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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Eine Anzahl von Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf einige ermutigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die Wagenburg, welche in dem großen Hofe aufgefahren war, rollten einige leere Wagen beiseite und öffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die meisten waren schon früher im Geschäft des Kaufmanns gewesen und kannten ihn und Anton persönlich, einige zeigten sich dienstfertig und gutwillig, und während der Kaufmann den verständigsten unter ihnen vornahm und ausfragte, untersuchte Anton, soweit es in der Eile möglich war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle und Talg bestand. Einige Wagen waren unbeschädigt, der eine war ganz abgeladen, mehrere andere ihrer Decken beraubt und teilweise geplündert. Der Kaufmann trat zu dem jungen Polen. «Es ist so, wie wir annahmen», sagte er. «Der Wirt hat einige von den Fuhrleuten überredet, da jetzt Revolution sei, hätten ihre Verpflichtungen aufgehört; sie haben angefangen, die Ladung in einem Nebengebäude abzuladen. Kamen wir einen Tag später, so war alles ausgeräumt. Der Wirt und einige Spießgesellen waren die Anstifter, ein Teil der Fuhrleute ist durch Drohungen eingeschüchtert worden.»

Auf diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwetter aus dem Munde der kleinen Autorität; der Wirt, von dessen Gesicht alle Röte verschwunden war, lag vor dem Offizier auf den Knien und wurde von diesem bei den Haaren festgehalten und in gefährlicher Weise zerzaust. Unterdes warf sich Anton mit einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene Remise, schlug das Tor auf und beleuchtete die Wollsäcke und die übrigen gestohlenen Güter.

«Lassen Sie die Leute aufladen, sie mögen zur Strafe die Nacht arbeiten», sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fügten sich die Fuhrleute, besiegt durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen. Der Pole trieb die betrunkenen Gäste der Wirtsstube aus dem Hause, ließ das äußere Tor schließen und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in den Hof schaffen. Darauf zog er den Hauswirt unter fortgesetztem freundschaftlichem Haarraufen nach dem oberen Stock, ließ ihn dort durch einige hilfreiche Patrioten mit großen Kokarden, welche unter den Gästen der Wirtsstube gewesen waren, an einen Bettpfosten befestigen und kündigte ihm an, daß er diese Nacht auf kein anderes Verhältnis zu seiner Bettstelle Anspruch habe. «Falls die Waren vollständig aufgefunden und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung erhalten; im entgegengesetzten Falle werde ich Gericht über dich halten und dich erschießen lassen.»

Unterdes klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen schrien eifrig durcheinander. Anton ließ die Wagen belasten und die Ladung festmachen. In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich und dachte nur auf Augenblicke an die fremdartige Umgebung und das Abenteuerliche dieser Szene. Es war ein großer viereckiger Hofraum, von niedrigen verfallenen Holzgebäuden, Ställen und Wagenschuppen eingefaßt, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein gegenüberliegendes Tor; ein Raum von mehr als einem Morgen Ausdehnung, wie sie häufig bei den Herbergen des östlichen Europas zu finden sind, welche an großen Verkehrsstraßen liegen und wie die Karawansereien des Morgenlandes bestimmt sind, großen Warentransporten und einer schnell zusammenströmenden Menge notdürftigen Schutz zu geben. Alle Arten von Wagen waren in dem Hofe in großem Viereck zusammengefahren, es war ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rädern, von großen geflochtenen Weidenkörben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und Strohbündeln, alten Pechbüchsen und tragbaren Futterkrippen. Außer Stallaternen und lodernden Kienfackeln leuchtete der rote Himmel, noch immer zogen die Brandwolken, geballter Rauch und glühende Funken über die Häupter der Reisenden. Das fremdartige Dämmerlicht beleuchtete hier wenigstens ein Werk des Friedens. Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem Zuruf; ein Haufen dunkler Gestalten verschwand bald im Schatten der Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die Höhe der Wagen, und die lebhaften Gebärden der Arbeitenden gaben ihnen in dem roten Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nächtliches Werk ausführen.

Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und dem Gastzimmer ab und zu; vergebens bat ihn Anton, sich noch einige Stunden Ruhe zu gönnen. «Für uns ist heut keine Nacht zum Schlafen», sagte er finster, und Anton sah in dem düstern Blick seines Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der bereit ist, alles daranzusetzen, um seinen Willen durchzuführen.

Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und Stricken hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand angelegt hatte, glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: «Wir sind fertig.»

«Endlich», antwortete der Kaufmann tief aufatmend und ging hinauf in das Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser hatte die Nacht auf seine Weise zugebracht; zuerst ließ er sich das Abendbrot und den Wein, welchen entsetzte Dienstmädchen auf seine Forderung heraufschafften, sehr wohlschmecken und behielt noch Zeit, eine wie die andere vornehm um die Taille zu fassen und ihnen einige aufmunternde Worte zu gönnen. Dann betrachtete er die unsaubern Betten und streckte sich endlich mit einem französischen Fluch auf einem von ihnen aus, sah gleichgültig in das zusammengezogene Gesicht des tückischen Wirtes, der ihm gegenüber auf dem Boden saß, starrte die Zimmerdecke an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube trat, schon in halbem Schlummer Artigkeiten über seine Fertigkeit, die Nächte ohne Schlaf hinzubringen. Endlich schlief er fest ein. Wenigstens fand ihn der Kaufmann am Morgen hingestreckt auf der groben Leinwand, das feine Gesicht von langem schwarzem Haar eingefaßt, die kleinen Hände verschlungen, ein freundliches Lächeln um seinen Mund. So war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der Aristokratie seines Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften und vielleicht mit den Sünden eines Mannes und ihm gegenüber auf dem Fußboden die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den Anschein gab, ebenfalls zu schlafen, aber oft mit bösem Blick auf den Liegenden hinschielte.

Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er öffnete das Fenster und sagte: «Guten Tag! Es ist Morgen, ich habe exzellent geschlafen.» Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an, erklärte dem Führer kurz das Sachverhältnis, übergab ihm die Reste des Abendessens und den Wirt und befahl ihm ohne weiteres, mit seinen Leuten im Hause Wache zu halten, bis er selbst zurückkehre. Dann trug er den Fuhrleuten auf, die Pferde anzuschirren, und führte die Reisenden in das Dämmerlicht eines unheimlichen Tages.

Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: «Wir teilen uns in die nötigen Besuche; sagen Sie unsern Kunden, daß wir durchaus nicht beabsichtigen, sie zu drücken, daß sie bei Wiederherstellung einiger Ordnung auf die größte Nachsicht und Schonung rechnen können, ja unter Umständen eine Erweiterung ihres Kredits, jetzt aber und vor allem verlangen wir Sicherheiten. Wir werden in diesem Wirrwarr nicht viel abmachen, aber daß die Herren heut durch uns selbst an unsere Firma erinnert werden, das ist die Hälfte unserer Außenstände wert.» Leiser fügte er hinzu: «Diese Stadt ist ihrem Schicksal verfallen, wir werden in der nächsten Zukunft hier wenig Geschäfte machen, denken Sie daran und seien Sie fest.» Und zum Polen gewendet, sagte er. «Ich bitte Sie, meinem Gefährten zu erlauben, daß er in Begleitung des Agenten einige Geschäftswege gehe.»

«Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person für die Rückkehr dieses Herrn haften will», erwiderte der Pole zögernd, «so mag es geschehen.»

Das Tageslicht hatte seine schöne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den Furchtsamen Mut zu geben, auch an dem Agenten bewährt. Er erklärte sich bereit, mit Anton auszugehen. Unter dem Schutz der großen Kokarde, welche der Agent am Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst bleich nach der ruhelosen Nacht, aber mit entschlossenem Herzen. Überall wurde er mit Staunen empfangen, welches nicht immer frei von Bestürzung war: Wie man in solcher Zeit daran denken könne, Geschäfte abzuwickeln, zwischen Waffenlärm und Sturmgeläut und in der Todesangst um eine furchtbare Zukunft?

Anton erwiderte kaltblütig: «Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich um den Kriegslärm zu kümmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede Zeit ist gut genug, um Verpflichtungen zu erfüllen; wenn für uns die Zeit war, hierherzukommen, so ist auch für Sie Zeit, mit mir zu verhandeln.» Durch solche und ähnliche Vorstellungen gelang es ihm doch, hier und da ein bestimmtes Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige Deckung zu erlangen.

Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet hatte, sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: «Wenn wir noch unsere Wagen glücklich aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt, daß wir die unvermeidlichen Verluste[*] an diesem Ort wohl ertragen können. Jetzt auf die Kommandantur!» – Er gab dem Agenten noch Aufträge und sagte ihm beim Abschied leise: «In wenig Tagen werden unsere Truppen einrücken, ich nehme an, daß Sie bis dahin Ihr Haus nicht verlassen. Dann sehen wir uns wieder.»

Der Agent rief mit aufgehobenen Händen den Schutz aller Himmlischen auf die Reisenden herab, verschloß und verriegelte hinter ihnen die Haustüre und versteckte seine revolutionäre Kokarde in dem Ofen.

Die Reisenden eilten unter Führung des Polen mit schnellen Schritten durch das Gewühl. Wieder hatten sich die Straßen gefüllt, wieder zogen Scharen Bewaffneter an ihnen vorüber, der Pöbel war wilder und aufgeregter, und das Geschrei war noch größer als am Abend zuvor. Es wurde an die Häuser gedonnert und Einlaß verlangt, Branntweinfässer wurden auf die Pflastersteine gerollt und von dichten Haufen trunkener Männer und Weiber umdrängt, alles kündigte an, daß die befehlende Macht nicht stark genug war, die Straßendisziplin aufrechtzuerhalten. Auch im Hause des Kommandierenden war ein unruhiges Treiben, Bewaffnete eilten zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mußte ungünstig sein, denn in dem großen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel geflüstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.

Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrängt und in eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen faßte er ein Gewehr, rief einige beim Namen und verließ das Zimmer, ohne sich weiter um die Reisenden zu kümmern.

Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing sie der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen, aber er hatte doch die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann anredete: «Ich habe Ihren Wunsch befürwortet, hier ist ein Passierschein für Sie und Ihre Wagen; ich bitte Sie, daraus zu entnehmen, daß wir die Bürger Ihres Staates rücksichtsvoll zu behandeln wünschen, mehr vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung ratsam macht.»

Der Kaufmann empfing das verhängnisvolle Papier mit glänzenden Augen: «Sie haben mir eine ungewöhnliche Rücksicht bewiesen», sagte er, «ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet und wünsche, daß es mir einst vergönnt sein möge, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.»

«Wer weiß», antwortete der junge Befehlshaber mit trübem Lächeln, «wer alles auf das Spiel setzt, kann auch alles verlieren.»

«Vieles», sagte der Kaufmann mit einer höflichen Neigung seines Hauptes, «aber nicht alles, wenn man sich ehrlich Mühe gibt.»

In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden, ein Geräusch wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der hereinstürzenden Flut. Der Kommandierende stand unbeweglich und horchte. Plötzlich klang ganz in der Nähe ein mißtönender Schrei aus vielen Kehlen, einzelne Schüsse folgten. Anton, durch Nachtwachen und lange Spannung empfänglich gemacht für einen Schauer, schrak zusammen, er sah, daß die Hand seines Prinzipals, welche den Passierschein festhielt, heftig zitterte. Da wurde die Tür des Kabinetts aufgerissen, einige stattliche Männer stürzten herein, mit zerrissenen Kleidern, die Waffen in der Hand, in den verstörten Gesichtern die Spuren des Straßenkampfes, an ihrer Spitze der Führer der Reisenden.

«Empörung!» rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu. «Sie suchen dich! – Rette dich! – Ich halte sie auf.»

Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er riß diesen mit sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in den Hausflur. Hier stießen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich noch einmal gegen eine andrängende Volksmasse am Eingang des Hauses zu setzen suchten. Aber so schnell auch die Reisenden waren, schneller noch glitt ihr Gefährte der letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die Spitze seiner Freunde und warf sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem hereinbrechenden Pöbelhaufen entgegen. Wild flogen die schwarzen Haare um sein entblößtem Haupt, und in seinem schönen, jetzt so farblosen Angesicht glänzten die Augen von der unwiderstehlichen Energie eines tapferen Mannes. «Zurück!» rief er mit heller Stimme dem wüsten Volke zu und sprang wie ein Panther von den Stufen des Portals weit hinein in den Haufen, mit flachen Schlägen seiner Klinge auf die Köpfe der Andrängenden hauend. Die Volksmasse wich zurück, die Gefährten des Tapfern stellten sich kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton den Arm seines Prinzipals und zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche dem Menschen nur dann wird, wenn er widerstandslos einem mächtigen Triebe folgt. Schon waren sie an einem Vorsprung des Hauses, da fiel ein Schuß, und mit Entsetzen sahen sie noch, daß der junge Pole blutend auf den Rücken fiel, sie hörten seinen letzten Schrei: «Die Canaille!»

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