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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Einige Stunden darauf saß Sabine in der Fensternische. Die Hände über das Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das rötliche Abendrot goß über ihr Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll auf die Regungslose, endlich trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So standen die Geschwister, eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche sich so ineinander eingelebt haben, daß jeder ohne Worte versteht, was den andern bewegt. Der Kaufmann strich zärtlich die Locken seiner Schwester zurecht und sagte bekümmert: «Du weißt, wie groß die geschäftlichen Verpflichtungen sind, welche wir gegen den Vater Finks haben.»

«Ich weiß», erwiderte Sabine aufblitzend, «daß du mit dem Sohne nicht zufrieden bist.»

«Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in unsern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.»

«Sei nicht hart gegen ihn», bat die Schwester und küßte die Hand des Kaufmanns. «Denke auch daran, wieviel Edles in seinem Wesen liegt.»

«Ich tue ihm nicht unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil für andere werden wird oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefühl, die großen Anlagen, die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen ist Stoff genug, um einen großen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er seine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Torheiten hat er bis jetzt seine Tage verbracht, der Zwang unseres Hauses empört ihn innerlich. Noch ist wahrscheinlich, daß ein schlechter Aristokrat aus ihm wird, der seine Lebenskraft in raffiniertem Genuß vergeudet, oder auch ein wucherischer Geldmann wie sein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwählt und mit frevelhaftem Witz die Schwächen anderer benutzt, um aus den Trümmern ihres Glücks seine Paläste zu bauen.»

«Er ist nicht herzlos», murmelte Sabine, «auch sein Verhältnis zu Wohlfart beweist das.»

«Er spielt mit ihm, er wirft ihn ins Wasser und zieht ihn wieder heraus.»

«Nein», rief Sabine, «er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er fühlt, daß dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüt hat als er selbst.»

«Täusche dich und mich nicht», entgegnete der Kaufmann finster, «ich weiß, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schön zu sprechen und sich in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von manchem, was an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muß ich seine Entfernung für wünschenswert halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.»

«O mein Gott!» rief Sabine, die Hände ringend. – «Nein, Traugott, das soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältnis nicht gelöst werden, welches zu seinem Nutzen geschlossen wurde. Wenn es ein Mittel gibt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die seine Vergangenheit über ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nähe. Deine rastlose Tätigkeit, die hohe Ehre deines Geschäftes, die zu sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine Seele. Ja, Traugott», fuhr sie fort und faßte seine Hand, «ich habe kein Geheimnis vor dir! Du hast eine törichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher erkannt als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll sein wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort will ich verraten, daß ich schwach war. Oh, zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus deinem Kreis, nicht im Zorn und nicht um meinetwillen.»

«Und darf ich zugeben, daß seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampfe verurteilt?» fragte der Bruder. «Unser Verhältnis zu ihm ist ohnedies schwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist wahrscheinlich, daß sein Vater bestimmte Pläne mit ihm hat; es ist sicher, daß er selbst für weit hinaus phantastisch über seine Zukunft geträumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht über ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, daß ich in seinem Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrat gegen den Vater, wenn ich eine Annäherung zwischen euch beiden auch nur durch Stillschweigen zuließe. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der Übermütige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, über das zu triumphieren, was er deine Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen empört sich mein Stolz.»

«Traugott», rief Sabine mit geröteten Wangen, «vergiß nicht, daß ich deine Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, daß alle Liebe sie nicht auszufüllen vermochte. Vertraue mir», bat sie unter Tränen, «ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch du das Lästige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne Liebe und ohne Heimat, so ist er aufgewachsen, in manchem verdorben, aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.» Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu ihm auf. «Vertraue mir, und gegen ihn sei gütiger.»

«Er soll hierbleiben», sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die feuchten Augen der Schwester. «Aber außer meinem Liebling ist noch jemand in unserm Hause, der sic[*]h vor dem Einfluß seines Wesens zu bewahren hat.»

«Wohlfart», rief Sabine heiter. «Für den bürge ich.»

«Du übernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein Günstling?»

«Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie treuherzig sah er heut darein, als der andere so ruchlos scherzte. Und er hat Mut! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn ins Herz geschlossen.»

«Was hat alles in diesem Herzen Raum!» rief der Kaufmann scherzend. «Zuerst und vor allem die große Vorratsstube, die Nußbaumschränke der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann -»

«Dann im Vorzimmer alles übrige», unterbrach ihn Sabine.

«Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert», fuhr der Bruder fort.

Sabine nickte. «Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unserer Handlung. Jetzt wünscht er sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen, du mußt sie ihm bei erster Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche Überraschungen gewöhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnisvollen Brief dazu schreiben.» Sie lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Teeserviette und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.

«So ist's recht», rief der Kaufmann, «jetzt bist du wieder du selbst. Die Linie ist untadelhaft, und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist außerordentlich.»

«Man muß doch seine Freude haben», sagte Sabine. «Ihr Männer tut doch nichts anderes als uns ängstigen.»

Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd, ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte. «Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn», rief er lustig, «der Souverän hat mich heut mit haarsträubender Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag keinen Blick gegönnt. Respektable Leute, aber bis zur Verzweiflung hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich am Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen und erregt Skrupel, ob es ihr anständig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. – Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses Kontors zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bösen Genius. Tut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.»

Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen daran, den jüngeren Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er bestand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Mietgaul Reitkünste zu üben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, daß er sich selbst auf einen Mietklepper setzte – wogegen er großen Abscheu hatte – und den Lehrling zur Übung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten ließ. Er schoß mit Anton nach der Scheibe und drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das äußerste protestierte.

Anton lohnte seinem Freunde durch die größte Anhänglichkeit, er war glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so vieles verehren und bewundern konnte, und es tat seinem Selbstgefühl unendlich wohl, daß er als Vertrauter vor vielen andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedürfnis. Es waren glückliche Abende für beide, wenn sie im Schatten der großen Kondorflügel oder in dem bescheidenen Quartier der gelblackierten Katze zusammen saßen in seligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf oder über nichts; dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermütig wie ein kleiner Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so daß der alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von jedermann als ein angesehener Associé der Firma betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum erstenmal für beide, eine herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen Unruhe zu beobachten; nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, daß sich im Vorderhause etwas ereignen würde, eine Verlobung oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann oder etwas anderes Außerordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverändert blieben das Antlitz und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und emsige Tätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche Familienereignis, jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fernhielte von dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, alles wurde niedergehalten durch den unablässigen, gleichmäßigen Fluß der Arbeit.

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