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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Der große Garten des Kaufmanns mit einem hübschen Gartenhaus und Glashäusern war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr sie hinaus, wenn das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem Gärtner alle Einzelheiten der Einrichtung und Blumenzucht. Die Kollegen bestürmten sie daher mit Fragen über Namen und Charakter ihrer Blumen, und während der Kaufmann mit Fink ein benachbartes Grundstück betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte Sabine der übrigen Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie führte die Herren durch die Blumen und Rasenstücke in das Warmhaus. Der Bruder hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, große Pisangblätter, tropische Farne und blühende Kakteen waren in einer Gruppe zusammengestellt, eine zierliche Bank und ein Tisch standen davor, es war ein allerliebster Wintergarten. Während Sabine erzählte, daß sie hier an sonnigen Wintertagen den Kaffee trinke und wie schön es sich dann unter den großen Blättern sitze, brachte ihr der Gärtner auf einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. «Auch wenn ich nicht so große Begleitung habe, bin ich hier nicht allein», sagte sie lächelnd.

«Wir bitten, stellen Sie uns den Vögeln vor», rief Anton.

«Sie müssen aber in das Gartenhaus treten und hübsch still sein», bat Sabine, «das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren würden ihm doch Schrecken einjagen.»

Die Kollegen zogen nach dem Gartenhaus, Pix lenkte den aufgeregten Specht am hintersten Rockknopf zurück und drehte die Glastüre herum, Sabine streute das Futter einige Schritt von der Tür auf den Kies und schlug in die Hände. Dem Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den nächsten Bäumen und dem Dache des Hauses. Eine Menge kleiner Vögel schoß herzu und hüpfte mit lustigem Geschrei um die Krumen, sie waren so zahm, daß sie bis an die Füße Sabinens herankamen. Es war keine vornehme Gesellschaft, einige Finken, Hänflinge und ein ganzes Volk Spatzen. Sabine trat leise zur Tür und fragte durch den Spalt: «Können Sie die einzelnen unterscheiden? So ähnlich auch die Herrschaften einander sehen, sie sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem Wesen. Mehrere davon kenne ich persönlich.» Sie wies auf einen großen Sperling, ein schönes Männchen mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf dem Rücken: «Sehen Sie den dicken Herrn dort?»

«Er ist der größte von allen», sagte Anton erfreut.

«Er ist mein ältester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewöhnt, von meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefüttert und satt. Wie sicher er umherhüpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt! Gleich einem reichen Bankier geht er unter den andern umher. Hören Sie ihn schreien? Seine Stimme klingt wegwerfend und aristokratisch. Er betrachtet dies Ausstreuen als eine Verpflichtung, welche die Welt gegen ihn hat. Da kräht er wieder. Wissen Sie, was er sagt: Mein Küchenmädel ist das. Dies ewige Gebäck! Was ich nicht aufessen kann, will ich den andern lassen. Ich glaube, es hängt ihm eine Berlocke an seinem kleinen Bauch herunter.»

«Es ist eine Feder», flüsterte Herr Specht.

«Ja», fuhr Sabine fort, «ich fürchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt. Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue Weibchen dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, daß sie ihn weghackt?»

Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier, welcher gerade vornehm in einen ungewöhnlich großen Brocken pickte, bekam von seiner Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu räsonieren, die Nachbarn flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann, der allgemeine Unwille war gegen den Bankier gerichtet. Er wurde aus dem Haufen beiseite gejagt und hüpfte zerzaust, mit dem Kopfe schüttelnd, einige Schritte von den Brocken auf und ab, während seine Frau über dem eroberten Bissen stand und laut triumphierte.

Die Herren lachten.

«Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf!» rief Sabine freudig. Unbehilflich, mit ausgebreiteten Flügeln tappte ein kleiner Sperling heran, ganz wie ein Kind[*], welches Mühe hat, im Gehen das Gleichgewicht zu behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau, sperrte den Schnabel weit auf, schrie und schlug mit den Flügeln auf die Erde. Die Mutter zerhackte den großen Bissen, faßte die Teile und steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des Kleinen. Mitten unter der schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft fütterte die Mutter den Schreihals. Ein Stück des eroberten Bissens nach dem andern steckte sie ihm in den Hals, während der Vater einige Schritte davon selbstgefällig auf und ab hüpfte und zuweilen von der Seite mißtrauisch auf die energische Hausfrau hinsah.

«Wie allerliebst!» rief Anton.

«Nicht wahr?» sagte Sabine. «Auch bei den Kleinen sind Charaktere und Familienleben.»

Aber die Szene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter Schritt kam um das Haus, die Vögel flatterten auf, nur die Mutter und das Junge waren so eifrig beschäftigt, daß sie zögerten. Endlich flog auch die Sperlingsfrau auf den Baum und rief ängstlich ihr Kind. Doch der Kleine, vom genossenen Kuchen schwer und betäubt durch die Fülle des Genusses, vermochte nicht so schnell die schwachen Flügel zu heben. Ein Schmiß von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn, der Körper fiel als Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von sämtlichen Herren wurde laut, und finster blickten alle Gesichter des Kontors auf den Mörder. Fink, der auf die Gruppen an der Salontür nicht geachtet hatte, sah verwundert den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm vorbei nach dem Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, küßte den kleinen Kopf und sprach mit klangloser Stimme: «Er ist tot.» Sie setzte sich auf die Bank an der Türe und deckte ihr Taschentuch über den Toten.

Ein unbequemes Stillschweigen folgte. «Es war der Lieblingsvogel von Fräulein Sabine, den Sie erschlagen haben», sagte endlich Herr Jordan vorwurfsvoll.

«Das tut mir leid», erwiderte Fink und rückte einen Stuhl zum Tisch. «Ich habe nicht gewußt, Fräulein, daß Sie Ihre Teilnahme auch auf diese Klasse von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben gehandelt und dachte den Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb aus der Welt schaffte.»

«Das arme Kleine», sprach Sabine traurig; «die Mutter schreit auf dem Baum, hören Sie?»

«Sie wird sich trösten», entgegnete Fink. «Ich halte es für unzweckmäßig, einem Sperling mehr Gemüt zu gönnen, als seine Verwandtschaft hat. Aber ich weiß, Sie lieben alles, was Sie umgibt, mit Rührung und Gefühl zu betrachten.»

«Wenn Sie die Eigenschaft nicht haben, weshalb verspotten Sie diese bei andern?» fragte Sabine mit zuckendem Munde.

«Weshalb?» fragte Fink. «Weil ich dieser Gewohnheit überall begegne. Dies ewige Gefühl, mit dem hier alles überzogen wird, was des Gefühls nicht wert ist, macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung immer an allen möglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine große Leidenschaft seiner würdig ist.»

«Und wer nie etwas anderes tut, als mit herber Kälte zu betrachten, was ihn umgibt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine große Leidenschaft Pflicht wird?» fragte Sabine mit einem schmerzlichen Blick auf Fink.

«Es wäre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte», sagte Fink achselzuckend. «jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu sein als zu weichlich.»

«Aber sehen Sie das Volk hier an», fuhr er nach einer unbehaglichen Pause fort. «Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die Mutter Würste gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen fadenscheinigen Rock und ebenso alle Mißbräuche, die zehntausend verrotteten Gewohnheiten seines Lebens; überall liegen phantastische Grillen, Liebhabereien und schwache Gemütlichkeiten herum und hängen sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch vorwärts zu gehen. Achten Sie auf den deutschen Auswanderer. Welche Masse unnützen Krames schleppt dies Volk übers Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene Holzstühle, wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl gekannt, der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal Sauerkraut zu essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo niedergelassen hat und nach einem Jahre entdeckt, daß er in einer Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze Umgebung mit Gemütlichkeit übersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr aus dem Sumpf zu bringen, und wenn er und Weib und Kind darüber zugrunde gehen.

Da lobe ich mir das, was Sie die Gemütlosigkeit des Amerikaners nennen. Er arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine Hütte, seine Fenz, in seine Zugtiere verlieben. Was er besitzt, das hat ihm gerade nur den Wert, der sich in Dollars ausdrücken läßt. Sehr gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich lobe mir diese Gemeinheit, die jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie wenig ein Ding wert ist. Denn diese Gemeinheit hat einen mächtigen freien Staat geschaffen. Hätten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie tränken noch jetzt ihre Zichorie statt Kaffee unter der Steuer, die ihnen eine gemütliche Regierung von Europa aus auflegen würde.»

«Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn?» fragte Sabine.

«In der Hauptsache, ja», entgegnete Fink. «Keine deutsche Hausfrau, die nicht in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat, desto glücklicher ist sie. Ich glaube, sie taxieren einander in der Stille wie wir Leute an der Börse: fünfhundert, achthundert Servietten schwer. Die Amerikanerin ist ein schlechteres Weib als die Deutsche, aber sie wird über eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, soviel ihr für den täglichen Gebrauch nötig sind, und kauft neue, wenn die alten zugrunde gehen. Wozu sein Herz an solchen Tand hängen, der dutzendweise für etwa vier bis sechs Taler in jeder Straße zu haben ist?»

«Oh, es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulösen!» erwiderte Sabine. «Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen besten Schmuck. Töten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch den leblosen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des Menschen? Nichts bleibt als der betäubende Genuß oder ein egoistisches Prinzip, dem er alles opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man schafft, das alles geht dann verloren. Wer so farblos denkt, der kann vielleicht groß handeln, aber sein Leben wird weder schön noch freudenreich, noch ein Segen für andere.» Unwillkürlich faltete sie die Hände und warf einen Blick voll Trauer auf Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.

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