Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

«Es ist einerlei, was das Ding lernt», sagte er zu Herrn Pix, als er den Knaben nach der Konfirmation im Geschäft einführte, «wenn er nur zweierlei lernt: ehrlich sein und praktisch sein.» Diese Rede war ganz nach dem Herzen des Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der Stelle damit an, daß er den Sohn in das große Gewölbe unter die offenen Vorräte führte und zu ihm sagte: «Hier sind die Mandeln und hier die Rosinen, diese in dem kleinen Faß schmecken am besten, koste einmal.»

«Sie schmecken gut, Vater», rief Karl vergnügt.

«Ich denk's, Liliputer», nickte der Vater. «Sieh, aus allen diesen Fässern kannst du essen, soviel du willst, kein Mensch wird dir's wehren; Herr Schröter erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube dir's. Jetzt merke auf, mein Kleiner. Jetzt sollst du probieren, wie lange du vor diesen Tonnen stehen kannst, ohne hineinzugreifen. Je länger du's aushältst, desto besser für dich; wenn du's nicht mehr aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: Es ist genug. Das ist gar kein Befehl für dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der Ehre.» So ließ der Alte den Knaben allein, nachdem er seine große dreischalige Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben sich gelegt hatte. «Versuch's zuerst mit einer Stunde», sagte er im Weggehen, «geht's nicht, schadet's auch nicht. Es wird schon werden.» Der Junge streckte trotzig die Hände in die Hosentaschen und ging zwischen den Fässern auf und ab. Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden kam er, die Uhr in der Hand, zum Vater heraus und rief: «Es ist genug.»

«Zwei und eine halbe Stunde», sagte der alte Sturm und winkte vergnügt Herrn Pix zu. «Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den übrigen Tag nicht mehr ins Gewölbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste zusammenschlagen; hier ist ein neuer Hammer für dich, er kostet zehn Groschen.»

«Er ist nur acht wert», sagte Karl, den Hammer betrachtend, «du kaufst immer zu teuer.»

So wurde Karl eingeführt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war, sagte Karl zu seinem Vater im Hausflur: «Es ist ein neuer Lehrling da.»

«Was ist's für einer?» f ragte der Alte.

«Er hat einen grünen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur wenig größer als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein guter Kerl. Gib mir dein Taschenmesser, ich muß ihm einen neuen Holznagel in einen Kleiderschrank schneiden.»

«Mein Messer, du Knirps?» rief Sturm, auf seinen Sohn heruntersehend, mit tadelnder Stimme. «Du hast ja dein eigenes.»

«Zerbrochen», sagte Karl unwillig.

«Wer hat's gekauft?» fragte Sturm.

«Du hast's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbärmliches Ding, wie ein Wickelkind.»

«Ich konnte dir doch kein schweres kaufen für deine kleine Hand?» fragte der Vater gekränkt.

«Da haben wir's», sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, «wenn man dich hört, muß man glauben, ich wäre eine Kaulquappe von Gassenjungen, die ihre Hosen noch an die Jacke knöpft und hinten ein weißes Schwänzchen trägt.»

Die Auflader lachten. «Sei nicht aufsässig gegen deinen Vater», sagte Sturm und legte seine Hand behutsam auf den Kopf seines Sohnes.

«Sieh, Vater, das ist der Lehrling», rief Karl und betrachtete Anton, der jetzt für ihn zum Inventarium des Hauses gehörte, mit prüfenden Blicken.

Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte, wieder mit Achtung zu dem Riesen aufsehend: «Ich war noch nie in einem Geschäft, ich bitte auch Sie, mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid weiß.»

«Alles Ding will gelernt sein», erwiderte der Riese mit Würde. «Da ist mein Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hübsch etwas losgekriegt. Also Ihr Vater ist nicht Kaufmann.»

«Mein Vater war Beamter, er ist gestorben», erwiderte Anton.

«Oh, das tut mir leid», sagte der Auflader mit betrübtem Gesicht. «Aber Ihre Frau Mutter kann sich doch über Sie freuen.»

«Sie ist auch gestorben», sagte Anton wieder.

«Oh, oh, oh!» rief der Riese bedauernd und sann erstaunt über das Schicksal Antons nach. Er schüttelte lange den Kopf und sagte endlich mit leiser Stimme zu seinem Karl: «Er hat keine Mutter mehr.»

«Und keinen Vater», erwiderte Karl ebenso.

«Behandle ihn gut, Liliputer», sagte der Alte, «du bist gewissermaßen auch eine Waise.»

«Na», rief Karl, auf die Schürze des Aufladers schlagend, «wer einen so großen Vater hat, der hat Sorgen genug.»

«Weißt du, was du bist? Du bist ein kleines Ungetüm», sagte der Vater und schlug lustig mit dem Schlegel auf die Reifen eines Fasses.

Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am Morgen auf dessen Stiefelsohlen Nr. 14 geschrieben hatte, so stellte er die Stiefel mit besonderer Sorgfalt zurecht; er nähte ihm abgerissene Knöpfe an die Kleider und war, sooft Anton an der Waage zu tun hatte, dienstbeflissen an seiner Seite, ihm etwas zuzureichen und die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben. Anton vergalt diese Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er unterhielt sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nächste Weihnacht herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Kontor eine Geldsammlung, kaufte einen großen Kasten mit gutem Handwerkszeug und machte dadurch Karl zum glücklichsten aller Sterblichen.

Aber auch mit allen gebietenden Herren der Handlung stand Anton auf gutem Fuß. Er hörte die verständigen Urteile des Herrn Jordan mit großer Achtung an, bewies Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten Diensteifer, ließ sich von Herrn Specht in politischen Kombinationen unterrichten, las die Missionsberichte, welche ihm Herr Baumann anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals Vorschüsse, sondern wußte mit dem wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund senden konnte, und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn Liebold, irgendeine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und diese nicht durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit sämtlichen Herren der Handlung stand er auf gutem Fuß, nur mit einem einzigen wollte es ihm nicht glücken, und dieser war der Volontär des Geschäfts.

An einem Nachmittage sah das Kontor in der Dämmerung grau und unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr, und jeder Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche den Raum nicht anmutiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den Auftrag, in einer andern Handlung eine schleunige Besorgung auszurichten. Als Anton an das Pult des Prokuristen trat, um den Brief in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem Platz auf und sagte zu Jordan: «Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum Büchsenmacher, der Taugenichts soll ihm mein Gewehr mitgeben.»

Unserm Helden schoß das Blut ins Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan: «Geben Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.»

«So?» fragte Fink und sah verwundert auf. «Und warum nicht, mein Hähnchen?»

«Ich bin nicht Ihr Diener», antwortete Anton erbittert. «Hätten Sie mich gebeten, den Gang für Sie zu tun, so würde ich ihn vielleicht gemacht haben, aber einem Auftrage, der mit solcher Anmaßung gegeben ist, folge ich nicht.»

«Einfältiger Junge», brummte Fink und schrieb weiter.

Das ganze Kontor hatte die schmähenden Worte gehört, alle Federn hielten still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der größten Aufregung, er rief mit etwas bebender Stimme, aber mit blitzenden Augen: «Sie haben mich beleidigt, ich dulde von niemandem eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie werden mir heute abend darüber eine Erklärung geben.»

«Ich prügele niemanden gern», sagte Fink friedfertig, «ich bin kein Schulmeister und führe keine Rute.»

«Es ist genug», rief Anton totenbleich. «Sie sollen mir Rede stehen», ergriff seinen Hut und stürzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.

Draußen rieselte kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er fühlte sich vernichtet, gehöhnt von einem Stärkeren, tödlich gekränkt in seinem jungen, harmlosen Selbstgefühl. Sein ganzes Leben schien ihm zerstört, er kam sich hilflos vor auf seinen Wegen, allein in einer fremden Welt. Gegen Fink empfand er etwas, was halb glühender Haß war und halb Bewunderung; der freche Mensch erschien ihm auch nach dieser Beleidigung so sicher und überlegen. Es wurde ihm schwer ums Herz, und seine Augen füllten sich mit Tränen. So kam er an das Haus, wo er seinen Auftrag auszurichten hatte. Vor der Tür hielt der Wagen seines Prinzipals, er huschte mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte kaum Fassung genug, in dem fremden Kontor sein Unglück zu verbergen. Als er wieder herauskam, traf er an der Haustür mit der Schwester seines Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen zu steigen. Er grüßte und wollte neben ihr vorbeistürzen; Sabine blieb stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher sprach vom Bock nach der anderen Seite hinab laut mit einem Bekannten. Anton trat herzu, rief den Kutscher an, öffnete den Schlag und hob das Fräulein in den Wagen. Sabine hielt den Schlag zurück, den er zuwerfen wollte, und blickte ihm fragend in das verstörte Gesicht. «Was fehlt Ihnen, Herr Wohlfart?» fragte sie leise.

«Es wird vorübergehen», erwiderte Anton mit zuckender Lippe und einer Verbeugung und schloß die Wagentür. Sabine sah ihn noch einen Augenblick schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich zurück, der Wagen fuhr davon.

So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine andere Richtung. Sabinens Frage und ihr Gruß waren in diesem Augenblick eine Beschwörung seiner Mutlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag Achtung und ein menschlicher Anteil in ihren Worten. Die Frage, der Gruß, der kleine Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses geleistet hatte, erinnerten ihn, daß er kein Kind sei, nicht hilflos, nicht schwach und nicht allein. Ja auch in seiner bescheidenen Stellung genoß er die Achtung anderer, und er hatte ein Recht darauf, und er hatte die Pflicht, sich diese Achtung zu bewahren. Er erhob sein Haupt, und sein Entschluß stand fest, lieber das Äußerste zu tun als den Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Höhe wie zum Schwur.

Als er in das Kontor zurückkam, richtete er mit entschiedenem Wesen seine Besorgung aus, ging schweigend und unbekümmert um die neugierigen Blicke der Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.

Nach dem Schluß des Kontors eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand bereits die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemütlichen Eifer, welchen jede solche Szene bei Unbeteiligten zu erzeugen pflegt. Die drei Herren sahen ihn zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel ansieht, der vom Schicksal mit Fäusten geschlagen ist, etwas verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verächtlich. Anton sagte mit einer Haltung, die in Betracht seiner geringen Erfahrung in Ehrensachen anerkennenswert war: «Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden und habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie beide, Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschäft meine Vorgesetzten, und ich habe große Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wünsche ich vor allem zu wissen, ob Sie in dem Streite selbst mir vollkommen recht geben.»

Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zündete entschlossen eine Zigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklärte: «Sie sind ein guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat unrecht, das ist meine Meinung.»

«Meine Meinung ist es auch», stimmte Herr Specht bei.

«Es ist gut, daß Sie sich an uns gewendet haben», sagte Herr Jordan, «ich hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz angebunden, aber er ist nicht maliziös.»

«Ich sehe nicht ein, wie die Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn ich nicht die nötigen Schritte tue», rief Anton finster.

«Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen?» fragte Herr Jordan mißbilligend. «Das würde allen Herren unangenehm sein.»

«Mir am meisten», erwiderte Anton. «Ich weiß, was ich zu tun habe, und wünsche nur vorher noch von Ihnen die Erklärung, daß Fink mich unwürdig behandelt hat.»

«Er ist Volontär», sagte Herr Jordan, «und hat kein Recht, Ihnen Aufträge zu geben, am wenigsten in seinen Privatgeschäften mit Hasen und Rebhühnern.»

«Das genügt mir» , sagte Anton. «Und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan, mich einen Augenblick unter vier Augen anzuhören.» Er sagte das mit so viel Ernst, daß Herr Jordan stillschweigend die Tür seiner Schlafkammer aufmachte und mit ihm eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des Prokuristen, drückte sie kräftig und sprach: «Ich bitte Sie um einen großen Dienst, gehen Sie hinab zu Herrn von Fink und fordern Sie von ihm, daß er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Kontor, das abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrücken gegen mich gebraucht hat.»

«Das wird er schwerlich tun», sagte Herr Jordan kopfschüttelnd.

«Wenn er es nicht tut», sagte Anton heftig, «so fordern Sie ihn von mir auf Degen oder Pistolen.»

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.