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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 133
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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6

Einige Tage nach dem traurigen Ende des Advokaten saß Anton in seinem Zimmer und schrieb an Fink. Er teilte diesem mit, daß man den Leichnam des Advokaten am Ende der Stadt beim Wehr aus dem Wasser gezogen habe, die Ursache seines Todes sei nicht klar. Ein Kind aus dem Hause, in welchem der Tote gewohnt, hatte erzählt, daß es ihm am Abende der Haussuchung nahe bei seiner Wohnung auf der Straße begegnet war; seitdem war er nicht wieder erblickt worden. Unter diesen Umständen sei ein Selbstmord nicht unmöglich. Der Polizeibeamte jedoch halte die Ansicht fest, daß der herabgeschlagene Hut eine fremde Hand verrate. Beim Durchsuchen der Wohnung habe man die Papiere nicht gefunden. Die weiteren Nachforschungen der Polizei seien bis jetzt ohne Erfolg gewesen. Seine eigene Meinung über den furchtbaren Zwischenfall gehe dahin, daß Itzig auch hierbei eine Schuld habe.

Da wurde die Tür geöffnet, der Galizier trat hastig in das Zimmer und legte, ohne zu sprechen, eine alte Brille mit rostiger Stahleinfassung vor Anton auf den Tisch. Anton sah in das verstörte Gesicht des Mannes und sprang auf.

«Seine Brille», flüsterte Tinkeles in heiserem Tone, «ich habe sie gefunden beim Wasser. Gerechter Gott, daß man muß erleben solchen Schreck!»

«Wessen ist die Brille, und wo habt Ihr sie gefunden?» fragte Anton; ihm ahnte, was der Galizier zu sagen nicht die Kraft hatte, und sein Auge sah scheu nach den trüben Gläsern. «Faßt Euch, Tinkeles, und sprecht.»

«Es kann nicht bleiben verborgen, es schreit zum Himmel», rief der Galizier in heftiger Bewegung. «Sie sollen hören alles, wie es verlaufen ist. Zwei Tage nachdem ich habe gesprochen mit Ihnen wegen der hundert Taler, bin ich gegangen des Abends zu Löbel Pinkus in die Schlafstelle. Wie ich bin in das Haus getreten, ist ein Mann im Finstern an mich gerannt. Ich habe gedacht, ist das der Itzig, oder ist er's nicht? Ich habe mir gesagt, es ist der Itzig; es ist sein Laufen, wie er läuft, wenn er in Eile ist. Als ich bin gekommen hinauf in die große Stube, ist alles gewesen leer, und ich habe mich gesetzt zum Tisch und habe nachgesehen in meiner Brieftasche. Und wie ich sitze, geht draußen der Wind, und es klopft an das Geländer, und es klopft immerfort, als wenn einer draußen steht, der herein will und kann nicht öffnen die Tür. Ich habe mich erschreckt und habe meine Briefe eingepackt und habe gerufen: Ist jemand hier, so soll er sagen, daß er hier ist. Es hat keiner geantwortet, aber es hat an der Tür geklappert ohne Aufhören. Da habe ich mir gefaßt ein Herz, ich habe genommen die Lampe und bin gegangen an das Geländer und habe geleuchtet in alle Winkel. Ich habe niemand gesehen. Und wieder hat's geklopft dicht vor mir und hat gegeben einen großen Krach; da ist aufgezogen eine Tür, welche niemals offen gewesen ist, und von der Tür hat eine Treppe hinuntergeführt ins Wasser. Als ich nun habe geleuchtet auf die Treppe, habe ich gesehen, daß ein nasser Fuß hat getreten auf die Stufen und ist heraufgekommen; die Spuren von dem Fuße sind gewesen zu sehen bis in die Stube, nasse Flecke auf dem Boden. Und ich habe mich gewundert und habe zu mir gesagt: Schmeie, habe ich gesagt, wer ist gegangen bei der Nacht aus dem Wasser herauf in die Stube und hat offen gelassen die Tür wie ein Geist? Es kümmert dich nicht, habe ich mir gesagt, es ist nicht dein Geschäft. Und ich habe mich gefürchtet.

Und eh' ich zuschließe die Tür, habe ich mit der Lampe noch einmal auf die Treppe geleuchtet, und da habe ich unten am Wasser auf der letzten Stufe etwas gesehen, das gefunkelt hat im Licht. Und ich habe mich hinuntergewagt eine Stufe nach der andern, weh, ich kann Ihnen sagen, Herr Wohlfart, es ist gewesen eine schwere Arbeit. Der Wind hat geheult und hat geblasen um meine Lampe, und der Weg die Treppe hinunter ist gewesen so finster wie ein Brunnen. Und was ich aufgehoben habe, ist gewesen dieses da» – er wies auf die Brille -, «das Glas, das er vor seinen Augen getragen hat.»

«Und woher wißt Ihr, daß es die Brille des Toten ist?» fragte Anton gespannt.

«Sie ist zu erkennen an dem Gelenk, das verbunden ist mit schwarzem Zwirn. Ich habe ihn mit dieser Brille beim Pinkus in der Stube gesehen mehr als einmal. Darauf habe ich die Brille zu mir gesteckt, und ich habe gedacht, ich will dem Pinkus nichts sagen von der Geschichte und will das Glas geben dem Hippus selbst und sehen, ob es mir kann nützen für unser Geschäft. Und ich habe die Brille bei mir getragen bis heut und habe auf den Hippus gewartet, und als er nicht gekommen ist, habe ich den Pinkus gefragt, und dieser hat mir geantwortet: ‹Weiß ich doch auch nicht, wo er steckt.› Und heute zum Mittag, als ich gekommen bin in die Herberge, ist mir der Pinkus entgegengelaufen und hat mir gesagt: ‹Schmeie›, hat er gesagt, ‹wenn Ihr den Hippus noch sprechen wollt, so müßt Ihr gehen ins Wasser; er ist gefunden worden im Wasser.› Das ist mir gewesen wie ein Schuß in mein Herz, als er mir gesagt hat: Geh ins Wasser und such dir ihn. Und ich habe mich halten müssen an die Wand.»

Anton eilte an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen an den Beamten, der erst vor kurzem das Zimmer verlassen hatte, klingelte und gab dem Diener den Auftrag, das Billett eiligst abzugeben.

Unterdes war Tinkeles wie gebrochen auf einen Stuhl gesunken, er starrte auf die Tischplatte und murmelte vor sich in unverständlichen Tönen.

Anton ging nicht weniger ergriffen im Zimmer auf und ab. Es war ein trauriges Schweigen. Nur einmal wurde es unterbrochen, als der Galizier von seinem Gemurmel zu lauten Tönen überging und fragte: «Glauben Sie, daß die Brille wert sein wird die hundert Taler, die Sie für mich haben in Ihrem Schreibtisch?»

«Ich weiß es noch nicht», antwortete Anton kurz und setzte seinen Weg durch die Stube fort.

Schmeie verfiel wieder in Abspannung und Seufzen, schlug manchmal seine zitternden Hände ineinander und gurgelte vor sich hin. Endlich blickte er wieder auf und sagte: «Oder zum wenigsten doch fünfzig?»

«Schweigt jetzt mit Eurem Schacher», erwiderte Anton streng.

«Was soll ich schweigen?» rief Tinkeles entrüstet. «Ich stehe aus eine große Angst, soll das sein um gar nichts?» Und wieder versank er in seinen Schmerz.

Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft des Beamten unterbrochen. Der gewandte Mann ließ den Händler noch einmal seinen Bericht wiederholen, nahm die Brille, bestellte einen Wagen für sich und den widerstrebenden Tinkeles und sagte beim Abschied zu Anton: «Machen Sie sich gefaßt auf eine schnelle Entwicklung; ob ich meinen Willen durchsetze, ist noch zweifelhaft; für Sie ist aber jetzt einige Aussicht da, die Dokumente, welche Sie suchen, aufzufinden.»

«Um welchen Preis!» rief Anton schaudernd.

Die Zimmer im Hause Ehrenthals waren hell erleuchtet, durch die herabgelassenen Vorhänge fiel ein trüber Schimmer in den Sprühregen, der aus der dicken Nebelluft auf die Straße sank. Mehrere Räume waren geöffnet, schwere silberne Leuchter standen umher, glänzende Teekannen, bunte Porzellanschalen, alles Schaugerät war gebürstet, gewaschen und aufgestellt, der dunkle Fußboden war neu gebohnert, sogar die Küchenfrau trug eine neu geplättete Haube; das ganze Haus hatte sich gereinigt. Die schöne Rosalie stand mitten unter dieser Herrlichkeit in einem Kleid von gelber Seide mit purpurroten Blüten geschmückt, schön wie eine Huri des Paradieses und bereit wie diese, den Auserwählten zu empfangen. Die Mutter strich ihr die Falten des schweren Stoffes zurecht, sah freudestrahlend auf ihr Werk und sagte in einer Anwandlung von mütterlichem Gefühl: «Was du heut schön bist, Rosalie, mein einziges Kind!» Aber Rosalie war zu sehr gewöhnt an diese Huldigungen der Mutter, sie achtete wenig auf das Lob und nestelte unwirsch an einem Armband, welches auf ihrem vollen Arm durchaus nicht festhalten wollte. «Daß der Itzig mir Türkise gekauft hat, war wieder recht unpassend von ihm; er hätte auch wissen können, daß sie nicht in der Mode sind.»

«Sie sind gut gefaßt», sagte die Mutter beruhigend, «es ist ein schweres Gold, und die Form ist nach dem neuesten Geschmack.»

«Und wo bleibt Itzig? Heut sollt' er doch kommen zur rechten Zeit; die Familie wird da sein, und der Bräutigam wird fehlen», fuhr Rosalie schmollend fort.

«Er wird zur Stunde kommen», antwortete Itzigs Patronin, «du weißt, wie er sich müht und arbeitet, damit du ein glänzendes Haus machen kannst. Du bist glücklich», schloß sie seufzend. «Du trittst jetzt in das Leben und wirst eine angesehene Frau. Ihr werdet nach der Trauung zuerst einige Wochen nach der Residenz reisen, wo der Itzig dich vorstellen wird meiner Familie und wo ihr miteinander in aller Ruhe die Flitterwochen verleben könnt. Unterdes werde ich euch dieses Quartier einrichten, und ich werde hinaufziehen in den oberen Stock. Ich werde den Rest meines Lebens den Ehrenthal pflegen und mit ihm sitzen in der leeren Stube.»

«Soll der Vater heut in die Gesellschaft kommen?» fragte Rosalie.

«Es muß sein wegen der Familie, daß er hereinkommt; er muß als Vater den Segen über euch sprechen.»

«Er wird uns eine Störung machen und wieder törichtes Zeug reden», sagte die kindliche Tochter.

«Ich habe ihm gesagt, was er sprechen soll», antwortete die Mutter, «und er hat mir zugenickt zum Zeichen, daß er es hat verstanden.»

Es klingelte, die Tür öffnete sich, die Verwandtschaft erschien. Bald füllten sich die Zimmer. Damen in schweren seidenen Kleidern mit Goldschmuck, mit blitzenden Ohrringen und Ketten besetzten das große Sofa und die Stühle der Runde. Es waren meist volle Gestalten, hier und da ein brennendes dunkles Auge, eine regelmäßige Schönheit. Sie saßen in getrennter Versammlung wie ein buntes Tulpenbeet, in welches der Gärtner vermieden hat eine dunkle Blüte zu setzen. Und wieder in Gruppen standen die Männer, schlaue Gesichter, die Hände in den Hosentaschen, weniger feierlich und weniger behaglich. So harrte die Verwandtschaft des Bräutigams, der noch immer zu kommen säumte.

Endlich erschien er, der gezeichnet war. Argwöhnisch fuhr sein Auge umher, unsicher klang sein Gruß an die Braut. Er strengte sich an bis aufs äußerste, nur einige Redensarten zu finden, die er dem schönen Mädchen hinwerfen konnte, und er selbst hätte grimmig lachen mögen über die Leere, die er in sich fühlte. Er sah nicht ihr glänzendes Auge, nicht den schönen Hals und die Pracht des Leibes; als er zu ihr trat, mußte er auf einmal an etwas anderes denken, woran er jetzt immer dachte. Er wandte sich schnell von Rosalie ab und trat in den Haufen der Herren, der nach seiner Ankunft gesprächiger wurde. Einige gleichgültige Redensarten der Jüngern wurden gehört; als: «Fräulein Rosalie sieht bezaubernd aus» und: «Ob der Ehrenthal kommen wird?» und: «Dieser lange Nebel ist ungewöhnlich, er ist ungesund, man muß Jacken von Flanell tragen», bis aus einem Munde die Worte kamen: «Viereinhalbprozentige.» Da hörten die Fragen auf, es war ein Gespräch gefunden. Itzig war einer der Lautesten, er focht mit den Händen nach allen Seiten. Man redete von den Kursen, von der Wolle und von dem Unglück eines Geschäftsmannes, der in Papieren so viel gemacht hatte, daß er gefallen war. Die Frauen waren vergessen, und an solche Behandlung gewöhnt, hielten sie feierlich die Teetassen in der Hand, strichen die Falten an ihren Gewändern zurecht und bewegten anmutig Hals und Arm, daß ihre Ketten und Armbänder im Kerzenlicht blitzten.

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