Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

7

Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix und entdeckte bald, daß er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines großen Staatskörpers zu sein. Was die unerfahrene Außenwelt höchst oberflächlich unter dem Namen Kommis zusammenfaßt, das waren für ihn, den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum Teil Ehrfurcht gebietende Ämter und Würden. Der Buchhalter, Herr Liebold, thronte als geheimer Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Kontors in einsamer Majestät und geheimnisvoller Tätigkeit. Unaufhörlich schrieb er Zahlen in ein ungeheures Buch und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn sich ein Sperling auf die Gitterstäbe des Fensters setzte oder wenn ein Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanze überzog. Herr Liebold wußte, daß der Sonnenstrahl nach den altertümlichen Gesetzen des Universums in keiner Jahreszeit weiter dringen durfte als bis zur Spitze des Fensterbretts, aber er konnte sich doch nicht enthalten, ihm plötzliche Überfälle auf das Hauptbuch zuzutrauen, und beobachtete ihn deshalb mit argwöhnischen Blicken.

Mit der Ruhe in seiner Ecke kontrastierte die ewige Rührigkeit in der entgegengesetzten. Dort wartete in besonderem Verschlage der zweite Würdenträger, der Kassierer Purzel, umgeben von eisernen Geldkasten, schweren Geldschränken und einem großen Tisch mit einer Steinplatte. Auf dem Tische klangen die Taler, klirrte das goldene Blech der Dukaten, flatterte geräuschlos das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer die Pünktlichkeit als allegorische Figur in Öl malen wollte, der mußte ohne Widerrede Herrn Purzel abmalen und durfte höchstens das antike Kostüm dadurch andeuten, daß er mit künstlerischer Lizenz Herrn Purzel die Strümpfe über die Stiefel und das weiße Oberhemd über den Kontorrock herüber malte. Alles hatte in der Seele des Herrn Purzel eine eisenfeste unveränderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der große Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der Kassierer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine Amtstätigkeit damit, daß er die Kreide ergriff und einen weißen Punkt auf den Tisch malte, um der Kreide selbst die Stelle zu bezeichnen, wo sie sich den Tag über aufzuhalten hatte. Er stand nicht allein in seiner wichtigen Amtstätigkeit. Ein alter Hausdiener war seine Ordonnanz, die als Ausläufer mit Geldsäcken und Papiergeld den Tag über nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, daß die Ordonnanz an der Eigentümlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in einer persönlichen Abhängigkeit von starkem Getränk zu stehen. Aber diese starke Eigenschaft vermochte nicht ihre Treue und Besonnenheit zu erschüttern, ja sie schärfte die Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie hat eines Menschen Gewand so viele geheime Taschen mit Knöpfen und Schnallen gehabt als der Rock des Ausläufers, und nach jedem Glase, das er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch geheimeren Verschluß.

In dem vorderen Kontor war Herr Jordan die erste Person, der Generalstatthalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der Korrespondenten, erster Kommis des Hauses, hatte die Prokura und wurde von dem Prinzipal zuweilen um seine Ansic[*]ht befragt. Er blieb für Anton, was er schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Ratgeber, ein Muster von Tätigkeit, der gesunde Menschenverstand in Person.

Von den Korrespondenten des Kontors, welche unter Anführung des Herrn Jordan Briefe schrieben und Bücher führten, war für Anton neben Herrn Specht, dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der künftige Apostel der Heiden. Der Missionar war nicht nur ein Heiliger, sondern auch ein sehr guter Rechner. Er war untrüglich in allen Reduktionen von Maß und Gewicht, warf die Preise der Waren aus und besorgte die Kalkulation des Geschäftes. Er wußte mit Bestimmtheit anzugeben, nach welchem Münzfuß die Mohrenfürsten an der Goldküste rechneten und wie hoch der Kurs eines preußischen Talers auf den Sandwichinseln war. Herr Baumann war Antons Stubennachbar und fühlte sich durch die gute Art unseres Helden so angezogen, daß er ihm in kurzer Zeit seine Neigung zuwandte und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gönnte. Den übrigen stand er fern und ertrug mit christlicher Geduld ihre Spöttereien über seine Pläne.

Auch außerhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Würdenträger. Da war Herr Birnbaum, der Zollkommis, welcher nur selten im Kontor sichtbar wurde und nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien, ein exakter Mann, der draußen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die Zollprokura für die Geschäfte nach dem Auslande, das gewichtige Recht, den Namen T. O. Schröter unter die Begleitscheine des Hauses zu setzen. Wenn einer von den Herren der Handlung den Namen eines Beamten verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock stets zugeknöpft, wie seine Freunde, die Steueroffizianten. Ferner war da der Magazinier des Geschäftes, der die Kontrolle über die verschiedenen Magazine in der Stadt hatte, die Assekuranzen besorgte und auf dem Markte die großen Einkäufe in Landesprodukten machte. Herr Balbus war durchaus kein feiner Mann, er war von Haus aus sehr arm, und seine Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal behandelte ihn mit großer Achtung. Anton erfuhr, daß er seine Mutter und eine kranke Schwester durch sein Gehalt erhielt.

Aber die größte Tätigkeit unter allen, eine kriegerische, wahrhaft absolute Feldherrntätigkeit, entwickelte Herr Pix, erster Disponent des Provinzialgeschäfts. An der Tür des vorderen Kontors begann seine Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit hinaus auf die Straße. Er war der Gott aller Kleinkrämer aus der Provinz, die ihre laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen für den Chef des Hauses und erwies ihnen dafür die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu kümmern. Er hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich, regierte ein halbes Dutzend Hausknechte und ebensoviele Auflader, schalt die Fuhrleute, kannte und wußte alles, war immer auf dem Platz und verstand es, in demselben Augenblick einer Krämersfrau zur Entbindung ihrer Tochter zu gratulieren, einen Bettler gröblich anzufahren, einem Hausknecht Order zu geben und das Zünglein an der großen Waage zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen Widerspruch vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den Prinzipal mit einer Hartnäckigkeit, welche unserm Anton einige Male Entsetzen erregte. Außerdem besaß Herr Pix als Geschäftsmann zwei Eigenschaften von wahrhaft wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von jedem Häufchen Kaffeebohnen angeben, in welchem Lande dieses gewachsen war, und vermochte leere Räume im Hause und dessen Umgegend ebensowenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen leeren Raum vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspüren war, da siedelte sich Herr Pix mit Tonnen, Leiterbäumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen an, und wo er und seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt hatten, vermochte sie keine Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der Prinzipal nicht.

«Wo ist Wohlfart?» rief Schröter aus der Tür des vordern Kontors in den Hausflur.

«Auf dem Boden», antwortete Herr Pix kaltblütig.

«Was tut er dort?» fragte der Prinzipal verwundert. – In demselben Augenblick hörte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte die Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit Zigarrenkisten, hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr ärgerlich.

«Sie wollen uns oben nicht leiden», sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.

«Jetzt kommen sie uns schon auf den Wäscheboden», sagte die Tante ebenso eifrig zum Prinzipal.

«Die Zigarren dürfen hier unten nicht stehenbleiben», erklärte Herr Pix dem Prinzipal und der Tante.

«Unter den Wäscheleinen dulde ich keine Zigarren!» – rief die Tante. «Kein Ort im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der Dienstmädchen hat er Zigarren räumen lassen; die Mädchen klagen, daß sie es vor Tabakgeruch nicht mehr aushalten.»

«Es ist trocken dort oben», sagte Herr Pix zum Prinzipal.

«Können Sie die Zigarren nicht irgend anderswo unterbringen?» fragte der Prinzipal Herrn Pix rücksichtsvoll.

«Es ist unmöglich», antwortete Herr Pix bestimmt.

«Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wäsche nötig, liebe Tante?» fragte der Prinzipal die Dame.

«Ich glaube, die Hälfte wäre genug», warf Herr Pix dazwischen.

«Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begnügen», entschied der Prinzipal lächelnd. «Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag machen.»

«Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wäsche verdrängen», klagte die erfahrene Tante.

«Es soll die letzte Billigung sein, die wir ihm machen», beruhigte sie der Prinzipal.

Herr Pix lachte still, wie die Tante später behauptete, mit einem rebellischen Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden Autoritäten entfernt hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder hinaufzuziehen.

Am größten aber war Herr Pix, sooft seine Vertrauten, die reisenden Kommis des Geschäfts, auf kurze Zeit in die Handlung zurückkehrten. Dann setzte sich das Provinzialgeschäft im Hinterhause zusammen und verarbeitete die Neuigkeiten des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine genaue Bekanntschaft mit allen Geschäftsleuten der Provinz, mit ihren Vermögensverhältnissen und ihrer Gemütsart, und verfügte in kurzen, aber gewichtigen Worten, wieviel an Vertrauen und Kredit den kleinen Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken und Solo gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn Pix am meisten geschätzt wurde; doch behandelte er auch hier alle Kompaniegeschäfte mit Verachtung.

Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das größte Ansehen gab, das waren die Riesen, welche um die große Waage herum nach seinem Befehle schalteten, hohe breitschultrige Männer mit herkulischer Kraft. Wenn sie die großen Tonnen zuschlugen und rollten und mit Zentnern umgingen wie gewöhnliche Menschen mit Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling wie die Überreste eines alten Volkes, von dem die Märchen erzählen, daß es einst auf deutschem Boden gehaust und mit turmhohen Felsblöcken Märmel gespielt habe. Bald merkte Anton, daß sie selbst nicht einem Stamme angehörten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle von der Natur aus zähem Holz über Lebensgröße ausgeführt. Sie gehörten ganz der Handlung an, waren die regelmäßigen Untergebenen des schwarzen Pinsels, ja mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnächtlich der Reihe nach die Wache. Von neun Uhr ab saß dann Pluto, der Neufundländer des Fräuleins, neben einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines großen Fasses. Diese Hausknechte, wie groß sie auch waren und wie stark, sahen doch den Söhnen sterblicher Menschen noch in manchen Stücken ähnlich. Daneben aber bildeten die Auflader der Kaufmannschaft eine besondere Korporation, welche auf dem Packhof vor dem Tore ihr Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den großen Warenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die mächtigsten unter den Riesen und einzelne unter ihnen von einer Körperkraft, wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie hatten mit vielen Handlungen der Stadt zu tun, aber das alte angesehene Haus von T. O. Schröter war die irdische Stätte, auf der sie sich am liebsten herabließen, mit der kleinen Gegenwart zu verkehren. Seit mehr als einem Menschenalter war der Chef dieses Hauses der erste Vorstand ihrer Korporation gewesen. So hatte sich ein Klientenverhältnis zu der Firma gebildet. Herr Schröter empfing am Neujahr als erster ihren Glückwunsch und wurde Pate sämtlicher Riesenkinder, welche im Laufe des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der diensttuenden Hebamme auf das Taufbecken herunterdrückten und den Geistlichen durch ihre ungeheuren Köpfe so beunruhigten, daß er seine Stimme zur Stärke des Donners erhob, um den Teufel aus ihnen herauszutreiben.

Unter diesen Lederschürzen war Sturm, ihr Oberster, wieder der größte und stärkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um seine Kleider nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn eine Last so schwer war, daß seine Kameraden sie nicht bewältigen konnten, dann stemmte er seine Schulter an und schob die größten Fässer weg wie Holzklötzchen. Es ging von ihm die Sage, daß er einmal ein polnisches Pferd mit allen vier Beinen in die Höhe gehoben hätte, und Herr Specht behauptete, es gäbe für ihn nichts Schweres auf der Erde. Über seinem großen Körper glänzte ein breites Gesicht von natürlicher Gutherzigkeit, welche nur durch die Würde gebändigt wurde, die ein Mann von seiner Stellung besitzen mußte.

Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhältnis und besaß ein einziges Kind, an dem er mit großer Zärtlichkeit hing. Der Knabe hatte seine Mutter früh verloren, und der Vater hatte ihn als fünfzehnjährigen Burschen in der Handlung von T. O. Schröter untergebracht in einer eigentümlichen Stellung, die er selbst für ihn ausgedacht. Karl Sturm war unter den Hausknechten ungefähr dasselbe, was Fink im Kontor war, ein Volontär, er trug seine Lederschürze und seinen kleinen Haken wie der Vater und war durch eignes Verdienst zu einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er genoß das Vertrauen aller Mitglieder der Handlung, wußte in jedem Winkel des Hauses Bescheid, sammelte alle Bindfäden und Schnüre, alle Nägel und alle Faßdauben, hob alles Packpapier auf, fütterte den Pluto und unterstützte den Bedienten beim Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgendeine Tonne, ein Brett, ein alter Warenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so wurde Karl gerufen; sooft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wußte es zu schaffen; wenn die Tante den Wintervorrat von Schinken und Würsten aufhob, so verstand Karl am besten, diese Schätze einzupacken, und wenn Herr Schröter eine schnelle Bestellung auszurichten hatte, so war Karl der zuverlässigste Bote. Zu allem anstellig, immer guter Laune und nie um Auskunft verlegen, war er ein Günstling aller Parteien, die Auflader nannten ihn ‹unser Karl›, und der Vater wandte sich oft von seiner Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu werfen.

Nur in einem Punkte war er nicht mit ihm zufrieden: Karl gab keine Hoffnung, seinem Vater in Größe und Stärke gleich zu werden. Er war ein hübscher Bursch mit roten Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem Gutachten aller Riesen war für seine Zukunft keine andere als eine mäßige Mittelgröße zu erwarten. So kam es, daß der Vater ihn als eine Art Zwerg behandelte, mit unaufhörlicher Schonung und nicht ohne Wehmut. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer Frachtgüter anzugreifen, und wenn er plötzlich von einem Vatergefühl ergriffen wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls, in der unbestimmten Furcht, daß die Köpfe von Zwergen nur die Dicke einer Eierschale hätten und bei einem kräftigen Druck zerbrechen müßten.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.