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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb auf einen Zettel: «Fink hat einige Blätter gelesen, er wird schweigen, sonst niemand eine Zeile», siegelte Zettel und Buch in ein Kuvert und sandte dies durch einen von Feronis Leuten am späten Abend nach dem Hause der Komteß Lara mit dem ausdrücklichen und durch eine Kette von Versprechungen verstärkten Befehl, der Bote müsse unter allen Umständen durch Nachtwächter und Pförtner in das Haus und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre schwarzen Locken durch Ströme von Tränen in träufelnde Bindfaden verwandelte.

Das Gelage nahm seinen Verlauf. Das heiße Zimmer, der starke Trank und ein gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung früher ein Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den verschlafenen Küfer und sagte zu Anton: «Bezahle die Rechnung.» Als Fink mit nach Hause ging, begann er: «Sei ruhig, Tony, natürlich war alles gelogen, was ich aus dem Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin angesammelt, deren eine Gesellschaft Turteltauben fähig ist.»

«Ich hab's gemerkt», sagte Anton vergnügt, «in der nächsten Stunde werden deine Herren schön den Hof machen.»

«Einer oder der andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugeteilt habe, noch heiraten, ich will mich jetzt aufs Kuppeln legen.»

Anton schwieg gekränkt. «Sei ruhig», fuhr Fink behaglich fort, «auch du sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir meine Herren?»

«Sieh», sagte Anton, «was sie sagen, erscheint mir oft gewöhnlich, aber sie haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie sich gehen lassen.»

«Na», sagte Fink, «es geht; sie sind in ihrer Clique, in dem müßigen Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkümmert, sie sollen im ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein muß, wenn man amüsant sein will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig, und ihre Lustigkeit ist kläglich, in ein paar Jahren sind sie schal und ungenießbar wie schlechter Most. Dieses Tönnchen wird schon säuerlich. Ich habe große Lust, sie dir nächstens betrunken zu zeigen.»

«Sprich nicht so liederlich», bat Anton.

«Ach, du armer Junge», sagte Fink. «Schließ die Tür auf und gib mir meine Geldbörse zurück.»

«Du hast heut wieder eine große Rechnung bezahlt», sagte Anton. «Ich bitte dich, sei nicht so freigebig, du demütigst ja die andern.»

«Sei ruhig, Anton», erwiderte Fink, «ich halte mich über sie auf, folglich ist es auch billig, daß ich für sie bezahle.»

«Ich hoffe, du wirst niemals für mich bezahlen», sagte Anton.

«Nein», entgegnete Fink, «du sollst das Privilegium haben, dein eigener Kassierer zu sein; ich bin zufrieden, daß du mir den Hausschlüssel trägst und bei mir noch deine Zigarre rauchst, während ich mich ausziehe. – Welche Stunde ist's?»

«Es ist gegen zwei Uhr», erwiderte Anton vorwurfsvoll.

«Dann sind wir sicher die letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus solche Exzesse nicht vertragen. Als ich das erstemal beim Frühlicht diesen Riesenschlüssel ins Schloß steckte, fürchtete ich, die alten Mauern würden über mir zus[*]ammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewöhnt, der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deshalb länger aus, um diese schauderhafte philiströse Hausordnung umzudrehen.»

Als Hildegard Salt nach einer feuchten Tränennacht gegen Morgen die ersten Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von Theone Lara geweckt, in dessen vorderem Teile Theone mit schwarzer Krähenfeder die Ansicht aussprach, daß für sie auf dieser Welt kein Raum mehr sei, und in der zweiten Hälfte diese Ansicht dahin berichtigte, daß sie Hildegard und Lenore für nächsten Nachmittag zur Schokolade einlud, um wegen der glücklichen Rettung des Buches eine vertrauliche Festfeier zu begehen.

Auf dieser Konferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch Männeraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, daß Fink hineingesehen hatte. Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war sehr zu fürchten, daß auch er es durchgelesen hatte. Lenore war überzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Hildegard dagegen behauptete, er sei ein Mann, und kein Mann, auch der beste nicht, sei einer solchen Diskretion fähig. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen. «Wenn er hineingesehen hat», sagte Lenore, «so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.»

«Das Titelblatt durfte er ansehen», warf ein brauner Vogel ein.

«Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen», sprach Lenore, «und ich weiß, er hat keine Seite angesehen. Ihr alle sollt zuhören, wie er meine Fragen beantwortet.»

Als Anton in der nächsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen bemühten sich, die Köpfe zu hängen und ebenso traurig auszusehen: «Ach, Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone geschickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brieftasche.»

«Wie ist das möglich?» rief Anton bestürzt.

«Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29. über einen Frack, vom 30. eine Flasche Rotwein und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts helfen.» Alle Braunen schüttelten den Kopf und sahen betrübt zur Erde.

Anton suchte sich zu entschuldigen. «Fink zog das rote Buch aus der Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt ab.»

«Dann muß Herr von Fink das Buch vertauscht haben», fuhr Lenore fort. «Warum haben Sie denn nicht hineingesehen?» fragte sie vorwurfsvoll. «Wenigstens auf das Titelblatt.»

«Das durfte ich ja nicht», rief Anton, «ich hatte Ihnen ja versprochen, keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.»

«Halt», rief Lenore, «noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder nicht?» fragte sie siegreich, zu ihrer Schar gewandt.

Ein bewunderndes «Nein» kam von aller Lippen. «Bleiben Sie, Herr Wohlfart, es ist das rechte Buch, das Sie zurückgesandt haben. Einige von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen aus der Hand geben könnten; ich sagte, Sie wären das imstande, und habe meinen Freundinnen das soeben bewiesen.»

«Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen», rief Anton erfreut.

«Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist», sagte Lenore und blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.

Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Kotillon von einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die Herren ausgeteilt wurden, da wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus wie der bunteste Hofmarschall des Kontinents.

Aber noch Größeres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des Nußknackers, welcher sie während eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja man muß sagen, mit Gefühl behandelte und dadurch in die allergrößte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche sämtlich auf einmal zu der Überzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernsthaften Huldigung nicht unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küßte beim Abschied Theone im überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kündigte für die nächsten Tage ihren und ihrer Töchter Besuch an, bat um die Erlaubnis, ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber sein würden, daß die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältnis zu Lenore gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit Ausnahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war alles in einer gemütvollen, von Menschenliebe gleichsam überfließenden Stimmung, deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren; ach, aber zu einem Genuß ihres Glückes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie die Nadelstiche des bösen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstören, der sie umgab. – Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Teilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: «Ist Fräulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, daß sie gefühllos ist, aber diese kleine Unart wird sich möglicherweise im Laufe der Jahre in eine ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.»

Lenore sah ihn verlegen an. «Kommen Sie mit zu Theone Lara», sagte sie endlich. «Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank», rief sie dort, «wir alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch schweigt, wie er es bis jetzt getan.»

«Ich will mich dazu verpflichten», versetzte Fink, «unter einer Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muß jemanden haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie so leichtsinnig waren, die Dokumente Ihres scharfen Witzes in meine Hände fallen zu lassen. Nennen Sie mir die eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, daß ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuch zitieren werde.»

In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, jede fürchtete, die Beute des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: «Ich habe die Zeichnung gemacht, und ich habe die Verse darunter meiner Freundin diktiert; da Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht tun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rächen, so werde ich Ihren Haß zu ertragen suchen.»

«Schön», sagte Fink lächelnd, «ich werde mich rächen, ich werde Sie von heute ab hassen. Übrigens ist mir angenehm, zu erfahren, daß auch das vergänglichste aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen, welche davon betroffen werden, zu heldenmütigen Opfern begeistern kann. – Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.»

Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, daß auf einer neuen Konferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in außerordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer Überlegung wurde man einig, daß Theone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börse zu häkeln habe. Gleich am nächsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht auszuschließen, die Kunst des Häkelns eigens erlernen. Auch strahlte bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.

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