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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Es war kein imponierender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die Kaufleute anführten; mit einer gewissen Gemütlichkeit im ruhigen Schritt seine Zigarre anzündend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur Seite Anton, dahinter drei stämmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren sie ungefähr auf dreißig Schritt einigen Bauern mit weißen Kitteln nahe gekommen, als diese ihre Gewehre anschlugen und durch einen polnischen Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief mit lauter Stimme in ihrer Sprache: «Ruft euern Anführer.» Gehorsam schrie einer von den Wilden mit heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die anderen behielten mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton ohne besonderes Wohlgefallen bemerkte, unter heimtückischem Augenblinzeln sämtlich gerade auf ihn. Unterdes kam mit großen Schritten der Anführer der Bande heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten Schnüren, eine viereckige rote Mütze mit grauem Pelz besetzt und hielt eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im ganzen betrachtet ein brauner Kerl von gefährlichem Aussehen, verziert mit einem schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunterhing. Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in unvollkommenem Polnisch mit kräftiger Stimme an: «Wir sind Freunde! Ich bin der Herr des Wagens dort und will mir ihn herüberholen; sagt Euern Leuten, daß sie mir dabei helfen, Ihr sollt ein gutes Biergeld haben.» Bei dem Wort ‹Biergeld› senkten sich die Gewehre hochachtungsvoll von selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich pathetisch in die Mitte der Heerstraße und begann eine Rede mit Handbewegungen, von welcher Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht alles verstand, die aber durch den Fuhrmann dahin erklärt wurde, der Mann bedaure, dem Herrn nicht dienen zu können, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Korps, den Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankämen, welche ihn nach ihrer Stadt schaffen sollten.

Der Kaufmann schüttelte gemütlich den Kopf und antwortete im Tone des ruhigen Befehls: «Das geht nicht, der Wagen gehört mir, und ich muß ihn mitnehmen, ich kann nicht so lange warten, bis Euer Führer mir die Erlaubnis gibt.» Dabei griff er in die Tasche und hielt dem insurgierten Bewohner des blauen Rockes ungesehen von den andern ein halbes Dutzend harte Taler hin: «Soviel für Euch und ebensoviel für Eure Leute.» Der Anführer sah auf die Taler, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, kraute sich heftig und drehte an seiner Mütze, worauf er endlich zu dem Resultat kam: Wenn die Sache so sei, möge der gnädige Herr den Wagen nur fortnehmen.

Im Triumph zog die Karawane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die Hebebäume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Höhe, lösten die Trümmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die Pferde vor, alles unter tätiger Mitwirkung einiger Bauern, brüderlich unterstützt von dem Kommandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum regierte. Darauf wurden die Pferde herzhaft angetrieben, und der Wagen rollte der Brücke zu unter lautem Hoi! hoi! des Krakusen, welcher dadurch vielleicht eine abmahnende Stimme in seinem Innern überschreien wollte.

«Gehen Sie mit dem Wagen voraus», sagte der Kaufmann zu Anton, und da Anton zögerte, seinen Prinzipal allein unter den Bauern zurückzulassen, fügte dieser befehlend hinzu: «Ich will es haben.» So fuhr der Wagen langsam an die Grenze, und schon von weitem hörte Anton das Lachen und die Grüße der Soldaten.

Unterdes blieb der Kaufmann in eifrigem Gespräch mit dem Dolmetsch und dem Bandenführer zurück und schied endlich im besten Einvernehmen von dem Insurgenten, welcher mit slawischer Höflichkeit den Hauswirt auf der Landstraße machte und die Reisenden mit abgezogener Mütze bis in die Schußweite von dem Militär begleitete. An der Brücke holte der Prinzipal den Wagen ein, machte das Halt! Wer da! der Vedetten und das damit verbundene kriegerische Zeremoniell durch und empfing auf heimatlichem Boden den lachenden Glückwunsch des Rittmeisters, während der Leutnant spöttisch zu Anton sagte: «Sie haben keinen Grund gehabt, die Abwesenheit Ihrer Schlüsselbüchsen zu bedauern.»

«Es ist besser so», antwortete Anton, «es war ein glattes Geschäft. Die armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Faß Rum.»

Eine Stunde darauf saßen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und der Jäger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen Flaschen alten Ungarweins, welche der Wirt aus dem tiefsten Winkel seines Kellers heraufgeholt hatte. Nicht am wenigsten vergnügt war Anton. Er hatte zum erstenmal in seinem Leben eine kleine anständige Kriegsgefahr durchgemacht und war im ganzen mit sich zufrieden, und jetzt saß er neben einem jungen Krieger, den er hochzuschätzen äußerst bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine Zigarre anzubieten und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.

«Die Bauern haben ja im Anfang auf Sie angelegt», sagte der junge Herr, nachlässig sein Bärtchen kräuselnd, «das war Ihnen wohl unbequem?»

«Nicht sehr», erwiderte Anton so kühl als möglich; «einen Augenblick wurde ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren und hinter den Flinten andere Männer mit ihren Sensen die Pantomime des Kopfabschneidens machten. Es kam mir befremdlich vor, daß die Mündungen alle gerade auf mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen zu tun und dachte nicht mehr daran. Und als auf dem Rückwege jeder unserer Fuhrleute behauptete, daß gerade nur auf ihn gezielt worden sei und auf keinen andern, da kam ich zur Ansicht, daß diese Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenläufe sein muß, eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.»

«Wir hätten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht hätten», antwortete der Leutnant wohlwollend. «Ihre Zigarren sind übrigens gut.»

Anton freute sich darüber und goß seinem Nachbar das Glas voll. So unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heute besonders aufgelegt war, sich mit den bunten Herren über Krieg und Frieden zu unterhalten. Anton sah, daß der Kaufmann die Offiziere mit einer gewissen förmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlässigen Ton, in welchem die Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam steuerte. Bald wurde das Gespräch allgemein, und man hörte mit Aufmerksamkeit dem Kaufmann zu, welcher von dem insurgierten Gebiet, mit dem er durch frühere Reisen bekannt war, erzählte und einzelne Führer des Aufstandes zu schildern wußte.

Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons großer Betrübnis nicht zufrieden mit der Anerkennung, welche seine Kameraden dem Zivilisten gönnten, und mit dem Löwenanteil, den dieser an der Unterhaltung erlangt hatte; er legte sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, sah wie zerstreut nach der Decke, spielte mit dem Säbelgriff und warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche eine gelangweilte Stimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwähnte, daß er am nächsten Morgen den Befehlshaber des Grenzkorps erwarte, und der Kaufmann darauf entgegnete: «Ihr Oberst wird vor morgen abend nicht hier eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm zusammentraf, so erzählt», da kam in dem jungen Offizier der Teufel des Hochmuts zum Durchbruch, und er sagte mit unartigem Ton: «Sie kennen unsern Obristen also persönlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und Kaffee bei Ihnen?»

«Wenigstens geschah das früher», sagte der Kaufmann artig, «ich selbst habe als junger Mann einigemal den Kaffee für ihn abgewogen.»

Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit, und einer der ältern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der beabsichtigten Grobheit, indem er etwas von einer höchst respektablen Handlung sprach, bei welcher jeder Militär oder Nichtmilitär seinen Bedarf nur mit Vergnügen entnehmen könnte.

«Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschäft haben, Herr Hauptmann», sagte der Kaufmann lächelnd; «ich bin allerdings stolz darauf, daß mein Geschäft respektabel geworden ist durch meine und meiner Angehörigen angestrengte Tätigkeit.»

«Leutnant Rothsattel! Sie führen die nächste Patrouille, es ist Zeit, daß Sie aufbrechen», erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der Leutnant.

«Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er große Stücke hält, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von Rothsattel nicht erst den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe bewacht?» fragte der Kaufmann mit ruhiger Artigkeit zum Rittmeister gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und ging rasselnd aus der Stube. Anton hätte seinen Liebling prügeln mögen, so zornig war er auf ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel durch ein lebhaftes Gespräch, welches er einleitete.

Es war spät geworden, und Anton sah mit Verwunderung, daß der Kaufmann fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirt zu machen und an dem Prüfen des Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke seiner Reise nicht recht verträglich war. Endlich, nachdem eine neue Flasche entkorkt war und auch der Rittmeister eine neue Zigarre des Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser leicht hin: «Ich wünsche morgen nach der insurgierten Hauptstadt zu reisen und erbitte mir Erlaubnis dazu, wenn diese nötig ist.»

«Sie wollen -», riefen die Offiziere rund um den Tisch.

«Ich muß», sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz auseinander, weshalb er müsse.

Der Rittmeister schüttelte den Kopf: «Zwar läßt der Wortlaut meiner Order zweifelhaft, ob ich die Grenze für jedermann zu verschließen habe, doch ist mir Absperrung des empörten Landes als der nächste Zweck unserer Aufstellung angegeben.»

«Dann würde ich meinen Wunsch dem Kommandeur vortragen müssen, das würde mich länger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufenthalt könnte den Zweck meiner Reise vereiteln. Wie Sie gütig mir mitteilten, herrscht gegenwärtig unter den Insurgenten noch erträgliche Ordnung, es ist unmöglich, daß diese lange anhält. In den Rücksichten aber, welche ich dort finde, liegt für mich die einzige Möglichkeit, meine Waren zu retten, denn die Frachtwagen kann ich nur mit Bewilligung der revolutionären Behörde aus der Stadt schaffen.»

«Und hoffen Sie diese zu erlangen?» fragte der Rittmeister.

«Es muß versucht werden», antwortete der Kaufmann. «Jedenfalls werde ich mich der Plünderung und Zerstörung meines Eigentums dort nach Kräften widersetzen.»

Der Rittmeister überlegte. «Was Sie tun wollen, setzt mich in einige Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglück zustößt, was ich fast fürchte, so könnte mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, daß ich Ihnen gestattet habe, die Grenze zu passieren. Kann Sie denn nichts bewegen, die Reise zu unterlassen?»

«Nichts», erwiderte der Kaufmann, «nichts als das Gesetz.»

«Liegt Ihnen denn so viel an den Frachtwagen, daß Sie Ihr Leben dafür in die Schanze schlagen wollen?» fragte der Rittmeister nicht ohne inneres Mißfallen.

«Ja, Herr Rittmeister, ebensoviel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht zu tun; es hängt für mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen als ein geschäftlicher Vorteil. Ich muß hinüber, wenn mich nicht ein unbedingtes und unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran hindert. Diesem würde ich mich zuletzt nicht entziehen, ich werde aber alles versuchen, für mich eine Ausnahme zu erwirken.»

«Wohlan», sagte der Rittmeister aufstehend, «ich will Ihrer Reise kein Hindernis in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie drüben unter keiner Bedingung etwas über die Stärke des Grenzpostens, die Aufstellung unserer Truppen und über das mitteilen, was Sie etwa von unsern projektierten Maßregeln gehört haben.»

«Ich gebe mein Wort», sagte der Kaufmann.

«Ihre Persönlichkeit bürgt mir zwar dafür, daß Ihre Angaben über den Zweck der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information wünsche ich aber die betreffenden Papiere zu sehen, wenn Sie solche bei sich haben.»

«Hier sind sie», sprach der Kaufmann ebenso geschäftsmäßig. «Hier mein Paß ins Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen Verkäufers, die Kopien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den hiesigen Spediteur und hier dessen Antwort. Die Beamten des Grenzzollamts und der Spediteur können außerdem die Wahrheit dieser Angaben bezeugen.»

Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurück. «Sie sind ein mutiger Mann, und ich wünsche Ihnen alles Glück», sagte er mit amtlicher Würde. «Und wie wollen Sie reisen?»

«Mit Postpferden. Im Falle man mir die Pferde verweigert, werde ich sie kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirt überlassen, ich werde morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht erwecken würde.»

«Wohlan, morgen bei Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme, rücken wir selbst spätestens in drei Tagen in Feindesland; falls ich bis dahin keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten Stadt aufsuchen. Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits zu lange gedauert.»

So zogen die Herren vom Militär mit geschäftigem Klirren ab, und Anton und sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der Kammer. Der Kaufmann öffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton, welcher den letzten Verhandlungen in großer Aufregung zugehört hatte. «Wir werden uns hier trennen, lieber Wohlfart», fing er an.

Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit Tränen in den Augen: «Erlauben Sie mir, mit Ihnen zu gehen, schicken Sie mich nicht in das Geschäft zurück. Es würde mir mein ganzes Leben hindurch ein unerträglicher Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von Ihnen gegangen wäre.»

«Es ist unnütz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu tun ist, kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgendeine Gefahr ist, was ich nicht glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schützen, ich würde nur das peinliche Gefühl haben, daß ich einen andern um meinetwillen in Verlegenheit gebracht habe.»

«Ich würde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen wollten», bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals haltend. «Auch Fräulein Sabine hat es gewünscht», fügte er hinzu, indem er in weiser Steigerung den stärksten Überredungsgrund zuletzt aus seinem bewegten Gemüt heraufholte.

«Sie ist ein furchtsames Mädchen», sagte der Kaufmann lächelnd. «Indes, da Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen zusammen; rufen Sie den Wirt und lassen Sie uns die Reisegelegenheit besprechen.»

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