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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Die Folge dieses Abends war, daß Bernhard einige Tage später sogar auf den Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und daß er selbst den Mut faßte, mit Anton auch Fink zu sich einzuladen. «Es ist keine Gesellschaft», fügte er hinzu, «ich möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer sehen.»

Fink sagte zu.

Darüber entstand in der Familie Ehrenthal große Aufregung. Bernhard stäubte selbst seine Bücher ab und stellte die verkehrten zurecht, und es geschah das Unerhörte, daß er sich um die Wirtschaft kümmerte. «Es muß Tee sein, Abendessen, Wein, auch Zigarren.»

«Du sollst um nichts sorgen», beruhigte ihn die Mutter. «Wenn der Herr von Fink dein Gast ist, so soll er sehen, wie es in unserm Hause zugeht.»

«Die Zigarren werde ich dir kaufen», rief der Vater, «wie sie rauchen die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den Wein. Laß Fasanen holen, Sidonie.»

«Wir wollen einen Lohndiener annehmen», sagte die Mutter.

«So will ich's nicht», widersprach Bernhard ängstlich, «die Herren kommen zu mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden, in meiner Stube und ohne fremden Diener.»

Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig; ja er wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung. «Wo ist der Teekessel? Noch steht kein Kessel in meiner Stube», rief er der Mutter zu.

«Ich werde dir den Tee eingießen und hineinschicken, wie sich's bei Herrengesellschaft paßt», sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf und ab rauschte.

«Nein», entgegnete Bernhard eigensinnig, «ich selbst will den Tee machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.»

«Der Bernhard will selbst den Tee machen!» rief die Mutter verwundert Rosalien zu. «Ein Wunder, er will selbst den Tee machen!» rief Ehrenthal in seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte. «Er will Tee machen!» rief die Köchin in der Küche und schlug die Hände zusammen.

Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene Flasche in der Hand. «Was ist das hier?» fragte er im Eifer.

«Arrak», sagte die Mutter.

«Es muß Rum sein, Fink trinkt keinen Arrak im Tee.»

«Ich werde selbst gehen Rum holen», rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut und lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhändler.

Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: «Es ist hübsch von dir, Fritz, daß du mitkommst. Bernhard wird eine große Freude darüber haben.»

«Der Mensch muß Opfer bringen», erwiderte Fink. «Ich habe mir die Freiheit genommen, im voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen Abscheu vor Gänsefett. Aber das schönste Mädchen der Stadt ist schon eine Entsagung wert. Ich habe sie neulich wieder im Konzert gesehen, ein prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelstein unter seinen Händen gehabt, der so funkelt.»

«Wir sind zu Bernhard eingeladen», versetzte Anton mit leisem Vorwurf.

«Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein», sagte Fink, «wo nicht, so zwingen wir ihn, sie vorzuführen.»

«Ich hoffe, sie wird unsichtbar bleiben», seufzte Anton.

Die Tür öffnete sich, das Entree war durch zwei prachtvolle Lampen erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmückt. Eine große Blumenvase stand auf dem Tisch, daneben buntes Porzellan, vergoldete Löffel auf seidener Tischdecke und ein großes Bund Imperials von riesigem Format, wahre Stangen, die man ohne Stütze zwischen den Lippen nicht halten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet, es war alles sehr anständig. Und wie liebenswürdig war Bernhard als Wirt! Er machte den Tee. Er bat in rührender Hilflosigkeit Fink um Rat, wieviel Tee er einschütten solle, er drehte den Hahn so künstlich herum, daß lange Zeit gar nichts aus der Öffnung floß und dann wieder die Flut nicht zu bändigen war. Errötend scherzte er über seine eigene Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude, als Fink entschied, der Tee sei vortrefflich. Eifrig bot er die Zigarren, andächtig hörte er die Belehrung, die ihm Fink über das schickliche Maß hielt, in welchem diese Erfindung menschlichen Scharfsinnes geformt werden müsse. Und ganz glücklich wurde er, da Anton endlich bat, dem Freund seine Bücherschätze zu zeigen, und da Fink über das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als gute Leute saßen die drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton bat die Götter im Stillen, die schöne Schwester nur heut von ihrem Tische fernzuhalten.

Doch Punkt neun Uhr öffnete sich die Tür des Nebenzimmers, und Frau Sidonie überschritt majestätisch die Schwelle. «Bathseba tritt ein zu König David», sagte Fink leise zu Anton, erzürnt drückte ihm Anton den Fuß. Bernhard stellte verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Rosalie präsentierten sich. Fink trat zu dem schönen Mädchen, nannte sie gnädiges Fräulein und erzählte ihr, daß er eine alte Bekanntschaft erneuere, da er sie bereits in der Akademie gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und Tochter zu Tisch, er sagte ihnen im gleichgültigsten Ton so viele Artigkeiten, daß beide bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Residenz, gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er ließ sich mit Rosalie in eine lebhafte Unterhaltung über Musik ein, für die er sonst wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nächsten Wettrennen einen guten Platz auf der Tribüne, er erzählte kleine Geschichten aus der besten Gesellschaft, in denen er mit Humor die Schwächen derselben karikierte. Er entzückte dadurch die Frauen, die mit Eifersucht auf die Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von Bildung so sehr abschlossen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese Berichte lauschte wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürstin die Rede, welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgendeinmal vorgestellt worden und fand, daß sie dem Fräulein vor ihm zum Verwechseln ähnlich sah, etwas kleiner war die Fürstin, die Gestalt weniger edel; er bewunderte dreist eine Mosaikbrosche an der Brust von Frau Sidonie und verglich sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem Museum. Nur Vater Ehrenthal war für ihn nicht vorhanden. Nach den ersten Begrüßungen mit Anton machte der Händler einige vergebliche Versuche, mit Fink eine Unterhaltung anzuknüpfen. Aber Fink sprach über ihn weg, als ob ein Stück Luft auf dem Stuhl des Hausherrn sitze. Und doch war er nicht unartig, jedem war, als müßte es so sein. Ehrenthal selbst fand sich mit Demut in die bescheidene Rolle, zu der er verurteilt war, und rächte sich dadurch, daß er einen ganzen Fasan verzehrte.

Als Fink merkte, daß es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter Teilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner Weise mit Worten zu phantasieren.

Die Mutter klagte gegen ihn über Bernhards Stubensitzen.

«Er ist ein Aristokrat», antwortete Fink gutmütig. «Der zehnte Mensch ist ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese Eigentümlichkeit. Wenn ich meinem Schöpfer für etwas dankbar bin, so ist es dafür, daß er mich zu einem einfachen bescheidenen Manne gemacht hat, dessen Kopf nicht stark genug ist, große Weisheit zu vertragen. Uns gewöhnlichen Menschen wird es am leichtesten, mit dieser Welt fertig zu werden, wir sind genötigt, uns in andere zu schicken. Wer aber berechtigt ist, große Ansprüche zu machen wegen seines Wissens oder wegen seiner Schönheit» – hier neigte er sich mit überzeugender Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hause -, «der findet leicht die Welt nicht so, wie er sie fordert, während ich und meinesgleichen die Überzeugung haben, daß sie ganz vortrefflich ist.»

«Es ist doch vieles Gemeine auf der Erde», sagte Madame Ehrenthal.

«Daß ich nicht wüßte», rief Fink lachend. «Ich gebe Ihnen zu, daß einige Insekten einen gemeinen Charakter haben und daß es gemein ist, sich mit Branntwein zu betrinken. Im übrigen kommt vieles auf Ansichten an. Sehen Sie diese Auster. Ich wette, es gibt zahlreiche Fische und Erdbewohner, welche dies holde Geschöpf für etwas Gemeines halten, mir erscheint sie als eine der vornehmsten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auster hat alles: sie ist ruhig, sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund und Boden. Sie schließt sich ab gegen die Außenwelt wie kein anderes Geschöpf. Wenn sie ihre Schalen zuklappt, so deutet sie auf das entschiedenste an: Ich bin für niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus öffnet, so zeigt sie den bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Wesen. Wenn der Mensch das Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die Auster. Sie werden sagen, daß das Seewasser kein ans[*]prechendes Element ist. Aber da muß ich widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider tun müssen, für den muß es dort unten auf dem Meeresgrund sehr gemütlich sein.» Er wandte sich zu Rosalie: «Nur die musikalische Bildung der Auster ist, wie ich fürchte, ungenügend. Außer dem Heulen des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele Töne in ihre Behausung.»

«Treiben Sie Musik?» fragte Rosalie.

«Kaum darf ich das zugeben», erwiderte Fink verbindlich. «Ich klimpere ein wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide ich Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhältnis eines unglücklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwärmerisch verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich imstande wäre, dieses mit Meisterschaft zu spielen.»

«Die Violine?» fragte Rosalie.

«Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heißt spielen auf den andern Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Höhe zur Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemütliche Anstrengung in allen möglichen Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolos und wie die Quälereien alle heißen. Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein solider Ton, welcher aushallt und nicht von der nächsten Note seinen Fußtritt bekommt. Nehmen Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erst der Glückliche, dem ein solches Instrument anvertraut wird! Man sagt den übrigen Virtuosen nach, daß sie reizbar und empfindlich sind, der Pauker wird ein Held, ein großer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie sie nur auf dem erhabensten Standpunkt möglich ist. Er pausiert, dreißig, fünfzig Takte, unterdes rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne durcheinander, wie die Mäuse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er allein steht in einsamer Größe, scheinbar mit nichts beschäftigt, er nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich lächelnd die schönsten Damen im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf geben, 29, diese Geige wird naseweis, 30, bum! Er schlägt auf, und die andern Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fühlen die Sprache ihres Herrn und Meisters, und alle Zuhörer atmen tief auf, das große Wort ist gesprochen.» – Rosalie lachte.

«Ich lasse mir nächstens ein paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben, ein Duett für Pauke und Fortepiano zu schreiben und ihnen, mein Fräulein, zu widmen, am liebsten ein gefühlvolles Notturno. – Beim Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft.»

«Es ist ein Ungarwein, alter Menes», rief Vater Ehrenthal über den Tisch, «er hat fünfzig Jahre gelegen im Keller.»

«Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard?» fragte Fink, die Worte des Vaters überhörend.

«Ich verstehe wenig vom Wein», sagte Bernhard.

«Schade», erwiderte Fink. «Wer ein Gönner der Poeten ist wie Sie, der sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik sprechen, müssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde, die Herren Jussuf und Saadi, ihre Lieder den schwarzäugigen Schönen vorsingen. Bitte, rezitieren Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.»

Bernhard setzte ernsthaft auseinander, daß die Musik des Orients für unser Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu tun, um die angelegentlichen Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalsprache und Melodie von ihm hören wollte.

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