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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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5

Die Frühlingsstürme fuhren über das Flachland, als Anton in das Geschäft zurückgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, großer Beschwerden gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in Kälte und Schnee durch verwüstete Landschaften gereist, weit hinein in den Osten und Süden bis an die Berge Siebenbürgens und in die Weideländer der Madjaren. Er hatte viel Trauriges gesehen, niedergebrannte Edelhöfe, zerstörten Wohlstand, unsichere Menschen, Hunger, Roheit und brennenden Haß der Parteien.

«Um welche Stunde kommt er?» fragte Sabine den Bruder.

«In wenig Stunden, mit dem nächsten Bahnzug.»

Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlüsselbund. «Und noch sind die Mädchen nicht fertig, ich muß selbst zum Rechten sehen. Heut abend soll er bei uns essen, Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.»

Der Bruder lachte. «Verzieht ihn nur nicht.»

«Dafür ist gesorgt», sagte die Tante. «Wenn er einmal wieder im Kontor sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, außer mittags, lange suchen.»

Unterdes kramte Sabine unter ihren Schätzen, belud den Arm des Bedienten mit allerlei Paketen und sah ungeduldig in den Hof hinab, ob die Herren noch nicht aus dem Hinterhause in das Kontor gehen wollten. Endlich huschte sie selbst in Antons Stube. Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Sofakissen, das sie für den Abwesenden gestickt hatte, und ordnete in einer Alabasterschale alle Blumen, welche der Gärtner aufgetrieben hatte. Als sie so über der Schale stand, fielen ihre Blicke auf die Wände des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den kostbaren Teppich, den noch Fink über den Fußboden gezogen hatte. Zum erstenmal seit langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fuß gemieden hatte, solange der andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er jetzt? Ihr war heut, als sei sie seit vielen Jahren von ihm getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr wie das bange Gefühl nach einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt hier wohnte, konnte sie offen sagen, wie wert er ihr geworden war, und freudig durfte sie der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte für alles, was er ihrem Bruder getan.

«Aber Sabine!» rief die Tante erschrocken an der Tür. Auch die Tante hatte es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.

«Was hast du?» fragte Sabine aufsehend.

«Aber es sind ja die gestickten Vorhänge, die du aufgezogen hast. Die gehören doch nicht ins Hinterhaus, in diese Herrenwirtschaft!»

«Laß sie hängen», sagte sie lächelnd.

«Und die Überzüge, und diese Handtücher, das ist unerhört, es sind ja deine besten Stücke. Mein Gott! Die Überzüge mit Spitzen und auch das rosa Futter dazu.»

«Laß dir's gefallen, Tante», rief Sabine errötend. «Der heut zurückkommt, hat es wohl verdient, daß er das Beste aus den alten Schränken erhält.»

Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schütteln. «Wenn ich's nicht selbst sähe, ich hätte es keinem geglaubt. So etwas für den täglichen Gebrauch zu geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. Man wird ihn nach und nach um einige Nummern herabsetzen müssen; er merkt's nicht, das ist mein einziger Trost. Nein, daß ich das erleben mußte!» Sie schlug die Hände zusammen und verließ aufgeregt das Zimmer.

Sabine ergriff wieder die Schlüssel und eilte ihr nach. «Sie macht gegen Traugott unnütze Worte», sagte sie sich leise im Gehen, «ich muß ihr beweisen, daß es nicht anders einzurichten war.»

Unterdes war auch dem Reisenden zumute wie einem Sohn, der nach langer Abwesenheit in das Vaterhaus zurückkehrt. Auf den letzten Stationen vor der Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlägen; das alte Haus und die Kollegen, das Geschäft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle fuhren in lachenden Bildern vor seinem Auge vorüber. Endlich hielt die Droschke vor der geöffneten Haustür. Da standen die Frachtwagen, die Tonnen, der Leiterbaum. Da rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche hell über die breite Straße klang, seinen Namen, riß den Wagenschlag auf und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind aus dem Wagen hebt. Da eilte Herr Pix bis auf die Straße, schüttelte ihm lange die Hand und bemerkte in seiner Freude nicht, daß unterdes sein schwarzer Pinsel diese Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu malen. Dann kam Anton bei der großen Waage vorbei und schüttelte mit der Hand vergnügt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Kontor, wo bereits die Lampen brannten, und rief herzhaft seinen «Guten Abend!» hinein. Mit lautem Ruf erhoben sich die Kollegen wie ein Mann und drängten sich um ihn. Herr Schröter eilte aus der Hinterstube herzu, und als er sein «Willkommen!» rief und die Hand entgegenhielt, fuhr ein heller Strahl von Freude über sein ernstes Gesicht. Das waren glückliche Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich für einen gereisten Mann schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem Kontor nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestüm auf ihn zu und wedelte unbändig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mühe, sich seiner Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der Diener mit vergnügtem Lächeln entgegen und riß respektvoll die Tür auf. Überrascht sah sich Anton um, der Raum war festlich geschmückt, im Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches Feuer, eine grüne Girlande hing über der Tür, auf dem Sofa lag ein neues gesticktes Kissen, auf dem Tische stand ein zierliches Teeservice und daneben eine Alabasterschale mit Blumen. «Das Fräulein hat selbst alles aufgestellt», vertraute ihm Franz. Anton beugte sich über die Schale und betrachtete die einzelnen Blumen aufs genaueste. Sie waren im allgemeinen anderen Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unähnlich, aber Anton starrte in sie hinein, als hätte er noch nie etwas Ähnliches gesehen. Darauf nahm er das Kissen, befühlte und streichelte die Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder an ihre Stelle. Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den Rücken und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschöpf wieder auf den Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfänglich für solche Freundlichkeit, denn in dem roten Scheine des Kaminfeuers glänzte sie hell und lebendig, und es klang durch das Zimmer wie ein leises Schnurren.

Wieder eilte Anton in das Kontor, dem Chef über seine letzte Tätigkeit Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und besprach mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher Weise, wie man mit einem Freund über wichtige Angelegenheiten verhandelt. Es war doch eine ernste Unterredung. Vieles war verloren und nicht weniges noch gefährdet. Erst in der Ferne war Anton mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt geworden, welche das Geschäft bedroht hatte. Und er erkannte, daß die Tätigkeit vieler Jahre nötig sei, um die Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fäden neue anzuknüpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. «Ihrer Umsicht und Energie verdanke ich viel», schloß er, «ich hoffe, Sie werden mir helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wiederzugewinnen; das Unvermeidliche werden wir tragen.» Und als Anton hinausging, rief er ihm lächelnd nach: «Es ist noch jemand, der Ihnen zu danken wünscht; ich bitte Sie, heut abend mein Gast zu sein.»

So trat Anton an sein Pult, öffnete das lang verschlossene und legte sich Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht viel. Jordan weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden Arbeitsstuben hörte die unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem andern verließ seinen Platz und kam zu Antons Stuhl. Herr Baumann klopfte dem[*] Stubennachbar mehrmals leise auf den Rücken und ging dann immer wieder vergnügt auf seinen Platz zurück, und Herr Specht hockte in großer Aufregung an dem Geländer neben Antons Sitz, und seine Fragen und verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr Liebold legte das Löschblatt mehrere Minuten vor der Schlußstunde in das Hauptbuch und verschwand in dem vordern Kontor. Sogar Herr Purzel trat, die heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlage; zuletzt kam auch Herr Pix in das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzählen, daß er schon seit einigen Monaten keine Solopartie gespielt und daß Specht unterdes in einen Zustand gekommen sei, der mit Verrücktheit eine unverkennbare Ähnlichkeit habe.

Am Abend betrat Anton den oberen Stock des Vorderhauses. Die Portiere rauschte zurück, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen glänzten feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die Todesgefahr vom Haupt des Bruders abgewandt hatte.

«Fräulein!» rief Anton erschrocken und zog die Hand zurück.

«Ich danke Ihnen, o ich danke ihnen, Wohlfart!» rief Sabine und hielt ihn mit beiden Händen fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklärt durch eine Rührung, welche sie nicht bewältigen konnte. Als Anton das Mädchen betrachtete, welches mit geröteten Wangen so bewegt und dankbar zu ihm aufsah, da erkannte er, daß seit jenem Streich des slawischen Säbels auch seine Stellung zur Familie und zu ihr geändert war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den Arbeiter des Kontors von dem Fräulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen Freude, welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, daß er selbst in dieser Zeit ein Mann geworden war, wohl wert, daß ein Weib seiner Kraft und Ruhe vertraute.

Er erzählte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Munde zu vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden Zeit. Andächtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein anderer, seine Züge waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede fest. Ihr Auge suchte den klareren Glanz des seinen, und wenn ein voller Blick freudig auf sie fiel, schlug sie das ihre unwillkürlich nieder. Nie war ihr aufgefallen, wie hübsch und stattlich er war. Heut sah sie auch das. Ein offenes männliches Antlitz, darüber das kastanienbraune lockige Haar, zwei prächtige Augen von dunklem Blau, ein kräftiger Mund und auf den Wangen ein feines Rot, das in der wachsenden Empfindung sich veränderte wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war ihr neu geworden und doch wie ein lieber, vertrauter Freund.

Die Tante kam herein, die gestickten Vorhänge hatten in ihrer Seele eine Erschütterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein Seidenkleid und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrüßung war laut und wortreich, und ihre Bemerkung, daß der neue Backenbart Herrn Wohlfart sehr gut stehe, wurde durch ein stilles Kopfnicken der Nichte bestätigt.

«Da habt ihr den Helden des Kontors», rief der Kaufmann. «Jetzt zeigt, daß ihr Ritterdienste besser zu lohnen wißt als durch schöne Worte. Tragt ihm auf, was Küche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer Gefährte. Der Rheinwein erwartet, daß Sie nach manchem schweren Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.»

In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die vier sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas über den Tisch: «Willkommen in der Heimat!» «Willkommen im Hause!» rief Sabine. Da sagte er leise: «Ich habe eine Heimat, ich habe ein Haus, in dem ich mich wohlfühle. Durch Ihre Güte habe ich beides gewonnen. Viele Abende, wenn ich dort draußen in einer schlechten Herberge saß, unter wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur unvollkommen verstand, da habe ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es für mich sein würde, wieder Ihr Angesicht und diese Räume zu sehen. Denn das Bitterste auf Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fühlen, ohne einen guten Freund, ohne eine Stätte, an welcher das Herz hängt.»

Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruß: «Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verläßt uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung seines Oheims zu treten. Ich habe Sie für seine Stellung bestimmt. Ich weiß, daß ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.»

Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, daß er glücklich war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sofa, sah auf das Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange saß er so in holdem Traum und legte sein müdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.

Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das Postzeichen war von New York, die Adresse von Finks Hand.

Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einigemal geschrieben, fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch weniger von den Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht von dem Freunde geblieben war; er wußte nur, daß Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Kompanien, an welchen der Verstorbene teilhatte, tätig war. Aber mit Bestürzung las Anton folgendes:

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