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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Als am nächsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner eintrat, ergriff Wendel nach finsterem Gruß einen großen rostigen Schlüssel, zog langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem zahlreiche Kragen übereinander lagen wie die Schindelreihen auf dem Dach, und brachte die Gläubiger in einen entlegenen Stadtteil vor ein verfallenes Kloster. Sie schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton sah verwundert zu dem kunstvollen Bau der Wölbung auf; die Zeit hatte viele Gurte gesprengt und einige Gewölbekappen ausgebröckelt, die Trümmer lagen auf den großen Steinen des Fußbodens. An der Wand waren die Leichensteine der alten Bewohner eingemauert, verwitterte Inschriften meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, daß einst fromme Slawenmönche in diesen Räumen den Frieden gesucht hatten. In diesem Kreuzgange waren sie täglich, das Brevier in der Hand, auf und ab gegangen, hier hatten sie gebetet und geträumt, bis sie ihre arme Seele der Fürbitte ihres Heiligen übergeben mußten. Im Innern des Gebäudes öffnete Wendel eine verborgene Tür und führte seine Begleiter auf gewundener Steintreppe hinab in ein großes Gewölbe. Einst hatte der Wein des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder Kellermeister war, ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen den Reihen der Fässer umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben, und wenn das Glöckchen über ihm läutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt und ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten gegangen oder in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die Betglocken des Klosters waren längst eingeschmolzen, die leeren Zellen der Brüder hatten Risse, und Getreide wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals der Prior an der Spitze der Brüder beim ehrbaren Mahle saß. Alles war verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten, und wie vor hundert Jahren lagen noch jetzt die Kufen des feurigen Ungarweins auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der schönen Wölbung zu großen Sternen zusammen, noch immer war der Raum in reinem Weiß getüncht, der Boden mit hellem Sand tief bestreut, noch immer war es Brauch, daß der Kellermeister nur mit einem Wachslicht sich dem edlen Wein nahen durfte. Es waren nicht dieselben Fässer, aus denen die alten Mönche ihren Trunk zogen, aber es war dasselbe Gewächs von den Rebenhügeln der Hegyalla, der rosige Wein von Menes, der Stolz Ödenburgs und der milde Trank der sorgfältigen Lese von Rust.

«Hundertundfünfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig, dreißig Dukaten», sagte der Agent, und die Inventur der Fässer begann. Mit gesenktem Haupt ging Wendel von einem Faß zum andern, die Kerze in der Hand. Vor jedem blieb er stehen und wischte mit einem reinen Leinwandlappen sorgfältig die kleinste Spur des Schimmels ab, der sich an einzelnen Fässern zeigte. «Es war mein liebster Weg hierher», sagte er zu Anton. «Seit zwanzig Jahren bin ich zu jeder Weinlese hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren fröhliche Tage, Herr Wohlfart, das ist jetzt vorbei für immer. Oft bin ich hier auf und ab gegangen und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die Fässer fiel, und habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind. Heut bin ich zum letztenmal in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem Wein werden? Sie werden ihn fortschaffen, man wird ihn in der Fremde ohne Verstand austrinken; in den Keller wird ein Branntweinbrenner seinen Spiritus tun oder ein neuer Brauer sein bayrisches Bier. Die alte Zeit geht zu Ende auch für mich! – Das hier ist das edelste Gewächs», sagte er, zu einem Faß tretend. «Ich hätte es ausnehmen können bei unserer Abmachung. Was soll mir das Faß allein? Austrinken? Ich trinke keinen Wein mehr. Es soll fortgehen mit den übrigen. Nur Abschied will ich noch von ihm nehmen.» Er füllte sein Glas. «Haben Sie je so etwas getrunken?» fragte er und hielt Anton betrübt das Glas hin. Anton verneinte gern.

Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab, eine lange Weile. Dann drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellertür zu, zog den Schlüssel ab und legte ihn feierlich in Antons Hand. «Hier ist der Schlüssel zu Ihrem Eigentum, unsere Rechnung ist abgemacht. Leben Sie wohl, meine Herren.» Langsam und mit gesenktem Haupt ging er den verfallenen Kreuzgang hinab; in dem Dämmerlicht des trüben Tages glich er einem der alten Kellermeister des Klosters, der noch als Geist durch die Trümmer der vergangenen Herrlichkeit gleitet. Der Agent rief ihm nach: «Aber das Frühstück, Herr Wendel!»

Der Alte schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.

Ja, das Frühstück! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein überschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der traurigen Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren für Anton kein geringes Leiden. Er sah, daß man in dem Land viel weniger arbeite und viel mehr schwatze und trinke als bei ihm daheim. Sooft es ihm gelungen war, etwas ins reine zu bringen, konnte auch er sich dem Frühstück nicht entziehen. Dann setzten sich Käufer und Verkäufer, die Helfer, und wer sonst zu den Bekannten gehörte, in einer Weinhandlung am runden Tisch zusammen, man fing mit Porter an, aß Kaviar nach Pfunden und zechte dann den roten Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten eingeschenkt; wer ein bekanntes Gesicht hatte, mußte am Gelage teilnehmen, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft, oft kam der Abend heran. Unterdes ließen die Hausfrauen der Männer, an solche Ereignisse gewöhnt, das Mittagessen wohl dreimal wieder abtragen und hoben es zuletzt gleichgültig bis zum andern Tage auf. Anton dachte in solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine mäßige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschäfte mit Anstand durchzumachen.

An einem Nachmittag saß Anton beim Domino. Da rief ein älterer Leutnant von seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: «Gestern abend sind einem unserer Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden. Der Esel, welcher mit ihm einquartiert war, hat an seinem Karabiner gespielt, bevor er die Ladung herausgezogen hatte. Der Doktor hält eine Amputation für unvermeidlich. – Schade um den tüchtigen Mann, er war einer der brauchbarsten Leute in der Schwadron. Solch Malheur trifft immer die Besten.»

«Wie heißt der Mann?» fragte Herr von Bolling, seinen Stein setzend.

«Es ist der Gefreite Sturm.»

Anton sprang auf, daß die Steine auf dem Tische tanzten. «Wo liegt der Verwundete?»

Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazaretts.

In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. «Es ist vorüber», sagte er, «es hat höllisch weh getan, aber ich werde die Hand doch wieder gebrauchen. Die Feder kann ich noch führen, und auch das übrige will ich versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's mit der Linken. Nur in goldenen Ringen werde ich keinen Staat mehr machen.»

«Mein armer, armer Karl», rief Anton, «Mit deinem Dienst ist's vorbei.»

«Wissen Sie was», sagte Karl, «das Unglück will ich ertragen, ein ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frühjahr zum Einsäen kommt, bin ich wieder in Ordnung. Ich könnte schon jetzt aufstehen, wenn nicht der Doktor so streng wäre. Hier ist es nicht schön», setzte er entschuldigend hinzu, «es sind viele unserer Leute erkrankt, da muß man sich in der fremden Stadt behelfen.»

«Du sollst nicht in dieser Stube bleiben», sagte Anton, «wenn ich's ändern kann. Es riecht hier so nach Krankheit, daß ein Gesunder schwach wird; ich werde bitten, daß dein Rittmeister dir erlaubt, in meine Wohnung zu ziehen.»

«Lieber Herr Anton», rief Karl erfreut «Still», sagte dieser, «noch weiß ich nicht, ob wir die Erlaubnis erhalten.»

«Noch eine Bitte habe ich an Sie», sagte beim Abschied der Kranke, «teilen Sie die Geschichte dem Goliath so mit, daß er nicht zu ängstlich wird. Wenn er's durch Zufall von Fremden erfährt, so stellt er sich wie ein Menschenfresser.»

Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Regimentsarzt und zu seinem Gönner, dem Rittmeister.

«Ich will mich dafür verwenden, daß er jetzt Urlaub erhält», versprach dieser. «Da mir bei der Beschaffenheit der Wunde seine Verabschiedung zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen warten, bis diese erfolgt.»

Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons Zimmer. «Da bin ich», sagte er. «Adieu Dolman, adieu Selim, mein Brauner! Eine Woche müssen Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton, dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und Stuhl mit steifem Arm.»

«Hier ist eine Antwort deines Vaters», sagte Anton, «sie ist an mich gerichtet.»

«An Sie?» fragte Karl verwundert. «Warum an Sie? Warum hat er denn nicht an mich geschrieben?»

«Höre selbst.» Anton ergriff einen großen Bogen, der von oben an mit halbzölligen Buchstaben bemalt war, und las: «Geehrter Herr Wohlfart, das ist ein großes Unglück für meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn bleiben nur noch acht. Wenn es auch kleine Finger sind, es tut ebenso weh. Es ist ein sehr großes Unglück für uns beide, daß wir einander nicht mehr schreiben können. Deswegen bitte ich Sie, daß Sie die Güte haben, ihm alles zu sagen, was folgt. Er soll sich nicht sehr grämen. Bohren kann vielleicht noch gehn, auch manches mit dem Hammer. Und wenn der Himmel wollte, daß dieses nicht möglich wäre, so soll er sich doch nicht zu sehr grämen. Es ist für ihn gesorgt durch einen eisernen Kasten. Wenn ich gestorben bin, findet er den Schlüssel in meiner Westentasche. So lasse ich ihn von ganzem Herzen grüßen. Sobald er wieder fahren kann, soll er zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann, daß ich bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm.» – Anton reichte den Brief dem Verwundeten.

«Es ist richtig», sagte Karl zwischen Lächeln und Wehmut, «er hat sich in der Angst eingebildet, daß auch er mir nicht mehr schreiben kann, weil ich an der Hand blessiert bin. Der wird Augen machen, wenn er meinen nächsten Brief erhält.»

So wohnte Karl mehrere Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine Hand wieder bewegen konnte, bemächtigte er sich der Garderobe des Freundes und begann einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im Hause des Prinzipals übernommen hatte. Anton hatte zu wehren, daß er nicht die unnötige Rolle eines Bedienten übernahm. «Hast du schon wieder meinen Rock unter der Bürste?» sagte er, in Karls Stube tretend. «Du weißt, daß ich das nicht leiden will.» – «Es war nur zur Gesellschaft von meinem», entschuldigte sich Karl, «zwei nebeneinander halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffee ist fertig, aber die Maschine taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus.» Da er sich für Anton nicht nützlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, für sich selbst zu arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe für Handwerkszeug hatte er bald eine Menge verschiedenartiger Instrumente um sich versammelt, und sooft Anton das Haus verließ, begann ein Sägen, Bohren, Hobeln und Raspeln, daß sogar der taube Artilleriehauptmann, welcher im Nebenhause einquartiert war, zu der Ansicht kam, ein Tischler sei eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern herüberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen mußte, übte er die linke Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein Kind über die Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt für die nächsten Wochen auch diese Tätigkeit abriet, fing er an, mit der linken Hand zu schreiben, und zeigte Anton täglich Proben seiner Handschrift. «Es ist nur der Übung wegen», sagte er, «der Mensch muß wissen, was er vermag. Übrigens ist es nur eine Angewohnheit, mit den Händen zu schreiben: wer keine hat, tut's mit den Beinen, ich glaube, daß nicht einmal die nötig sind, es müßte auch mit dem Kopfe gehen.»

«Du bist ein Narr», sagte Anton lachend.

«Ich versichere Sie», fuhr Karl fort, «ein langes Rohr in den Mund gesteckt, mit zwei Drähten, die hinter die Ohren gedrückt werden, um die Schwankung zu verhindern, es müßte ganz erträglich gehen. – Da ist die beinerne Einfassung von Ihrem Schlüsselloch abgesprungen, die wollen wir sogleich anleimen.»

«Ich wundere mich, daß sie nicht von selbst wieder fest wird», spottete Anton, «denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch hereingezogen. Die ganze Luft ist in Leim verwandelt.»

«Gott bewahre», sagte Karl, «es ist ja geruchloser Leim, den ich habe, eine neue Erfindung.»

Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimat zurückfuhr, fühlte sich Anton so vereinsamt, als wäre er erst jetzt aus dem Zauberkreise der großen Waage in die Fremde gezogen.

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