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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 130
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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5

Außer dem Gips auf Antons Schreibtisch feierten noch andere lebende Wesen des Hauses einen stillen Triumph. Wer dieses Haus und die Menschen darin so von Grund aus kannte, wie zum Beispiel die Tante, der durchschaute die Täuschungen, welche gewisse Leute sich selbst und andern vorspiegelten. Es war möglich, daß Fremde über vieles den Kopf schüttelten, was jetzt in der Familie vorging: die Tante tat das ebensowenig wie die übrigen guten Hausgeister. Daß Anton still, wortkarg, mit bleichen Wangen im Kontor saß und außer am Mittag niemals in der Familie erschien, daß Sabine jetzt in Gegenwart ihres Bruders eine Neigung zum Erröten zeigte, die sie früher nicht gehabt hatte, daß sie stundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, bei ihrer Arbeit saß und danach auf einmal durch das Haus fuhr, übermütig wie ein kleines Kätzchen, welches mit einem Zwirnknäuel spielt, und daß endlich der Hausherr selbst immer auf Anton hinsah, mochte dieser sprechen oder schweigen, und dabei von Tag zu Tag heiterer wurde, so daß er gar nicht aufhörte, die Tante zu necken, das alles schien allerdings sehr seltsam; aber wer seit vielen Jahren genau wußte, was diese Menschen am liebsten aßen und was man ihnen alle Monate nur einmal auf den Tisch setzen durfte, ja wer ihre Strümpfe gestrickt hatte und ihre Halskragen eigenhändig stärkte, wie die Tante bei mehreren von diesen dreien tat, der sollte doch wohl hinter ihre Schleichwege kommen. Natürlich kam die Tante dahinter.

Die gute Tante schrieb sich allein das Verdienst zu, daß Anton zurückgekehrt war. Sie hatte dem Kontor den Herrn zurückgeben wollen, der ihr selbst am liebsten war, weiter hinaus hatte sie nicht gedacht, wenigstens hätte sie das in den ersten Tagen nach Antons Rückkehr jedem abgeleugnet. Denn trotz dem rostfarbenen Futter der Überzüge wußte sie auch, daß das Haus, zu dem sie gehörte, ein stolzes Haus war, welches seinen absonderlichen Willen hatte und sehr zart behandelt sein wollte. Und als sie erfuhr, daß der niedergeschlagene Anton nur als Gast bei ihnen bleiben sollte, da wurde selbst sie auf einige Wochen recht zweifelhaft. Bald aber erhielt sie das stille Übergewicht über den Kaufmann und ihre Nichte zurück, denn sie machte Entdeckungen.

Der zweite Stock des Vorderhauses war seit vielen Jahren unbewohnt. Der Kaufmann hatte zur Zeit seiner Eltern mit seiner jungen Frau dort oben gelebt. Als er kurz hintereinander die Eltern, seine Frau und den kleinen Sohn verloren, war er heruntergezogen, und seit der Zeit hatte sein Fuß den oberen Stock nur selten betreten. Graue Jalousien hingen das ganze Jahr vor den Fenstern, Möbel und Bilder waren grau überhangen. Ein verzaubertes Schloß Dornröschens war der ganze Stock, und unwillkürlich wurde der Tritt der Frauen leiser, wenn sie über den Flur des schlummernden Reiches gehen mußten.

Jetzt kam die Tante vom Boden herab. Aus dem endlosen Kriege mit Pix hatte sie nur noch einen kleinen Raum für das Trocknen der Wäsche gerettet. Sie dachte eben daran, daß die bürgerliche Stellung den Menschen doch sehr verändert, denn Balbus, der Nachfolger von Pix, auf dessen bescheidenes Wesen sie große Hoffnungen gesetzt hatte, erwies sich in seinem neuen Amte ebenso geneigt zu Übergriffen wie seine Vorgänger. Wieder fand sie einen Haufen Zigarrenkisten außerhalb der drei Kammern aufgestellt, welche Pix gewalttätig in ihr Gebiet hineingebaut hatte, und eben war sie im Begriff, Herrn Balbus deshalb eine Kriegserklärung zu machen. Da sah sie mit Schrecken eine Zimmertür des zweiten Stocks weit geöffnet. Sie dachte einen Augenblick an Diebe und wollte gerade Hilfe schreien, als ihr der verständige Gedanke kam, die auffallende Erscheinung vorher zu untersuchen. Sie schlich sich leise in die verhangenen Zimmer. Aber sie kam in Gefahr, aus Verwunderung zu versteinern, als sie ihren Neffen selbst ganz allein in der Wohnung sah. Er, der seit dem Tode seiner Frau so ungern in diesen Räumen gewesen war, stand jetzt in dem Zimmer, in welchem die Verstorbene gewohnt hatte. Mit gefalteten Händen, in tiefen Gedanken, stand der Mann da und sah auf ein Bild, welches seine Frau als Braut darstellte, im weißen Atlaskleide, den Myrtenkranz in dem Haar. Die Tante konnte sich nicht enthalten, mitfühlend zu seufzen. Überrascht wandte sich der Kaufmann um. «Ich will das Bild in meine Stube herunternehmen», sagte er weich.

«Aber du hast ja das andere Bild von Marie darin, und dieses hat dich immer verstimmt», rief die Tante.

«Die Jahre machen ruhiger», erwiderte der Kaufmann, «und hierher wird doch mit der Zeit ein anderes kommen.»

Die Augen der Tante glänzten wie Leuchtkugeln, als sie fragte: «Ein anderes?»

«Es war nur so ein Gedanke», sagte der Kaufmann ausweichend und schritt mit musterndem Blick durch die Reihe der Zimmer. Stolz und mit innerem Achselzucken ging die Tante hinter ihm her. Diese Leute mochten sich verstellen, soviel sie wollten, es half ihnen nichts mehr. Und der vorsichtigen Sabine ging es nicht besser.

Anton hatte am Mittag schweigsam neben der Tante gesessen. Als er seinen Stuhl rückte und sich erhob, sah die Tante, daß Sabinens Auge mit leidenschaftlicher Sorge auf seinem bleichen Gesicht ruhte und sich mit Tränen füllte. Nachdem er das Zimmer verlassen, stand auch Sabine auf und trat an das Fenster, welches in den Hof führte. Die Tante zog sich in ihre Nähe und spähte hinter der Gardine durch. Sabine blickte mit großer Spannung in den Hof, plötzlich lächelte sie und sah ganz verklärt aus. Behutsam schlich die Tante näher und sah ebenfalls in den Hof hinab. Dort aber war gar nichts zu schauen als Anton, der ihnen den Rücken zukehrte und den Pluto liebkoste. Er gab dem Hund einige Semmelbrocken, und Pluto bellte um ihn herum und sprang lustig nach seinem Rock.

‹Oho›, dachte die Tante, ‹der Pluto ist's nicht, über den sie in einem Atem weint und lacht.›

Und kurz darauf, als einmal der Neffe die Tür des Damenzimmers öffnete, sah die Tante im Vorsaal einen Mann mit einem großen Paket stehen. Ihr scharfer Blick erkannte den Ausgeher der großen Schnittwarenhandlung. Der Kaufmann rief seine Schwester in die Nebenstube, die Tante horchte. Zuerst sprach der Neffe, dann Sabine, aber ganz leise, dann hörte die Tante ein Gemurmel, welches große Ähnlichkeit mit unterdrücktem Schluchzen hatte. Was dieses Mädchen weinerlich wird, dachte sie verwundert. Sie war gerade im Begriff, in das Zimmer einzudringen, als die Geschwister ihr entgegentreten. Sabine hing im Arm ihres Bruders, ihre Wangen und ihre Augen waren stark gerötet, und doch sah sie glücklich und sehr verschämt aus. Als die Tante nach einer längeren Pause, wie sie der Anstand nötig machte, in das Nebenzimmer ging, um etwas zu suchen, fand sie das große Paket auf einem Stuhl liegen. Sie stieß zufällig mit der Hand daran, und da das Papier nicht zugebunden war, ging es natürlich auseinander, und sie erblickte prachtvolle Möbelstoffe und unten noch eine andere Erfindung, die so heftig auf die Nerven wirkte, daß auch sie sich hinsetzen und auf der Stelle einige Tränen vergießen mußte. Es war die weiße Robe vom schwersten Stoff, welche das Weib nur einmal in seinem Leben, an einem feierlichen Tage voll Andacht und frohen Schauers zu tragen pflegt.

Fortan behandelte die Ta[*]nte ihre Umgebung mit der Sicherheit einer Hausfrau, welche andern verzeiht, wenn sie sich eine Weile närrisch gebärden, weil sie recht gut weiß, daß das letzte Ende von solchem künstlichen Wesen eine starke Bewegung in ihrem eigenen Gebiete sein wird, heftige Arbeit in der Küche, ein langer Speisezettel, großartiges Schlachten von Geflügel und ein vernichtender Angriff auf alle Gefäße mit eingemachten Früchten. Auch sie wurde geheimnisvoll. Alle Tönnchen und Töpfe mit Konfitüren wurden plötzlich einer außerordentlichen Durchsicht unterworfen, und bei der Mittagstafel erschienen zuweilen ausgezeichnete Versuche von neuen Speisen. Die Tante kam an solchen Tagen mit geröteten Wangen aus der Küche und war sehr empfindlich, wenn nicht jedermann das neue Gericht vortrefflich fand, obgleich sie nie verfehlte hinzuzusetzen: «Es ist nur ein vorläufiger Versuch der Köchin.» Und dabei sah sie ihren Neffen und Sabine mit einem schlauen Ausdruck von Überlegenheit an, welcher deutlich sagte. «Ich habe alles erraten», so daß der Kaufmann die Brauen zusammenziehen und der Tante einen strengen Blick zuwerfen mußte.

Aber der Kaufmann selbst sah in der Regel nicht strenge aus. Sabine und Anton wurden mit jedem Tage stiller und verschlossener, er wurde zusehends heiterer. Er war jetzt gesprächiger als seit Jahren und wurde nicht müde, bei Tische Anton in die Unterhaltung zu ziehen. Er zwang ihn, zu erzählen, und hörte mit Spannung auf jedes Wort, das von Antons Lippen kam. In den ersten Wochen sah er oft prüfend auf Antons Pult, nach kurzer Zeit tat er auch im Geschäft, als wäre sein Verhältnis zu Anton noch das alte. Mit munterm Schritt ging er durch die vorderen Kontore. Noch war im Geschäft viel Flauheit, ihn kümmerte das wenig. Wenn Herr Braun, der Agent, sein belastetes Herz ausschüttete, lachte er dazu und ließ einen kurzen Scherz fallen.

Anton gewahrte diese Veränderung nicht. Wenn er im Kontor arbeitete, saß er einsilbig Herrn Baumann gegenüber und mühte sich, an nichts zu denken als an die Briefe. Die Abende brachte er häufig allein auf seinem Zimmer zu, dann senkte er sein Haupt in die Bücher, welche Fink ihm vermacht hatte, und versuchte, seinen finstern Gedanken zu entrinnen.

Er fand die Handlung nicht so wieder, wie er sie verlassen. Durch viele Jahre war hier alles fest gewesen, jetzt war das Geschäft in unruhiger, schwankender Bewegung. Viele von den alten Verbindungen des Hauses waren abgeschnitten, mehrere neue waren angeknüpft. Er fand neue Agenten, neue Kunden, mehrere neue Artikel und neue Arbeiter.

Auch im Hinterhause war es still geworden. Außer den Würdenträgern des zweiten Kontors, Herrn Liebold und Herrn Purzel, welche niemals aufgeregte Elemente der bürgerlichen Gesellschaft gewesen waren; traf er von seinen nähern Bekannten nur noch den treuen Baumann und Specht; und auch diese dachten daran, das Geschäft zu verlassen. Baumann hatte gleich nach Antons Rückkehr dem Prinzipal gestanden, daß er zum nächsten Frühjahr fort müsse, und auch Antons ernstliche Vorstellungen prallten diesmal an dem festen Entschlusse des Missionars ab. «Ich kann den Termin nicht verlängern», sagte er; «mein ganzes Gewissen schreit dagegen. Ich gehe von hier auf ein Jahr nach London in die Missionsanstalt und von dort, wohin man mich schickt. Ich gestehe, daß ich eine Vorliebe für Afrika habe. Es sind dort einige Könige» – er nannte schwer auszusprechende Namen -, «die ich nicht für ganz schlecht halte. Dort muß mit der Bekehrung etwas zu machen sein. Noch ist bei ihnen eine elende Wirtschaft. Den heidnischen Sklavenhandel hoffe ich ihnen abzugewöhnen. Sie können ihre Leute zu Hause brauchen, um Zuckerrohr zu pflanzen und Reis zu bauen. In ein paar Jahren schicke ich Ihnen über London die ersten Proben von unserm Plantagenbau.»

Und auch Herr Specht kam zu Anton. «Sie haben mir immer gute Freundschaft gezeigt, Wohlfart. Ich möchte Ihre Meinung wissen. Ich soll heiraten, ein ausgezeichnetes Mädchen, sie heißt Fanni und ist eine Nichte von C. Pix.»

«Ei», sagte Anton, «und lieben Sie die junge Dame?»

«Ja, ich liebe sie», rief Specht begeistert. «Aber ich soll auch in das Geschäft von Pix treten, wenn ich sie heirate, und deshalb wollte ich Sie fragen. Meine Geliebte hat etwas Vermögen, und Pix meint, das würde am besten in seinem Geschäft angelegt. Nun wissen Sie, Pix ist im Grunde ein guter Kerl, aber ein anderer Kompagnon wäre mir doch lieber.»

«Ich dächte nicht, mein alter Specht», sagte Anton. «Sie sind ein wenig zu eifrig, und es wird immer gut für Sie sein, einen sichern Kompagnon zu haben. Pix wird Sie zwingen, seinen Willen zu tun, und das wird kein Schade sein, denn Sie werden sich gut dabei stehen.»

«Ja», sagte Specht, «aber bedenken Sie das Geschäft, welches er gewählt hat. Kein Mensch hätte für möglich gehalten, daß unser Pix sich zu so etwas entschließen könnte.»

«Was hat er denn alles?» fragte Anton.

«Vieles durcheinander», rief Specht, «was er vorher niemals angesehen hätte; außer Fellen und Häuten jede Art von Pelzwerk, vom Zobel bis zum Maulwurf, und außerdem Filz und dergleichen, ganz nach seiner Natur, alles, was haarig und borstig ist. – Es sind gemeine Artikel darunter, Wohlfart.»

«Seien Sie kein Kind», versetzte Anton, «heiraten Sie, mein guter Junge, und begeben Sie sich unter die Vormundschaft des Schwagers, es wird Ihr Schade nicht sein.»

Den Tag darauf trat Pix selbst in Antons Zimmer. «Ich habe Ihre Karte gefunden, Wohlfart, und komme, Sie auf Sonntag zum Kaffee einzuladen. Kuba und eine Manila. Sie sollen meine Frau kennenlernen.»

«Und Sie wollen Specht zum Kompagnon nehmen?» fragte Anton lächelnd. «Immer hatten Sie einen großen Widerwillen, sich zu assoziieren.»

«Ich tät's auch mit keinem andern als mit ihm. Im Vertrauen gesagt, ich bin in einer Schuld gegen den armen Kerl, und ich kann für mein Geschäft die zehntausend brauchen, die er sich erheiratet. Ich habe ein Detailgeschäft mit übernommen, verdammte Kürschnerware, da stecke ich ihn hinein. Das wird ihm Spaß machen. Er kann alle Tage gegen die Weiber artig sein, die in den Laden kommen, und alle Jahre einen neuen Pelz um sie hängen. Er wird dort brauchbarer sein als hier im Kontor.»

«Wie kommt's, daß Sie gerade dies Geschäft gewählt haben?» fragte Anton.

«Ich mußte», antwortete Pix, «ich fand noch ein großes Warenlager von meinem Vorgänger vor; in traurigem Zustande, das versichere ich Ihnen; und ich sah mich auf einmal in Gesellschaft von Leuten, welche Hasenfelle und Schweinsborsten für preiswürdig hielten.»

«Das allein hat Sie doch nicht bestimmt», erwiderte Anton lachend.

«Vielleicht war's noch etwas anderes», sagte Pix. «Hier im Orte muß ich bleiben, wegen meiner Frau, und Sie werden einsehen, Anton, daß ich, der ich in diesem Hause Disponent des Provinzialgeschäftes gewesen bin, mich nicht am hiesigen Platz in derselben Branche auftun konnte. Ich kenne das ganze Provinzialgeschäft besser als der Prinzipal, und alle kleinen Kunden kennen mich besser als den Prinzipal. Ich hätte diesem Geschäft geschadet, obgleich meine Mittel kleiner sind; ich hätte leicht gute Geschäfte machen können, aber dies Haus hätte den Schaden gehabt. So mußte ich etwas anderes ergreifen. Ich ging deshalb zu Schröter, sobald ich mich entschlossen hatte, und besprach das mit ihm. Ich werde mit euch nur in einem konkurrieren, und das sind Pferdehaare, und darin werde ich euch totmachen. Ich habe das auch dem Prinzipal gesagt.»

«Das wird die Handlung ertragen», sagte Anton und schüttelte dem Borstenhändler Pix die Hand.

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