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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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9

Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte wenigstens einen Teil der Ziegel selbst zu brennen, er bezeichnete die Stämme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden sollten. Ein Baumeister wurde durch Ehrenthal empfohlen und ein Techniker von dem Freiherrn selbst angeworben. Er erkundigte sich sorgfältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Einrichtung und Betrieb seiner Fabrik übergeben wollte, und wünschte sich Glück, als er nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine ungewöhnliche theoretische Bildung besaß. Vielleicht war gerade diese letztere Eigenschaft vom Standpunkte des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem Erwählten wurde von zähen Praktikern nachgesagt, daß er nie eine Fabrik in ruhigem Betriebe lassen könne, sondern durch hastige Einführung neuer Erfindungen die tägliche Arbeit zu oft störe. Daher galt er für kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und Redlichkeit des Mannes natürlich die Hauptsache, mehr noch als jedem andern, weil er im stillen die Empfindung hatte, daß diese Eigenschaften des Technikers die Mängel seiner eigenen Leitung ausgleichen müßten.

So froh aber diese Aussichten waren, ein Übelstand war doch dabei. Ordnung und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren mitten im Sommer fortgeflogen wie die Störche, welche seit vielen Jahren hinter der großen Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch die neue Anlage belästigt. Die Baronin verlor eine Ecke des Parkes, sie erlebte das Herzeleid, daß ihr ein Dutzend mächtiger alter Bäume niedergeschlagen wurde. Ein Haufe fremder Arbeiter zog mit Hacke, Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm über das Gut. Sie zertraten die Grasplätze des Parks, sie lagerten in ihren Eßstunden in der Nähe des Schlosses und belästigten die Frauen oft durch ihren Mangel an Rücksicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahlreichen Diebstähle an Obst und Gemüse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die Unordnung, welche in seiner Wirtschaft einriß. Die neuen Leute, welche er angenommen hatte, erschwerten ihm die Aufsicht über das Gesinde. Die neuen Zugtiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn er sie am notwendigsten im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren für ihn gar nicht mehr vorhanden. Der Bedarf der Wirtschaft wurde größer, die Einnahmen drohten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für die Rübenkultur bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der Fruchtfolge mußte vieles geändert, die Taglöhner sollten für den neuen Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu trösten und brachte ihm manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er seinen Kummer mit den blauen Wolken in die Luft blasen konnte. Die schwerste Last trug natürlich der Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur von einzelnen Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein Gemeinplatz wie der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten sollte er Rat schaffen, Aufschluß geben, Schwierigkeiten überwinden. Fast täglich jagte er nach der Stadt, und wenn er am friedebringenden Abend auf dem Gute war, erschien er im Familienkreise sorgenvoll, mürrisch, abgespannt. Es war eine große Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war sehr schwierig, sie in Wirklichkeit zu verwandeln.

Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhänglichkeit Ehrenthals. Dieser wußte sich schnell nützlich zu machen, hatte stets einen guten Rat bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Oft besuchte er das Herrenhaus, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den Frauen. Diese gönnten ihm den Argwohn, daß seine Beschwörung die Flut von Geschäften heraufführe, welche sich durch alle Fenster und Türen des Schlosses ergoß. Glücklicherweise dauerten seine Besuche immer nur kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, daß er sich auf dem Gute nicht unbehaglich fühlte, so war sein Benehmen in betreff der Ehrerbietung doch durchaus untadelhaft.

An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und Busenkrause in das Zimmer seines Sohnes. «Willst du heut mitfahren auf das Gut der Rothsattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, daß ich dich mitbringen werde, um dich zu präsentieren der Familie.»

Bernhard sprang von seinem Sitz auf. «Aber Vater, ich bin den Herrschaften ja ganz fremd!»

«Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein, und wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das Fräulein, so wirst du sie kennen. Es sind gute Leute», fügte er wohlwollend hinzu.

Der Sohn hatte noch viel schüchterne Bedenken, aber der Vater schlug sie durch die bestimmte Erklärung nieder, daß der Freiherr ihn erwarte.

Bernhard saß im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die Pappeln an der Landstraße schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter ihm, lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und fragte: Wo kommst du her, Mann? Dich kenne ich nicht. Er rückte sich auf seinem Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger, seit er seine Dichter las, hatte er von der kleinen einsamen Stube sehnsüchtig auf das fröhliche Treiben solcher gesehen, welche darauflosleben und unnützes Grübeln hassen. Heut kam ihm vor, als ob er selbst ein wenig daraufloslebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem unbekannten Edelmann in das Haus einer berühmten Schönheit, die er sich ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick musterte er die vorübergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause, welche das Geld abnahm, fixierte er so unternehmend, daß sie ihr Brusttuch zurechtzog und ihn lächelnd anblinzelte. Unterdes floß das Herz des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und seine Familie über. «Noble Leute!» rief er. «Wenn du gesehen haben wirst diese Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube, alles so fein und alles so honett! Zu honett für die Welt, wie diese Welt einmal ist. Die Stücke Zucker sind zu groß, und der Wein, den man bei Tische trinkt, ist zu teuer, aber es ist ihre Qualität, es steht ihnen gut.»

«Fräulein Lenore soll eine große Schönheit sein», fragte Bernhard. «Ist sie so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen?» – Mein armer Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem noch aus einem andern Stande.

«Sie ist stolz», sagte der Vater, «aber es ist wahr, sie ist schön. Unter uns gesagt, sie gefällt mir besser als die Rosalie.»

«Ist sie blond?» Herr Ehrenthal dachte nach. – «Was soll sie anders sein als blond oder braun, freilich hat sie blonde Haare. Du kannst dir auch ansehen die Herde auf dem Gute, und vergiß nicht herumzugehen im Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findest, wo du gern sitzen möchtest mit deinem Buche.»

Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glänzenden Augen auf die dunklen Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.

Der Wagen hielt vor dem Schlosse. Der Bediente trat an den Schlag. Die Gäste erfuhren, daß der Freiherr in seinem Zimmer und im Augenblick nicht zu sprechen war, das Fräulein aber spazierte im Garten. Ehrenthal schritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm her. Über den Grasplatz kam die hohe Gestalt Lenorens langsam auf die Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog seinen linken Arm zu einem Kreis zusammen, steckte seinen Hut hinein und präsentierte: «Mein Sohn Bernhard; dies ist das gnädige Fräulein.» Bernhard verneigte sich tief. Es war nur ein kühler Gruß, den Lenore dem Gelehrten schenkte. «Wenn Sie zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.»

«Ich werde hinaufgehen», sagte Ehrenthal gehorsam. «Bernhard, du kannst unterdes zurückbleiben bei dem gnädigen Fräulein.»

In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tausend Taler auf den Tisch und sagte: «Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr Baron es mit der Sicherheit halten?»

«Nach unserer Verabredung muß ich Ihnen dafür Hypothek auf das Gut geben», erwiderte der Freiherr.

«Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Taler, das ich Ihnen zahle, können Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht viel Kosten und bringt das Gut in schlechtes Renommee. Lassen Sie vom Gericht ausstellen ein Hypothekeninstrument, welches auf eine große Summe lautet, ich will sagen, auf zwanzigtausend Taler. Lassen Sie es ausstellen auf den Namen der gnädigen Frau Baronin, so haben Sie eine Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und Ihr Gut wird noch nicht belastet durch ein neues Kapital. Und mir geben Sie jedesmal, sooft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir auf Ihr freiherrliches Wort versichern, daß ich für den Betrag der Summe, die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von zwanzigtausend Talern, welche im Hypothekenbuche steht zunächst hinter den Pfandbriefen. Das ist einfach, und es bleibt still zwischen uns beiden. Und wenn Sie keine weiteren Vorschüsse brauchen, dann machen wir die Sache vor dem Notar. Sie zedieren mir dann die Hypothek selbst, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurück und zahle Ihnen nach, wenn noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Talern. Ich verlange nichts von Ihnen als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches nicht größer ist als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Talern, so wäre mir's lieb, wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hause.»

Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte Ehrenthal seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: «Seien Sie ruhig, Herr Baron; dagegen, daß ich selbst aufheben will das Hypothekeninstrument, dürfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen Mißbrauch damit treiben, und es ist mir eine Beruhigung. Jeder Jurist wird Ihnen sagen, daß ich in diesen Sachen gegen Sie verfahre, wie es selten vorkommt im Geschäft. Oft wird ein Wort gebrochen, das einer dem andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf dieser Welt, so ist es für mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht geschäftlich, Herr Baron, daß ich so denke, so ist es doch freundschaftlich.»

Ehrenthal sagte das mit einem Ausdruck von Herzlichkeit, der nicht ganz erlogen war. Was er anbot, zeigte in der Tat großes Vertrauen. Nach vielen Beratungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maßregel gekommen. Er wußte, daß der Freiherr außer den zwanzigtausend Talern noch manches andere Kapital für die Fabrik brauchen würde. Es lag im Interesse auch des Händlers, daß der Freiherr noch andere Summen ohne Schwierigkeit erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte einen festen Glauben an den adligen Sinn des andern. Auch wenn ihn Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwerten Charakter des Gutsherrn aufmerksam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte, das war dem Freiherrn zuteil geworden. Der Herr war seit langer Zeit der Gegenstand seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eifersüchtigen Wachsamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirt sein Acker, der Hausfrau ihr Lieblingstier ist. Es war ein allerliebster kleiner Teil von gemütlicher Zuneigung in dem Verhältnis. Auch die Hausfrau vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleglings, sie betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament ungewöhnlich sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichste Stück seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergießt sie vielleicht eine Träne. Aber beim heiligen Antonius! So leid es ihr auch tut, sie wird das arme Ding doch schlachten.

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