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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren, Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich in der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.

«Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!» rief Lenore mit leisem Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.

«Haben Sie noch die Kapuze von damals? Sie war mit roter Seide gefuttert, gnädiges Fräulein», sagte er, «sie stand Ihnen reizend.»

«Die jetzige hat blaues Futter», sagte Lenore lachend. «Und denken Sie, die kleine Komteß Lara heiratet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennengelernt haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen seit der Zeit gegangen ist.» Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem Zimmer der gelben Katze; aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenübersah, da lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er atmete mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.

«Da ich Sie sehe», sagte Lenore, «ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles Ernste erfahren», fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm wieder freundlich in die Augen zu blicken.

«Was hat Sie zu meinem Vater geführt?» fragte sie endlich mit verändertem Ton.

Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechtum des Freundes und seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie selbst einen mächtigen Anteil daran habe, so daß Lenore auf ihr Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. «Wenn Sie Ihrem Herrn Vater die Vermittlung Bernhards empfehlen können, so tun Sie es. Ich werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Kontor Ehrenthals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.»

Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den seinen. «Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den Frieden wiederzugeben, eine Zeit wie damals, wo ich Sie kennenlernte. – Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will Ihnen schreiben», rief sie entschlossen; «wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll er Sie aufsuchen.»

So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehn der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der Haustür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß eilte er an dem gefährlichen Manne vorbei, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.

Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt wie jetzt. Vergebens fragte seine Frau Sidonie ihre Tochter: «Was hat der Mann, daß er so seufzt?» Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüt seines Brotherrn durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers angesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter. «Sie sind der Mensch, welcher mir hat geraten zu diesen Schritten gegen den Baron», schrie er ihn am Morgen nach der Szene mit Bernhard an. «Wissen Sie, was Sie sind? Malhonett sind Sie.»

Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln. «Wenn Sie weiter nichts wissen», sagte er, «was ist das für ein Wort ‹malhonett›? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.» Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die Zeitung.

Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu ertragen, welcher zusehends kränker wurde und alles Zureden der Eltern mit kurzen Worten zurückwies. «Ich muß ein Opfer bringen», sagte Ehrenthal vor sich hin, «ich muß die Ruhe wieder geben seinen Nächten und machen, daß er aufhört mit seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen Sohn und will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich verliere dabei einen Vorteil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg, von mehr als einem Tausend Taler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.» So setzte er entschlossen den Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.

Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Atem benahm. «Kaum ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Zession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen muß.» Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit höflichen Worten aus freien Stücken sich erbot, für ihn nach Rosmin zu reisen und nötigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. «Ich will mir zu Hilfe nehmen einen sichern Mann, den Justizkommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie sehen, daß alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu bieten auf das Gut und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein anderer zahlt.»

«Ich weiß, daß dies notwendig sein wird», sagte der Freiherr, «aber um Gottes willen, Ehrenthal, was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern Händen bleibt?»

Ehrenthal zuckte die Achseln: «Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so hätten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.»

«Es ist aber einmal geschehen», versetzte der Freiherr ärgerlich.

«Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, daß ich unschuldig bin.»

«Das ist ja jetzt gleichgültig.»

«Für Sie ist es gleichgültig», sagte Ehrenthal, «aber nicht für mich und meine Ehre als Geschäftsmann.»

«Wie meinen Sie das?» fuhr der Freiherr auf, daß Ehrenthal zusammenschrak. «Sie wagen zu behaupten, daß mir etwas gleichgültig ist, was selbst Ihnen keine Ehre bringt.»

«Was werden Sie hitzig, Herr Baron», rief der Händler; «ich spreche ja nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!»

«Sie sprachen doch davon», sagte der unglückliche Mann.

«Wie können Sie mißverstehen einen alten Bekannten!» klagte Ehrenthal. «Ich will nichts als Ihre Versicherung, daß ich unschuldig bin an dem Kauf der Hypothek.»

«Meinetwegen ja», rief der Freiherr, mit dem Fuße stampfend.

«So ist es recht», sagte der Händler beruhigt. «Und wenn ein Unglück geschieht und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen, was dann zu tun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch vorschießen die Kaution und die Gerichtskosten gegen eine Hypothek auf die Herrschaft.»

Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verließ, blieb dieser als ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.

War er verloren? War er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, daß diese Hypothek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloß, selbst hinzureisen und Ehrenthal nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn die Angst, daß er dem Mann jetzt ein großes Vertrauen zeigen müsse, damit dieser auch ihm nicht mißtraue. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben heran.

Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte eine für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.

«Kannst du mir jetzt geben deine Hand?» fragte er seinen Sohn, der finster vor sich hinstarrte. «Ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir haben alles miteinander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschießen ein Kapital; wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.»

Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf. «Das ist nicht genug, mein armer Vater», sagte er.

«Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, daß ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein Sohn?»

«Nein», sagte der Kranke. «Solange du in deinem Kontor den schlechten Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.»

«Er soll fort», rief Ehrenthal bereitwillig, «wenn mein Sohn Bernhard es verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.»

«Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu erstehen?» fragte Bernhard weiter, sich zum Vater wendend.

«Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast», erwiderte der Vater ausweichend. «Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darüber.» So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte, hielt sie fest in der seinen und saß ihm schweigend gegenüber.

War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die Versöhnung mit seinem Sohne erhandelt hatte.

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