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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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10

An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten Brief an Finks Adresse. Fink öffnete den Brief und ging schweigend auf sein Zimmer. Als er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm hinauf. Er fand Fink auf dem Sofa sitzend, den Kopf auf die Hand gestützt.

«Du hast eine traurige Nachricht erhalten?» fragte Anton.

«Mein Oheim ist gestorben», erwiderte Fink, «er, vielleicht der reichste Mann der Wallstreet in New York, ist auf einer Geschäftsreise mit der Maschine eines Mississippibootes in die Luft geflogen. Er war ein unzugänglicher Mann; mir hat er in seiner Art viel Güte erzeigt, und ich habe ihm als törichtes Kind mit Undank vergolten. Dieser Gedanke macht mir den Tod bitter. Außerdem wird das Fakt entscheidend für meine Zukunft.»

«Du willst fort von uns?» fiel Anton erschrocken ein.

«Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz im Westen der Vereinigten Staaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein großer Landspekulant, und es gilt jetzt, schwierige und verworrene Verhältnisse zu lösen. Deshalb will mein Vater, daß ich so schnell als möglich nach New York gehe, und auch ich merke, daß die persönliche Anwesenheit der Erben dort nötig ist. Mein Vater hat auf einmal ein großes Zutrauen zu meiner Umsicht und Geschäftskenntnis bekommen. Lies selbst seinen Brief.»

Anton zögerte, den Brief zu nehmen. «Lies, Anton», sagte Fink mit trübem Lächeln, «in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine Geheimnisse.» Anton sah auf eine Stelle: ‹Die vortrefflichen Zeugnisse, welche Herr Schröter mir über Deinen praktischen Sinn und Deinen Scharfblick im Geschäft eingesendet hat, veranlassen mich, Dich zu ersuchen, daß Du selbst hinübergehst. Ich würde Dir in diesem Falle Herrn Westlock aus unserm Geschäft zur Hilfe mitgeben.›

Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink fragte: «Was sagst du zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig erteilt? Wie du weißt, habe ich einen Grund, zu glauben, daß ich nicht in seiner Gunst stehe.»

«Und doch halte ich das Lob für gerecht und sein Urteil für richtig», erwiderte Anton.

«Gleichviel aus welchen Gründen es gegeben ist», versetzte Fink, «es entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewünscht habe, Grundbesitzer jenseits des Wassers. – Auch wir müssen uns trennen, lieber Anton», fuhr er fort und hielt dem Freunde die Hand hin, «ich habe nicht geglaubt, daß das so schnell kommen würde. Doch wir sehen uns wieder.»

«Vielleicht», sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben fest. «Jetzt aber geh zu Herrn Schröter, er hat das erste Anrecht, zu erfahren, daß du uns verlassen willst.»

«Er weiß es bereits, auch er hat einen Brief meines Vaters erhalten.»

«Um so mehr wird er erwarten, daß du mit ihm sprichst.»

«Du hast recht, laß uns gehen!»

Anton eilte auf seinen Platz zurück, und Fink trat in das kleine Zimmer des Prinzipals hinter dem zweiten Kontor. Der Kaufmann kam ihm ernst entgegen und sagte, nachdem er in würdiger Weise seine Teilnahme ausgedrückt hatte: «Es versteht sich, daß von dieser Stunde an Ihr Verhältnis zu meinem Geschäft gelöst ist; während der Tage, welche Sie noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als einen Gast meines Hauses zu betrachten, dem ich für seine Tätigkeit in meinem Interesse zu vielem Dank verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und lassen Sie uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.»

Fink sagte vom Sofa aus mit ebenso großer Artigkeit: «Die Bestimmungen, welche mein Vater über meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit dem zusammen, was ich mir selbst für meine künftige Tätigkeit gewünscht habe, daß ich Ihnen meinen Dank dafür aussprechen muß. Ihre Urteile über mich sind günstiger gewesen, als ich es nach manchem, was vorgefallen ist, erwartet habe. Waren Sie in der Tat zufrieden mit mir, so wird es mich freuen, wenn ich aus Ihrem Munde dasselbe höre.»

«Ich war es nicht ganz, Herr von Fink», erwiderte der Kaufmann mit Haltung. «Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht verhindern, zu beurteilen, daß Sie für eine andere, immerhin größere Tätigkeit vorzügliche Befähigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu disponieren und die Menschen unter Ihre Herrschaft zu bringen und besitzen eine ungewöhnliche Energie des Willens. Für solche Natur ist das Pult im Kontor nicht der rechte Ort.»

Fink verneigte sich. «Es wäre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese Stellung ganz auszufüllen; ich bekenne, daß ich das nicht immer getan habe.»

«Sie kamen her, ohne an eine regelmäßige Tätigkeit gewöhnt zu sein, und haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem fleißigen Kontoristen unterschieden. Deshalb und weil ich die Überzeugung habe, daß Sie Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann als zum Fabrikanten passen, habe ich Ihrem Herrn Vater so über Sie berichtet, wie ich berichtet habe.»

«Sie halten mich für geeignet, Fabrikant zu werden?» fragte Fink mit einer Verbeugung, welche für die gute Meinung danken sollte.

«Im weitesten Sinne des Wortes», erwiderte der Kaufmann. «Jede Tätigkeit, welche neue Werte schafft, ist zuletzt Tätigkeit des Fabrikanten; sie gilt überall in der Welt für die aristokratische. Wir Kaufleute sind dazu da, diese Werte populär zu machen.»

«In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten», antwortete Fink und erhob sich von seinem Platz.

«Ihr Abgang wird für einen unserer Freunde ein großer Verlust sein», sprach der Kaufmann, den Erben begleitend.

Fink blieb stehen und sagte schnell: «Geben Sie mir ihn mit nach Amerika. Er hat das Zeug, dort sein Glück zu machen.»

«Haben Sie bereits mit ihm darüber gesprochen?» fragte der Kaufmann.

«Nein», antwortete Fink.

«So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und die bescheidene und regelmäßige Tätigkeit des Binnengeschäfts erscheint mir noch auf Jahre hinaus für die Bildung seines Charakters wünschenswert. Übrigens wissen Sie, daß ich durchaus kein Recht habe, seinen freien Entschluß zu bestimmen. Ich werde ihn ungern verlieren; wenn er aber die Überzeugung hat, in Ihrer Nähe schneller sein Glück zu machen, so werde ich nichts dagegen einwenden.»

«Gestatten Sie mir, ihn sogleich darüber zu fragen», ersuchte Fink.

Er rief Anton in das Kontor und sagte zu ihm: «Anton, ich habe Herrn Schröter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es würde mir viel wert sein, dich mitzunehmen; du weißt, daß ich an dir hänge, wir werden in den neuen Verhältnissen zusammen tüchtig vorwärtskommen, du selbst sollst die Bedingungen festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr Schröter überläßt deinem freien Entschluß die Entscheidung.»

Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche sich so plötzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm verlockend, aber er faßte sich schnell, sah auf den Prinzipal und fragte diesen: «Sind Sie der Meinung, daß ich gut tue, wenn ich gehe?»

«Nicht ganz, lieber Wohlfart», erwiderte der Kaufmann ernst.

«Dann bleibe ich», entschied Anton entschlossen. «Zürne mir nicht, daß ich dir nicht folge; ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimat als dies Haus und dies Geschäft; ich will, wenn Herr Schröter mich behalten will, bei ihm bleiben.»

Durch diese Worte fast gerührt, sagte der Kaufmann: «Denken Sie aber auch daran, daß Sie mit diesem Entschluß vieles aufgeben. In meinem Kontor können Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in großen Verhältnissen kennenlernen; unser Geschäft ist begrenzt, und es werden wohl die Tage kommen, wo die Beschränkung desselben auch Ihnen peinlich erscheinen wird. Alles, was eine Selbständigkeit Ihrer Zukunft sichert, Vermögen und Bekanntschaften, vermögen Sie drüben leichter zu erwerben als bei mir.»

«Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Ich will nach seinen Worten leben», antwortete Anton mit einer Stimme, die vor innerer Bewegung leise klang.

«Er ist und bleibt ein Philister», rief Fink in einer Art von Verzweiflung.

«Ich glaube, daß dieser Bürgersinn eine sehr respektable Grundlage für das Glück des Mannes ist», sagte der Kaufmann, und die Sache war abgemacht.

Fink sprach nicht weiter über den Vorschlag, und Anton bemühte sich, durch zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu zeigen, wie lieb er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.

Am Abend sagte Fink zu Anton: «Höre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine Frau mit hinüberzunehmen.»

Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie einer, der eine mächtige Erschütterung sich und dem andern verbergen will, fragte er in gezwungenem Scherz: «Wie? Du willst Fräulein von Baldereck -»

«Nichts da», rief Fink mutwillig, «was soll ich mit einer Frau machen, die keine andern Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu amüsieren?»

«An wen denkst du sonst? Du willst doch nicht der Tante vom Geschäft deinen Antrag machen?»

«Nein, mein Schatz, aber dem Fräulein vom Hause.»

«Um alles nicht», rief Anton bestürzt aufspringend, «das wird eine schöne Geschichte werden.»

«Gar nicht», versetzte Fink kaltblütig. «Entweder nimmt sie mich, und dann werde ich ein wohlberatener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann werde ich ohne Frau abreisen.»

«Du wirst ohne Frau abreisen», rief Anton. «Hast du denn je daran gedacht, Fräulein Sabine für dich zu wählen?» fragte er unruhig.

«Zuweilen», sagte Fink, «im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau und das edelste, uneigennützigste Herz von der Welt.»

Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine Andeutung verraten, daß ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame seiner Bekanntschaft. «Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?»

«Hast du mir etwas von deinen Empfindungen für eine andere junge Dame erzählt?» antwortete Fink lachend.

Anton errötete und schwieg.

«Daß sie mich wohl leiden mag, glaube ich», fuhr Fink fort, «ob sie mit mir geht, weiß ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren, ich gehe jetzt hinunter, sie zu fragen.»

Anton sprang zwischen seinen Freund und die Tür. «Noch einmal beschwöre ich dich, überlege, was du tun willst.»

«Was ist da zu überlegen, du Kindskopf ?» lachte Fink, aber eine ungewöhnliche Hast wurde in seinen Gebärden sichtbar.

«Liebst du denn Fräulein Sabine?» fragte Anton.

«Das ist wieder eine spießbürgerliche Frage», versetzte Fink. «Meinetwegen ja, ich liebe sie!»

«Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedlungen und Wälder?»

«Gerade deshalb will ich sie heiraten; sie wird ein hochherziges, starkes Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist nicht liebenswürdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern wie mit mancher andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich eins, das mich übersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu gemacht! Jetzt aber laß mich los, ich muß erfahren, wie ich daran bin.»

«Sprich nur erst mit dem Prinzipal», rief Anton dem Stürmenden nach.

«Zuerst mit ihr», sagte Fink und sprang die Treppe hinab.

Anton ging mit gefalteten Händen die Stube auf und ab; alles, was Fink an Fräulein Sabine rühmte, hatte guten Grund, das fühlte er lebhaft; er wußte, daß sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, daß sein Freund mit unbekannten Hindernissen zu kämpfen habe. Und diese Hast, dies Überstürzen war ihm unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene Natur. Und noch etwas mißfiel ihm. Fink hatte nur von sich gesprochen, hatte er denn auch an das Glück des Fräuleins gedacht, hatte er auch Sinn dafür, was es sie kosten würde, den geliebten Bruder zu verlassen, aus der Heimat zu scheiden, sich in ein fremdes Volk, vielleicht in ein wildes Leben zu wagen? Ja, er war überzeugt, Fink war der Mann, alle Blüten der Neuen Welt vor ihre Füße zu streuen, aber er war auch unruhig, stets viel beschäftigt, würde er immer ein Herz haben für die Gefühle seiner deutschen Frau? Unwillkürlich nahm unser Held in Gedanken wieder Partei gegen seinen Freund; es schien ihm, als dürfe Sabine nicht fort aus der Handlung, er fühlte tief die Leere, welche entstehen würde, wenn sie verschwunden wäre vom Mittagstisch, aus dem Haushalt und vor allem aus dem Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf und ab. Es wurde dunkel, aus den gegenüberliegenden Fenstern fiel ein matter Lichtschein in das finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht zurück.

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