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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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6

Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem Anteil auf die verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des Gelehrten war noch faltiger als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus Wachs, unordentlich hing sein lockiges Haar um die feuchte Stirn, und die Augen blitzten in fieberhafter Aufregung dem Besuch entgegen. «So lange waren Sie in der Fremde?» rief er klagend. «Ich habe mich alle Tage nach Ihnen gesehnt. Jetzt, da Sie zurück sind, wird es auch mit mir besser werden.»

«Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gespräch aufrege», erwiderte Anton.

«Nein», sagte Bernhard, «ich will ruhig zuhören, Sie sollen von Ihrer Reise erzählen.»

Anton begann seinen Bericht. «Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir uns oft miteinander gewünscht haben, fremde Menschen und ein stürmisches Treiben. Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden, und doch ist mir bei vielem, was ich erlebte, die Überzeugung gekommen, daß es kein größeres Glück gibt, als sich in seiner Heimat mitten unter seinen Landsleuten tüchtig zu rühren. Manches habe ich erfahren, was auch Sie gefreut hätte, weil es poetisch war und die Seele bewegte, aber zuletzt war das Widerwärtige doch im Vordergrund.»

«Es war dort wie überall auf der Erde», entschied Bernhard. «Wo ein großes Gefühl das Herz erschüttert und den Menschen vorwärtstreiben möchte, wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Große wird lächerlich gemacht. Es ist woanders auch nicht besser als bei uns.»

«Das ist unser alter Streit», sagte Anton heiter. «Sind Sie noch nicht bekehrt, Ungläubiger?»

Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete niedersehend: «Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.»

«Ei», rief Anton neckend, «und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas, das Sie erlebt haben? Gewiß, so muß es sein.»

«Was es auch war», entgegnete Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie ein heller Schein überflog, «ich glaube, daß es auch bei uns Schönheit und Liebenswürdigkeit gibt, ich glaube, daß auch das Leben bei uns große Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich glaube», fuhr er traurig fort, «daß man auch bei uns unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.»

Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das große Auge des Kranken begeistert in die Höhe blickte. «Gewiß ist es, wie Sie sagen», erwiderte er endlich, «aber das Allerschönste, was diesem Leben den höchsten Wert gibt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen größer ist als alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht über den Kopf wachsen läßt, der selbst, wenn er unrecht getan hat, sich immer wieder herauszureißen weiß.»

«Wenn es aber zu spät ist und wenn die Macht der Verhältnisse stärker wird als er?»

«Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse», sagte Anton. «Ich denke mir, wenn einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine tüchtige Kraft daransetzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davontragen wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kämpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen aller mit Teilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand ergibt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser Erde.»

«Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der Dichter», erwiderte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem Kissen in die Luft. «Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart», fuhr er nach einer Weile fort, «kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich wäre ein Christ und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben möchte.» Er sah unruhig auf die Tür des Nebenzimmers und fragte leise: «Was halten Sie von dem Geschäft meines Vaters?»

Betroffen fuhr Anton zurück. Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf den Freund: «Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein großes Unrecht, daß ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart.» Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend, diesem ins Ohr: «Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für rechtschaffen?»

Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht sagen, was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurück, und ein leises Stöhnen zitterte durch die Stube.

«Mein teurer Bernhard», erwiderte Anton, «bevor ich dem Sohn eine solche Frage beantworte, muß ich erst wissen, weshalb er einen Dritten fragt. Wenn Sie es nur tun, um durch meine Ansicht Ihr Urteil über die Geschäfte Ihres Vaters zu vervollständigen, so muß ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel wie sie ausfallen würde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschäftsmannes niemals zu der seinigen machen.»

«Ich frage», sagte Bernhard feierlich, «weil ich um das Wohl anderer in großer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Not ersparen.»

«Dann», versetzte Anton, «will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzige Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich weiß nur, daß er zu der großen Klasse von Erwerbenden gezählt wird, welche bei ihren Geschäften nicht sehr danach fragen, ob ihr eigener Vorteil durch Verluste anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal gilt für einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung solider Männer weniger gleichgültig ist als hundert andern. Er wird vielleicht manches tun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefühl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen vieles Widerwillen empfinden, was gewissenlose Spekulanten um ihn herum wagen.»

Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr, daß dieser den heißen Atem des Kranken auf seiner Wange fühlte: «Ich weiß, Sie kennen den Baron Rothsattel.» Anton sah erstaunt auf. «Das Fräulein hat mir selbst gesagt, daß sie eine Bekannte von Ihnen ist.»

«Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt», erwiderte Anton, mit Mühe seine Aufregung verbergend.

«Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?» fragte Bernhard weiter.

«Nur wenig», sagte Anton, «nur was Sie selbst gelegentlich erzählt haben, daß Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in der Fremde habe ich gehört, daß dem Freiherrn irgendeine Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen.» Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schüttelte den Kopf. «Es war aber jemand», sagte er, «der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.»

«Er ist ein Schurke», rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. «Er ist eine gemeine, niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt wie gegen ein unreines Tier.»

«Es scheint mir», erklärte Anton, «daß Itzig, den auch ich aus früheren Zeiten kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, daß ich wenig daraus zu machen wußte, ich konnte nichts tun, als sie dem Freiherrn so mitteilen, wie ich sie selbst erhielt.»

«Dieser Itzig beherrscht meinen Vater», flüsterte Bernhard. «Er ist ein böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater selbstsüchtig gegen den Freiherrn handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.»

Schonend gab Anton das zu. «Ich muß wissen, wie es zwischen dem Freiherrn und meinem Vater steht», fuhr Bernhard fort. «Ich muß wissen, was zu tun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen», rief der Kranke, und wieder flog ein matter Strahl von Freude über sein Antlitz. «Mein Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich empfunden, daß sein Herz an mir hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand über meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenübersetzt, wo Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht – Wohlfart, er ist ja doch mein Vater!» Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den Kopfkissen. «Sie müssen mir helfen, mein Freund», begann er wieder, «Sie müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er weiß nicht alles, oder», setzte er murmelnd hinzu, «er wird mir nicht alles sagen. Sie aber müssen den Freiherrn selbst aufsuchen.»

«Vergessen Sie nicht, Bernhard», erwiderte Anton, «daß es auch dem reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines andern einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmaßung erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage nicht, daß der Schritt unnütz ist, aber ich halte ihn für unsicher. Eher wird es möglich sein, daß Sie selbst auf die Maßregeln Ihres Vaters Einfluß gewinnen.»

«Gehen Sie doch zum Freiherrn», bat Bernhard dringend, «und wenn er selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich habe sie gesehen», fuhr er fort, «ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein liebstes Geheimnis verhüllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich weiß, wie schön sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel ihre Gebärde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie eine Königin der Natur, ein heller Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah, neigte sich alles vor ihrem Blick – ihre Zähne wie Perlen und ihre Brüste wie Rosenhügel», sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit gefalteten Händen und blitzenden Augen.

‹Auch er!› rief es in Anton. «Mein armer Bernhard, Sie schwärmen.»

Bernhard schüttelte den Kopf. «Seit dem Tage weiß ich, daß unser Leben nicht grau ist», sagte er lächelnd; «es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn oder seiner Tochter sprechen?»

«Ich will», sprach Anton aufstehend. «Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeiführen kann, auch für uns beide.»

«Wer so daliegt wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen», sagte Bernhard. «Und Sie», fuhr er fort und sah Anton prüfend an, «Sie werden in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlägt, und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kämpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.»

«Kleinmütiger», rief Anton weich, «das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der Mut wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.»

«Hoffen Sie?» fragte der Kranke zweifelnd. «Oft tue ich's auch, nur manchmal überfällt mich die Mutlosigkeit. Ja, ich will leben, und anders will ich leben als bisher, ich will alle Mühe daransetzen, stärker zu werden, ich werde nicht mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und quälen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tüchtiger Mann ist, der jeden Streich zurückgibt, den er empfängt», so rief er mit geröteten Wangen und streckte die Hand dem Freunde entgegen.

Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verließ er das Zimmer.

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