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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und erfreut über den Eifer der Jugend, erwiderte er: «So mag es sein. Sie begleiten mich morgen früh bis zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit für längere Zeit nötig werden, so wird es vorteilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu informieren. Bis dahin mag Jordan die laufenden Geschäfte besorgen. Es ist nicht nötig, daß von unserer Reise hier am Ort viel verlautet. Und jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer Hausknechte erwartet auf der Eisenbahn die Nachtzüge; man hat mir versprochen, daß die Zugführer uns Antwort zurückbringen sollen. Ist die Antwort so, wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie wohl!»

Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, daß Sabine in heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem Zimmer, packte geräuschlos eine Reisetasche, holte die damaszierten Pistolen heraus, welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich halbentkleidet auf das Bett, wo er erst spät den Schlummer fand. Gegen Morgen weckte ihn ein leises Klopfen, der Bediente meldete: «Die Briefe von der Eisenbahn sind gekommen.» Anton eilte in das Kontor und fand dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal in lebhaftem Gespräch; bei seinem Eintritt rief ihm Herr Schröter aus den geschäftlichen Verhandlungen kurz zu: «Wir reisen!»

‹Gut›, dachte Anton. ‹Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit Sensenmännern, und wir zwingen sie, unsere Waren herauszugeben, denn daß sie uns zwingen könnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht angenommen werden.›

Nie hatte Anton lauter die Türen geschlossen, schneller die Treppenstufen gemessen und kräftiger die Hände seiner Kollegen geschüttelt als in der nächsten Stunde. Als er so geschäftig durch den dunklen Hausflur eilte, hörte er ein leises Rauschen neben sich. Sabine trat schnell an ihn heran und faßte seine Hand: «Wohlfart, schützen Sie meinen Bruder vor Gefahr!» Anton versprach mit maßloser Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu tun, fühlte nach seinen geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst geladen mit den edelsten und seligsten Gefühlen, welche je ein junger Held gehabt hat. Er zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen seines Prinzipals, gehoben durch das zarte Verhältnis, in das er zu der Heiligen des Geschäfts getreten war. Er war glücklich.

Das Dampfroß schnaubte und raste über die weite Tallandschaft wie ein Pferd aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saßen Soldaten, sie hingen auf den Frachtstücken, sie guckten aus den kleinen Fenstern der Packwagen; überall glänzten Bajonette und Helme, überall steckten Tornister, Feldkessel und Trommeln. Auf allen Stationen standen die Haufen der Neugierigen, überall hastige Fragen und Antworten, überall aufregende Neuigkeiten, schreckliche Gerüchte und abenteuerliche Erzählungen. Anton war froh, als sie sich am Ende der Bahnstrecke aus der kriegerischen Masse lösten und in einer leichten Chaise mit Kurierpferden der Grenze zurollten. Auf der Landstraße war es still, leerer als gewöhnlich, nur kleine Abteilungen aus den Garnisonen nahe der Grenze wurden noch von den Reisenden überholt. Die Mannschaft sang lustig, als zöge sie zum Manöver, hier und da machte der Spaßvogel der Kompanie seinen Witz über die schnellfüßigen Zivilisten, zuweilen ritt ein Offizier grüßend an den Wagen, wenn er den Prinzipal kannte oder einen Auftrag für sein Nachtquartier vorauszusenden hatte. Der Kaufmann sprach zu Anton gar nicht vom Geschäft, aber mit großer Heiterkeit von allem andern, von früheren Erlebnissen, von dem Treiben an der Grenze, von Schmugglern und Zollwächtern, und behandelte seinen Reisegenossen mit der vertrauten Herzlichkeit, welche ein älterer Kamerad dem jüngeren zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schröter eine Kälte, welche den kriegerischen Mut Antons ein wenig dämpfte; denn als dieser auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfältig aus einer Wagentasche in die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem Blick auf die beiden Läufe, und als die Reisenden bei den letzten Häusern des Orts vorübergerollt waren, wies er auf die braunen Kolben, welche brüderlich aus der Tasche hervorragten, und sagte zu Anton: «Ich glaube nicht, daß Ihnen gelingen wird, durch die Kanonen unsere Waren wieder zu erobern. Sind sie geladen?»

Anton bejahte und erwiderte mit dem letzten Rest seines kriegerischen Selbstgefühls: «Es sind gezogene Läufe.»

«So?» sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche, rief dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und schoß kaltblütig beide Läufe ab. «Es ist besser, wir beschränken uns auf die Waffen, die wir zu gebrauchen gewöhnt sind», bemerkte er gutmütig, indem er Anton die Pistolen zurückgab, «wir sind Männer des Friedens und wollen nur unser Eigentum zurück haben. Wenn wir es nicht dadurch erhalten, daß wir andere von unserem Recht überzeugen, so ist keine Aussicht dazu. Es wird dort drüben viel Pulver unnütz verschossen werden, alles Ausgaben, welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen ruinieren. Es gibt keine Rasse, welche so wenig das Zeug hat, vorwärtszukommen und sich durch ihre Kapitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die slawische. Was die Leute dort im Müßiggang durch den Druck der rohen Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns tun so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Not ertragen. Dort drüben erheben die Privilegierten den Anspruch, das Volk darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden könnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu als dieses Volk Sperlinge auf den Bäumen. Das schlimmste ist nur, daß wir ihre unglücklichen Versuche auch mit unserm Gelde bezahlen müssen.»

«Sie haben keinen Bürgerstand», sagte Anton eifrig beistimmend.

«Das heißt, sie haben keine Kultur», fuhr der Kaufmann fort, «es ist merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Zivilisation und Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.»

«Da ist doch Konrad Günther in der insurgierten Stadt vor uns, dann die Geschäfte der drei Hildebrand in Galizien», warf Anton ein.

«Brave Leute», stimmte der Kaufmann bei, «alle aber eingewandert, und der ehrbare Bürgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die nächste Generation. Was man dort Städte nennt, ist nur ein Schattenbild von den unsern, und ihre Bürger haben blutwenig von dem, was bei uns das arbeitsame Bürgertum zum ersten Stande des Staates macht.»

«Zum ersten?» fragte Anton.

«Ja, lieber Wohlfart; die Urzeit sah die einzelnen frei und in der Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegierten Freien und der leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Städte groß wuchsen, sind zivilisierte Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimnis offenbar geworden, daß die freie Arbeit allein das Leben der Völker groß und sicher und dauerhaft macht.»

Im Abendlicht kamen die Reisenden am Grenzort an. Es war ein kleines Dorf, welches außer den Zollgebäuden und den Wohnungen der Grenzbeamten nur ärmliche Hütten und eine Schenke zu zeigen wußte. Auf dem freien Platz zwischen den Häusern und um das Dorf herum biwakierten zwei Schwadronen Reiter, welche ihre Posten längs dem schmalen Grenzfluß aufgestellt hatten und mit einer Abteilung Jäger die Grenze bewachten. In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und Jäger zogen ein und zogen aus, Husaren und Jäger saßen Kopf an Kopf gedrängt in der kleinen Gaststube, bunte Dolmane und grüne Röcke lagerten um das Haus herum auf Stühlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem möglichen Gerät, welches irgendeine Art des Sitzens gestattete. Wie unzählige Herren Pixe kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie mit der Schenke und allem Inhalt derselben, lebendigem und flüssigem. Mit lautem Gruß empfing der jüdische Wirt den wohlbekannten Kaufherrn; durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum des Hauses frei gemacht für die Reisenden, ein kleiner Verschlag, in welchem sie die Nacht wenigstens allein verbringen konnten.

Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Führer der Wagen, welche vor kurzem durch das Geschäft expediert waren. Ganz ohne Unfall war es mit ihnen nicht abgegangen. Wie der älteste erzählte, waren sie auf der Straße jenseits der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten Bauernschwarms zur eiligen Rückkehr getrieben worden. Beim Umwenden war ein Rad des letzten Wagens zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst die Pferde ausgespannt und den Wagen jenseits der Grenze stehenlassen. Während der flüchtige Führer mit dem abgezogenen Hut in der Luft umherfocht und seine Entschuldigungen machte, trat der kommandierende Rittmeister zu dem Kaufmann und bestätigte die Aussage der Leute.

«Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseits der Brücke an der Straße hängen sehen», erklärte er, und als der Kaufmann um Erlaubnis bat, die Brücke zu betreten, sagte er zuvorkommend: «Ich werde Ihnen einen meiner Offiziere mitgeben.»

Ein junger Offizier der Schwadron, welcher soeben von einer Patrouille zurückgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.

«Leutnant von Rothsattel», rief der Rittmeister, «begleiten Sie die Herren auf die Brücke.»

Mit Entzücken hörte Anton den Namen, an welchen sich für ihn so holde Erinnerungen knüpften. Er wußte augenblicklich, daß der Herr auf dem wilden Pferde niemand anders sein konnte als der Bruder des Fräuleins vom See. Der Leutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der Oberlippe, sah seiner Schwester so ähnlich, wie einem jungen Reiteroffizier in Beziehung auf das allerschönste irdische Fräulein nur möglich ist. Anton fühlte auf der Stelle eine freundschaftliche Hochachtung für ihn, welche der junge Herr aus Antons Gruß wohl herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen seines kleinen Kopfes. Tänzelnd bewegte sich sein Pferd neben den Kaufleuten bis zur Brücke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistolen mit gespanntem Hahn in der Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde verrieten manchmal durch eine Schweifbewegung oder durch ein Stampfen der Füße das mutige Leben. Die Reisenden eilten auf die Mitte der Brückenwölbung und sahen mit spähendem Blick die Landstraße hinab. Vor ihnen in der Ferne lag der riesige Wagen, wie ein weißer Elefant lag er verwundet auf einem Knie.

«Vor kurzem war noch nicht geplündert», sagte der Leutnant, «die Leinwand hing noch dickbäuchig darüber. Ja, sie haben ausgeräumt; dort an der Ecke flattert die weiße Decke.»

«Es scheint nicht arg zu sein», antwortete der Prinzipal.

«Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinüberschaffen wollen, können Sie das Ding abholen», bemerkte der Leutnant nachlässig. «Unsere Leute hatten den ganzen Tag große Lust dazu. Sie hätten gern nachgesehen, ob etwas Trinkbares darin ist. Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu überschreiten. Sonst ist's eine Kleinigkeit, den Wagen herüberzuschaffen, wenn der kommandierende Offizier Ihnen erlaubt, die Posten zu passieren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden.» Dabei wies er auf einen Haufen Bauern, welche jenseits der Brücke außerhalb Schußweite hinter einigen verkrüppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann als Posten auf die Landstraße vorgestellt hatten.

«Wir wollen den Wagen holen, wenn der kommandierende Offizier erlaubt», sagte der Prinzipal, «ich hoffe, es wird möglich sein, mit den Leuten dort zu unterhandeln.»

Und Anton konnte sich nicht enthalten zu murmeln: «Den ganzen Tag haben die Herren ein paar tausend Taler auf der Landstraße liegenlassen, sie hätten Zeit genug gehabt, den Wagen für uns zurückzuschaffen.»

«Man muß keine unbilligen Forderungen an das Heer machen», antwortete der Kaufmann lächelnd, «wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns erlauben, unser Eigentum aus den Händen der Bauern zu holen.» Die Reisenden eilten zum Rittmeister zurück, und der Kaufmann teilte diesem seinen Wunsch mit.

«Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen», erwiderte dieser.

Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal fragte, wer ihn mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut für den Schaden an den Pferden. Nach einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schütteln der Hüte erklärten mehrere ihre Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde angeschirrt, ein Kinderschlitten des Schenkwirts hervorgeholt, ein Rad und einige Hebebäume darauf gelegt, und die kleine Karawane zog der Brücke zu, verfolgt von beifälligen Scherzen der Soldaten und begleitet von einigen Offizieren, welche an dem Feldzuge so viel Teilnahme verrieten, als sich mit ihrer kriegerischen Würde irgend vertrug.

An der Brücke sagte der Rittmeister: «Ich wünsche guten Erfolg, leider bin ich außerstande, Ihnen meine Mannschaft zu Hilfe mitzugeben.»

«Es ist besser so», antwortete der Prinzipal grüßend, «wir wollen als friedliche Leute unsere Waren wieder holen und fürchten die Herren dort nicht, wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Güte, Herr Wohlfart, Ihre Pistolen zurückzulassen, wir müssen den Bewaffneten zeigen, daß uns der Kriegsapparat nichts angeht.»

Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder trotzig hervorsahen, er gab sie jetzt einem Schützen, den der Leutnant Rothsattel herbeiwinkte. So zogen sie über die Brücke. Am Ende der Grenzbrücke parierte der Leutnant unwillig sein Pferd und brummte: «Diese Pfeffersäcke rücken eher ein als wir», und der Rittmeister rief ihnen noch nach: «Sollten Ihre Personen in Gefahr kommen, so werde ich es für keine Überschreitung meiner Order halten, wenn ich Ihnen Leutnant von Rothsattel mit Mannschaft zu Hilfe schicke.» Der Leutnant stob zurück und kommandierte den Zug, welcher in einiger Entfernung hielt, sehr kampflustig: «Still gesessen!», worauf er wieder bis an das Ende der Brücke vorsprengte und mit großem Interesse und kriegerischer Ungeduld den Zivilisten nachsah. Zu seiner und des Kriegsheeres Ehre muß an dieser Stelle bekannt werden, daß sowohl er als sein Zug den Einrückenden warmen Empfang und ernste Unbequemlichkeiten herbeiwünschten, damit sie selbst das Recht erhielten, sich hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.

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