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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Die Kollegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düsterm Schweigen zugehört und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen ausgedrückt. Der Geist des gemordeten Sperlings erhob sich vor aller Augen fortwährend über die Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf den Macbeth des Kontors wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begütigend das Wort:

«Vor allem muß ich bemerken, daß Fink selbst ein glänzendes Beispiel gegen seine eigene Theorie ist.»

«Wieso, Herr?» fragte Fink, von der Seite auf Anton sehend.

«Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns alle zusammen loben. Wir alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter aus einem Geschäft, das nicht uns gehört. Und jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in der deutschen Weise, die du soeben verurteilt hast. Keinem von uns fällt ein zu denken, soundso viel Taler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die Firma soundso viel wert. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten hat, so ist es allen Herren ärgerlich, vielleicht mehr als dem Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern ins große Buch schreibt, so sieht er sie mit Genuß an und freut sich über den schönen kalligraphischen Zug, und wenn er Posten einträgt, welche der Handlung besonders vorteilhaft waren, so lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt tut.»

Liebold sah verlegen aus und rückte an seinem Hemdkragen.

«Da ist ferner Kollege Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die Greuel des Heidentums an der afrikanischen Küste und sagte in tiefster Seele erschüttert: ‹Es wird Zeit, Wohlfart, ich muß hin.› ‹Wer soll die Kalkulation besorgen?› fragte ich. ‹Und wie soll es mit dem Krappgeschäft werden, das Sie und Balbus so festhalten, daß Sie keinen andern darüber lassen?› ‹Ja›, rief Baumann, ‹an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich muß es noch aufschieben.›»

Die Herren sahen lächelnd auf Baumann, der leise vor sich hin sagte: «Es ist auch unrecht.»

«Und von dem Tyrann Pix will ich gar nicht sprechen, da es selbst in vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehört oder Herrn Schröter.»

Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine Brusttasche. – «Du bist ein perfider Advokat», sagte Fink, «dich leiten persönliche Interessen.»

«Du hast dasselbe getan», erwiderte Anton. «Und jetzt will ich von dir reden. Vor etwa einem halben Jahr ist dieser Amerikaner zu Herrn Schröter gegangen und hat ihm gesagt: ‹Ich wünsche nicht mehr Volontär zu sein, ich bitte um eine feste Stellung im Geschäft.› ‹Warum?› fragte Herr Schröter. Natürlich hatte Fink nur die Absicht, soundso viel Taler festes Gehalt von der Handlung zu beziehen.»

Wieder lächelten alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht mehr feindlich, es war etwas von Achtung und fröhlicher Billigung darin, denn es war allen bekannt, daß Fink gesagt hatte: ‹Ich wünsche einen regelmäßigen Anteil an der Arbeit und die Verantwortung, welche bei fester Tätigkeit ist; die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.›

«Und ferner», fuhr Anton fort, «wer einmal das Behagen gesehen hat, mit welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der weiß, wieviel von dem schwächlichen deutschen Gemüt auch bei ihm zutage kommt. Es ist so viel drollige Laune in seinem Wesen, daß das Kontor durch solche Stunden entzückt wird, und, was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist geradezu in ihn verliebt.»

«Weil er malträtiert wird, Herr», versetzte Fink.

«Nein, sondern weil er hinter deinen kräftigen Worten dasselbe behagliche Wohlwollen bemerkt, mit dem ein anderer sein Hündchen oder seine Vögel liebkost. – Und wenn irgendein Geschäft des Prinzipals glänzenden Erfolg gehabt hat, so ist niemand von uns fröhlicher darüber als Fink selbst. Neulich, als die Krisis im Zinkgeschäft eintrat und Herr Schröter gegen die stille Ansicht des ganzen Kontors, auch gegen Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und die Handlung dadurch vor einigen tausend Talern Verlust bewahrt hat, da triumphierte derselbe Fink lauter als einer von uns und zwang Jordan und mich, denselben Abend mit ins Weinhaus zu gehen.»

«Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr», sagte Fink.

«Natürlich», rief Anton, «deshalb stießest du auch bei dem ersten Glas auf das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.»

Fink sah vor sich nieder. Sabine blickte mit leuchtenden Augen auf Anton. Wieder lächelten die Herren freundlich und rückten näher heran, die kleine Spannung war behoben.

«Und», fuhr Anton siegreich fort, «auch in andern Fällen hat er ganz dieselbe armselige Gemütlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt, wie wir alle wissen, sein Pferd persönlich, es ist ihm durchaus etwas anderes als die Summe von fünfhundert Dollar, repräsentiert durch soundso viel Zentner Fleisch, mit einer Haut überzogen. Er ist besorgt um das Tier wie um einen Freund.»

«Weil es mir Spaß macht.»

«Versteht sich», sprach Anton, «die Servietten machen unsern Hausfrauen auch Spaß, das ist's ja eben. Und seine Kondorflügel, die Pistolen, Reitpeitschen, die rote Rumflasche, das sind alles Dinge, die ihm so viel Spaß machen wie einem deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja, er hat mehr grillige Kapricen und Liebhabereien als wir. Um es kurz zu sagen, er ist in Wahrheit ebensosehr ein armer gemütlicher Deutscher als irgendeiner.»

Sabine schüttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf den Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst vor sich hin, und es lag etwas auf seinen stolzen Zügen, was man bei einem andern Rührung genannt hätte. «Na», begann er endlich, «das Fräulein und ich, beide haben wir zu sehr auf einer Seite gestanden.» Er wies auf den toten Sperling. «Vor diesem ernsten Fakt strecke ich die Waffen und bekenne, daß ich den Wunsch habe, der kleine Herr wäre noch am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der Firma das höchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr böse, Fräulein.»

Sabine nickte zu ihm hinüber und sagte herzlich: «Nein.»

«Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plädiert und von der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder und streiche in unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.» Anton drückte ihm die Hand und legte den Arm um seine Schulter.

Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung. Herr Schröter kam heran, Zigarren wurden angezündet, jeder bestrebte sich, so unterhaltend als möglich zu sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem Fräulein und dem Prinzipal die Erlaubnis, wenn es sie nicht störe und wenn sie an dem schönen Abend nichts Besseres vorzuschlagen hätten, in welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte ungesprochen zu betrachten, so wollten er und einige Kollegen sich die Freiheit nehmen, vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an diesem Tage regelmäßig eine solche Mitteilung machte und alles darauf vorbereitet war, so rief ihm Sabine zu: «Das versteht sich, Herr Liebold, wenn das Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.» Die Sänger holten Notenbücher herzu und rückten zusammen, Herr Specht als erster Tenor, Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bässe. Diese vier bildeten den musikalischen Teil des Kontors und hielten trotz kleiner Zwistigkeiten, welche durch ihr musikalisches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die übrigen fest zusammen; Herr Specht krähte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu leise, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschön. Im farbigen Licht glänzten die großen Blätter des Nußbaums vor dem Gartenhause, die Grillen schwirrten, und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne Noten herunter, die Natur selbst flüsterte und stimmte an, bis die volle Kraft der Menschenstimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens übertönte. Dann schwiegen die Vögel, die Heimchen und Mücken, aber sooft die Sänger anhielten, klang das leise Summen der Natur wie zum Wechselgesange wieder durch. Alle hörten erfreut zu. «Wir danken, wir danken!» rief Sabine, als sie aufhörten, und klatschte in die Hände.

«Es ist eine närrische Sache», begann Fink, «daß eine gewisse Folge von Tönen das Herz erschüttert und Tränen hervorruft auch bei Menschen, welche sonst für weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat solche einfachen Weisen, bei denen sich Landsleute an dem Eindruck erkennen, den die Melodie auf sie macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin sprachen, alles verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande, selbst den geläufigsten Ausdruck ihrer Muttersprache, die Melodien der Heimat leben unter ihnen länger als alles andere, und mancher Narr, der in der Fremde seinen Stolz darein setzt, ein naturalisierter Fremder zu sein, fühlt sich plötzlich wieder deutsch, wenn er ein paar Takte singen hört, die ihm in seiner Jugend bekannt waren.»

Der Kaufmann antwortete: «Sie haben recht. Wer aus seiner Heimat scheidet, ist sich selten bewußt, was er alles aufgibt; er merkt es vielleicht erst dann, wenn die Erinnerung daran eine Freude seines späteren Lebens wird. Diese Erinnerung ist wohl auch dem verwilderten Mann ein Heiligtum, das er oft selbst entehrt und verspottet, das er aber in seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.»

«Mit einiger Beschämung bekenne ich, daß ich selbst von dieser Freude nur wenig empfinde», sagte Fink. «Ich weiß nicht recht, wo ich zu Hause bin. Wenn ich die Jahre meines Lebens zusammenzähle, so habe ich freilich den größten Teil in Deutschland verlebt, aber die mächtigsten Eindrücke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schicksal wieder ausgerissen, bevor ich irgendwo festgewurzelt war. Und jetzt in Deutschland fühlte ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landschaften zum Beispiel sind mir fast ganz unverständlich. Ich habe zu Weihnachten immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut war, aber der Zauber der deutschen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern, die Sie so rühmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich unsicher, wann man Karpfen essen muß und Hörner und Mohnkuchen, und ich gestehe einen entschiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des Bleigießens und Pantoffelwerfens. – Und außer diesen Kleinigkeiten gibt es noch anderes, worin ich mich unter der deutschen Art fremd und arm fühle», fuhr er ernster fort. «Ich weiß, daß ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anspruch nehme. Ihrem Hause werde ich zu danken haben», schloß er, sich gegen den Kaufmann verneigend, «wenn ich von einigen respektablen Seiten der deutschen Natur Kenntnis erhalte.»

Das war ein männliches Bekenntnis, er sprach die letzten Worte mit einem Gefühl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glücklich, der Sperling war vergessen, sie rief mit überströmendem Gefühl: «Das war edel gesprochen, Herr von Fink.»

Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als Fink sich neben sie setzte. «Mir gegenüber, Herr Liebold», rief der Prinzipal. «Heut muß ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's fünfundzwanzig Jahre, daß wir miteinander in Verbindung stehen. – Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Associé aufgenommen wurde», erklärte er den Jüngeren. «Und wenn ich allen Mitgliedern des Kontors Anerkennung schuldig bin, Ihnen bin ich die größte schuldig. Fünfundzwanzig Jahre im Geschäft, zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlässiger Gehilfe!» Er hielt ihm sein Glas über die Tafel entgegen: «Stoßen Sie an, mein alter Freund; solange unsere Stühle nebeneinander stehen, nur durch eine dünne Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben wie bisher, ein festes Vertrauen ohne viele Worte.»

Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehört und blieb stehen. Er wollte einen Trinkspruch darbringen, das sah jeder, aber er brachte kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die Höhe und sah auf den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein wenig. Endlich setzte er sich schweigend wieder hin. Statt seiner erhob sich zu aller Erstaunen Fink und sprach in tiefem Ernst: «Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deutschen Geschäfts, wo die Arbeit eine Freude ist, wo die Ehre eine Heimat hat; hoch unser Kontor und unser Prinzipal!»

Ein donnerndes Hoch der Kollegen folgte, Sabine stieß mit allen an, der Kaufmann kam mit seinem Glase dem beredten Fink auf halbem Wege entgegen. – Der Rest des Abends war ungestörte Freude. Das Quartett sang noch einige lustige Trinklieder, und es war lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt ankam.

An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: «Heut, mein Junge, darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug gewesen, dich so lange zu entbehren.» Und bis spät in die Nacht saßen die versöhnten Freunde beieinander, beide bemüht, einander zu zeigen, wie froh sie über die Versöhnung waren. -

Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billett von unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Züge verrieten, daß es von einer Dame kam.

«Wer hat den Brief gebracht?» fragte Sabine.

«Ein fremder Mann», antwortete das Mädchen, «er wollte den Namen nicht nennen und sagte, Antwort sei nicht nötig.»

Sabine las: ‹Mein Fräulein, triumphieren Sie nicht zu früh. Sie haben durch Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewöhnt ist, zu verführen, zu vergessen und die, welche auf seine Worte hören, unverschämt zu behandeln. Vor kurzem hat er einer andern Geständnisse gemacht, jetzt hat er Sie betört. Er wird auch Ihnen heucheln und Sie verraten.›

Das Billett hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.

Sabine wußte, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze und schleuderte das brennende Papier in den Kamin. Schweigend sah sie zu, wie die lodernde Flamme kleiner wurde und verlöschte und wie die glimmenden Punkte auf der verkohlten Fläche umherfuhren, bis auch der letzte verging. Lange stand sie da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den Blick auf das Häufchen Asche gerichtet. Ohne Tränen, lautlos hielt sie die Hand auf ihr zuckendes Herz.

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