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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Wie immer, erschien auch diesmal der Händler zu rechter Zeit. Seine diamantene Busennadel blitzte, seine unterwürfigen Komplimente gegen die Baronin waren lächerlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes zeigte sich wahrhaft grenzenlos. Der Freiherr führte ihn in guter Laune durch die Wirtschaft und sagte endlich: «Sie sollen mir einen Rat geben, Ehrenthal.»

Ehrenthal zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.

Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen ähnlichen Gang durch die Gebäude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten geändert! Damals mußte der Händler seinen guten Rat dem stolzen Baron so vorsichtig und in Süßigkeiten eingehüllt anbieten, wie man dem unartigen Kinde eine Arznei einflößt, und jetzt kam derselbe Herr bereits hilfesuchend zu ihm.

Der Freiherr fuhr mit möglichst leichtem Tone fort: «Ich habe in diesem Jahre größere Ausgaben gehabt als früher, selbst die Pfandbriefe verlangen Zuschüsse, ich muß daran denken, meine Einnahmen zu vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung für diesen Zweck am besten zu tun?»

Die Augen des Händlers glänzten, aber er erwiderte mit gebührender Demut: «Was zu tun ist, werden der Herr Baron besser wissen als ich.»

«Nur keins von Ihren Geschäften, Ehrenthal», warf der Freiherr vorsichtig ein. «Ich werde mit ihnen nicht wieder in Kompanie treten.»

Kopfschüttelnd antwortete Ehrenthal: «Es ist auch nicht immer zu machen ein solches Geschäft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron empfehlen kann. Der gnädige Herr hat fünfundvierzigtausend Taler liegen in Pfandbriefen. Wozu sich halten die Pfandbriefe, welche so wenig Zinsen geben? Wenn Sie dafür kaufen eine sichere Hypothek zu fünf Prozent, so werden Sie davon zahlen vier Prozent an die Landschaft, und ein Taler vom Hundert bleibt Ihnen als Vorteil, ein jährlicher Vorteil von vierhundertfünfzig Talern für Ihre Kasse. Und Sie können dabei haben noch einen größeren Vorteil. Manche sichere Hypothek zu fünf Prozent wird angeboten zum Kauf mit großem Profit für den Käufer, welcher bar Geld bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend Taler zahlen, vielleicht noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten, welche Ihnen bringt fünf Prozent Zinsen von fünfundvierzigtausend Talern.»

Der Freiherr antwortete: «So war auch mein Gedanke, aber mit der Sicherheit solcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Händen von euch Händlern sind, sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf nicht einlassen.»

Ehrenthal wälzte durch eine Handbewegung jeden Bruchteil dieses Vorwurfs, welcher ihn persönlich hätte treffen können, von sich ab und sagte ärgerlich über den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten: «Ich mache nicht gern Geschäfte mit Hypotheken; was so ist auf dem Markt in den Händen der Händler, das ist nichts für den Herrn Baron; Sie müssen sich wenden an einen zuverlässigen Mann. Sie haben einen Rechtsanwalt, welcher gute Geschäftskenntnisse hat, vielleicht kann der Ihnen schaffen eine sichere Hypothek.»

«Sie wissen also keine?» fragte der Freiherr prüfend und doch mit dem stillen Wunsche, daß Ehrenthal ihm die Mühe erleichtern möchte.

«Ich weiß keine», sagte der Händler mit größter Entschiedenheit. «Aber wenn Sie wünschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind immer welche zu haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er für sicher hält. Solche Herren geben sich nur keine Mühe bei den Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie werden beim Rechtsanwalt voll einzahlen müssen die ganze Summe für dieselbe Hypothek, welche Sie durch einen Geschäftsmann können erhalten mit einem Vorteil von einigen Tausend.»

Da in der Seele des Freiherrn dieser Vorteil bereits die größte Wichtigkeit erlangt hatte, so faßte er in der Stille seinen Entschluß. Er wollte sehr vorsichtig sein, aber womöglich lieber eine bereits vorhandene Hypothek kaufen als durch seinen Rechtsfreund das Geld anlegen lassen. Und dem Händler sagte er. «Es eilt nicht; falls Sie etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.»

«Ich will mir Mühe geben», sprach der Händler mit Zurückhaltung, «aber es wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschäft Erkundigungen einziehen, denn ich mache sonst keine Geschäfte mit Hypotheken.»

Wenn diese Äußerung auch nicht wahrhaftig war, so erfüllte sie doch ihren Zweck, denn die kühle Unschuld des Händlers steigerte das Zutrauen des Freiherrn zu ihm um ein bedeutendes. Ehrenthal aber suchte eilig von dem Gute wegzukommen; er vernachlässigte diesmal die feinwolligen Sprungböcke, übersah das runde Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und grollte seinem Kutscher, weil dieser zu langsam fuhr. «Wenn ich einer Schnecke binde die Zügel an ihre Hörner, so wird sie mich schneller fahren als Ihr», zankte er ärgerlich und rückte auf seinem Sitze hin und her.

Der Kutscher peitschte verdrießlich die Pferde und warf grob über die Schultern zurück: «Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie mehr sein wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp auf steinigem Wege!»

Der Freiherr fuhr am nächsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen Rechtsfreund, die nötigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypothek zu machen. Er verbarg ihm nicht, daß er diese gern mit einigem Vorteil erhalten würde.

Der verständige Jurist riet ihm dringend, auf solchen Vorteil zu verzichten, weil keine Aussicht sei, daß er eine sichere Anlage um weniger als den Nennwert bewirken werde. Gerade dieser Rat machte den Freiherrn nur noch mehr geneigt, sich beim Erwerb der Hypothek seinem eigenen Urteil zu überlassen.

Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker, großer Mann mit rötlichem, glänzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der würdige Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons geführt und beeilte sich, sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehört, daß der gnädige Herr Geld anzulegen wünschte, und wußte eine ausgezeichnet sichere, höchst empfehlenswerte Hypothek von vierzigtausend Talern auf eine große Herrschaft in der benachbarten Provinz, Eigentum des reichen Grafen Zaminsky, der im Auslande lebte. Die Güter, auf welchen die Hypothek haftete, hatten alle möglichen Vorteile: es waren drei, vier Güter, es war eine Waldfläche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und reiner Urwald war das nach den Schwüren des Berichterstatters. Vier Dörfer waren zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in vier Dörfern hatten bares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz, es war eine Besitzung, welche dem größten Fürsten keine Schande gemacht hätte. Und diese Hypothek von vierzigtausend Talern stand mit ihrem Pfandrecht gleich hinter den ersten hunderttausend Talern. Hinter ihr waren noch fünf oder sechs kleinere, aber immerhin ansehnliche Kapitalien eingetragen. Die Hypothek war gegenwärtig im Besitz des Grafen Zaminsky selbst. Er hatte diese seinem Geschäftsträger zum Verkaufe zediert. Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus geheimnisvoll andeutete, möglicherweise für neunzig Prozent, also für sechsunddreißigtausend Taler zu haben. Es war unbequem, daß die Herrschaft in einer benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirtschaft noch viele altertümliche Eigenheiten hatte. Aber die Grenze war höchstens zwei Meilen entfernt, die nächste Kreisstadt war durch die Chaussee mit der Welt verbunden, kurz, es gab nichts, was nicht bei unbefangener Betrachtung an der Hypothek einnehmend erschienen wäre, und Pinkus würde sich nie entschlossen haben, einen solchen Schatz irgendeinem fremden Käufer zu gönnen, wenn dieser nicht in so ausgezeichneter Weise alle Tugenden in seiner Person vereinigte wie der Freiherr.

Der Gutsherr verhielt sich gegenüber diesen Anpreisungen würdig, wie einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgang zog Pinkus ein dickes Aktenbündel, welches das Dokument selbst vorstellte, aus einer Ledertasche hervor und legte es vertrauensvoll vor dem Freiherrn auf den Tisch, damit dieser mit Muße die Richtigkeit aller Angaben prüfen könne.

Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Dokument zu seinem Rechtsfreund, ersuchte ihn, dieses durchzusehen und die nötigen Ermittelungen anzustellen. Er selbst stieg die schwarze Treppe zur weißlackierten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf.

Ehrenthal war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf seinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron möge ihm die unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Der Freiherr war human genug, das nicht auszuschlagen; er wurde in das distinguierte Putzzimmer des Hauses geführt und sah mit innerer Heiterkeit über die auffallenden Farben der bunten Vorhänge, den roten Plüsch des Sofas, den unsauberen Fußboden und die zahlreichen schlechten Ölbilder an den Wänden, dicke Farbenmassen, welche wahrscheinlich auf dem Trödel gekauft waren und schwärzlichen Baumschlag aus irgendeinem unreinlichen Weltteil darstellten. Die schöne Rosalie trat nach einer Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hängelocken, in rauschendem Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den Frühstückstisch. Es war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu beobachten, wie die gezierte Haltung der Tochter von dem kriechenden Wesen des Vaters abstach, und der gute Herr freute sich schon darauf, wie er auf den Abend beim Teetisch der Baronin und seiner Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und Unbehilflichkeit schildern würde. So saß er auf dem Sofa und sah mit freundlichem Lächeln auf den Händler. Herr Ehrenthal saß ihm gegenüber und freute sich auch, und auch sein Mund lächelte verbindlich. Endlich sagte der Freiherr, nachdem er der schönen Tochter des Hauses einige artige Worte gegönnt hatte: «Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?»

Die Tochter verschwand bei diesen geschäftlichen Andeutungen, der Vater rückte sich auf seinem Stuhl zurecht. «Ja, ich kenne ihn», sagte er kühl, «er ist ein kleiner Geschäftsmann; ich glaube auch, daß er ist ein ehrlicher Mann. Er ist nicht von Bedeutung, er macht seine Geschäfte nach Polen zu.»

«Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek zu kaufen?» fragte der Freiherr weiter.

«Was sollte ich es ihm sagen?» antwortete Ehrenthal. «Ist er gewesen bei Ihnen wegen einer Hypothek», fuhr er kopfschüttelnd fort, «so hat er es erfahren von einem andern Geschäftsmann, mit dem ich darüber gesprochen. Der Pinkus ist ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek für Sie?» Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein Pinkus sei, und hob die Augen in die Höhe, gleichsam um die unermeßliche Höhe des Barons anzudeuten.

Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhändler ihm angeboten habe, und fragte nach den Gütern und Verhältnissen des Grafen.

Herr Ehrenthal wußte nichts Näheres, besann sich aber, daß ein respektabler Geschäftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot sich, diesen Mann aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn zu senden.

Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die Treppe hinunter bis in den Hausflur und sagte beim Abschiede: «Seien Sie vorsichtig mit der Hypothek, Herr Baron, es ist schönes Geld, und es gibt viele schlechte Hypotheken, aber es gibt auch gute Hypotheken, und es wird viel geschwatzt von manchen Geschäftsleuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus betrifft, so ist er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschäft, aber er ist, soweit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek sagen, scheint gut, aber doch bitte ich untertänig, Herr Baron, seien Sie vorsichtig.»

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