Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Anton hatte die dunkle Empfindung, daß er sich im Mittelpunkt der Erde viel behaglicher befinden würde als auf der Oberfläche. «Ja», sagte er endlich verzweifelnd, «Sie haben recht, ich habe sehr unrecht getan, über meine Verhältnisse hinauszugehen, ich habe es während der ganzen Zeit empfunden; seit einigen Tagen, wo ich Kasse gemacht habe und gesehen, daß ich in Schulden gekommen bin» – hier lächelte der Kaufmann fast unmerklich -, «ist mir's klargeworden, daß ich auf unrechtem Wege bin, ich habe nur nicht gewußt, wie ich zurück soll. Jetzt werde ich nicht mehr zaudern», fuhr er sehr traurig fort, «und Sie mögen die Güte haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verständig benehme.»

«Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck eingeführt? Ich dachte es», sagte der Prinzipal lächelnd, «Vielleicht weiß er mehr von den Gerüchten, welche Sie gegenwärtig so beunruhigen.»

«Erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugnis fordere, daß ich nichts von allen diesen Nachreden gewußt habe und daß ich selbst wohl leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und kennt mein ganzes Verhalten.»

«Wenn es Sie beruhigt», sagte der Prinzipal und ließ Herrn von Fink rufen.

Fink sah im Eintreten verwundert auf den aufgeregten Anton und fragte, ohne die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu beachten: «Was Teufel, du hast geweint?»

«Über Verleumdungen», sprach der Kaufmann ernst, «welche seine Solidität als Geschäftsmann und die Respektabilität seiner Familie angegriffen haben.» Darauf sagte er kurz, worum es sich handle.

Fink lachte und rief: «Er ist ein Kind; wozu sich um das müßige Geschwätz der Leute kümmern?»

«Er hat kein Recht, dies Geschwätz zu verachten, denn er hat es durch seinen Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einführten, genährt.»

«Vor allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schröter zu bezeugen, daß ich keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu wissen, daß ich keinen Fuß in die Gesellschaft der Frau von Baldereck gesetzt hätte, wenn ich für möglich gehalten, daß so etwas von mir gesagt werden kann.»

«Er ist ganz unschuldig», sagte Fink mit überzeugender Gutmütigkeit zum Prinzipal, «unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im verborgenen blüht; wenn irgend jemand schuld hat bei dieser lächerlichen Geschichte, so bin ich es und außerdem die törichten Menschen, welche so etwas verbreitet haben. Gib dich zufrieden, Anton; wenn dir die Sache leid ist, so wollen wir sie bald wieder in Ordnung bringen.»

«Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mitteilen, daß ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.»

«Auch ich halte das für das beste Mittel», sagte der Kaufmann.

«Ich fürchte, es wird nicht viel helfen», bemerkte Fink weise.

«Dann habe ich wenigstens das Meinige getan», rief Anton.

«Wie du willst», sagte Fink. «Tanzen hast du doch gelernt, und deinen Hut verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.»

Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: «Du hast recht gehabt: Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem Übermut die ganze Intrige angezettelt.»

«Ich wußte es», rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre Strickerei. – «Wenn es möglich ist, Traugott, so verhüte jetzt eine neue Unbesonnenheit.»

«Sie müssen die Geschichte selbst abmachen», antwortete der Kaufmann, «ich bin neugierig, wie sie das zustande bringen werden.»

Anton arbeitete den Tag über wie einer, der sich betäuben will, sprach nur das Nötige und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschluß gefaßt hat.

Fink sah ihn den ganzen Tag über mißtrauisch an und fragte sich selbst: ‹Was hat der Junge vor? Er gebärdet sich, als sollte er das erste Duell abmachen.› Und hätte er in Antons Seele sehen können, vielleicht hätte auch ihn erschüttert, den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen fraß. Es war nicht verletzter Stolz allein, nicht die Scham, wie ein Abenteurer und Betrüger zu erscheinen, denn diese beiden Empfindungen gingen unter in einem größeren Weh, in dem Gedanken an den Abschied von seiner geliebten Tänzerin.

Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein paar Jahre älter aussah als gewöhnlich, und fragte, seine Hand ergreifend: «Bist du böse auf mich?»

«Nicht auf dich und auf keinen andern», sagte Anton aufgeregt. «Höre mich an; wie das Gerücht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist möglich, daß du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast!»

«Mit dir nicht, mein Kind», sagte Fink.

«Jedenfalls hast du um das Geschwätz gewußt und mir nichts davon gesagt; das war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's nicht nachtragen, und wir wollen miteinander über diese Geschichte niemals wieder reden.»

«Höre», sagte Fink, «ich habe die Ansicht, du nimmst das Geschwätz viel zu tragisch.»

«Laß mich», fuhr Anton fort, «nur heut in meiner Weise handeln.»

«Was willst du denn tun?»

«Frage mich nicht, ich empfinde sehr deutlich, was ich tun muß. Laß uns gehen.»

«So tu, was du nicht lassen kannst», sagte Fink gutmütig, «aber vergiß nur eines nicht, daß jede Art von Szene, die du vor den Leuten auffährst, sie nur amüsieren wird, um so mehr, je aufgeregter du dich zeigst.»

«Vertraue mir»; sagte Anton, «ich werde ruhig sein.»

Es war große Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine Balltoilette, viel Lichterglanz, sämtliche Familienmütter und mehrere Väter; einige eingeübte Tänze sollten zum besten gegeben werden. Im Eintreten blickte Fink besorgt auf seinen Freund. Anton sah verstört aus, aber er schritt mit großer Energie vorwärts. Er machte sich von Fink los und trat sogleich zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz bereits engagiert hatte. Das Fräulein sah heute so reizend aus als möglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die großen Augen strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tänzer einige Schritte entgegen und sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: «Sie kommen so spät, der Ball wird gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile zu plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. – Aber was haben Sie? – Sie sehen ja so feierlich aus!»

«Gnädiges Fräulein», erwiderte Anton mit einer Verbeugung, «Mir ist heut sehr traurig zumute, ich kann nicht die Ehre haben, den nächsten Tanz mit Ihnen zu tanzen.»

«Und warum nicht?» fragte die junge Dame erschrocken.

«Hören Sie mich an, ich werde nicht lange in dieser Gesellschaft bleiben und komme heute nur, mich bei Ihnen und der Dame vom Hause wegen meines Weggehens zu entschuldigen.»

«Aber Herr Wohlfart», rief Lenore, die Hände zusammenschlagend.

«Viel mehr als an der Meinung der übrigen liegt mir an Ihrer guten Meinung», sagte Anton errötend, «und vor Ihnen will ich mich zuerst rechtfertigen.»

«Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht», rief die junge Dame.

Anton aber erzählte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem Prinzipal gehört, und versicherte sie eifrig, daß er von dem Gerücht nichts gewußt habe. «Das glaube ich Ihnen gern», sagte Lenore vertrauensvoll, «Papa hat auch gesagt, daß es wahrscheinlich ein müßiges Geschwätz sei.» – Sie hielt inne, denn sie dachte in dem Augenblick daran, daß ihr Vater hinzugesetzt hatte, dieser Herr Wohlfart möge ein recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die Gesellschaft. «Und weil Sie erfahren haben, was man über Sie erzählt, wollen Sie ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?»

«Ja, ich will», sagte Anton, «denn wenn ich hierbliebe, würde ich mich der Gefahr aussetzen, für einen Eindringling oder gar für einen Betrüger gehalten zu werden.»

Lenore warf das Köpfchen zurück und sagte gekränkt und heftig. «So gehen Sie, mein Herr!»

Dies war das beste Mittel, das Gehen unsers Anton zu verhindern, er blieb stehen und sah seine Tänzerin flehend an.

«Warum gehen Sie nicht?» fragte das Fräulein noch heftiger.

Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: «Sagen Sie mir wenigstens, daß Sie nicht schlecht von mir denken wollen.»

«Ich werde gar nicht an Sie denken», rief Lenore mit schneidender Kälte und wandte sich ab.

Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein bitterer Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wäre er zehn Jahre älter gewesen, so hätte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht günstiger ausgelegt. Der Gedanke, daß er noch nicht fertig war, gab ihm seine Kraft wieder, er ging aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem Kreise, in welchem Frau von Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle die auserwähltesten Damen der Gesellschaft, die lange, hagere Gräfin, eine Tasse Tee trinkend, Eugeniens Mutter und neben ihr eine große Männergestalt; Anton wußte, ohne daß es ihm jemand gesagt hatte, daß der stattliche Herr Lenorens Vater sein müsse. In dem Augenblick, wo er vor die Frau des Hauses trat, seine Verbeugung zu machen, flog sein Blick über die ganze Gesellschaft. Noch viele Jahre nachher lebte der Augenblick in seinem Gedächtnis, noch viele Jahre nachher wußte er die Farbe von jedem Kleide, er konnte noch die Blumen aufzählen, welche in dem Strauß der Baronin Rothsattel waren, ja er erinnerte sich noch an das Bild der gemalten Tasse, aus welcher die Gräfin trank. Die Hausfrau empfing die Verbeugung unseres Helden mit herablassendem Lächeln und war im Begriff, ihm etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, aber laut durch den ganzen Saal tönte, seine Rede begann, so daß nach den ersten Worten eine allgemeine Stille entstand: «Gnädige Frau, ich habe heut erfahren, daß in der Stadt erzählt wird, ich sei reich, ich besitze Güter in Amerika und vornehme Herrschaften nehmen im geheimen ein Interesse an mir. Ich erkläre dies alles für Unwahrheit, ich bin der Sohn des verstorbenen Kalkulators Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast nichts geerbt als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier öffentlich zu erklären. Sie, gnädige Frau, haben die hohe Güte gehabt, einen fremden und unbedeutenden Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und mich zur Teilnahme an den Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich darf nach dem, was ich heute gehört habe, nicht mehr daran teilnehmen, weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den Unwahrheiten, welche man über mich verbreitet hat, Nahrung geben würde und weil ich gar in den Verdacht kommen könnte, ein Betrüger zu sein, welcher die Gastfreundschaft Ihres Hauses mißbraucht. Deshalb sage ich Ihnen meinen innigen Dank für Ihre Güte und bitte Sie, mir ein freundliches Gedächtnis zu bewahren.»

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.