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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 131
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Aber nicht im Kontor allein, auch unter den Arbeitern an der großen Waage war eine Veränderung eingetreten. Vater Sturm, der treue Freund des Hauses, drohte, die Handlung und diese kleine Erde zu verlassen.

Eine der ersten Fragen Antons nach seiner Rückkehr war die nach Vater Sturm gewesen. Sturm war seit einigen Wochen unpäßlich und verließ das Zimmer nicht. Voll Besorgnis eilte Anton am zweiten Abend nach seiner Ankunft zu der Wohnung des großen Mannes.

Schon auf der Straße hörte er ein merkwürdig tiefes Gesumm, als wenn ein Schwarm Riesenbienen sich in dem rosafarbenen Haus häuslich niedergelassen hätte. Als er in den Flur trat, klang das Summen wie das ferne Gemurr einer Löwenfamilie. Verwundert klopfte er an, niemand antwortete. Als er die Tür geöffnet hatte, mußte er auf der Schwelle anhalten, denn im ersten Augenblick sah er in dem Zimmer nichts als einen grauen undurchdringlichen Rauch, in welchem ein gelber Lichtpunkt mit bleichem Dunstkreis schwebte. Allmählich unterschied er in dem Rauch einige dunkle Globusse, welche um das Licht herum wie Planeten aufgestellt waren, zuweilen bewegte sich, was ein Männerarm sein konnte, aber einem Elefantenbein sehr ähnlich war. Endlich brachte die Zugluft der offenen Tür den Dampf in Bewegung, und ihm gelang, durch die Wolken einzelne Blicke in die Tiefen der Stube zu tun. Nie war eine Menschenwohnung einer Zusammenkunft in einer Zyklopenschenke ähnlicher. An dem Tisch saßen sechs riesige Männer, drei auf der Bank, drei auf Eichenstühlen, alle mit Zigarren im Mund, auf dem Tisch hölzerne Bierkrüge; das dröhnende Brummen war ihre Sprache, die so klang, weil sie leise sprachen, wie sich für eine Krankenstube schickte.

«Ich rieche etwas», rief endlich eine mächtige Stimme, «ein Mensch muß hier sein, es kommt eine kühle Luft, die Tür steht offen. Wer hier ist, der melde sich!»

«Herr Sturm!» rief Anton von der Schwelle.

Die Globusse gerieten in rotierende Bewegung und verfinsterten das Licht.

«Hört ihr's», rief eine Stimme wieder, «ein Mensch ist gekommen.»

«Ja», erwiderte Anton, «und ein alter Freund dazu.»

«Diese Stimme kenne ich!» rief es hastig hinter dem Tisch hervor.

Anton trat näher an das Licht, die Auflader erhoben sich und riefen laut seinen Namen. Vater Sturm fuhr auf seiner Bank bis auf die äußerste Ecke und hielt Anton beide Hände entgegen. «Daß Sie hier sind, wußte ich schon durch meine Kameraden. Daß Sie gesund zurückgekommen aus diesem Lande, von diesen Sensenmännern und von diesen Schreihälsen, welche ihre Tonne mit Sauerkraut in der Stube stehen haben, dieses ist mir eine angenehme Freude.» Antons Hand ging zuerst in die Hände des alten Sturm über, der sie kräftig drückte und dann wieder zurechtstreichelte, und dann in die Hände der fünf andern Männer und kam wieder heraus, gerötet, aufgelaufen, im Gelenk erschüttert, so daß Anton sie sogleich in die Rocktasche steckte. Während die Auflader einer nach dem andern ihre Begrüßungen mit Anton austauschten, fragte Sturm plötzlich dazwischen: «Wann kommt mein Karl?»

«Haben Sie ihm denn geschrieben, daß er kommen soll?» fragte Anton.

«Geschrieben?» wiederholte Sturm kopfschüttelnd. «Nein, dies habe ich nicht getan, von wegen seiner Stellung als Amtmann darf ich es nicht tun. Denn wenn ich ihm schreibe, komm, so würde er kommen, und wenn eine Million Sensenmänner zwischen ihm und uns aufmarschiert wäre, aber er könnte dort nötig sein bei den Herrschaften. Und deswegen, wenn er nicht von selber kommt, soll er nicht kommen.»

«Er kommt zum Frühjahr», sagte Anton und sah prüfend auf den Vater.

Der Alte schüttelte wieder den Kopf: «Zum Frühjahr wird er nicht kommen, zu mir nicht; es ist möglich, daß mein kleiner Zwerg dann herkommt, aber zu seinem Vater nicht mehr.» Er setzte den Bierkrug an und tat einen langen Zug, klappte den Deckel zu und räusperte sich kräftig; dann sah er Anton mit einem entschlossenen Blick an und drückte die Faust als Stempel auf den Tisch. «Fünfzig», sagte er, «noch vierzehn Tage, dann kommt's.»

Anton legte seinen Arm um die Schulter des Alten und sah fragend den andern ins Gesicht, welche ihre Zigarren in der Hand hielten und vor der Gruppe standen wie ein griechischer Chor in der Tragödie. «Sehen Sie, Herr Wohlfart», begann der Chorführer, der, als Mensch betrachtet, groß, als Riese kleiner war denn sein Oberster, «das will ich Ihnen erklären. Dieses Mannes Meinung ist, daß er schwächer wird und daß er immer schwächer werden wird und daß in einigen Wochen der Tag kommt, wo wir Auflader eine Zitrone in die Hand nehmen müssen und einen schwarzen Schwanz an unsere Hüte stecken. Solches ist unser Wille nicht.» Alle schüttelten den Kopf und sahen mißbilligend auf ihren Obersten. «Es ist nämlich ein alter Streit zwischen uns und zwischen ihm wegen der fünfzig Jahre. Jetzt will er recht behalten, das ist das Ganze, und unsere Meinung ist, daß er nicht recht hat. Er ist schwächer geworden, dieses ist möglich. Manchmal hat einer mehr Kraft, manchmal weniger. Was braucht der Mann aber deshalb daran zu denken, diesen Platz zu verlassen? Ich will Ihnen sagen, Herr Wohlfart, was es ist, es ist eine Ausschweifung von ihm.»

Alle Riesen bestätigten durch Kopfnicken die Worte des Sprechers.

«Also ist er krank?» fragte Anton besorgt. «Wo sitzt die Krankheit, alter Freund?»

«Es ist hier und dort», versetzte Sturm, «es schwebt in der Luft, es kommt langsam heran, es nimmt zuerst die Kraft, dann den Atem; von den Beinen fängt's an, dann steigt es herauf.» Er wies auf seine Füße.

«Wird Ihnen das Aufstehen sauer?» fragte Anton.

«Gerade das ist es», erwiderte der Riese, «es wird mir sauer, und mit jedem Tag mehr. Und ich sage dir, Wilhelm», fuhr er gegen den Sprecher fort, «in vierzehn Tagen wird auch das aufhören; dann wird nichts sauer sein als eure Zitronen, und ich hoffe, auch eure Gesichter, ein paar Stunden, bis zum Abend; dann sollt ihr wieder hierherkommen und euch an dieser Stelle niedersetzen. Ich werde dafür sorgen, daß die Kanne hier steht wie heut, dann könnt ihr von dem alten Sturm reden als von einem Kameraden, welcher sich zur Ruhe gelegt hat und der nichts mehr heben wird, was eine Last ist; denn ich denke mir, da, wo wir hinkommen, wird nichts mehr schwer sein.»

«Da hören Sie's», sagte Wilhelm bekümmert, «er schweift wieder aus.»

«Was sagt der Arzt zu Ihrer Krankheit?» fragte Anton.

«Ja, der Doktor», sagte der alte Sturm, «wenn man den fragen wollte, er würde genug sagen; aber man fragt ihn nicht. Es ist, unter uns gesprochen, auf die Ärzte kein Verlaß. Sie können wissen, wie es in manchen Menschen ist, das leugne ich nicht ab; aber wollen sie wissen, wie es in einem von uns ist? Es kann keiner ein Faß heben.»

«Wenn Sie keinen Arzt haben, lieber Herr Sturm, so will ich sogleich anfangen, Ihr Arzt zu sein», rief Anton, eilte an die Fenster und öffnete alle Flügel. «Wenn das Atmen Ihnen schwer wird, so ist diese dicke Luft Gift für Sie, und wenn Sie an den Füßen leiden, so sollen Sie auch nicht mehr trinken.» Er trug die Bierkanne auf den andern Tisch.

«Ei, ei, ei», sagte Sturm, dem geschäftigen Anton zusehend, «die Meinung ist gut, aber es nutzt nichts. Etwas Rauch hält warm, und das Bier sind wir einmal gewöhnt. Wenn ich den ganzen Tag allein sitze auf dieser Bank, ohne Arbeit, ohne einen Menschen, so ist es mir eine Freude, wenn meine Kameraden des Abends ihre Bequemlichkeit bei mir haben. Sie reden dann zu mir, und ich höre doch ihre Stimme wie sonst und erfahre etwas vom Geschäft, und wie es in der Welt zugeht.»

«Aber Sie selbst sollen dann wenigstens das Bier meiden und sich vor Tabakrauch hüten», erwiderte Anton. «Ihr Karl wird Ihnen dasselbe sagen, und da er nicht hier ist, so erlauben Sie mir, seine Stelle zu vertreten.» Er wandte sich zu den andern Aufladern. «Ich will ihm zu beweisen suchen, daß er unrecht hat, lassen Sie mich eine halbe Stunde mit ihm allein.»

Die Riesen entfernten sich, Anton setzte sich dem Kranken gegenüber und sprach über das, was dem Vater am meisten Freude machte, über seinen Sohn.

Sturm vergaß seine finstern Ahnungen und geriet in die glücklichste Stimmung. Endlich sah er Anton mit zugedrückten Augen an und sagte, sich zu ihm herüberlegend, vertraulich: «Neunzehnhundert Taler. Er ist noch einmal hier gewesen.»

«Sie haben ihm doch nichts gegeben?» fragte Anton besorgt.

«Es waren nur hundert Taler», sagte der Alte entschuldigend. «Er ist jetzt tot, der arme junge Herr, er sah so lustig aus mit seinen Schnüren am Rocke. Solange ein Mensch Sohn ist, muß er nicht sterben, das macht zu großes Herzeleid.»

«Wegen Ihres Geldes habe ich mit Herrn von Fink gesprochen», sagte Anton, «er wird vermitteln, daß man die Schuld an Sie bezahlt.»

«An den Karl», verbesserte der Alte, auf seine Kammer sehend. «Und Sie, Herr Wohlfart, werden es übernehmen, meinem Karl das in die Hände zu geben, was dort in dem Kasten ist, wenn ich selber den Kleinen nicht mehr sehen sollte.»

«Wenn Sie diesen Gedanken nicht aufgeben, Sturm», rief Anton, «so werde ich Ihr Feind, und ich werde von jetzt ab mit größter Härte gegen Sie verfahren. Morgen früh komme ich wieder und bringe Ihnen den Arzt des Herrn Schröter mit.»

«Er mag ein guter Mann sein», sagte Sturm, «seine Pferde haben sehr gutes Futter, sie sind stark und dick, aber mir kann er doch nicht helfen.»

Am andern Morgen besuchte der Arzt den Patienten.

«Ich kann seinen Zustand noch nicht für gefährlich halten», sagte er. «Seine Füße sind geschwollen, auch das mag sich wieder geben; aber das untätige, sitzende Leben ist für diesen starken Körper so ungesund, und seine Diät ist so schlecht, daß die schnelle Entwicklung einer gefährlichen Krankheit leider sehr wahrscheinlich ist.»

Anton schrieb das sogleich an Karl und fügte hinzu: «Unter diesen Umständen macht mir der Glaube Deines Vaters, daß er seinen fünfzigsten Geburtstag nicht überleben wird, große Sorge. Am besten wäre, wenn Du selbst um diese Zeit herkommen könntest.»

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