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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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In dem Augenblick klopfte es leise an die Tür, und Schmeie Tinkeles schob zuerst sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die Stube und gurgelte unterwürfig: «Ich wollte die gnädigen Herren fragen; ob sie vielleicht wollen ansehen ein Pferd, welches soviel Louisdor wert ist, als es Talerstücke kostet. – Wenn Sie doch nur gehen wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen es ja nur ansehen; sehen ist ja nicht kaufen.»

«Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschäftsfreunden, Wohlfart?» fragte der Leutnant lachend.

«Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel», antwortete Anton in demselben Ton, «er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch Ihnen. Nehmen Sie sich in acht, er wird Sie verführen, das Pferd zu kaufen.»

Der Händler hörte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick neugierig auf den Leutnant. «Wenn der gnädige Herr Baron will kaufen das Pferd», sagte er, zudringlich zu dem Leutnant tretend und ihn unverrückt anstarrend, «so wird es ein schönes Reitpferd sein auch auf dem Gut in Ihrer Wirtschaft.»

«Was zum Henker weißt du von meinem Gut?» sagte der Leutnant. «Ich habe kein Gut!»

«Kennt Ihr diesen Herrn,?» fragte Anton.

«Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn er es ist, welcher das große Gut hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine Fabrik, worin er macht Zucker aus Viehfutter.»

«Er meint Ihren Herrn Vater», erklärte Anton dem Leutnant. «Tinkeles hat seine Verbindungen auch in unserer Provinz und hält sich oft Monate bei uns auf.»

«Was ich höre!» rief der Galizier nachdenkend. «Es ist der Vater von dem Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit dem Herrn Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn?» – Um den Schnurrbart des Leutnants zuckte ein Lächeln.

«Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen», antwortete Anton, unwillig über die zudringliche Frage des Händlers und darüber, daß er das Erröten seiner Wangen fühlte.

«Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier genau, wie man kennt einen guten Freund -»

«Was geht Euch das an, Tinkeles?» fragte Anton barsch und errötete noch tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wußte.

«Ja, er ist mein guter Freund, Jude», sagte der Leutnant, auf Antons Schulter schlagend. «Er ist mein Kassierer, er hat mir heute erst zwanzig Dukaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen. Also geh zum Teufel.»

Der Händler lauschte mit verbogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers und sah die jungen Männer mit einer Neugierde und, wie Anton zu bemerken glaubte, mit einer Teilnahme an, welche von seinem gewöhnlichen lauernden Wesen verschieden war. «Also zwanzig Dukaten hat er ihnen geborgt», wiederholte er bedächtig, «er wird Ihnen auch mehr borgen, wenn Sie mehr von ihm verlangen. Ich weiß», murmelte er, «ich weiß.»

«Was wißt Ihr?» fragte Anton.

«Ich weiß doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund miteinander sind», sagte der Händler mit einer nachdrücklichen Bewegung des Kopfes. «Also Sie können das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart. So empfehle ich mich Ihnen, Herr Wohlfart.» Bei diesen Worten kehrte er kurz um und verschwand. Gleich darauf hörte man das Pferd im Trabe fortreiten.

«Ist das ein verrückter Kerl!» rief der Leutnant, dem Davoneilenden nachsehend.

«Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen», erwiderte Anton, verwundert über das rätselhafte Benehmen des Geschäftsmannes. «Wahrscheinlich hat Ihre Uniform seinen Abzug beschleunigt.»

«Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen getan. Also heut abend», sagte der Leutnant grüßend und verließ das Zimmer.

Am Nachmittag tönte wieder das leise Klopfen an Antons Tür, Tinkeles erschien aufs neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat, ohne auf Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. «Erlauben Sie mir zu fragen», sprach er mit vertraulichem Kopfschütteln, «es ist in der Wahrheit, daß Sie ihm geborgt haben zwanzig Dukaten und daß Sie ihm geben würden noch mehr, wenn er mehr haben wollte?»

Anton sah den Händler erstaunt an und sagte aufstehend: «Ich habe ihm das Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir geradeheraus, was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir etwas mitzuteilen.»

Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen. «Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch in acht, daß Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm keinen Gulden mehr», wiederholte er nachdrücklich.

«Und weshalb nicht?» fragte Anton. «Euer guter Rat ist mir nichts wert, wenn ich nicht weiß, aus welchen Gründen Ihr mich warnt.»

«Und wenn ich Ihnen sage, was ich weiß, wollen Sie dann sprechen für mich bei Herrn Schröter, daß er nicht mehr denkt an die Frachtwagen, wenn er mich sieht in Ihrem Kontor?» fragte der Jude schnell.

«Ich will ihm sagen, daß Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich gedient habt. Was er dann tun wird, steht bei ihm», erwiderte Anton ebenso schnell.

«Sie werden sprechen für mich», sagte der Händler, «das ist mir genug. Und Sie sollen hören, was Ihnen erhalten kann Ihr gutes Geld. – Es steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr faul; das Unglück hält über ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorener Mensch. Es ist ihm nicht zu helfen.»

«Woher habt Ihr diese Nachricht?» rief Anton erschrocken. «Es ist unmöglich», setzte er ruhiger hinzu, «es ist eine Unwahrheit, Geschwätz von Winkelagenten und ähnlichem Volk.»

«Glauben Sie meiner Rede», sprach der Jude mit eindringlichem Ernst, welcher seine Figur größer machte und sogar seine Sprache weniger mißtönend. «Sein Vater ist unter den Händen von einem, der heimlich wandelt wie ein Engel des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um den Hals der Menschen, die er bezeichnet hat, ohne daß ihn einer sieht. Er zieht den Strick zu, und sie fallen um wie die hölzernen Kegel. Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche Leute, die schon tragen die Schlinge am Halse?»

«Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in Händen?» rief Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen ließ.

«Was nützt der Name», erwiderte der Galizier kalt. «Wenn ich auch wüßte den Namen, so würde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es kann Ihnen nichts helfen, und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen den Mann nicht, und Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.»

«Ist dieser Mann Ehrenthal?» fragte Anton.

«Ich kann den Namen nicht sagen», wiederholte der Händler mit einem Achselzucken, «aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.»

«Wenn ich Euren Worten glauben soll und wenn Ihr mir damit einen Dienst leisten wollt», fuhr Anton ruhiger fort, «so müßt Ihr mir Genaueres mitteilen. Ich muß den Namen dieses Mannes wissen, und ich muß alles wissen, was Ihr über ihn und den Freiherrn gehört habt.»

«Nichts habe ich gehört», erwiderte der Händler verstockt, «wenn Sie mich fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen ist, verfliegt in der Luft wie ein Geruch, der eine fängt das auf, der andere jenes. Ich kann Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehört habe, und will sie nicht sagen um vieles Geld. Ich will nicht die Hand legen an meine Gebetschnüre und vor Gericht zeugen. Was ich spreche, ist gut für Ihr Ohr und für kein anderes. Ihnen aber sage ich, daß zwei zusammengesessen nicht einen Abend, viele Abende, und nicht in einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise miteinander gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Geländer, wo unten das Wasser läuft. Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben gemurmelt oben über dem Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem Strohsack, daß sie glaubten, ich schliefe. Und oft habe ich gehört aus dem Munde von beiden den Namen Rothsattel und den Namen von seinem Gute. Und ich weiß, daß ein Unglück über ihm steht, aber weiter weiß ich nichts. Und jetzt ist es gesagt, und ich werde gehen. Der gute Rat, den ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung für den Tag, wo Sie gefochten haben mit einer Pistole für die Wolle und für die Häute. Und Sie werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.»

Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wußte er, daß der Freiherr mit Ehrenthal in vielfacher Verbindung stand, und dieser Verkehr des Gutsbesitzers mit dem übelberüchtigten Spekulanten war ihm schon oft auffallend erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu unglaublich, er selbst hatte nie etwas Ungünstiges über die Verhältnisse des Freiherrn gehört. «Bei dem, was Ihr mir heut erzählt habt», sprach er nach einer Weile, «kann ich mich nicht beruhigen. Ihr werdet Euch besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen und einzelnen Worte, die Ihr gehört habt.»

«Vielleicht werde ich mich erinnern», erwiderte der Galizier mit einem eigentümlichen Ausdruck, der dem bekümmerten Anton entging. «Und so haben wir geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und Gefahr, dafür habe ich Ihnen jetzt getan einen Gefallen. Einen großen Gefallen», setzte er selbstgefällig in das betroffene Gesicht Antons blickend hinzu. – «Können Sie gebrauchen Louisdor gegen Banknoten?» fragte er plötzlich im Geschäftston. «Ich kann Ihnen lassen Louisdor, wenn Sie mir dafür geben Dukaten oder Banknoten.»

«Ihr wißt, ich mache keine Geldgeschäfte», antwortete Anton zerstreut. – «Vielleicht können Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Häuser?» – «Ich habe keine Wechsel abzugeben», sagte Anton ärgerlich.

«Gut», sagte der Jude, «eine Anfrage beißt niemanden», und wandte sich zum Gehen. An der Tür hielt er noch einen Augenblick an. «Dem Seligmann, der das Pferd hat vorgeführt für die Herren und hat auf die Herren gewartet einen ganzen halben Tag, habe ich geben müssen zwei Gulden Münz. Es ist eine bare Auslage, die ich gemacht habe für Sie, wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei Gulden?»

«Gott sei Dank!» rief Anton, wider Willen lächelnd. «Jetzt seid Ihr wieder der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr nicht.»

«Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisdor gegen Papier auf Wien?»

«Auch nicht», erwiderte Anton.

«Adjes», sagte Tinkeles. «Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund miteinander.» Er ergriff die Klinke. «Und wenn Sie wissen wollen den Namen von diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, daß er klein wird wie das Gras auf der Landstraße, wo jedermann tritt darauf, so fragen Sie nach dem Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der Name.» Bei diesen Worten eilte Tinkeles zur Tür hinaus. Anton sprang ihm nach, aber der Händler hörte nicht auf sein Rufen und war aus der Haustür geschlüpft, bevor Anton ihn einholen konnte. Da begründete Aussicht war, ihn in kurzem wiederzusehen, so ging Anton, sehr beschäftigt durch die Geständnisse des wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurück.

Was er gehört hatte, mußte er sogleich dem Sohne des Freiherrn mitteilen. Er sagte sich, daß bei dem großen Zartgefühl seines militärischen Freundes diese Mitteilung schwierig sei. Aber es muß geschehen, noch heut abend ziehe ich ihn beiseite, ich gehe zeitig zu ihm oder bleibe beim Aufbruch zurück.

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