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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Während Anton die Beobachtung machte, daß es in dem Raum sehr elegant, aber auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Befehlshaber mit etwas mehr Haltung und etwas weniger Zärtlichkeit zu dem Kaufmann: «Sie sind durch ein Mißverständnis rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie sie in unruhiger Zeit nicht immer zu vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre Angaben bestätigt. Ich ersuche Sie, mir mitzuteilen, was Sie zu uns führt.» – Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den Zweck seiner Reise, nannte die Namen seiner Geschäftsfreunde am Ort und berief sich auf sie zur Bestätigung seiner Aussage.

«Ich kenne den einen oder andern dieser Herren», antwortete der Befehlshaber nachlässig. Er sah den Kaufmann scharf an und fragte nach einer Pause: «Haben Sie mir nichts weiter mitzuteilen?»

Der Prinzipal verneinte, aber der andere fuhr schnell fort: «Ich begreife wohl, daß unsere ungewöhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet, direkt mit uns in Verbindung zu treten, und daß Sie, falls Sie irgendeinen Auftrag an uns haben, die höchste Vorsicht beobachten müssen.»

Lebhaft fiel ihm der Kaufmann ins Wort: «Bevor Sie weitersprechen, versichere ich nochmals als Mann von Ehre, daß ich nur in meinen Angelegenheiten herkomme und daß diese Angelegenheiten nur die angegebenen sind. Da ich aber aus Ihren Worten und aus manchem, was ich auf dem Wege gehört habe, schließe, daß Sie mich für einen Bevollmächtigten, gleichviel von wem, halten, so fühle ich mich gezwungen, Ihnen zu sagen, daß ich in keinerlei Auftrag hierher hätte reisen können, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen, unmöglich ist.»

Der vornehme Häuptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach einem Augenblick finstern Schweigens: «Gleichviel, Sie sollen darunter nicht leiden. – Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrückt haben, ist so ungewöhnlich, daß er bei einer regulären Obrigkeit durchaus nicht erfüllt werden konnte; wenn uns nicht vergönnt ist, Sie für einen Freund zu halten, so gebietet uns die Pflicht der Notwehr, Sie und Ihr Eigentum als feindlich zu behandeln. Aber die Männer meines Volkes haben, sooft sie zu den Waffen griffen, die verhängnisvolle Tugend gehabt, auch andern einen großen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst willen auch da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen hatten. Seien Sie überzeugt, daß ich, soviel an mir liegt, dazu beitragen werde, Ihr Eigentum frei zu machen.»

So sprach der Edelmann mit Selbstgefühl und in prächtiger Haltung, und Anton fühlte lebhaft, daß etwas wahrhaft Edles aus den Worten hervorleuchtete; aber er war schon zu sehr Geschäftsmann, um sich solchem Eindruck ganz hinzugeben, und ein recht gemeines Bedenken fiel als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. Er verspricht uns Hilfe und hat sich noch nicht einmal überzeugt, ob das in der Tat unser Eigentum ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.

«Leider bin ich nicht so souverän», fuhr der Anführer fort, «daß ich Ihnen ohne weiteres Ihr Verlangen erfüllen kann. Indes hoffe ich, Ihnen auf morgen einen Freipaß für Ihre Wagen durchzusetzen. Vor allem suchen Sie selbst zu ermitteln, wo Ihr Eigentum sich befindet; ich werde Ihnen einen meiner Offiziere zum Schutz mitgeben. Morgen früh das Weitere.»

Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton sah beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermüdet in einen weichen Samtstuhl setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff seines schönen Terzerols spielte.

Ein kleiner Herr mit einer großen Schärpe, fast noch ein Kind, aber von zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im Herausgehen wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrüßt, und Anton sah, daß das Vorzimmer sie noch immer für diplomatische Charaktere hielt. Der Offizier fragte, wohin er die Herren begleiten sollte; sein Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.

«Zu unserm Schutz oder zu unserer Bewachung?» fragte Anton heiter, denn er hatte jetzt guten Mut.

«Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu betrachten», antwortete der kleine Krieger in elegantem Französisch.

«Nein», sagte der Kaufmann, mit Teilnahme auf den Jüngling blickend, «aber wir werden Sie ermüden, denn wir haben noch heut sehr uninteressante und gewöhnliche Geschäfte abzumachen.»

«Ich tue nur meine Pflicht», antwortete mit stolzer Haltung der Führer, «wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wünschen.»

«Und wir die unsere, wenn wir eilen», sagte der Kaufmann.

So schritten die Reisenden durch die Straßen der Stadt. Die Nacht war eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wüste Treiben noch peinlicher. Haufen des niedrigsten Pöbels, Patrouillen des Heeres, Scharen von flüchtigen Landbewohnern drängten sich schreiend, fluchend, singend durcheinander; viele Fenster waren erleuchtet, und der Lichterglanz verbreitete über den Straßen eine schattenlose, gespenstische Helle. Über die Häuser wälzten sich dichtgeballte, rötliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb Schwärme goldener Funken und lohende Holzsplitter über die Häupter der Reisenden. Dazu heulten die Glocken der Türme mit schauerlicher Stimme eintönigen Klagegesang. Die Reisenden eilten schweigend durch das Gedränge, die trotzigen Worte ihres Begleiters öffneten ihnen einen Weg auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu dem Hause, in welchem der Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen, und lange mußten sie pochen, bis ein Fenster geöffnet wurde und eine ängstliche Stimme in den Straßenlärm hinunterrief, wer da sei.

Als sie eintraten, lief ihnen der Agent händeringend entgegen und fiel dem Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen[*] Insurgenten verhinderte ihn, seinen Gefühlen Worte zu geben; er öffnete den Ankommenden sein Zimmer und bat mit kläglicher Stimme um Entschuldigung wegen der übergroßen Unordnung. Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen und Dienstboten liefen ängstlich ab und zu, versteckten hier silberne Leuchter und packten dort wieder silberne Löffel aus. Unterdes rang der Hausherr unaufhörlich die Hände, ging in der Stube auf und ab, beklagte sein Unglück und das Unglück der Handlung, segnete und bedauerte die Ankunft des Kaufmanns in einem Atemzuge und versicherte dazwischen dem jungen Krieger mit gepreßter Stimme, daß auch er Patriot sei und daß nur ein unbegreifliches Versehen des Dienstmädchens die Kokarde von seiner Hausmütze abgetrennt habe. Es war ersichtlich, daß der Mann und seine Familie den Kopf verloren hatten. Mit Mühe und nur durch ernste Worte brachte ihn der Kaufmann so weit, daß er ihm in einer Fensterecke über den Stand der Geschäfte Auskunft gab. Die Frachtwagen waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tage, an dem der Aufruhr losbrach. Durch die Vorsicht eines Fuhrmannes waren sie in dem großen Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der Zeit aus dem Transport geworden war, wußte der Agent nicht.

Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: «Ihre Gastfreundschaft nehmen wir heut nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo unsere Wagen sind.» Alle Einwendungen des Agenten wurden mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Der ehrliche, aber schwache Mann schien wahrhaft bekümmert über die neuen Gefahren, denen sich sein Geschäftsfreund aussetzen wollte.

«In der Frühe hole ich Sie ab», sagte der Kaufmann beim Scheiden. «Ich beabsichtige morgen mit meinem Wagen abzureisen, vorher werde ich bei unsern Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, notwendig sind, dabei wünsche ich Ihre Begleitung.» Der Agent versprach, bei Tageslicht alles mögliche zu tun.

So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem Polen, welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehört hatte. Auf der Straße sagte der Prinzipal, seine Zigarre unwillig wegwerfend, zu Anton:

«Unser Freund wird uns wenig nützen, er ist hilflos wie ein Kind. Er hat versäumt, im Anfange dieser wilden Tage seine Pflicht zu tun, Gelder einzuziehen und Deckung für unsere Forderungen zu suchen.»

«Und jetzt wird niemand den Willen haben», sagte Anton bekümmert, «weder uns Zahlung zu leisten noch Deckung zu geben.»

«Und doch müssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei helfen. Bei Gott; solche kriegerischen Kämpfe sind für den Verkehr ohnedies unbequem genug, sie lähmen jede nützliche Tätigkeit des Menschen, und doch ist's diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein Tier zu werden. Wenn aber ein Geschäftsmann sich noch mehr stören läßt, als nötig ist, so begeht er ein Unrecht gegen die Zivilisation, ein Unrecht, das gar nicht wiedergutzumachen ist.»

So kamen sie in einen Stadtteil, in welchem leere Straßen und die Totenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lärm und die Röte am Himmel abstachen. Endlich machten sie halt vor einem niedrigen Gebäude mit großem Torwege. Sie traten ein und sahen in die Wirtsstube, einen schmutzigen Raum mit geschwärzten Deckbalken, in welchem sich auf Holzbänken und Tischen schreiende und Branntwein trinkende Patrioten drängten. Der junge Offizier trat auf die Schwelle und rief nach dem Wirt. Eine dicke Figur mit rotglühendem Gesicht tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. «Im Namen der Regierung Zimmer für mich und meine Begleiter», forderte der andere. Widerwillig ergriff der Wirt einen verrosteten Schlüsselbund und ein Talglicht und führte die Fremden in den Oberstock, dort öffnete er ein dumpfiges Zimmer und erklärte mürrisch, er habe keine andere Unterkunft.

«Schafft uns ein Abendbrot und eine Flasche von Eurem besten Wein», sagte der Kaufmann, «wir bezahlen Euch gut und sogleich.»

Diese Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirts sichtlich, er kam sogar auf den unglücklichen Einfall, höflich auszusehen. Jetzt fragte der Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirte quer. Zuerst versuchte er gar nichts zu wissen und behauptete, es seien viele Wagen in seinem Hofe aufgefahren und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne sie nicht.

Vergebens bemühte sich der Kaufmann, ihm den Zweck seiner Herkunft verständlich zu machen, der Wirt blieb verstockt und verfiel wieder in mürrische Grobheit, bis der junge Pole dazwischentrat und dem Kaufmann bemerkte, mit solchen Leuten müsse man anders reden. Er stellte sich vor den Wirt, bezeichnete ihn mit mehreren Hundenamen und versprach, ihn auf der Stelle arretieren und abführen zu lassen, wenn er nicht die genaueste Auskunft gäbe.

Der Wirt sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen und einen der Fuhrleute heraufzuschicken.

Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklärte endlich mit erzwungener Freundlichkeit, er sei da.

«Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?»

Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen zögernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.

«Ihr steht mir dafür, daß Eure Ladung vollständig und unversehrt ist?» fragte der Kaufmann.

Mißvergnügt antwortete der Filzhut, er könne dafür nicht stehen. Die Pferde des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall verborgen, damit sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt würden; was von den Wagen heruntergekommen sei, könne er nicht wissen und nicht vertreten, jede Verantwortlichkeit höre bei solcher Unordnung auf.

«Wir sind in einer Diebeshöhle», sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter, «ich bitte um Ihre Hilfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.»

Andere Leute zur Ordnung bringen war gerade, was der junge Pole für seine Stärke hielt, denn er nahm lächelnd eine Pistole in die Hand und sagte verbindlich zu Anton: «Tun Sie wie ich und haben Sie die Güte, mir zu folgen.» Darauf faßte er den Fuhrmann beim Kragen wie einen erschossenen Hasen und schleppte ihn die Treppe hinunter in den Hausflur. – «Wo ist der Wirt?» rief er mit möglichst furchtbarer Stimme. «Der Hund von Wirt und eine Laterne!» Als die Laterne endlich gebracht wurde, führte er den ganzen Zug, die Fremden, den gefangenen Fuhrmann, den dicken Wirt und was bei dem Lärm sonst zusammengelaufen war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinem Gefangenen als Mittelpunkt eines Kreises auf, widmete dem Wirt noch einige Hundesöhne, schlug seinen Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den Kopf und sagte dann dem Kaufmann artig in französischer Sprache: «Der Schädel dieses Burschen klingt merkwürdig hohl, was wünschen Sie zunächst von diesen Tröpfen?»

«Haben Sie die Güte, die Fuhrleute zusammenzurufen.»

«Gut», sagte der Pole, «und dann?»

«Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der Finsternis möglich ist.»

«Möglich ist alles», sagte der Pole, «wenn Sie sich die Unbequemlichkeit machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich würde Ihnen zu einer Flasche Sauterne raten und zu einigen Stunden Ruhe. Man muß in solchen Zeiten die Gelegenheit nicht versäumen, sich zu stärken.»

«Ich würde es vorziehen, auf der Stelle die Wagen anzusehn», erwiderte der Kaufmann lächelnd, «wenn Sie nichts dagegen haben.»

«Ich bin im Dienst», sagte der Pole, «also frisch ans Werk, es sind genug Hände hier, um Ihnen die Lichter zu halten. – Ihr gottverdammten Schurken», fuhr er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den Wirt bedrohend, «ich führe euch alle zusammen ab und lasse Standrecht über euch halten, wenn ihr nicht auf der Stelle die übrigen Fuhrleute dieses Herrn vor meine Augen schafft. Wieviel sind ihrer?» fragte er französisch den Kaufmann.

«Es sind vierzehn Wagen», erwiderte dieser.

«Vierzehn müssen's sein», donnerte der Pole wieder die Leute an, «der Teufel soll all euren Großmüttern das Ärgste tun, wenn ihr euch nicht auf der Stelle vor diesem Herrn aufstellt.» Mit Hilfe eines alten Hausknechts wurde endlich etwa ein Dutzend der Fuhrleute herbeigeschafft, zwei waren nicht aufzutreiben; der Wirt gestand endlich, sie hätten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.

Der Pole schien nicht viel Wert auf diesen Patriotismus zu legen. Er sprach zum Kaufmann gewandt: «Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach der Ladung; wenn auch nur ein Stück fehlt, lasse ich über die ganze Gesellschaft Standrecht halten.» Dabei setzte er sich nachlässig auf eine Wagendeichsel und drehte die Spitzen seiner beschmutzten Glanzstiefel beim Licht der Laterne hin und her.

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