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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Unterdes sagte unten Lenore zu Bernhard: «Ist Ihnen gefällig, in den Park zu gehen?» Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von seiner Anwesenheit erbaut schien. An dem grünen Platz, der einst Anton so entzückt hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. «Dort hinab geht es zum See und hier weiter hinein in den Garten.» Sie erhob die Hand zu einer verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend auf den Platz, auf die Türmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des Balkons und rief: «Das hab' ich schon einmal gesehen, und ich bin doch nie hier gewesen.»

Lenore blieb stehen: «Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, soviel ich weiß; es mag wohl andere geben, die ähnlich aussehen.»

«Nein», erwiderte Bernhard sich besinnend, «ich habe das Schloß auf einer Zeichnung im Zimmer meines Freundes gesehen. Er muß Sie kennen», rief er freudig, «und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.»

«Wie heißt dieser Herr, der Ihr Freund ist?»

«Es ist ein Herr Wohlfart.»

Das Fräulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: «Wohlfart? Ein Kaufmann bei T. O. Schröter, Kolonialwaren und Produkte? Ist's dieser Herr? – Und dieser Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft?» fragte sie streng und stellte sich vor Bernhard auf, die Hände auf dem Rücken wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen gestohlener Apfel ins Verhör nimmt.

Bernhard erzählte, wie er Anton kennengelernt hatte und wie lieb ihm der tüchtige Freund geworden war. Darüber verlor er etwas von seiner Befangenheit und das Fräulein viel von ihrer Strenge.

«Ja, wenn Sie so sind», sagte Lenore noch immer verwundert. «Also wie geht es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er lustig? Er hat wohl recht viel zu tun?»

Bernhard erzählte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenüber Platz zu nehmen. Als er geendet hatte, sagte sie freundlich: «Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund ist, so gratuliere ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen, daß Sie das auch sind.»

Bernhard lächelte: «Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit, meinen guten Willen dafür zu erweisen. Ich lebe still vor mich hin und zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft rech[*]t unnütz vor.»

«Das viele Studieren wäre nicht meine Sache», erwiderte Lenore. «Man sieht Ihnen auch an, daß Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen Sie, mein Herr, ich werde Sie herumführen. So setzen Sie doch Ihren Hut auf!»

Der Bediente trat mit dem Teebrett aus der Halle. Lenore winkte ihm und sah wohlwollend zu, als Bernhard den heißen Trank so eilig einschlürfte wie ein Ritter seinen Steigbügeltrunk. «Verbrennen Sie sich nicht», ermahnte sie.

Sie führte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte. Bernhard war ein Sohn der großen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen, nicht die blühenden Beete im grünen Rasen, auch nicht die Türmchen des Herrenhauses waren ihm etwas Ungewöhnliches, sein Auge hing nur an dem Fräulein. Es war ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel schräg durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und dunkeln Schlagschatten. Sooft ein Sonnenstrahl durch die Blätter auf Lenorens Haupt schoß, glänzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge, der feine Mund, die schlanken Glieder des kräftigen Mädchens nahmen die Empfindungen des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weißen kleinen Zähne, und er war entzückt; sie brach einen Zweig ab und schlug damit an die Büsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige und Blätter vor ihr auf den Boden.

Sie kamen zu der Brücke, welche am Ende des Parks nach dem Feld führte. Einige Mädchen liefen an Lenore heran, knicksten und küßten ihr die Hände, sie nahm diese Huldigung der Untertanen wie eine Königin hin. Zwei kleine Dirnen hatten die hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder zusammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, sie stellten sich verschämt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor.

«Hinweg, ihr unartiges Volk!» rief Lenore. «Wie könnt ihr uns den Weg versperren, der Herr kommt ja aus dem Schloß. – Sie lernen dies Wegelagern von den fremden Arbeitern.» Und Bernhard fühlte mit Stolz, daß er in diesem Augenblicke zu ihr gehörte. Er griff in die Tasche und löste sich von den Mädchen. «Es ist lange her, daß ich eine solche Kette nicht gesehen habe», sagte er. «Dunkel erinnere ich mich, daß ich als kleiner Knabe auch einmal auf einem grünen Platze saß und die Stiele zusammensteckte.» Er pflückte einige Stengel des Löwenzahns und versuchte die Kinderarbeit.

«Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude?» fragte Lenore lächelnd.

«O ja», erwiderte Bernhard. «Ich habe auch die spitzen Blüten von Akelei und Rittersporn zu runden Kränzen ineinandergesteckt und in meinen Büchern gepreßt, dann trocknete ich Blätter und ganze Blumen, dann legte ich ein Herbarium an. Was uns als Erwachsene interessiert, das knüpft sich häufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kind, das zufällig einige bunte Kristalle in die Hand bekam, wird vielleicht ein Mineraloge, und schon mehr als ein berühmter Reisender ist durch Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist immer eine Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann das gefunden hat, was seine Seele erfüllt.»

«Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder», sagte Lenore, «wir spielen mit den glänzenden Steinen und Blüten noch in unsern alten Tagen, gerade so wie die Mädchen vor uns. Und die Kunst ist so gefällig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur niemals das Spielzeug entbehren. – Wenn Sie so gut mit den Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist etwas für Sie», sie wies auf einen großen Klettenstrauch am Wege. «Haben Sie sich jemals eine Mütze aus Kletten gemacht?»

«Nein», antwortete Bernhard mit bangen Ahnungen.

«Sie sollen sogleich eine haben», entschied Lenore. Sie gingen zu dem Klettenstrauch. Bernhard pflückte die runden Köpfe ab und reichte ihr einige Hände voll hin. Sie nestelte die Kletten aneinander und machte eine Kappe mit zwei kleinen Hörnern daraus. «Das können Sie aufsetzen», sagte sie gnädig.

Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. «Allein wage ich's nicht», versetzte er, «die Vögel auf den Bäumen würden mich zu sehr anschreien. Wenn Sie auch eine Haube aufsetzen wollten -»

«Kletten können Sie nicht verlangen», erwiderte Lenore, «aber Sie sollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich zeige Ihnen, wie wir als Mädchen unsere Mützen gemacht haben.» Sie führte ihn an eine Stelle, wo eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen Gesichtern und gelben Strahlen am Rande des Gebüsches stand. Dort schnitt sie mit einem kleinen Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band sie zu einem Helm zusammen, den sie lachend aufsetzte. Es war ein fremdartiger Schmuck, und er gab dem schönen Gesicht ein wildes Aussehen. «Jetzt setzen Sie Ihre Kappe auf», befahl sie. Bernhard gehorchte, und sein ehrbares, faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weiße Krawatte erschienen unter der Klettenmütze so abenteuerlich, daß Lenore ihr Lachen nicht bekämpfen konnte und vergebens den Mund hinter ihrem Taschentuch verbarg. «Sie sehen schrecklich aus.» Bernhard nahm den Kopfputz sogleich wieder ab. «Kommen Sie zum Wasser, dort sollen Sie Ihr Spiegelbild sehen.»

Sie geleitete ihn zu der Stätte, wo der Grund des Fabrikgebäudes ausgegraben wurde. Es war ein wüster Platz. Erdhaufen, einige tausend Ziegel, Baumstämme und Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht und den Platz verlassen, nur einige Kinder aus dem Dorfe kauerten unter dem Holz und sammelten die Späne zum Abendfeuer. Wenige Schritte hinter der Baustelle zog sich eine Bucht des Sees heran, durch Gebüsch eingefaßt und mit grünen Wasserlinsen überdeckt. «Wie wüst es hier aussieht», klagte Lenore, «die Zweige der Sträucher sind geknickt, auch die Bäume sind beschädigt. Das alles macht der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher. Auch die Kinder vom Dorfe sind dreist geworden, sie haben hier einen Spielplatz aufgeschlagen, und es ist ihnen gar nicht zu wehren.»

In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehölzes hervor. Ein kleines Bauernmädchen, ein pausbäckiges, rundes Ding, stand darin und wankte ängstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr älterer Bruder mit einer Stange vom Ufer abstieß. «Sehen Sie», rief Lenore ärgerlich, «die Krabben haben auch unsern Kahn genommen. Wollt ihr sogleich ans Land!» Die Kinder erschraken über den Zuruf, dem Knaben fiel die Stange ins Wasser, das kleine Mädchen schwankte in der Angst des bösen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor das Gleichgewicht und sank in den Teich. Der Knabe trieb hilflos mitten in der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem Fall der Kleinen. «Retten Sie das Kind!» rief Lenore außer sich. Bernhard lief gehorsam in den See, ohne daran zu denken, daß er nicht schwimmen konnte, er watete einige Schritte vor und stand gleich darauf bis unter die Arme in Schlamm und Wasser. Er streckte die Hände nach der Stelle aus, wo das Kind versunken war, aber der Punkt war noch einige Klafter von ihm entfernt. Unterdes war Lenore schnell wie der Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenigen Augenblicken trat sie hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der Tiefe der grünen Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe Gestalt. Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige Kleid flog jetzt in leichten Falten an ihrem Leib herunter, aus dem entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt und stürzte sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem Haupt, in langen Stößen schwamm sie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock, noch zweimal griff sie mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt sich daran fest und spannte alle Kräfte an, das Kind hineinzuheben, sie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anstrengung zugesehen hatte, kämpfte sich an das Ufer zurück, er reichte ihr helfend die Hand und packte den Kahn, Lenore ergriff das bewußtlose Kind, Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten beide zu der nahen Gärtnerwohnung. Der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen her. Das nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schönen Formen des Körpers wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres Begleiters fast unverhüllt sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn hastig wieder hinaus. Mit Hilfe der erschrockenen Gärtnersfrau entkleidete sie das Kind und suchte das bewußtlose durch Reiben ins Leben zurückzubringen. Unterdes lehnte Bernhard draußen an der Tür vor Kälte klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glühen machte wie Kohlen. «Lebt das Kind?» rief er durch die Tür.

«Es lebt», rief Lenore vom Bett zurück.

«Gelobt sei Gott!» rief Bernhard und schlug die Hände zusammen; aber der Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schöne Weib da drin, von dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte als irgendein anderer Mann. Lange stand er so, schaudernd und vor sich hinträumend, bis eine hohe Gestalt in wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war Lenore in den Kleidern der Gärtnerin, noch ergriffen von der Anstrengung, aber mit einem fröhlichen Lachen auf den Lippen. Außer sich griff Bernhard in stürmischer Bewegung nach ihrer Hand und küßte sie mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen.

«Sie sehen schön aus, mein Herr», sagte Lenore heiter, «Sie werden sich erkälten.»

Er stand vor ihr, naß, am ganzen Körper triefend, mit Wasserlinsen und Schlamm überzogen. «Ich fühle nichts von Kälte», rief er, aber seine Glieder schütterten.

«Schnell in das Haus», trieb Lenore. Sie öffnete die Tür und rief der Frau zu: «Geben Sie dem Herrn Kleider des Gärtners zum Wechsel. – Dort in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.»

Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was sie von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen Bauernburschen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit schnellen Schritten auf und ab ging. «Kommen Sie nach dem Schloß», sagte das Fräulein, welches wieder eine ruhige Gönnermiene angenommen hatte.

«Noch einmal möchte ich das Kind sehen», bat Bernhard. Sie traten an das Bett, auf welchem das Mädchen lag, mit müden Augen sah die Kleine auf das faltige Gesicht des Mannes, der sich über das Lager beugte und ihr die Stirn küßte. «Es ist das Kind eines Tagelöhners aus dem Dorfe», sagte die Frau. Bernhard legte hinter Lenorens Rücken seine Börse auf das Bett.

Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal auf seinem Wagen ungeduldig die Rückkunft des Sohnes erwartete und mit maßlosem Erstaunen in dem Gärtnerburschen seinen Bernhard erkannte.

«Geben Sie dem Herrn einen Mantel», befahl Lenore dem Bedienten, «er friert. Wickeln Sie sich gut ein, Sie könnten sonst lange an Ihren Marsch unter die Wasserlinsen denken.»

Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte sich in den Mantel und drückte sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bad folgte brennende Hitze, stürmisch rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schönste Weib der Welt gesehen, er hatte etwas erlebt, was für ihn größer und hinreißender war als jeder Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit Scham dachte er daran, wie unbehilflich er selbst gewesen war, und wie von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der Heldin auf, welche so entschlossen und stark geholfen hatte. Nur kurze Antworten vermochte er auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saßen Vater und Sohn nebeneinander, kalte Arglist und die Glut der Leidenschaft. Beide hatten auf dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater ein Anrecht auf das schöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben neuen Inhalt gab.

Auf dem Gute stieg das Fabrikgebäude langsam in die Höhe, in dem Geldschrank Ehrenthals füllte sich die Kassette des Freiherrn mit seinen Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und während Bernhards zarter Leib an den Folgen des kalten Bades kränkelte, berauschte sich seine Seele an süßen Phantasien.

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