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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen wurde auffallend. Er vernachlässigte heute seine Partei, er suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbeszene und den Untergang des Hauses Capulet bereits dreimal durchgekostet hatte und ihre Tränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heiße Zimmer. Er quälte sie bis zur Ohnmacht und schloß endlich seine teuflische Rache damit, daß er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und fragte: «Wie gefällt Ihnen das grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?» – Sein nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schar noch immer mit dem Stolz einer Fürstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn als je in ihrem Leben, sie preßte ihr Taschentuch zusammen, daß die Spitze riß, um sein Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut bis zu dem Augenblick, wo er dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im Gespräch zurief: «Benno, knacken Sie gern Nüsse?»

Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: «Nein, wenn Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für mich zu hart sein.»

Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch. Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stößt. Nur Lenore nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. «Sie haben das Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt ist nicht für fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft großen Ärger verursachen. Ich bitte, daß Sie mir das Buch zurückgeben.»

«Ein Buch?» fragte Fink neugierig. «Was für ein Buch?»

«Verstellen Sie sich nicht», sagte Lenore, «es ist uns allen deutlich, daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich Ihnen über die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten können.»

«Ich könnte es behalten», nickte Fink. «Sie sind zu gütig, wenn Sie mir ein solches Zartgefühl zutrauen.»

«Das wäre mehr als unartig», rief Lenore.

«Es würde mir das größte Vergnügen machen, mehr als unartig zu sein, wenn ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen oder einer Ihrer Freundinnen gehört, das möglicherweise Ihre Handschrift oder eine andere Erinnerung an Sie enthält, das werde ich Ihnen in keinem Falle zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde ich es Zeile für Zeile auswendig lernen. Ich werde ihnen dadurch zu gefallen suchen, daß ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, sooft ich die Freude habe, Sie zu sehen.»

Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten.

«Wenn Sie das tun, Herr von Fink», rief sie, «so werden Sie als ein Unwürdiger handeln.»

Fink nickte ihr freundlich zu. «Der Eifer steht Ihnen allerliebst, Fräulein; aber wie können Sie Würde von einem lustigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgeteilt, manchem hat sie verliehen, Verse zu machen, andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen spitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Haben Sie je einen würdigen Zeisig gesehen?» Er wandte sich lachend ab, faßte Benno Tönnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Tür.

Lenore eilte zu Anton: «Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an, schaffen Sie es uns zurück, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter darin lesen, es wäre Theonens Tod.»

Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der bereits auf der Straße war. «Zu Feroni, Anton!» rief ihm Fink am Arm des Benno Tönnchen zu.

«Ich muß etwas im Vertrauen mit dir besprechen», sagte Anton an seiner anderen Seite.

«Jetzt nicht, du brauner Gesandter», rief Fink, «ich will nichts mit dir zu tun haben.»

«Ich bitte dich, Fritz», bat Anton, sich an ihn drückend, «gib das Buch heraus, die Mädchen ängstigen sich bis zum Vergehen.»

«Nur zu!» sagte Fink.

«Keine tut heute nacht ein Auge zu», rief Anton.

«Um so besser, wir wollen's auch nicht tun. Sie können sämtlich zu Feroni kommen, wenn's ihnen zu Hause zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum Morgen zusammen. Und du, Anton, wirst dich heute nacht nicht ohne mich nach Hause schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller Todesangst.»

«Was ist das für eine Geschichte mit dem Buch?» fragte Tönnchen am andern Arme.

«Sage nichts», bat Anton leise.

«Eine tolle Konfusion», erwiderte Fink, «Sie sollen alles erfahren.»

«Um Gottes willen, schweig», bat Anton.

«Ich werde mich nach deinem Benehmen richten», sagte Fink, «läufst du weg, so lese ich den andern das ganze Buch vor.»

So kamen sie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er sich auf Fink werfen und diesem mit Gewalt das Buch entreißen sollte. Aber der Erfolg war unsicher. Mit Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur List konnte helfen. Während er darüber nachsann, ließen sich die Herren in dem kleinen Hinterzimmer nieder, ihrer gewöhnlichen Trinkstube. Es waren außer Anton und Fink noch Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Cousin Baldereck (dieser ein junger Herr mit hervorstechenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfrosch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams, sondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Söhne des alten Majoratsherrn.

«Was trinken wir?» fragte Fink.

«Jeder seine Flasche», erwiderte Zernitz.

«Warum nicht gar?» rief Fink.

«Nur nicht Ihren furchtbaren weißen Burgunder», rief Guido Tronka. «Von unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie Stränge.»

«Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb», schlug Fink vor.

«Superbos!» rief der kleine Lanzau.

«Das ist ebenso ein Höllengetränk», klagte Zernitz.

«Küfer, Schenk, herbei!» riefen die Herren, und die Bestellung wurde gemacht.

Unterdes verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem Aufwärter einen Taler und den Auftrag, den Ofen der kleinen Hinterstube zu überheizen und ohne Rücksicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen, als irgend möglich war, und sah mit Freude, daß Fink sich dicht an den eisernen Zylinder gedrückt hatte. Bald mußte ihm die Wärme unbequem werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er stets in solchen Fällen tat, dann war es möglich, das rote Buch vor seinen Augen aus der Rocktasche zu ziehen.

«Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem großen Ereignis in Kenntnis zu setzen», begann Tönnchen. «Haben Sie Tronkas Alice gesehen, Fink?»

«Nein», sagte Fink eingießend, «ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?»

«Natürlich ein Pferd!» rief Tönnchen.

«Bah, laßt heut die Stalljacke zu Haus», sagte Fink.

«Es ist aber verdammter Ernst!» rief Tönnchen. «Guido hat zum Herrenreiten eingesetzt.»

«Zahlen Sie Reugeld», sprach Fink zu Guido Tronka, «und bleiben Sie zu Haus. Den Ajax schlägt kein Traber in diesem Erdenwinkel.»

«Sehen Sie sich morgen meine Alice an», bat Tronka wieder, «ich möchte Ihr Urteil hören.»

«Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen?» sprach Zernitz zu Anton. «Sie hat brillante Augen.»

«Sie trägt magnifik», rief der andere Tronka zu Fink herüber.

«Sie hat ja eine Hasenscharte», rief der Laubfrosch verächtlich dazwischen.

«Wer ist nun das wieder?» fragte Fink.

«Die Seppi, ein grünäugiges Scheusal», schrie wieder der Laubfrosch Baldereck. «Gehen Sie denn gar nicht mehr ins Theater?»

«Nein», versetzte Fink, «aber ich schicke meinen Reitknecht hinein. Wenn Sie Gefühle haben, bei denen er Sie unterstützen kann, so wenden Sie sich nur an ihn.»

Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu beschäftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im Volksdialekt, die ihm der Leutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte laut in das Lachen des Laubfrosches ein, er verführte den ältesten Tronka, ein Abenteuer mitzuteilen, welches den Tod eines Hasen und einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach der Kelle und goß die Gläser voll.

Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und riefen nach dem Aufwärter.

«Es verfliegt sogleich», tröstete dieser.

«Ich finde es gar nicht warm», sagte Fink ruhig, «im Gegenteil. Sie können noch einlegen.»

Aber die Hitze wurde unerträglich, die Herren gerieten in Zorn, Feroni selbst wurde gerufen. Anton protestierte gegen das Öffnen des Fensters, weil man vom Tanze noch zu warm sei, Fink erklärte die Temperatur für behaglich und behielt seinen Rock an.

Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschluß anzuregen. Sofort tat Fink dasselbe, legte den Rock sorgfältig über seinem Stuhl zusammen und sah lächelnd auf Anton, der mit großer Aufmerksamkeit seine Bewegungen beobachtete.

«Das Buch steckt nicht im Rock», nickte Fink ihm zu, «die Mühe war umsonst, denke auf etwas anderes.»

Anton öffnete das Fenster. «Ich versuche nichts mehr», sagte er resigniert, «du bist mir zu schlau.»

«Halt aus», sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen erzählte lügenhafte Geschichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau betrank sich. Endlich pochte Fink auf den Tisch. «Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es ist nicht möglich, es schreit zum Himmel.»

Anton fuhr auf: «Ich bitte dich, Fritz.»

«Ruhig, Ofenheizer!» rief Fink. «Hört, ihr Herren, ich habe heut ein geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.»

«Hurra, heraus damit!» riefen sämtliche Herren.

«Es sind gewiß Verse darin», rief Zernitz.

«Es mag ein schöner Unsinn darin stehen!» rief Tönnchen. «Phantasie und Bosheit Unmündiger.»

Anton war wütend.

«Allerdings steht Unsinn darin, und die Verse scheinen mir schlecht. Hören Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?»

«Nichts», sagte der Leutnant befremdet, «ich habe ein paarmal mit ihr getanzt, das ist alles.»

«So muß es gekommen sein», fuhr Fink nachdenkend fort. «Die arme Theone! Ich habe ein Lied gelesen, das die Komteß auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt sind Sie kein übler Bursch, aber ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß man mit solcher Schwärmerei von einem Mann sprechen kann.»

«Zeigen Sie her», bat Zernitz angelegentlich.

«Hier?» fragte Fink vorwurfsvoll. «Vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade begünstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft des armen Mädchens hier zu profanieren.»

«Sie haben recht», sagte Zernitz. «Aber unter vier Augen werden Sie mir's zeigen.»

«Gewiß», versetzte Fink. «Ihr wißt, ich habe kein Gefühl für alle Kreatur, welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt gibt, was mich kalt läßt, so sind es Backfische in Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit soll ihr Recht werden, die Mädchen, welche das Tagebuch miteinander geführt haben, sind seelengute Dinger, es ist auch nicht eine einzige boshafte Bemerkung darin.»

Er wandte sich zum Cousin Baldereck: «Von Ihrer Cousine ist auf jeder Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die ebenso verdient als rührend genannt werden muß. – Das strengste Urteil wird über mich gefällt, ich werde ein Zeisig genannt.»

«Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig», sagte Benno Tönnchen.

«Ja», erwiderte Fink, «wenn Sie nicht interessiert, was Hildegard Salt über Sie hineingeschrieben hat.»

«Viel Gutes wird's nicht sein», versetzte Benno neugierig.

«Nein», sagte Fink, «Sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten wahrhaft betrübend vorkommen muß. Sie werden groß und still genannt, Ihr Gesicht ein Muster männlicher Kraft; die Dichterin findet Sie voll Kenntnisse, voll Geist und voll Witz; sie fragt, ob ein solcher Mensch nicht zu bedeutend sei, um sich zu einem weichen Mädchen hinabzuneigen. Nun frage ich alle, wie kann ein gescheites Kind wie Hildegard Salt sich so weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger Gesell, Benno, aber wenn ich ein Mädchen wäre und mir ein Ideal aussuchte, ich würde lieber einen Nußknacker zu meinem Götzen machen als Sie.»

Tönnchen verzog den Mund.

«Ist von uns auch etwas darin?» fragte Herr von Werner, auch einer der Grünen, ein Bruder von vier schönen Schwestern, Nachbar der Rothsattel, von jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.

«Von Ihnen wenig», versetzte Fink, «nur zwei Zeilen.» Er nahm das Buch hervor und sah hinein und suchte. – Anton ballte die Hände unter dem Tisch. – «Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und sucht vergebens ihr Herz zu verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an. Oh, Georg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufezeichen.» Fink steckte das Buch wieder ein. Anton beruhigte sich, das konnte nicht in dem Buche stehen, auch sah er, daß die Nasenflügel Finks sich heftig bewegten, ein untrügliches Zeichen, daß er Schelmerei trieb.

Zernitz schob das Glas weg und rief: «Es ist indiskret, daß wir uns in diesem Raume über das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.»

«Ich bin derselben Meinung», rief Benno Tönnchen eifrig.

«Ich auch», sagte Georg Werner.

«Sie müssen das Buch versiegeln und zurückschicken», sprach der Frosch.

«Oh, ihr gemütvollen Zettel», rief Fink in der glücklichsten Stimmung, «weil eure haarigen Köpfe von feinen Händen gekrault werden, wird euer Herz zartfühlend. Ich möchte eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem Buche das Gegenteil herausgelesen hätte. Ei, ei! Und keiner kennt den Shakespeare!»

«Komteß Lara und Hildegard sind zu feinfühlend, um das hineinzusetzen, was Ihre Bosheit gern gesehen hätte», rief Zernitz.

«Die Rothsattel ist zwar stolz», rief Werner, «aber sie hat keinen Grund, von mir etwas anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie immer im stillen für ein tüchtiges Mädchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.»

Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an die Decke. «Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sündigen Erde unter bessere Geschöpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und niemand merkt es, und niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier, Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Überredung oder Zwang ist es erobert; durch freiwilligen Entschluß der tanzenden Herren wird es ungelesen zurückgeschickt.»

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