Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

10

Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings; und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluß des Kontors einen großen Strauß roter Zentifolien gekauft und klopfte an die Tür von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu schmücken. Mit Überraschung sah er, gerade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Kollegen in dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, daß bei seinem Eintreten eine exklusive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen, es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, daß er ihnen an Würden nicht gleichstand, deshalb demütigte ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strauß in das eigene Zimmer und stellte ihn resigniert auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darüber hinweg auf das Büschel Rosen, welches sogleich eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.

Unterdes wurde im Salon feierlich Sitzung gehalten. Der Herr des Salons pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung: «Wie Sie alle wissen, hat einer der Kollegen das Geschäft verlassen. Herr Schröter hat mir deshalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt ist, an dessen Stelle unsern Wohlfart als Korrespondenten in das Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche außerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung des Kontors. Deshalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt aufgeben und wollen Sie ihn als Kollegen in unser Geschäft aufnehmen? Ich ersuche Sie sämtlich, mir Ihre Meinung mitzuteilen. Ferner fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter selbst unsern Wohlfart für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für sehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entscheidung überläßt.»

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der Sofalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: «Vor allem stimme ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein anderer für die Teetrinker den Kessel her, den Grog braue ich.» Nach dieser Erklärung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurück und brannte eine Manila an, eine Art von Zigarren, welche er in stetem Kampf gegen seine Kollegen begünstigte.

Die anderen Herren verharrten in genußreichem Schweigen und sahen feierlich der Bereitung des Tees zu, jeder fühlte die Wichtigkeit seiner bürgerlichen Stellung und seine Würde als Mensch und Kollege.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch niemand das Wort ergriff, erkannte der Vorsitzende die Notwendigkeit, die Debatte auf irgendeine Weise zu fördern, und fragte: «Wie wollen wir abstimmen? Wünschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?»

«Bei der englischen Marine wird, soviel ich weiß, der Jüngste zuerst gehört», bemerkte Herr Baumann.

«Wie bei der englischen Marine!» entschied Herr Pix.

Specht war der jüngste der anwesenden Kollegen. «Ich muß vor allem bemerken, daß Herr von Fink nicht anwesend ist», sprach er und sah sich aufgeregt um.

Ein allgemeines Gemurmel entstand: «Er ist nicht zu Hause. Er ist Volontär.»

«Er gehört nicht zu uns», sagte Herr Pix.

«Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen», sagte Herr Jordan, «da er keiner von den Engagierten der Handlung ist.»

«In diesem Falle bin ich der Meinung», fuhr Herr Specht fort, etwas herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste Bemerkung erfahren hatte, «daß Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich selbst, oder doch drei Jahre, wie unser Baumann bei C. W. Strumpf und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl und nach aller Ansicht im Geschäft brauchbar ist, so bin ich auch der Meinung, daß wir einmal eine Ausnahme machen und ihn schon jetzt als Kollegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorsichtig zu sein und ihm bemerklich zu machen, daß er eigentlich noch Lehrling sein sollte. Deshalb schlage ich vor, daß er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr hindurch den Tee zu machen, wie er es jetzt als Lehrling getan. Außerdem halte ich für schicklich, daß er zur Erinnerung an seinen früheren Stand jedem Kollegen alle Quartale eine Feder schneidet.»

«Narrheiten», brummte Herr Pix, «Sie haben immer überspannte Einfälle.»

«Wie können Sie meine Einfälle überspannt nennen!» rief Herr Specht entrüstet, «Sie wissen, daß ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.»

«Ich muß um Ruhe bitten», sagte Herr Jordan.

Die nächsten Kollegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr Baumann mit viel Wärme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des Teekessels und sprach: «Meine Herren, was soll das lange Reden; seine Warenkenntnis ist nicht schlecht, wenn man berücksichtigt, daß er noch ein junger Kauz ist, sein Benehmen ist kulant, die Hausknechte haben Respekt vor ihm, gegen meine Kunden ist er noch zu zartfühlend und umständlich, aber es ist nicht allen Leuten gegeben, andere Leute zu behandeln. Solo spielt er schlecht, und sein Punschtrinken ist unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letzteren Qualitäten aber nicht den Ausschlag geben dürfen, so sehe ich nicht ein, weshalb er nicht vom heutigen Dato ab Kollege werden soll.»

Der Kassierer sprach: «Es ist nicht in Ordnung, daß einer mit zwei Jahren seine Lehrzeit abmacht; da es aber der Prinzipal wünscht, so werde ich nicht widersprechen, denn sein Wille muß zuletzt doch respektiert werden.»

Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums erinnerte. Natürlich wollte er beistimmen, aber wenn er nicht beistimmte? Wenn er jetzt widerspräche, welcher Skandal würde daraus entstehen? Wie würde ihn Wohlfart ansehen, und die Kollegen und der Prinzipal selbst? So zog er an seinem Halskragen, lächelte verbindlich nach allen Seiten und räusperte sich wie vor dem Ausbruch einer kräftigen Rede, worauf er, verwirrt durch den Gedanken an die möglichen Folgen seines Vetos, zurücksank und sich mit allem einverstanden erklärte, was seine Kollegen beschließen würden.

«Abgemacht», sagte Herr Jordan, «auch ich stimme bei und habe noch den Grund anzuführen, daß Wohlfart bei seinem Eintritt älter war als ein anderer von uns und daß er an Jahren und Bildung nichts zu wünschen übrigläßt. Deshalb freue ich mich über unsere Einstimmigkeit. Herr Schröter hat mir erlaubt, im Falle unserer Einwilligung den Lehrling vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor, daß dies auf der Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.»

«Ja, ja, gut, das wollen wir!» riefen alle, und Baumann schickte sich an, hinaufzugehen.

Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Kollegen Baumann den Weg. «Wir sind keine Ferkel», rief er und streckte die Hand abwehrend an der Tür aus, «wir sind keine wilden Tiere, daß wir so ohne Ordnung durcheinander laufen und einen neuen Kollegen aufnehmen wie ein Stück von einer Herde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des Geschäfts. Es ist notwendig, daß zwei von uns als Deputation hinaufgehen, es muß wenigstens ein Punsch gemacht werden, und Jordan muß ihn mit einer Rede begrüßen.»

Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt, den Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen in der Stube herum, er rückte den Tisch zurecht, ordnete die Stühle im Halbkreis zu beiden Seiten, schleppte Gläser und Flaschen herzu und setzte einen grünen Ritter aus Papiermaché, der ein vergoldetes Schwert trug, auf einen Tabakskasten in der Mitte des Tisches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn zwischen die Tür und die Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe wie eine Braut vor dem Altare. Darauf erschöpfte er seine ganze Beredsamkeit, um die Lichter und Lampen aus den Zimmern seiner Kollegen auf einen Haufen zu versammeln. Endlich ließ er die Rouleaus herunter, schloß die bunten Gardinen und brachte zunächst eine künstliche Dämmerung und darauf einen ungewöhnlichen Lichterglanz und heftigen Lampengeruch zustande. So bewirkte er mit Hilfe der andern, welche ihm erst zusahen und bald, durch seinen Eifer fortgerissen, tätig beistanden, daß der Salon in der Tat ein fremdartiges und mysteriöses Aussehen erhielt. Jetzt erst ließ er die Deputierten hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den Kopf fuhr von dem imponierenden Aussehen des römischen Senates, welcher lautlos auf Stühlen saß, als die grimmigen Feinde in Rom einzogen, so beschwor er leidenschaftlich alle Zurückgebliebenen, sich stumm und unbeweglich auf den Stühlen in der Runde festzusetzen. Als sich aber die Tür öffnete und der erstaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte seiner beiden Führer erschien, von denen Herr Pix in praktischer Umsicht die Zuckerbüchse Antons, Herr Liebold feierlich das große Rosenbukett getragen brachte, da verblich in der Phantasie des Herrn Specht der römische Senat, und die Heiligen Drei Könige, welche mit Büchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescherung und christliche Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er sprang in Ekstase von seinem Sitz auf und rief: «Alle müssen stehen!»

Durch diese veränderte Anordnung zerstörte er leider selbst die Wirkung, denn nur ein Teil der Herren folgte seinem Beispiel, der Rest blieb sitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte: «Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben sich Mühe gegeben, das Geschäft kennenzulernen, wir alle haben Sie in dieser Zeit liebgewonnen. Es ist der Wille des Prinzipals und unser aller Wunsch, daß die herkömmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweise abgekürzt werde. Herr Schröter beabsichtigt, Sie morgen als Kontoristen aufzunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies schon heute mitzuteilen. Wir wünschen Ihnen von Herzen Glück und bitten Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als Kollege zu bewahren, die Sie uns bis jetzt bewiesen haben.» So sprach der gute Herr Jordan und hielt seinem Zögling die Hand hin.

Anton stand einen Augenblick starr, dann faßte er mit beiden Händen die dargebotene Rechte und fiel glücklich und gerührt Herrn Jordan um den Hals. Die Kollegen drängten sich um ihn, und es entstand ein Händedrücken und Umarmen, welches in der Geschichte des Salons beispiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und faßte ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah ohne Betrübnis sein Zeremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruiniert, Baumann saß, die Hände über das Knie geschlungen, vergnügt in der Ecke, und Pix bot unserm Helden binnen fünf Minuten zweimal seine Zigarren an und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon ansteckte. Alles war in bester Laune, die Kollegen freuten sich, weil sie mit Selbstgefühl etwas Bedeutendes schenken konnten, und Anton war selig, so viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklärt saß er in einem gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund Specht genötigt hatte, vor ihm stand der Ritter und salutierte mit seinem goldenen Schwert aus dem Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen, heut alle bemüht, ihm Fröhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und brachte die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredsamkeit, wie sie vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, daß Anton gewissermaßen als ein Säugling zu ihm gekommen sei, dem der Unterschied zwischen Pennal und Kaneel ebenso unbekannt war wie einem Zeisig das Kaffeekochen, und wie mit Hilfe der großen Waage, die als seine Wiege betrachtet werden müsse, und der Auflader, welche Ammendienste an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung einiger anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in so kurzer Zeit ein so auffallendes Wachstum des Unmündigen hervorgebracht worden sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die Gesundheit seiner Kollegen aus. Er erzählte, wie bange ihm damals gewesen war, als er zum ersten Male die Tür des Kontors geöffnet hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit welchem er ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht zu Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Überziehärmel, den er damals eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu führen. Diese Anspielung auf die berühmten Attribute der drei Herren fand den höchsten Beifall. Und jetzt folgte ein Toast auf den andern, und es ergab sich zum allgemeinen Erstaunen, daß der stille Herr Birnbaum, der Zollkommis, von der Natur die außerordentliche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glase zwei, ja sogar vier Zeilen in Versen zu sprechen. Immer fröhlicher wurde die Gesellschaft, immer festlicher glänzten die Lichter, immer röter leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem Tische.

Erst spät trennten sich die Kollegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen, bevor er seinem Freunde Fink das Glück berichtet hatte. Er eilte dem Ankommenden entgegen und erzählte ihm im Mondschein auf der Treppe das große Ereignis. Fink schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Acht in die Luft und sagte: «Es ist brav, daß das Vorderhaus auf den Einfall gekommen ist, ich hätte einen solchen Exzeß unserm Despoten nicht zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher übers Wasser in die große Welt.»

Am nächsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Kommis in das kleine Zimmer hinter dem letzten Kontor, in das Allerheiligste des Geschäfts, und hörte lächelnd die Dankesworte Antons an. «Ich habe so gehandelt», sagte er, «weil Sie tüchtig sind und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geschäft überbrachten, Ihnen einen Kredit bei mir eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, daß Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Tätigkeit Ihr Leben zu erhalten vermögen. Sie treten von heut in die Stellung, also auch in das Gehalt des Ausgeschiedenen ein.»

Zuletzt bei der Mittagstafel gratulierten auch die Damen dem neuen Geschäftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo Anton hinter seinem Stuhle stand, und begrüßte ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente setzte jedem der Herren eine Flasche Wein vor das Kuvert, und der Kaufmann erhob das Glas, und dem glücklichen Anton zuwinkend, sagte er mit gütigem Ernst: «Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!»

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.