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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienstube und stellte sich hinter den Rücken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flügel ein neues Modestück einübte und dabei eine große Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder küßte sie leise an das Ohr, sie drehte sich schnell um und rief: «Laß mich in Ruh, Bernhard, ich muß das Stück einüben, denn auf den Sonntag ist große Soiree, und sie werden mich auf[*]fordern, zu spielen.»

«Ich weiß, daß sie dich auffordern werden», sagte die Mutter, als Bernhard sich schweigend auf das Sofa niedersetzte und ein aufgeschlagenes Buch in die Hand nahm. «Es ist keine Gesellschaft, wo man nicht das Verlangen hat, die Rosalie zu hören. Wenn du nur einmal dich entschließen könntest, mitzukommen, Bernhard, du bist ein Mann von so viel Geist, du bist gelehrter als alle aus der ganzen Bekanntschaft. Neulich hat der Professor Starke von der Universität mit großer Hochachtung über dich gesprochen und hat gesagt, du würdest ein Stolz werden für die Wissenschaft. Es ist erfreulich für eine Mutter, wenn sie stolz sein kann auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die Gesellschaft, sie wird so auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur sein kann.»

«Du weißt, Mutter, ich gehe nicht gern zu fremden Leuten», sagte der Sohn.

«Und ich will, daß mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen», rief der Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört hatte, da in diesem Augenblick Rosalie von ihren schweren Passagen ausruhte. Herr Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu seiner Familie. «Unser Bernhard ist nicht wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer sein ein guter Weg. Du siehst aus so bleich», sagte er zum Sohne und strich mit der Hand über seine braunen Locken. «Du studierst zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Gesundheit, der Doktor hat gesagt, daß dir Bewegung nötig ist, und hat dir geraten, zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen ein Pferd? Ich kann es haben, daß mein Sohn Bernhard auf dem teuersten Pferd reitet, das in der Stadt zu haben ist; tu, was der Arzt sagt, mein Bernhard, ich will dir kaufen ein Pferd.»

«Ich danke dir, lieber Vater», erwiderte Bernhard, «es würde mir keine Freude machen und, wie ich fürchte, deshalb nicht viel helfen.» Er drückte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmütig in das faltige Gesicht sah.

«Gebt ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? Laß ihm Pfirsiche holen, Sidonie, es sind neue Pfirsiche angekommen beim Fruchthändler, das Stück kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben irgend etwas anderes, so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du bist mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.»

«Er will ja nie etwas annehmen», sprach die Mutter dazwischen, «er hat keine andere Freude als an seinen Büchern; nach Rosalie und mir fragt er manchmal den ganzen Tag nicht.»

«Liebe Mutter», warf Bernhard bittend ein.

«Er liest zuviel in den Büchern und kümmert sich nicht um die Menschen», fuhr die erfahrene Frau fort, «deshalb sieht er aus so bleich und verfallen wie ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht gehen auf den Sonntag in die Soiree?»

«Ich werde mitkommen, wenn du es wünschest», sagte Bernhard traurig und setzte nach einer Weile hinzu: «Ist euch ein junger Mann bekannt, ein Herr Wohlfart, der in Schröters Geschäft ist?»

«Den kenne ich nicht», sprach der Vater mit bestimmtem Kopfschütteln.

«Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hübscher Mann von gentilem Aussehen. Er scheint mir ein guter Tänzer und Gesellschafter zu sein. Bist du nicht irgendwo ihm begegnet? Ich glaube, er müßte dir aufgefallen sein.»

«Ist er blond?» fragte die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen Handspiegel zurechtstrich.

«Er hat dunkles Haar und blaue Augen.»

«Wenn er aus einem Kontor ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen», sagte Rosalie, das Haupt zurückwerfend.

«Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Künstlern», schaltete die Mutter erklärend ein.

«Er ist ein tüchtiger und liebenswürdiger Mensch», fuhr Bernhard fort, «ich will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, daß ich seine Bekanntschaft gemacht habe.»

«Er soll eingeladen werden zu uns», dekretierte Herr Ehrenthal, vom Sofa aufstehend. «Wenn er unserem Bernhard gefällt, so soll er willkommen sein in meinem Hause. Laß einen guten Braten machen auf den Sonntag, Sidonie, und laß mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um ein Uhr, sondern um zwei Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen Gesellschaften, die wir geben; wenn er ein Freund ist von Bernhard, so soll er auch ein Freund sein von unserem Hause.»

«Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht», sagte die Mutter wieder, «wir müssen doch abwarten, bis er sein Entree macht bei der Familie?»

«Wozu Entree?» fuhr der Vater auf. «Wenn er bekannt ist mit unserem Bernhard, wozu soll er erst Entree machen bei uns?»

«Ich will noch in dieser Woche zu ihm gehen und, wenn du erlaubst, liebe Mutter, ihn auffordern, auf den Sonntag bei uns zu essen.»

Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum Bruder und fragte ihn mit größerem Interesse über Person und Wesen des neuen Bekannten aus.

Bernhard schilderte mit Wärme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn gemacht hatte, so daß die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die große Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie überlegte, in welchem Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden Eindruck machen wolle, und der Vater erklärte wiederholt, daß er Herrn Wohlfart zu jeder Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstück in seinem Hause zu sehen wünsche.

Wie kam es doch, daß Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des Gesprächs mitteilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht hatte? Wie kam es doch, daß er kurz darauf wieder in tiefes Schweigen verfiel und in sein Arbeitszimmer zurückging? Daß er dort seinen Kopf über eine Handschrift lehnte und lange auf die krausen Züge hinstarrte, bis ihm große Tränen herabfielen, welche die Tusche der Buchstaben, auf die er so viel hielt, auflösten und verdarben, ohne daß er's merkte? Wie kam es doch, daß der junge Mann, auf den die Mutter so gern stolz sein wollte und den der Vater so sehr verehrte, allein in seiner Stube saß und die bittersten Tränen vergoß, die ein guter Mensch weinen kann? Und woher kam es, daß er endlich mit rotgeweinten Augen am späten Abend sich zusammenfaßte und eifrig den Kopf in seine Bücher senkte, während seine schöne Schwester in der andern Ecke der Wohnung noch immer mit ihren runden Fingern über die Tasten fuhr und das schwere Stück einübte, welches bestimmt war, bei der nächsten Soiree zu wirken?

Mit diesem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältnis, welches für beide Wert erhielt. Bei der Unterhaltung über das Schöne, welches die Kraft eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die Freude, auch das Gute liebzugewinnen, das jeder in dem andern fand. Bernhards Sprachkenntnisse waren größer, und sein Gefühl für das Reizende in fremder Poesie bis zum Übermaß fein, in Antons Seele war alles geordnet und sicher. Wenn Bernhard für Byron kämpfte, so vertrat Anton die ruhige Klarheit Walter Scotts, und beide waren glücklich, als ihre Begeisterung sich vor dem größten dramatischen Dichter vereinigte.

Anton schilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgültigen Fink. Er freute sich darauf, beide miteinander bekannt zu machen, und als er einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen.

«Wenn dir's Spaß macht, Tony», sagte Fink achselzuckend, «so will ich kommen. Ich sage dir aber im voraus, daß ich unter allen Kreaturen Büchereulen am wenigsten leiden kann. Es gibt kein Volk, welches selbstgefälliger über alles mögliche aburteilt, und keines, das sich törichter benimmt, wenn es selbst etwas tun soll. Und vollends ein Sohn des würdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht übel, wenn ich euch bald entlaufe.»

Bernhard saß erwartungsvoll auf dem Sofa Antons und sah mit Befangenheit der Ankunft des berühmten Mannes entgegen, über welchen manche Sage sogar in seine stille Studierstube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch zog und den schwachen Tee, den Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zutaten trinkbar zu machen suchte, da empfand Anton mit Betrübnis, daß diese beiden schwerlich zueinander passen würden. Kein größerer Gegensatz war möglich als ihr Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der kräftige Fleischton in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des einen, die elastische Kraft des andern, dort ein faltiges Gesicht mit träumenden Augen, hier stolze Züge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das paßte nimmermehr zusammen. Doch ging es besser, als Anton gedacht hatte. Bernhard hörte mit Achtung an, was der Jockei erzählte, und da Anton eifrig bemüht war, das Gespräch auf ein Gebiet zu bringen, wo auch Bernhard teilnehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluß.

«Fink hat auch Indianer gesehen», sagte Anton zu Bernhard.

«Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?» fragte der Gelehrte.

«Ich habe sie einige Male gehört. Möglich, daß klügere Leute etwas Erbauliches in ihrem Gesange finden, mir ist er nie anders vorgekommen als kläglich. Schlagen Sie auf ein altes Blech und singen Sie dazu durch die Nase mit allerlei Nebentönen: ‹Tum, tum, te – ticke, ticke, te, – och, och, tum, tum, te›, so haben Sie ihren Gesang, der auf deutsch ungefähr bedeuten würde: ‹Guter Geist, gib Büffel, Büffel, Büffel. Dicke Büffel gib uns, guter Geist.›» – Seine Zuhörer lachten. – «Und wozu sollen diese Geschöpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder sind sie auf der Jagd, oder sie suchen Skalpe, oder sie essen und schlafen, oder sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings große Neigung haben.»

«Aber die Frauen?» fragte Bernhard lächelnd.

«Wie es bei denen mit der Poesie steht, weiß ich nicht, mir rochen sie immer zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts anderes hat, gewöhnt man sich auch daran. Doch ist mit den Männern noch besser zu verkehren. So ein nackter Bursch auf seinem halbwilden Pferde ist kein übler Anblick.»

«Die erste Begegnung muß doch sehr imponieren, ihre auffallende Tracht und ihr stolzes Wesen», warf Bernhard ein.

«Das kann ich nicht sagen», versetzte Fink. «Vor Jahren machte ich mit meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwarenkompanie, bei der er beteiligt war. Als wir von dem Dampfer ans Ufer stiegen, fanden wir am Landungsplatze eine Gesellschaft der rötlichen Herren, welche stark betrunken war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dolmetsch erklärte, die Versicherung enthielt, daß sie sämtlich große Krieger wären, und nach jedem Satze bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache soviel wie ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüße.»

«Es waren Sioux», verbesserte Bernhard bescheiden.

Fink legte den Teelöffel hin und sah Bernhard groß an. «Ich kalkuliere, Herr, es waren Schwarzfüße.»

«Es waren doch wohl Sioux», wiederholte Bernhard. «Bei den Schwarzfüßen lautet das Ja anders.»

«Wetter», rief Fink, «wenn Sie mit den roten Teufeln so bekannt sind, wozu lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzählen?»

«Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache gekümmert», erwiderte Bernhard. «Es ist ein Zufall, daß ich vor kurzem einige Wörterverzeichnisse verschiedener Stämme durchgesehen habe.»

«Und wozu haben Sie sich die unnütze Mühe gemacht? Es wird dort drüben schnell aufgeräumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm ausgerottet, der sie sprach,»

Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, daß die Kenntnis der Sprachen für die Wissenschaft die beste Hilfe sei, um das Höchste zu verstehen, was der Mensch überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker.

Die vom Geschäft hörten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte, rief Fink noch immer verwundert: «Er geht mit unserm alten Herrgott um wie mit einem Duzbruder und konnte vorhin rechts und links nicht unterscheiden.»

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