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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Was Veitel nach und nach über die Person seines Lehrers erfuhr, Namen und Schicksal, sei hier in Kürze berichtet. Herr Hippus hatte bessere Tage gesehen. Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt der Hauptstadt gewesen, der es durchgesetzt hatte, in wenigen Jahren eine ausgebreitete Praxis zu erwerben. Bei dem geschäftetreibenden Publikum einer großen Stadt erhält jeder Advokat sehr bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf, welcher ebenso unsicher sein mag als der Ruhm einer Sängerin oder Tänzerin, der aber auch durch eine große Klasse von Menschen als anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Klasse galt Herr Hippus für sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den Parteien und für den entschiedensten und kühnsten Mann, um ein mißliches Recht in ein gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig wie der gewissenhafteste Staatsanwalt den Trieb, seine Karriere dadurch zu machen, daß er Unrecht in Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches Gefühl von Unsicherheit, wenn er eine Partei vertrat, deren Sache er für schlecht hielt, er war von den ehrenwertesten seiner Kollegen nur sehr wenig verschieden, er hatte einige kleine Skrupel weniger und trank etwas zu guten Rotwein. Diese letzte so löbliche Eigenschaft wurde bald eine Schwäche. Er war ein Mann, der mit Geschmack zu frühstücken wußte, ein Herr von kaustischem Witz und ein vortrefflicher Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist, freute sich über geistreiche Paradoxien und liebte es, die Haare zu spalten, die er seinen Gegnern ausriß. Mit Hilfe des Rotweins erlangte er die Fertigkeit, viel Geld auszugeben, und geriet in die Lage, viel einnehmen zu müssen. Die eitle Freude an Spitzfindigkeiten verlockte ihn einigemal, die ganze Energie seines glänzenden Geistes einer schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum Siege zu führen. So erlebte er den Fluch, der häufig Advokaten trifft, welche Glück in verzweifelten Prozessen gehabt haben: es liefen ihm alle zu, welche eine schlechte Sache zu verteidigen hatten. Lange Zeit ärgerte er sich darüber, und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese Spitzbubenpraxis, wie er sie selbst nannte, loszuwerden; allmählich, ganz allmählich wurde er durch die schlechten Sachen, an denen er sein nicht gemeines Talent geltend zu machen suchte, selbst schlecht. Immer größer wurden seine Bedürfnisse, immer lockender die Verführung, immer kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen ausgehöhlt und mit Giftstaub gefüllt wie ein Bofist, von außen sah er noch stattlich und glänzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, daß er mit der größten Praxis in der Stadt als einer der reichsten Männer seine Laufbahn beschließen werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen, das Unglück, daß er in eine Untersuchung geriet, weil er bei einer Sache, welche nur durch verzweifelte Mittel zu halten war, dem Gesetz eine Blöße gegeben hatte. Er wurde verurteilt, mit Schimpf kassiert und verschwand als ein gefallener Stern aus dem Kreise seiner Amtsgenossen. Was er noch von Bedenken und Rücksichten gehabt hatte, ging seit der Zeit mit reißender Schnelligkeit verloren. Er hatte in Wirklichkeit wenig Vermögen gesammelt, fast nur schlechte Ansprüche an den Besitz anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Dokumente, deren Erwerb ihn allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung derselben machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens, denn noch immer hatte er das Bedürfnis, viel auszugeben. Deshalb war er durch mehrere Jahre als ewiger Kläger und Querulant eine den Gerichtshöfen wohlbekannte Person. Was er durch Prozessieren erwarb, vergeudete er mit roher Sinnlichkeit in schlechter Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein liederlicher Schlemmer. Aber auch diese unsicheren Einnahmen hörten auf, sein Name verschwand allmählich aus den Prozeßakten, und seine Person ward auch in den Restaurationen untergeordneten Ranges nicht mehr gesehen. Doch seine Tätigkeit hörte nicht auf. Er sank zum Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelkonsulenten herab, der andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute Ratschläge erteilte. In dieser stillen Tätigkeit verlebte er einige Jahre und stiftete so viel Unheil, als nötig war, um seinen Grimm gegen nicht gefallene irdische Größen und seinen Durst, der sehr gemeiner Natur wurde, zu befriedigen. Leider glückte ihm noch nicht, ganz aus dem Auge des Gesetzes zu verschwinden. Gerade jetzt wurde ihm wegen unbefugter Praxis nachgestellt, und er fand für nötig, unter dem Vorwand einer längeren Reise auf einige Zeit unsichtbar zu werden. Deshalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und Rechtsbeistand er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Muße gewonnen, den jungen Itzig seine Rezeptierkunst zu lehren.

Übrigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. Sooft er seinem Schüler irgendeine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an die gewöhnliche gerade Linie des Geschäftsstils angehängt wurde, verfehlte er nie, mit einem häßlichen Lächeln zu bemerken: «Dies alles sage ich dir nur, damit du dich in acht nimmst.» Diese Phrase wurde stehend und eine anmutige Quelle der Heiterkeit für Lehrer und Schüler, auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharfsinn gezeigt hatte und alle Erfordernisse des Charakters, welche für einen Apostel dieser Geheimlehre nötig waren.

Der Unterricht wurde für den alten Mann sehr bald ein Bedürfnis seines Herzens. Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter Mensch geworden, an dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wäre, aber die schwarze Schlacke, welche er statt eines warmblütigen Menschenherzens in der Brust trug, war doch nicht ganz ausgeglüht; er hatte das Bedürfnis zu hassen, aber ebensosehr das Bedürfnis, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt Gelegenheit, sein Wissen in längerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen und einem anderen Menschen eine Art von Verehrung einzuflößen. Einst war er ein gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebäude seines Wissens war bei dem wüsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug vorhanden, was dem jungen Wilden imponieren konnte, und mit einer melancholischen Freude, dem edelsten Gefühl, das der verworfene Mann seit Jahren gehabt hatte, öffnete er vor dem Jüngling die verschütteten Türen seines Geistes. Die Aufmerksamkeit Veitels schmeichelte ihm sehr, er fing an, ihn für sein Geschöpf zu halten, und faßte allmählich eine Zuneigung zu dem Judenknaben, über die er selbst zynische Witze machte. Und doch war sie ein Schatz für den Elenden. Denn die Güte der menschlichen Natur ist unzerstörbar, und die größte Korruption eines Menschen vermag nicht alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine Lebenskraft die Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer verderbten Seele ist, daß auch ein gutes menschliches Empfinden sich ihr zu Unheil und Sünde verkehrt.

Schnell wurde dem alten Mann sein Schüler wichtiger als irgendeine andere Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in welcher der geschäftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm, daß er von seiner Abendkost und seinem Branntwein einige Reste für Veitel übrigließ, und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm saß und mit großem Appetit das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der Alte ihn schweigend ansehen und sich darüber freuen. Und einst, als Veitel sich bei rauher Witterung erkältet hatte und fiebernd unter dünner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das Unglaubliche, daß der Alte ein Federbett, welches er als privilegierte Person durch den Wirt erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und über den Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das alte Geschöpf wieder.

Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten aufstiegen, denn er bezeigte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgendein Schüler gegen seinen berühmten Lehrer gefühlt hat. Er erbot sich, ihm eine neue Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte stierköpfig um einen passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so billig als möglich verschaffen wollte; er war stets zu der Verschwendung bereit, die Branntweinflasche zu füllen, weil er wußte, daß dies die Schwäche seines würdigen Lehrers war; er machte ihn zum Vertrauten seiner kleinen Geschäfte, ja er brachte ihm zuweilen am Abend Geschenke mit und lief nach einem glücklichen Geschäftstage sogar in einen Fleischladen, um für Herrn Hippus eine verhaßte Zungenwurst einzukaufen. Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine Stacheln. Der Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem Schüler zu üben, und Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein zuviel einräumte, mit höchst unzierlichen Namen, welche bewiesen, daß das Gefühl der Hochachtung in ihm nicht unerschütterlich war. Im ganzen aber stimmten die beiden Ehrenmänner doch vortrefflich zusammen und wurden einander unentbehrlich.

Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck zubrachte, auch noch anderes als schlechte Handwerkskniffe: er lernte das Deutsche richtiger sprechen und schreiben, ja er las zuweilen in den Büchern, welche er für Hippus aus einer kleinen Leihbibliothek holen mußte; er las mit Vergnügen Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die Eroberung Amerikas und andere aufregende Unternehmungen, an welche seine Phantasie allerlei Geschäfte knüpfen konnte. Durch seinen Lehrer erhielt er viele Aufschlüsse über das Leben der Menschen und Völker, auch über den Staat, in dem er selbst existierte und von dem er bis dahin sehr wenig gewußt hatte. So machte er in wenigen Monaten Veränderungen durch, welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen.

Dieser bemerkte nach und nach, daß Veitel weniger grotesk aussah, daß er richtiger sprach und schrieb, und vor allem, daß er in Geschäften unwillkürlich eine Sicherheit und juristische Kenntnis entwickelte, die an einem Lehrling seiner Art sehr ungewöhnlich waren. Herr Ehrenthal besprach diese Veränderung in seiner Familie ungefähr so, wie ein Landwirt das vielversprechende Aussehen eines Zuchtstiers lobt, und kündigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen freiwillig an, daß das Stiefelputzen und das Essen vor der Tür aufhören solle und daß er bereit sei, ihm einen Platz im Geschäftslokal und außer dem Kostgelde ein kleines Gehalt zu bewilligen.

Veitel empfing die Ankündigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit großer Selbstbeherrschung, er dankte demütig und versprach alles mögliche für die Gegenwart und Zukunft. «Noch eine Bitte habe ich an den Herrn, eine große Bitte, die Sie nicht ungünstig aufnehmen möchten. Wenn ich die Ehre haben könnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn Ehrenthal zu essen. Da Sie mir so viele Güte erweisen, so haben Sie auch diese Rücksicht auf mich, damit ich kann sehen in guter Gesellschaft, wie man sich benimmt, wenn man ißt mit vornehmen Leuten. Sie können mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben wollen.»

Ehrenthal schüttelte den Kopf und sagte erstaunt über dies Verlangen: «Zuerst muß ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, daß du dich bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen habe.» Er ging zu seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem kühlen Wesen, welches andeuten sollte, daß ihm als einem Mann von Welt die Forderung ungehörig erscheine. Im Innern freilich meinte er, daß Itzigs Wunsch zu gewähren sei, denn er hielt es für wichtig, den anstelligen Mann seinem Geschäft zu erhalten. Aber er wagte nicht, seiner Hausfrau gegenüber diesen Wunsch zu äußern, denn Madame Ehrenthal hatte noch viel mehr Welt und Bildung als er selbst und war ihm in allen Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine große Autorität. Sie war die Tochter eines großen Schnittwarengeschäftes aus der Residenz und hatte Geschmack für das Neueste und einen sehr energischen Willen in Teetrinken, Stutzuhren, Möbelstoffen und anderen Eigenschaften, durch welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet. Wider Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunsch ohne Überraschung auf. Diese Überraschung wäre auch unnatürlich gewesen, da Veitel durch wahrhaft übermäßigen Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen kleinen Fällen und durch die größte Höflichkeit das Wohlwollen der vornehmen Dame zu erwerben gewußt hatte. «Wenn der junge Mann sich bilden will in unserer Familie, so kann er keinen besseren Ort finden. Da er brauchbar ist im Geschäft, wie du sagst, so wird es dir von Nutzen sein, wenn er auch zu essen und zu reden weiß mit den Leuten.»

Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nächsten Sonntage, dem Tage einer gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und als er zu dem gedeckten Tische trat, angetan mit dem besten unter den sechs Leibröcken, welche er auf seinem Lager hatte, einen neuen weißen Hut in der Hand und ein baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der ausgeschnittenen Weste, da wurde er von Ehrenthal mit den würdigen Worten eingeführt: «Der junge Itzig ist aufgenommen in mein Geschäft als Buchhalter. Es ist nicht mehr anständig für ihn, in der Wirtschaft zu helfen, und es wird jetzt anständig sein, daß wir ihn als einen gebildeten Menschen behandeln. Sie können Platz nehmen dort unten am Tisch, lieber Itzig.»

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