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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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«Zu den Wagen!» rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse. Aus der Ferne klangen noch einzelne Schüsse und das Geschrei der Uneinigen; die Reisenden durchbrachen das Gedränge neugieriger und erschreckter Einwohner, welche ihren Lauf durch entlegene Straßen hinderten, und kamen atemlos, das Schlimmste befürchtend, vor der Herberge an.

Auch hier war die Empörung ausgebrochen. Die zurückgelassene Wache hatte den Wirt losgebunden und sich schleunigst entfernt, als die Nachricht von dem Tumult zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt füllte den Hof Zank und vielstimmiges Geschrei. Der Wirt, unterstützt von einem Haufen Straßengesindel, verhandelte heftig mit den Fuhrleuten. Ein Teil der Wagen war angespannt und zur Abfahrt bereit, von andern war die Decke wieder heruntergerissen, ein Trupp der Fuhrleute, offenbar die Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem andringenden Wirt und seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann riß sich von Anton los, welcher ihn zurückhalten wollte, stürzte mitten in den Haufen der Streitenden und rief, den Passierschein hochhebend, in polnischer Sprache: «Haltet ein! Hier ist der Befehl des Kommandanten, daß unsere Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt, wird bestraft werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.»

«Welcher Regierung? Du Schelm von einem Deutschen!» schrie der Wirt mit kirschrotem Gesicht. «Die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verräter haben ihren Lohn erhalten, und ihr Spione sollt gleichfalls hängen!» So drang er auf den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Säbel nach dem Haupt des Wehrlosen.

Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten Momenten von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie Sternschnuppen durch die Finsternis eines empörten Gemüts schießen, so erhielt auch der breite Rücken des Wirtes auf einmal eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Rücken eines dicken Schulkameraden aus Ostrau, eines gutmütigen Bäckersohnes, an dem er in vielen Balgereien den Knabenkunstgriff geübt hatte, seinen Gegner durch einen gewissen Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde zu legen. Er sprang blitzschnell hinter den Wirt, faßte ihn mit der Stärke eines Riesen am Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei unwillkürlich: «Du Hanswurst!» – Der niedersausende Säbel verlor seine gefährliche Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und drang in das Fleisch ein, das Blut färbte augenblicklich die weiße Leinwand, welche durch den Schnitt bloßgelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Käfer zappelnd, auf dem Rücken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole vor und schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: «Zurück, ihr Schufte, oder ich schieße ihn tot!»

Dieses schnelle Eingreifen bewirkte für den Augenblick mehr, als nach Lage der Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirt aus seiner Schenkstube zusammengeholt hatte und welches zunächst in fremdem Interesse handelte, wich zurück, und ein halbes Dutzend Fuhrleute drängte sich mit Radstangen und anderen Angriffswerkzeugen um den Kaufmann und schrie jetzt ebenso laut wie früher die andern, daß dem fremden Herrn und dem Wagen kein Leid geschehen solle. Der Kaufmann rief: «Jagt das fremde Volk hinaus!», faßte selbst den Säbel, welcher dem liegenden Wirt entfallen war, stürmte an der Spitze der Getreuen auf die Helfer des Wirts ein und trieb diese durch den gepflasterten Hausflur. Die Hartnäckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch, sich in der Schenkstube festzuhalten, aber einer nach dem andern ward aus dem Hause geworfen, daß sie brüllend und fluchend davonliefen. Darauf wurde die Haustür geschlossen, und der Kaufmann eilte nach dem Hof zurück, wo Anton noch immer vor dem unverbesserlichen Wirt kniete und diesen am Aufstehen hinderte. Die übrigen Fuhrleute hatten sich scheu zurückgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran und befahl: «Spannt an!» – Zu Anton sagte er: «Dies Haus müssen wir sogleich verlassen. Besser auf dem Straßenpflaster als in dieser Höhle.»

«Sie bluten», rief Anton, bestürzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.

«Es muß unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen», antwortete der Kaufmann schnell. «Öffnet das Hintertor, hinaus mit den Wagen! Vorwärts, ihr Männer! – Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den Wirt festzuhalten.»

«Und wo sollen wir hin?» fragte Anton in englischer Sprache. «Sollen wir mit den Wagen hinein in das Blutvergießen der Straße?»

«Wir haben einen Passierschein und werden die Stadt verlassen», erwiderte der Kaufmann hartnäckig.

«Man wird den Paß nicht respektieren», rief Anton wieder und hielt dem ungeduldigen Wirt die Pistole an die Stirn.

«Im schlimmsten Falle gibt es mehrere Herbergen in diesem Teile der Stadt, jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.»

«Aber die Fuhrleute sind nicht vollzählig und haben zum Teil bösen Willen.»

«Den bösen Willen einzelner bezwinge ich», entgegnete der Kaufmann finster. «Die Gespanne sind vollzählig, es fehlen nur die Knechte. Wer Pferde besaß, blieb bei seiner Pflicht. – Das Tor ist geöffnet, hinaus mit den Wagen!»

Das hintere Tor führte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und Bausteinen bedeckt und von einzelnen ärmlichen Häusern umgeben war. Der Kaufmann eilte an das Tor und trieb zur Abfahrt. Ein stämmiger Bursche kam von seinen Pferden zur Unterstützung Antons herbei. Es waren angstvolle Momente. In der Nähe des Hauses rangen Anton und sein Gehilfe mit dem liegenden Mann, und an der Tür heulten die häßliche Frau des Liegenden und die beiden Dienstmädchen. Als der erste Wagen durch das Hoftor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber lauter, die Wirtin rief Mord und Hilfe, und die Mädchen ächzten um so herzhafter, je eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirt solle kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegenbleibe; und ihre Zeche würden sie auch bezahlen.

Da donnerten Kolbenschläge an das verschlossene Haustor, die Weiber stürzten hin und öffneten; und so groß war die hoffnungslose Spannung der letzten Augenblicke gewesen, daß Anton mit einer gewissen Befriedigung ein starkes Kommando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er erhob sich vom Boden und ließ den Wirt los. Der Kaufmann aber ging langsam, mit wankendem Schritt, als ein gebrochener Mann den Feinden entgegen, welche im entscheidenden Augenblick seinen Willen hinderten.

Der Anführer des Trupps, einer von den Wächtern, welche der junge Pole am Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: «Sie sind Gefangener der Regierung, Sie und Ihre Waren dürfen die Stadt nicht verlassen.»

«Ich habe einen Passierschein», antwortete der Kaufmann mit heiserer Stimme und griff nach der Brusttasche.

«Das neue Kommando verbietet Ihnen die Abreise», wiederholte der Bewaffnete kurz.

«Ich muß mich unterwerfen», sprach der Kaufmann, er setzte sich matt auf eine Deichsel und faßte mit beiden Händen nach dem Wagenkorbe.

Anton hielt den halb Bewußtlosen in seinen Armen und rief in der tiefsten Empörung: «Wir sind in dieser Herberge zweimal beraubt worden, wir waren in Gefahr, getötet zu werden, mein Begleiter ist verwundet, wenn Ihre Regierung uns und die Wagen zurückhalten will, so schützen Sie wenigstens unser Leben und diese Güter, welche uns gehören. In dieser Herberge können die Wagen nicht bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen trennen und fortführen, so wird deren Plünderung und Zerstörung noch schwerer zu verhüten sein.»

Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rat; der Anführer rief endlich nach Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in eine nahe gelegene Herberge von ähnlicher Beschaffenheit, aber etwas besserem Charakter zu geleiten. Anton erhielt die Erlaubnis, mit dem Kaufmann unter Bewachung in demselben Gasthofe zu bleiben, bis Weiteres über sie beschlossen würde. Der Kaufmann hatte unterdes, an die Leinwand des Wagens gelehnt, teilnahmslos dagesessen. Anton teilte ihm schnell das Ergebnis der Unterhandlungen mit.

«Wir müssen es ertragen», sagte der Prinzipal langsam und versuchte mit Mühe, sich zu erheben. «Fordern Sie unsere Rechnung von dem Wirt.»

«Der Wirt wird seine Bezahlung durch uns erhalten», sagte der Führer des Trupps und stieß den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. «Denken Sie jetzt an sich selbst», fügte er teilnehmend hinzu und faßte den Arm des Verwundeten, um ihn zu stützen.

«Bezahlen Sie für uns und die Pferde», wiederholte der Kaufmann, zu Anton gewandt, «wir dürfen hier nichts schuldig bleiben.»

Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, übergab vor ihren Augen dem Wirt ein Kassenbillett und sagte ihm: «So zahle ich Euch, bis Eure Forderung festgestellt ist, vorläufig diese Summe. Ihr Männer seid Zeugen.» Die Fuhrleute nickten respektvoll und eilten zu ihren Wagen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Teil der Bewaffneten, dann die Frachtwagen, welche langsam und unbehilflich über die Steine der Ausfahrt rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingeübten Pferde in der Reihe gehalten. Der Kaufmann stand am Tor, auf Anton gelehnt, und zählte leise wie im Traume, sooft ein Wagen durch das Tor fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte er: «Abgemacht!» und ließ sich von Anton und dem Polen hinter den Wagen her führen.

In der nächsten Querstraße fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer Herberge ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt war und die Wache das Tor von innen verriegelt hatte, sank der Kaufmann ohnmächtig zusammen und wurde in das Haus getragen.

In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den Hof; Anton blieb mit dem Ohnmächtigen allein. Angstvoll kniete er an dem Lager des Kaufmanns nieder, öffnete ihm die Kleider und benetzte das Gesicht mit kaltem Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das Gesicht des Prinzipals zurück, er öffnete die Augen, blickte dankend auf Anton und wies auf das Fenster.

Anton sah hinaus und sagte freudig: «Es führt auf den Hof, ich kann die Wagen zählen und übersehen. Hier, glaube ich, sind wir in erträglicher Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor allem aber erlauben Sie mir, nach Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut befleckt!»

«Die Schwäche kommt mehr von der Anstrengung als vom Blutverlust», antwortete der Kaufmann, sich aufrichtend.

Anton öffnete die Tür und bat um einen Wundarzt. Der Wächter war bereit, einen solchen zu holen, und ließ nach Verlauf einer langen ängstlichen Stunde ein schäbiges Subjekt herein, welches eilig ein Barbiermesser und ein schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an seinem Ärmel strich und das Taschentuch in eine bedenkliche Nähe von Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mühe wurde ihm begreiflich gemacht, weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den Rockärmel und das Hemd auf und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war ein Schnitt in den Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif, und der Kaufmann fühlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen wiederzukommen. Der Kaufmann sank, erschöpft durch die Schmerzen des Verbandes, auf das Lager zurück, und Anton saß den Rest des Tages neben ihm, machte dem Arm Umschläge von kaltem Wasser und beobachtete den fieberhaften Schlummer des Kranken.

Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe Anspannung, welche ihn gleichgültig gegen alles machte, was außerhalb des Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton schlich zuweilen vom Lager des Verwundeten nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach der Tür, um einige halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche eine gutmütige Teilnahme bewies. Unterdes wütete in der Stadt das Feuer, und vor den Toren donnerte das Geschütz angreifender Truppen. Anton sah gleichgültig auf die glühende Lohe, welche vom Winde getrieben wieder über die unglückliche Stadt flog, er hörte mit einer schwachen Verwunderung, daß der Donner des Geschützes immer stärker rollte und endlich in ein betäubendes Krachen überging, und wenn er Wehgeschrei oder Gebrüll auf der Straße hörte, klang es ihm so unbedeutend wie das Läuten eines Frühglöckchens, das er von seiner Stube im Hause des Prinzipals hören konnte und das niemand aus der Morgenruhe aufzustören vermochte als höchstens einige fromme Mütterchen. Müde griff er die ganze Nacht hindurch mit den Händen in das kalte Wasser und an den Arm des Liegenden und fuhr auf, sooft dieser stöhnte und sich bewegte. Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigen Schlummer sank, vergaß auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die Hände, welche er über den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hörte nichts mehr, er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die Eroberung einer hartnäckig verteidigten Stadt anzeigten, unter allen Greueln eines blutigen Kampfes fest eingeschlafen wie ein müder Knabe über seinen Schularbeiten.

Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen längst angebrochen, der Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm die gesunde Hand. Anton drückte sie erfreut und eilte wieder nach dem Fenster: «Alles in Ordnung!» Darauf öffnete er die Tür, die Wache war verschwunden. Und auf der Straße klang der Trommelwirbel und der regelmäßige Tritt einziehender Regimenter.

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