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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Veitel trat mit größter Unbefangenheit in das Kontor und wurde von seinem Patron, der in dem kleinen Raume auf und ab stürmte wie ein wildes Tier im Käfig, gar nicht gesehen. «Gerechter Gott, daß dieser Löbel sein kann ein solcher Verräter! Er wird alles ausschwatzen auf dem Markte, er wird mich ruinieren», jammerte Herr Ehrenthal und schlug die Hände zusammen.

«Wozu soll er Sie ruinieren?» fragte Veitel und warf seinen Hut auf das Pult.

«Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehört?» schrie ihn Ehrenthal zornig an.

«Alles habe ich gehört», sagte Veitel kaltblütig. «Sie haben ja beide geschrien, daß man es hören mußte in dem Hausflur. Warum haben Sie mir ein Geheimnis gemacht aus dem Geschäft? Wenn Sie mir gesagt hätten, was Sie vorhaben, ich hätte Ihnen den Löbel billiger verschafft.»

Herr Ehrenthal sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts hervorbringen als die Worte: «Was ist das?»

«Ich kenne den Pinkus», fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum Mitspieler in dem Stück zu machen, welches jetzt aufgeführt wurde. «Wenn Sie ihm geben hundert Taler, so wird er Ihnen als treuer Mann verkaufen eine gute Hypothek an den Baron.»

«Was wissen Sie von der Hypothek?» fuhr Herr Ehrenthal bestürzt heraus.

«Ich weiß genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will», antwortete Veitel. «Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen zu mir.»

Herr Ehrenthal starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines Buchhalters, es dämmerte ihm die Ansicht, daß sein Gehilfe mehr kaltes Blut und Entschlossenheit haben könnte als er selbst. Endlich rief er zwischen Freude und Sorge: «Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen Sie mir den Pinkus zurück, er soll haben die hundert Taler.»

«Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der Justizrat zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den Justizkommissarius in Rosmin.»

«Ich hab's gedacht!» rief Herr Ehrenthal erfreut. «Es ist gut, Itzig, schaffen Sie mir den Löbel!»

«Dem Schreiber des Justizrats habe ich zu zahlen fünf Taler, und ich soll bekommen ein Dukaten, macht acht Taler fünfeinhalb», fuhr Veitel fort, ohne sich von der Stelle zu rühren.

«Es ist schon gut», beschied ihn Ehrenthal durch eine nachlässige Handbewegung. «Sie sollen haben das Geld, aber vor allem muß ich haben den Pinkus.»

Veitel eilte hinüber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen Geschäftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurückgezogen, in welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.

Veitel öffnete die Tür und sagte mit Energie: «Pinkus, ich komme vom Ehrenthal, ich will, daß Sie nehmen hundert Taler und helfen meinem Rebb; ich will, daß Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so weiß ich etwas von Ihnen, was Ihnen schaden wird bei der Polizei.»

Der Pinkus stand still und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel auf seinen Lippen hatte. «Ich bin ein ehrlicher Mann», rief er trotzig, «und brauche mich vor der Polizei nicht zu fürchten.»

«Sie wird fragen, was Sie für ein Warenlager halten in dem Hause daneben und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waren. Ich will Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal soll Ihnen geben hundert Taler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube und ein Bett gegen billige Miete und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, sondern als Geschäftsmann, welcher so gut ist wie Sie.»

Pinkus war überrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile auf, focht mit Händen und Füßen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen Widerstand leistete; er beschwor häufig seine Ehrlichkeit und mischte starke Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wogen seiner sittlichen Entrüstung allmählich kleiner und kürzer wurden und zuletzt in seiner Seele ein anmutiges Wellengekräusel entstand als Zeichen, daß sie brauchbar geworden für alle guten Werke des Friedens.

Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandlung ruhig abgewartet und führte jetzt den Versöhnten im Triumph zu Ehrenthal zurück. Hier maßen die beiden würdigen Männer einander erst mit feindseligen Blicken, dann schüttelten sie einander die Hände und versicherten sich gegenseitig ihrer Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des Friedens daneben stand und beide mit einem Gefühl betrachtete, welches der entschiedenste Gegensatz von Hochachtung war. Pinkus steckte ein Kassenbillett von hundert Talern ein und empfahl sich, da seine Hilfe bei der großen Operation nicht mehr nötig schien, und Veitel öffnete kurz darauf die Tür für Herrn Löwenberg, den Geschäftsmann aus der Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte: «Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.» Er ging diesmal, ohne am Schlüsselloch zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben Abend ein kleines Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas Likör und aß das Bratenstück, welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.

Unterdes sagte Herr Ehrenthal zu Löwenberg, als beide bei einem Glas Wein gemütlich einander gegenübersaßen: «Ich habe erfahren, daß der Justizrat Horn sich Auskunft holt über die Hypothek bei dem Justizkommissarius Walther in Ihrem Orte. Ist etwas zu machen mit diesem Manne?»

«Es ist nichts zu machen mit Geld», erwiderte der Mann aus der Provinz nachdenklich, «aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er weiß nicht, daß ich selbst von dem Bevollmächtigten des Grafen den Auftrag habe, zu verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in meinen Geschäften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das Gut und die Verhältnisse des Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, daß ich Lust habe, zu kaufen diese Hypothek.»

Kopfschüttelnd sagte Ehrenthal: «Wenn er kennt den Grafen und sein Gut, so wird Ihr Lob doch nicht helfen, daß er einen günstigen Brief hierher schreibt.»

«Es hilft doch, diese Justizkommissarien müssen bei uns Erkundigungen einziehen über die Verhältnisse; sie können selbst nicht so gut wissen wie wir, wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des Getreides. Wir müssen tun, was wir können, und ich glaube, es wird helfen für das Geschäft.»

Ehrenthal stützte schwermütig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem Seufzer: «Sie können glauben, Löwenberg, es macht mir schwere Sorge.»

«Es wird auch sein ein schöner Vorteil», tröstete der andere. «Neunzig Prozent zahlt der Käufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt nach Paris siebenzig Prozent; von den zwanzig Prozent Differenz zahlen Sie fünf an den Bevollmächtigten des Grafen und fünf an mich für meine Bemühung, und zehn Prozent bleiben Ihnen. Viertausend Taler sind ein schöner Gewinn bei einem Geschäft, zu dem man braucht kein Kapital.»

«Aber es macht Sorge», sprach Herr Ehrenthal gebeugt. «Glauben Sie mir, Löwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine Nacht, wo ich schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn meine Frau mich fragt, ‹Schläfst du, Ehrenthal?›, so muß ich ihr immer sagen: ‹Ich kann nicht schlafen, Sidonie, ich muß denken an die Geschäfte.›»

Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Tore hinaus. Am nächsten Morgen erhielt der Justizkommissarius Walther einen Geschäftsbesuch des Herrn Löwenberg und wurde durch die kühle und überzeugende Weise dieses Herrn allerdings zu der Ansicht gebracht, daß die Verhältnisse des Grafen Zaminsky doch nicht so zerrüttet waren, als man in der Umgegend annahm.

Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothsattel einen Brief seines Rechtsfreundes und darin die Kopie eines Schreibens vom Justizkommissarius Walther. Das Gutachten beider Rechtsverständigen stellte den Kauf der Hypothek als ein Geschäft dar, von dem wenigstens nicht unbedingt abzuraten war. Und als den Tag darauf Ehrenthal auf dem Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr seinen Entschluß gefaßt, die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwährend, unwiderstehlich, das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Talern. Es war ein Segen der Praxis, die er in dem früheren Geschäft mit Ehrenthal erworben hatte. Er wollte die Hypothek gut finden, und er hätte sie vielleicht genommen, auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgeraten hätte.

Ehrenthal erbot sich mit großer Uneigennützigkeit, da er doch eine Geschäftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn anzunehmen und für ihn den Kauf mit dem Bevollmächtigten abzuschließen. Der Freiherr war gern damit zufrieden, denn sein Zartgefühl sträubte sich dagegen, daß er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren Betrag geringer war als die Summe, welche er durch das Hypothekeninstrument dafür kaufte.

Acht Tage später war er im Besitz einer Hypothek von vierzigtausend Talern, für welche er nur sechsunddreißigtausend Taler gezahlt hatte, und Ehrenthal und seine Freunde hatten obendrein ein schönes Geschäft gemacht, das beste von allen Itzig, denn er hatte ein Übergewicht über seinen Meister erhalten und war Ratgeber und Vertrauter geworden bei den geheimnisvollen Unternehmungen. Alle Parteien waren zufrieden. Der Freiherr holte seine reich ausgelegte Kassette hervor und legte an die Stelle der schönen weißen Pergamente das dicke, gelbliche, durch viele Hände abgegriffene Aktenbündel, welches von jetzt ab sein Vermögen vorstellte. – Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein, welche er früher den Pfandbriefen gegönnt hatte, er warf den Deckel des Kästchens schnell zu und schob es in den Sekretär, ganz wie ein alter, ermüdeter Geschäftsmann, wie einer, der froh ist, eine Arbeit hinter sich zu haben. Er eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit Laune die Glückwünsche und Bücklinge Ehrenthals.

«Ich mag ihn nicht dulden», sagte Lenore, «er sieht aus wie ein kleiner fauchender Hamster.»

«Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigennützig gezeigt», antwortete der Vater. «Es ist wahr, alle diese Geschäftsleute haben etwas Karikiertes, und es ist bei aller Gutmütigkeit für unsereinen nicht immer möglich, bei ihren Bücklingen das Lachen zu unterdrücken.»

An demselben Abend ging Herr Ehrenthal bei seiner Frau Sidonie im langen Schlafrock vergnügt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu singen, klopfte seiner Tochter Rosalie auf den weißen Nacken und warf seiner Frau von Zeit zu Zeit einen schlauen und zärtlichen Blick zu, so daß ihn Madame Ehrenthal endlich fragte: «Du hast abgemacht dein Geschäft mit dem Baron?»

«Ja», rief Ehrenthal lustig.

«Er ist ein schöner Mann, der Baron», bemerkte die Tochter.

«Er ist ein guter Mann», sagte Ehrenthal, «aber er hat seine Schwächen. Er ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bücklinge und untertänige Reden und welche Geld bezahlen, damit andere für sie denken. Er würde lieber verlieren eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm spricht mit gebogenem Rücken, den Hut in der Hand. Es sind auch solche Leute nötig in der Welt, was sollte sonst werden aus unserm Geschäft?» -

Und an demselben Abend saß auch Veitel in seiner Stube und der Advokat neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache über das abgeschlossene Geschäft und sagte: «So ist der Rotschwanz gefangen in dem Sprenkel, und der Ehrenthal hat dabei gewonnen viertausend Taler.»

Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen Holzkasten, welchen Frau Pinkus ein Sofa nannte, gerade aus wie ein ältlicher weiser Affe, der den Weltlauf verachtet und seinen Wärter in die Beine beißt. Er hörte mit kritischem Ernst auf den Bericht seines Schülers, schüttelte hin und wieder den Kopf oder lächelte, wenn etwas nach seinem Geschmack war.

Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schloß: «Der Ehrenthal hat keine Courage, er verliert den Kopf bei großen Geschäften», da rief Herr Hippus verächtlich: «Der Ehrenthal ist ein Gimpel. Er setzt nicht Großes durch, er ist ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen; wo es darauf ankam, hat er gezaudert und ist steckengeblieben. Wenn er den Edelmann durch Trinkgelder kirren will, die er ihm zukommen läßt, so wird ihn der Freiherr zuletzt die Treppe hinunterwerfen.»

«Was soll er aber mit ihm tun?» fragte Veitel.

«Sorgen muß er ihm machen», sprach Hippus, im Eifer aufstehend, «Sorgen durch Arbeit. Große Arbeit, immerwährende Unruhe, tägliche Sorgen, die nicht aufhören, das ist das einzige, was der Freiherr nicht aushalten kann. Diese Leute sind gewöhnt, wenig Arbeit zu haben und viel Vergnügen, alles wird ihnen zu leicht gemacht im Leben von klein auf. Es gibt wenige, die den Kopf nicht verlieren, wenn eine große Sorge das ganze Jahr in ihrem Schädel herumbohrt. Das ruiniert sie. Ist so einer höchstens zweimal im Tage durch seine Wirtschaft gelaufen, so denkt er, er hat gearbeitet, während der Amtmann das Beste tut und manchmal noch die Dummheiten des Herrn ausbessern muß. – Will der Ehrenthal den Baron unter sich bringen, so muß er ihn in große Geschäfte verwickeln, er muß selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und keinen Verstand, er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stückchen pfeift und hinterher mit dickem Kopfe dasitzt.»

So lehrte der Advokat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen häßlichen Teufel, welcher heftig vor ihm gestikulierte. Endlich ergriff Herr Hippus die Branntweinflasche, stampfte sie auf den Tisch und rief: «Heut noch eine Füllung extra! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist mehr als eine Flasche Doppelten wert.»

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