taler und die Gerichtskosten.» Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie er die Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Tür brummte er: «Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen müssen auch diese Herrschaft.»

Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter übernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegönnt und sich dann vorsichtig zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein Geheimnis mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Anteil, der bei solchen Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, daß dem Freiherrn auf der neugekauften Herrschaft eine so große Hypothek ausgefallen war. «Wen haben Sie zum Termin geschickt?» fragte er.

«Den Hirsch Ehrenth[*]al», erwiderte der Freiherr gedrückt.

Jetzt wurde der Nachbar beredt. «Ich fürchte», rief er, «der Mensch hat Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine Schurkerei um eine große Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhändler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreis ab, der andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines Vaters miteinander geteilt.»

Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.

Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er ausging, tat er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen litten unsäglich.

Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal hatte er recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton ließ er rufen, sondern einen andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen trödelhaftes Wesen ihm wohltat, sooft er ihn erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung über seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten Tat, der jetzt sein Urteil verwirrte.

Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von der Seite an. «Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine Differenzen mit seinem Vater beizulegen.»

Veitel fuhr in die Höhe, wie durch einen Schuß getroffen. «Der Bernhard!» rief er heftig.

«So ist ja wohl sein Name; er soll krank sein.»

«Er wird sterben», erwiderte Veitel.

«Wann?» fragte der Freiherr, mit seinen Gedanken beschäftigt, er verbesserte sich aber sogleich: «Was fehlt ihm?»

«Es sitzt hier», sagte Veitel, auf die Brust zeigend, «es arbeitet wie ein Blasebalg, wenn ein Loch reißt, hört der Wind auf.»

Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, daß er selbst Eile habe. «Der Kranke soll so viel Einfluß auf seinen Vater besitzen, daß durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.»

«Was versteht der Bernhard von Geschäften, er ist ein Narr», rief Veitel, unfähig, seinen Ärger zu verbergen. «Wenn man ihm ein altes Leder hinlegt, das mit Buchstaben beschrieben ist, so gibt er dafür jede Hypothek; er ist unwissend.»

«Wie ich sehe, gefällt Ihnen dieser Weg nicht?» fragte der Freiherr ratlos.

Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenkend, unruhig fuhren seine Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiderte er mit plötzlicher Freundlichkeit: «Der gnädige Herr haben recht. Es wird am besten sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard gehen und dort miteinander abmachen Ihr Geschäft.» Wieder schwieg er eine Weile, und sein Gesicht rötete sich von stürmischen Gedanken. «Wollen der gnädige Herr mir überlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen, wo Sie am besten sprechen den Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten sind ins Kontor, dann werde ich schnell hinaufgehen zu Bernhard und ihm sagen, daß Sie gekommen sind. Unterdes haben Sie die Gnade und warten Sie im Kontor, und wenn es dauert eine halbe Stunde, bis ich wiederkomme,[*] warten Sie; was auch der Ehrenthal sagt und wie er auch schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird alles in Ordnung kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er machen.»

«Ich werde Ihre Nachricht erwarten», schloß der Freiherr, gepeinigt durch die Aussicht auf den schweren Tag.

Itzig verließ den Freiherrn und stürzte in wilder Aufregung nach seinem Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab und ballte die Faust gegen Bernhard. Er öffnete den alten Schreibtisch und zog aus seiner verborgenen Schublade zwei Schlüssel, die er auf die Tischplatte legte; immer wieder blieb er davor stehen und starrte sie an. Endlich versenkte er sie in die Tasche und sprang hinunter in die Karawanserei. Dort kauerte in einer Ecke der Galerie Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den letzten Jahren durch den Druck der Verhältnisse verhindert worden, stattlicher, jünger und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewöhnlich abgenagt und schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrückt, in welchen das warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als Veitel mit schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein Buch und schien an jedem Buchstaben mehr Anteil zu nehmen als an dem jungen Geschäftsmann vor ihm.

«Macht Euer Buch zu und hört mich an», rief Veitel ungeduldig. «Der Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurückerhalten, er wird mir die Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die achttausend, welche noch Rest sind.»

«Seht doch, seht», erwiderte der Alte, sein häßliches Haupt wiegend, «was man nicht alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen Lumpen wegschenkt, der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, daß auch wir fromm werden und zur Beichte gehen. Bevor wir weiterreden, kannst du mir etwas heraufbringen, was ich gern esse und trinke. Ich bin durstig und spreche kein Wort mehr.»

Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und murmelte: «Jetzt kommt's» und starrte kopfschüttelnd über das Buch weg.

Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advokaten aufgestellt hatte, fragte er kurz: «Wieviel?»

«Dreihundert», sagte der Alte, «und dafür muß ich mir's noch überlegen. Es ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich für weniger zu Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer ehrenwerten Arbeit im Stil des Herrn Cartouche und anderer Freunde von dir verlange ich eine bessere Bezahlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und ich kann nicht sagen, daß ich Vorliebe für solche Geschäfte habe.»

«Hab' ich sie denn?» rief Itzig. «Wenn es ein Mittel gibt, dies zu vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wißt, wie man den Baron und Ehrenthal auseinanderhalten kann und jeden ruinieren durch den andern, so sagt's. Der eigene Sohn Ehrenthals will Friede machen zwischen den beiden, er wird zwischen ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flügeln auf dem Bilderbogen steht zwischen zwei Verliebten, und wir werden sein die Geprellten.»

«Wir?» sagte der Alte vergnügt. «Du wirst der Geprellte sein, du Dohle. Was gehn mich deine Geschäfte an?»

«Zweihundert!» rief Veitel, sich ihm nähernd.

«Drei», erwiderte der Alte und trank sein Glas aus; «aber ich tue es nicht allein, du mußt dabeisein.»

«Wenn ich dabeisein will», sagte Veitel, «so kann ich's allein tun und brauche nichts von Eurer Hilfe. Hört mich an. Ich will machen, daß das Haus leer ist, daß der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem Kontor hinaufgehen; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf dem Tisch liegen oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet haben die Zeit von einer halben Stunde. Ja, ich will die Haustür zuschließen; den Ausgang zur Hintergasse, der gewöhnlich verriegelt ist, werde ich aufmachen. Es ist so sicher, daß ein Kind von zehn Jahren könnte machen das Geschäft.»

«Sicher genug für dich», sprach der Alte mürrisch, «aber für mich nicht.»

«Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist nicht gegangen», rief Veitel, «so muß es gehen wider das Gesetz.» Er schlug mit der Faust auf das Geländer und preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. «Und wollt Ihr's nicht tun, so soll es doch geschehen, obgleich ich weiß, daß aller Verdacht auf mich fällt, wenn ich während der Zeit nicht in der Stube des Bernhard bin.»

«So ist's recht, du lustiger Itzig», sagte der Alte und rückte an seiner Brille, um die zornige Entschlossenheit des andern genauer zu betrachten. «Da du so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich lassen; aber dreihundert.»

Der Handel begann. Die beiden drückten sich in die Ecke der Galerie und sprachen leise miteinander bis zur Dunkelheit.

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