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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Hier gerieten Herr Pix und Herr Specht in einen Streit über die Sprache, durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck verständlich mache. Aber alle Kollegen waren darin einig, daß dieser Besuch der Tanzstunde für Wohlfart ein äußerst gewagter und verhängnisvoller Schritt sei, der unaussprechliches Unheil bereite und die gesamte menschliche Ordnung störe.

«Er ist gegangen», rief die Tante, von einer Konferenz mit dem Bedienten zurückkehrend.

«Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink», sagte der Prinzipal.

Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. «Mich freut's», sagte sie endlich, «daß Fink seinen Einfluß dazu benutzt, dem Freunde ein Vergnügen zu machen. Er selbst tanzt nicht gern, und ihm persönlich ist dies Kränzchen gewiß eher ein Opfer als eine Freude.» Der Bruder sah die Schwester prüfend an, sie nickte ihm leise zu. «Und wie gönne ich's Wohlfart, daß er unter Menschen kommt! Er ist am meisten von allen Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bett gehe, sehe ich bei ihm die Lampe brennen. Die andern haben Verwandte oder gute Freunde von früher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus einschließt. Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.»

«Er hat sich bis jetzt brav gehalten», sagte der Prinzipal, «wollen sehen, ob das Dauer hat.»

«Aber wie war es möglich, daß er in diese Gesellschaft...» rief die Tante. «Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck...»

Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte. «Fink hat's ihnen befohlen», sagte sie, «und das war hübsch von ihm. Und zum Dank dafür soll er morgen trotz dem ernsten Gesicht meines Chefs sein Lieblingsgericht erhalten.»

«Also Schinken mit Burgundersoße», rief die Tante. «Aber ich bitte dich, wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie wird er mit diesen Lebemännern fertig werden? Er kann's ihnen nicht gleichtun. Dazu gehört doch wenigstens Geld.»

«Dafür laß ihn sorgen», erwiderte Sabine fröhlich. «Um den grämen wir uns nicht.»

«Er ist gegangen», sagte Karl am Abend zu seinem Vater. «Kleine lackierte Glanzstiefel, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot ihm, Schuhe anzuziehen. Und ein neuer Hut, alles vom Kopf bis zu den Füßen neu. So also sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.»

«Du möchtest wohl auch tanzen gehen?» fragte der Vater.

«Nein», erwiderte Karl, «aber ich möchte sehen, wie sie's auf einem Balle machen.»

«Sieh in den ‹Blauen Mond› nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen; es ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur daß sie einander behutsamer anfassen und außerdem mit Handschuhen.»

«Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben», sagte Karl.

«Es ist ein staubiges Vergnügen», bestätigte der Riese. «Es besteht im Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine Seite und hernach auf die andere. Man versucht, sich selber von der Erde zu erheben, was immer unmöglich ist. Man wird heiß, man trinkt ein Glas oder auch mehrere, und zuletzt wird eine Kußpolonäse getanzt. Wenn man heiraten will, ist das Ding notwendig. So weit bist du noch nicht, bis dahin hat's noch manches Jahr Zeit.»

«Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht soweit», erwiderte Karl. «Das wäre eine schöne Geschichte, wenn der jetzt ein Fräulein heiratete mit zwei Schimmeln und versilbertem Pferdegeschirr.»

«Ja, da wird wohl nichts helfen», sagte der Vater kopfschüttelnd, «mit Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es ist mir auch so gegangen.»

«Dich hätte ich auch sehen mögen», rief Karl.

«Oho», rief der Riese, «ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel, Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer, und im Großvatertanz hatte ich nicht meinesgleichen.»

Karl sah den Vater mißtrauisch an. «Ja», fuhr der Riese vergnügt in der Erinnerung fort, «wenn der Fußboden fest ist und gute Kameraden dabei, so lasse ich mir die Arbeit schon gefallen. – Es war ein großer Ball im Bürgerverein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein schmächtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und stand mitten im Saal und sah auf die Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe saß sie da; neben ihr saß ihr Vater, der Schlossermeister. ‹Guten Abend, Hans›, rief der Schlosser mich an, ‹bist du auch da?›

‹Ich sollt's denken, Gevatter›, sagte ich und trat näher, und je mehr ich mir die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. ‹Dies ist meine Tochter›, sagte der Schlosser, ‹du kennst wohl das Mädel gar nicht mehr? Sie ist zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme gewesen.› ‹Wie sie hübsch geworden ist!› sagte ich. ‹Sie ist rund und sie ist nett, wie gedrechselt.› Die Kleine wurde rot und auch ich feurig. ‹Na›, sagte der Schlosser, ‹wenn du mit ihr tanzen willst, immer zu! Greife sie nur nicht zu hart an.› ‹Nur zart›, sagte ich und führte sie zum Tanz. Wir mochten wohl konträr ausgesehen haben, das kleine Blitzmädel und ich, und ich glaube, die Leute lachten.»

«Das hättest du nicht leiden sollen», rief Karl, der sich ihm gegenübergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.

«Es war nicht böse gemeint», sagte der Alte, «und deine Mutter gestand mir nach den ersten Tänzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die Leute lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natürlich tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwegen noch einen Handel mit Wilhelm; denn wie er sah, daß ich mit ihr tanzte, wollte auch er mit ihr tanzen, und wie er merkte, daß ich ihr den Hof machte und mich um sie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und draußen vor dem Saale beim Blumenmädchen einen Strauß für sie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch zwei Sträuße und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn zuletzt beiseite zog und ihm sagte: ‹Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen und bei jedem Faß und bei jedem Kollo sollst du deine Hand haben, wo ich meine habe, aber hier bei dieser Schlossertochter nicht rühran!› ‹Warum nicht?› fragte er. ‹Warum›, sagte ich, ‹weil wir Freunde sind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer geben möchte und ich dich nicht abwalken möchte vor den Leuten.› ‹Weißt du was›, sagte er, ‹du bist schlau.› Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du wirst merken, wie das tut. Es macht unruhig, und es bringt in Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu singen, man schreibt Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's jeder, und so habe ich's gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Großvater bestand darauf, daß alle Auflader dazu eingeladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir Auflader miteinander eine Kegelquadrille, und ich war der erste Kegel. Das Haus erschütterte sich wohl, aber es ist kein Unglück geschehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen.»

«Potz Wunder!» rief Karl. «Das hätte ich sehen mögen; schade, daß ich nicht dabei war!»

«Du ungezogener Knirps», sagte der Vater, «wie konntest du dabeisein, an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, war ja erst die Vorbereitung.»

«Wenn Wohlfart nur nicht zu spät nach Hause kommt, das kann Herr Schröter nicht leiden», sagte Karl.

Unterdessen öffnete der Bediente die Flügeltüren zum Salon der Frau von Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer, in denen sic[*]h eine Anzahl eleganter Damen und Herren teetrinkend, schwirrend und mit den Flügeln schlagend durcheinanderbewegte. Die Mütter und Verwandten der jungen Damen waren geladen, um der Eröffnung der Tanzstunde beizuwohnen; Fink rau[*]nte dem Freunde noch ins Ohr: «Sei nur so unverschämt, als du kannst, es ist alles dummes Zeug» – und führte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau vom Hause.

Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in seiner Angst nicht, daß die Blicke des Kreises, in den er getreten war, sich mit wahrhaft unverschämter Neugierde auf ihn hefteten. «Ich werde Sie der Gräfin Pontack vorstellen», sagte seine gütige Patronin und führte den Schützling, der tief Atem holte, vor die Füße einer hageren langen Frau von unbestimmtem Alter, welche auf einem erhöhten Platz, von Damen und Herren umgeben, thronte. «Liebe Betty, hier Herr Wohlfart.» Anton sah in dieser Angststunde, daß die liebe Betty eine lange pergamentene Nase, wenig Lippen und ein hartes, abstoßendes Gesicht besaß, er fühlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und senkte sein Haupt halb zum Gruß, halb mit der Ergebenheit eines Kriegsgefangenen. Die Gräfin saß kerzengerade bei seiner Verbeugung und fragte von ihrer Höhe mit gleichgültiger Stimme: «Sie sind ein Freund des Herrn von Fink?»

«Zu Befehl, Frau Gräfin», antwortete Anton.

«Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt?» Jedes Gespräch in der Nähe hörte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.

«Doch, schon einige Jahre», antwortete Anton wieder.

«Sie sind ja wohl ein Ausländer?» fuhr Betty in gemütvoller Konversation fort.

«Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen», antwortete Anton.

Ein «So?» kam eisig von den Lippen der Dame. «Und woher?»

«Aus Ostrau», erwiderte Anton schnell, das Haupt erhebend. Das Verhör wurde ihm drückend, er wußte selbst nicht, weshalb, und seine Schüchternheit verflog vor dem aufsteigenden Ärger.

«Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slawe», sagte Fink, zur rechten Zeit dazwischentretend, «obgleich er leidenschaftlich dagegen protestiert, wenn man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafür macht er Hoffnung, dereinst ein guter Engländer zu werden. In diesem Augenblick teilt er meinen Wunsch, Gnade vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben soeben eine Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gönnen Sie jetzt meinem Freunde, was wir alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit fremder Unvollkommenheit.» – Die Frauen lächelten, einige der Herren wendeten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty saß mit gesträubten Federn da, wie ein Raubvogel, dem ein größerer seine Beute abgejagt hat.

Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlüpfte in eine andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der Gesellschaft von der Anstrengung seiner Präsentation zu erholen. Da schlug ein Batisttuch leicht an seinen Arm, und eine dreiste Mädchenstimme fragte: «Herr Wohlfart, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr? Es ist das zweitemal, daß ich Sie zuerst grüßen muß.»

Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke Gestalt mit blondem Haar und großen tiefblauen Augen, welche ihm lächelnd ins Gesicht sahen. So sprechend war der Ausdruck des Entzückens auf Antons Antlitz, daß Lenore sich nicht enthalten konnte, ihm freundlich zuzunicken und zu sagen: «Ich freue mich, daß Sie hier sind. Die Herren sind mir alle fremde Gesichter. Aber wie kommen Sie hierher?»

Anton erklärte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft über seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fräuleins, welches jahrelang, ohne es zu wissen, in seiner Dachstube unumschränkt geherrscht hatte. Wie war sie in der letzten Zeit groß, voll und schön geworden! Und das luftige weiße Kleid und der Blumenkranz von nie dagewesenen Blumen im Haar! Mächtig glänzte das Auge in dem entzückenden Gesicht, und ihre Haltung war die einer Fürstin.

Schnell waren beide in eifrigem Gespräch, es war zum drittenmal, daß sie einander sahen, aber sie hatten soviel zu erzählen, als hätten sie Jahre gemeinsam verlebt.

«Wir werden heute alle durcheinandertanzen und uns um unsern Tanzmeister gar nicht kümmern», sagte endlich das Fräulein. «So ist mir's am liebsten. – Sie dürfen jetzt nicht länger mit mir allein sprechen, unterhalten Sie sich mit andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Musik anfängt, kommen Sie zu mir, ich werde Sie der Mama vorstellen.»

So winkte sie ihm gnädig zu und schritt majestätisch durch den Saal in einen Kreis von Frauen.

Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Gesellschaft, seine Befangenheit war verschwunden, eine angenehme Begeisterung erfüllte ihn. Was konnten ihm noch diese hellgekleideten, buntbebänderten Gestalten sein, welche um ihn hüpften oder festgewurzelt standen? Sie waren ihm gleichgültig wie eine Schar kleiner Vögel oder wie die Pflanzen auf der Wiese. Er suchte schnell Fink auf und ließ sich von ihm ein Dutzend Herren vorstellen, ohne irgendeinen Namen der Vorgestellten zu behalten. Darauf bat er Fink sofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen zu führen.

«Hast du mit der Tochter vom Hause gesprochen?» fragte Fink.

«Nein», sagte Anton lustig.

«Schnell hin, Unseliger», ermahnte Fink, «mache dich gefaßt auf schlechte Behandlung.»

«Ist mir ganz einerlei», sprach Anton, den Arm seines Freundes drückend,[*] diesem ins Ohr, während er vor Fräulein Eugenie aufgestellt wurde.

Das Fräulein war so kalt gegen Anton, als sich nach der langen Vernachlässigung nur irgend erwarten ließ. Er hatte Mühe, einige kurze Antworten zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes beglückt, sobald Leutnant von Zernitz an sie herantrat.

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