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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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An demselben Abend saßen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube des Parks, beide waren allmählich verstummt. Die Mutter sah in tiefen Gedanken auf den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke stieß, welche das Licht vor der Nachtluft schützte.

Lenore beugte sich über ein Buch und warf zuweilen einen forschenden Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da knirschte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener Mütze heran und fragte nach dem gnädigen Herrn.

«Was bringen Sie?» fragte Lenore den Graukopf. «Ist etwas vorgefallen?»

«Mit dem alten Rappen geht's zu Ende», antwortete der Amtmann besorgt, «er hat wütend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt liegt er und keucht wie im Sterben.»

«Das wäre der Teufel!» rief Lenore aufspringend.

«Lenore!» schalt die Mutter.

«Ich komme, selbst nachzusehen», sagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten nach dem Hofe.

Das kranke Pferd lag auf seiner Streu, triefend von Angstschweiß, und seine Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Atemholen. Beim Schein der Stallaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch auf das leidende Tier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen hilfesuchend nach dem Fräulein.

«Es kennt mich noch», rief sie und winkte den stämmigen Großknecht beiseite.

«Es hat sich abgearbeitet», sagte der Mann, «jetzt ist's ruhig.»

«Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Tierarzt», befahl Lenore dem Knecht.

Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er antwortete zögernd: «Der Doktor ist niemals zu Hause; ehe er kommt, ist's mit dem Pferde zu Ende.»

«Gehorcht!» befahl Lenore kalt und wies nach der Tür. Der Knecht ging widerwillig hinaus.

«Was ist das mit dem Großknecht?» fragte Lenore, als sie mit dem Amtmann aus dem Stalle trat.

«Er tut nicht mehr gut und müßte fort, ich habe es dem gnädigen Herrn schon oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel betulich wie ein Ohrwurm; er weiß, daß er einen Stein im Brett hat; gegen alle andern Leute ist er widerhaarig, und ich habe täglich meinen Ärger mit ihm.»

«Ich will mit dem Vater sprechen», erwiderte Lenore, die Stirn faltend.

Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: «Ach, gnädiges Fräulein, wenn Sie sich der Wirtschaft etwas annehmen wollten, das wäre ein wahres Glück für das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht zufrieden. Die neue Wirtschafterin versteht die Mägde nicht zu traktieren, sie ist zu flatterhaft, Bänder hinten und Bänder vorn. Sonst war's besser im Gange, da kam der Herr Baron manchmal selbst und besah das Butterfaß. Jetzt hat er wohl andere Geschäfte, und wenn die Leute wissen, daß der Herr nachsichtig ist, so spielen sie dem Amtmann Trumpf aus, wenn er sie scharf behandelt. – Sie können scharf sein mit den Leuten, es ist jammerschade, daß Sie kein Herr sind.»

«Ja, Sie haben recht, es ist jammerschade», nickte Lenore beistimmend ihrem alten Freunde zu. «Aber man muß es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich mich kümmern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern sein. Wie steht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich welches nach der Stadt gefahren.»

«Ja», sagte der Alte gedrückt, «der gnädige Herr hatten so befohlen, ich weiß nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden schon im Winter an Händler verkauft auf Lieferung. Sehen Sie», fuhr er bekümmert fort und schüttelte seinen weißen Kopf, «sonst verkaufte ich, und ich schrieb's ins Buch und strich das Geld ein und zählte es dem Herrn Baron auf, jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notieren; wenn die Seite zu Ende ist, mache ich einen Strich, aber ich ziehe keine Summe mehr.»

Lenore hörte, die Hände auf dem Rücken, die Klage teilnehmend an. «Hm! Es wird eine von den neuen Einrichtungen sein. Grämt Euch nicht darüber, mein Alter. Ich will, sooft Papa nicht da ist, nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?»

«Er ist dick angeraucht», sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur Bekräftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. «Aber um wieder auf den Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr böse sein, wenn er das Malheur erfährt, und wir können doch nichts dafür.»

«Ei was», sagte Lenore, «wenn wir nichts dafür können, wollen wir's ruhig abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurück zu dem Pferde.»

«Zu Befehl, gnädiges Fräulein, und gute Nacht auch für Sie», sagte der Amtmann.

Noch immer saß die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der immergrünen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten an ihrer Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frühlingsabende im Freien zubrachte. Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und liebevoll gegen sie wie immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt und wieder reizbarer und durch Kleinigkeiten verstimmt, seine Fröhlichkeit war lauter und sein Bedürfnis nach Herrengesellschaft größer als vordem. Sein Haus, ja sie selbst übten geringere Anziehungskraft aus als sonst, und sie fragte sich immer wieder, ob solche Veränderung die trübe Folge davon sein konnte, daß der rosige Hauch der Jugend von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefühl rang sie und suchte ängstlich nach andern Gründen für die häufige Abwesenheit des geliebten Mannes.

«Ist der Vater noch nicht zurück?» fragte Lenore, zu ihr tretend. «Es fuhr ein Wagen auf der Landstraße.»

«Nein, mein Kind», sagte die Mutter, «er hat wohl in der Stadt zu tun, es ist möglich, daß er erst morgen zurückkommt.»

«Ich bin nicht zufrieden damit, daß der Papa jetzt so viel in der Stadt ist und bei den Nachbarn umherfährt», sagte Lenore. «Es ist lange her, daß er uns des Abends nicht mehr vorgelesen hat.»

«Er will, daß du meine Vorleserin wirst», sagte die Mutter lächelnd. «Du sollst es auch heut abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben mich, du Ungeduld.»

Lenore verzog schmollend den kleinen Mund, und statt das Buch zu ergreifen, setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden Armen und sagte, das Haupt der Mutter an sich drückend und ihr das Haar streichelnd: «Liebes Herz, auch du bist traurig, du hast Kummer; hast du Sorge um den Vater? Er ist nicht so, wie er früher war. Ich bin kein Kind mehr, sage mir, was er treibt.»

«Du bist töricht», antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. «Ich habe nichts vor dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn von uns fortzieht, so dürfen wir Frauen nicht danach fragen, es ist an uns, zu warten, bis die Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein Herz öffnet.»

«Und unterdes sollen wir uns ängstigen, vielleicht um ein Nichts?» rief Lenore.

«Wir sollen uns mühen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir lieben, ist das nicht schwer», antwortete die Baronin, sich aus dem Arm Lenorens aufrichtend.

«Und doch sind deine Augen feucht, und du verbirgst mir deine Sorge», sprach die Tochter. «Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht tun, ich werde den Vater fragen.»

«Das wirst du nicht», sagte die Baronin in bestimmtem Ton.

«Der Vater», rief Lenore, «ich höre seinen Tritt.» – Die stattliche Gestalt des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu. «Guten Abend, ihr Heimchen», rief er schon von weitem mit heller Stimme. Er schloß Frau und Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen fröhlich in die Augen, daß die Baronin ihren Schmerz und Lenore die Frage vergaß. «Es ist hübsch, daß du so früh zurückkommst», sagte die Hausfrau mit heiterem Lächeln, «Lenore wollte dich heut abend durchaus neben uns sehen. Der Abend war so schön.»

Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und fragte behaglich: «Kinder, bemerkt ihr keine Veränderung an mir?»

«Du bist heiter», sagte die Baronin, ihm ins Auge sehend, «sonst wie immer.»

«Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht», sagte Lenore, «ich sehe es an der weißen Krawatte.»

«Ihr habt beide recht», antwortete der Baron, «aber ich bringe doch noch etwas; der König hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den der Vater und Großvater getragen haben; es freut mich, daß das Kreuz in unserer Familie fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gnädiges Schreiben des Prinzen, worin er mir Glück wünscht und sich sehr freundlich an die Jahre erinnert, die ich in seiner Nähe verlebte, und auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes. Ich wollte, er sähe dich wieder; er wird es für unmöglich halten, daß Jahre vergangen sind, seit er dein Tänzer war.»

«Welche Freude», rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes, «ich habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewünscht.» Lenore öffnete unterdes das Etui und drehte den Orden beim Lichte der Kerze hin und her. «Wir binden ihm die Dekoration um.» Die Baronin hing ihm das Kreuz um den Hals und küßte loyal erst ihn und dann das Kreuz.

«Nun, wir wissen ja», sagte der Baron, «was in unserer Zeit von solchem Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, daß gerade diese Standesdekoration mir die liebste von allen ist. Unsere Familie ist eine der ältesten, und in unserer Linie sind, was freilich ein Zufall ist; niemals Mißheiraten vorgekommen. Dies Kreuz ist gegenwärtig so ziemlich die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man auf dergleichen noch großen Wert legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die Stelle unserer Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum bemühen zu müssen, wenn wir unsere Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem Briefe des Prinzen ist das Alter der Familie erwähnt und der Wunsch ausgesprochen, daß sie noch viele Generationen wie bisher in musterhafter Gentilität, so sind die Worte des Briefes, blühen möge. Du, Lenore, und dein Bruder, ihr habt dafür zu sorgen.»

«Ich lebe in musterhafter Gentilität», antwortete Lenore, die Arme übereinanderschlagend. «Und für die Ehre der Familie kann ich nichts tun. Wenn ich heirate, wozu ich gar keine Lust habe, so muß ich doch einen andern Namen annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rüstung, der oben im Erkerzimmer hängt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem Herrn mache. Eine Rothsattel kann ich doch nicht bleiben.»

Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. «Wenn ich nur wüßte, woher mein Kind diese Ketzereien hat.»

«Sie ist allmählich so geworden», sagte die Mutter.

«Das wird sich geben», antwortete der Vater und küßte die Tochter herzlich auf die Stirn. «Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach dem Pferde, dann essen wir zusammen im Freien.»

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