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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 129
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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In dem Augenblick stürzte Veitel herein, schon auf dem Vorsaal hatte er wüsten Lärm gehört und fürchtete das Ärgste. Als der Advokat den Eintretenden sah, fuhr er mit gehobenem Stuhle auf ihn zu und schrie: «Du hast mich ins Elend gebracht, du sollst die Zeche bezahlen!» Dabei führte er einen Schlag nach Itzigs Haupt. Dieser fing den Stuhl auf, warf ihn beiseite und faßte den Alten mit überlegener Kraft. Hippus sträubte sich zwischen seinen Händen wie eine wilde Katze und rief alle Flüche, die er finden konnte, auf seinen Bändiger herab. Veitel drückte ihn mit Gewalt in eine Ecke des Sofas und flüsterte, ihn festhaltend: «Wenn Ihr nicht ruhig seid, alter Mann, so ist's um Euch geschehen.» Der Alte sah aus den Augen Itzigs, welche dicht vor den seinen starrten, daß er von dem Empörten das Ärgste zu fürchten hatte, der Paroxysmus verließ ihn, er sank kraftlos zusammen und wimmerte nur leise, am ganzen Körper schauernd: «Er will mich töten!»

«Das will ich nicht, Ihr trunkener Narr, wenn Ihr ruhig seid; welcher Teufel treibt Euch, mir meine Stube zu verwüsten»

«Er will mich töten», ächzte Hippus, «weil ich meinen Spiegel wiedergefunden habe.»

«Ihr seid verrückt», rief Veitel, ihn schüttelnd, «nehmt Eure Kraft zusammen, Ihr dürft hier nicht bleiben, Ihr müßt fort, ich habe ein Versteck für Euch.»

«Ich gehe nicht mit dir», schrie der Alte, «du willst mich umbringen.»

Veitel tat einen gräßlichen Fluch, packte den schäbigen Hut des Hippus, drückte ihm diesen auf den Kopf, faßte den Alten am Nacken und rief: «Ihr müßt mitkommen oder Ihr seid verloren. Die Polizei wird Euch hier suchen und wird Euch finden, wenn Ihr noch zögert. Fort, oder Ihr zwingt mich, Euch ein Leids zu tun.»

Die Kraft des Trunkenen war gebrochen, er wankte, Veitel faßte ihn unter dem Arme und zog den Widerstandslosen fort. Er zog ihn aus den Zimmern die Treppe hinunter, ängstlich spähend, ob ihnen niemand begegne. Alles war still. Der Advokat gewann in der kalten Luft einen Teil seiner Besinnung wieder, Veitel raunte ihm zu: «Seid still und folgt mir, ich werde Euch fortschaffen.»

«Er wird mich fortschaffen», murmelte ihm der Advokat nach und lief an seiner Seite vorwärts. Als sie in die Nähe der Herberge kamen, ging Veitel vorsichtiger, zog seinen Gefährten in den finstern Hausflur und flüsterte: «Faßt meine Hand und steigt leise mit mir die Treppe hinauf.» So kamen sie an das große Gastzimmer, sie fanden das Zimmer noch leer, wie es zuvor gewesen. Erleichtert sagte Veitel: «Nebenan im Hause ist ein Versteck, Ihr müßt hinein.»

«Ich muß hinein», wiederholte der Alte.

«Folgt mir», rief Veitel und zog den Advokaten auf die Galerie und von da die bedeckte Treppe hinunter.

Der Alte wankte unsicher die Stufen hinab und klammerte sich fest an den Rock seines Führers, der ihn halb hinuntertrug. So kamen sie Stufe für Stufe bis hinunter zu der letzten, über welche die Strömung dahinrauschte. Veitel ging voraus und trat rücksichtslos bis an die Knie ins Wasser, bemüht, den Alten nachzuziehen.

Der alte Mann fühlte das Wasser an seinem Stiefel, er stand still und schrie laut: «Wasser!»

«Still», flüsterte Veitel zornig, «sprecht kein Wort!»

«Wasser!» schrie der Alte. «Hilfe! Er will mich umbringen.»

Veitel packte den Schreienden und hielt ihm den Mund zu, aber der Todesschreck hatte noch einmal das Leben des Advokaten aufgestört, er hob die Füße auf die nächste Stufe zurück, klammerte sich, so gut er konnte, an die Seitenbretter und schrie wieder: «Zu Hilfe!»

«Verrückter Schuft!» knirschte Veitel, durch den hartnäckigen Widerstand in Wut gesetzt, drückte ihm mit einem Schlage den alten Hut bis tief über das Gesicht, faßte ihn mit voller Kraft am Halstuch und schleuderte ihn hinunter in das Wasser. Die Flut spritzte auf, das Geräusch eines fallenden Körpers und ein dumpfes Gurgeln wurde gehört; dann war alles still.

Unter den bleigrauen Nebeln, welche mit langen Schleppen längs dem Wasser hinzogen, wurde noch einmal eine dunkle Masse sichtbar, welche mit dem Strome fortzog. Bald war sie verschwunden. Die Gespenster des Nebels bedeckten sie, die Strömung zog darüber hin. Das Wasser brach sich klagend an den Holzpfählen und Treppenstufen, und oben heulte der Nachtwind sein eintöniges Lied.

Der Täter stand einige Augenblicke regungslos in der Finsternis, an das Holzwerk gelehnt. Dann stieg er langsam hinauf. Im Aufsteigen fühlte er an das Tuch seiner Kleider, um sich zu überzeugen, wieweit er durchnäßt war. Er dachte daran, daß er sie am Ofenfeuer trocknen müsse, noch heut nacht; er sah das Ofenfeuer in seinem Zimmer brennen und sich im Schlafrock davor sitzen, wie er so gern tat, wenn er über seine Geschäfte nachdachte. Wenn er jemals in seinem Leben das Gefühl behaglicher Ruhe genossen hatte, so war es in solchen Stunden gewesen, wo er müde von den Gängen und Sorgen des Tags das Holz in den Ofen steckte und davor saß, bis ihm die müden Augen zufielen. Er fühlte deutlich, wie müde er auch jetzt sei und wie wohl es ihm tun würde, am warmen Feuer einzuschlafen. In diesen dämmrigen Träumen blieb er wieder einige Augenblicke stehen, wie einer, der einschlafen will, und fühlte dabei einen dumpfen Druck irgendwo in seinem Innern, einen Schmerz, der es ihm schwer machte, Atem zu holen, und seine Brust wie mit eisernen Bändern zusammenzog. Da dachte er an den Ballen, den er jetzt in das Wasser geworfen hatte, er sah ihn eintauchen in die Flut, er hörte das Rauschen des Wassers und erinnerte sich daran, daß der Hut, den er dem Manne über das Gesicht gezogen, noch zuletzt über dem Wasser zu sehen gewesen war als ein rundes, wunderliches Ding. Er sah den Hut deutlich vor sich, abgegriffen, die Krempe halb abgerissen und oben auf dem Deckel zwei alte Ölflecke. Es war ein sehr schäbiger Hut gewesen. Als er daran dachte, merkte er, daß er jetzt lächeln könnte, wenn er wollte. Er lachte aber nicht. Während seine Seele so in halber Erstarrung um die Stelle herumflatterte, die ihn in seinem Innern schmerzte, war er heraufgestiegen. Als er die Treppentür herumlegte, sah er noch einmal die schwarze Röhre, in welche vor wenigen Augenblicken zwei hinuntergestiegen waren, während jetzt nur einer zurückkehrte. Er sah auf den grauen Schimmer des Wassers, und wieder fühlte er einen dumpfen Druck. Eilig huschte er durch das große Zimmer die Treppe hinunter, im Hausflur stieß er auf einen der fremden Gäste, welche in der Karawanserei wohnten; beide eilten schnell, ohne ein Wort zu sprechen, aneinander vorüber.

Diese Begegnung brachte die Gedanken des Heimkehrenden in andere Richtung: War er sicher? Noch immer lag der Nebel dick auf den Straßen, niemand hatte ihn mit dem Advokaten hineingehen sehen, niemand hatte ihn beim Herausgehen erkannt. Und wenn man den alten Mann im Wasser fand, dann fing die Untersuchung an. War er dann noch sicher?

Alles das dachte der Mörder so gleichgültig, als läse er die Gedanken aus einem Buche ab. Dazwischen kam ihm wieder die Idee, ob er seine Zigarrentasche bei sich habe und warum er keine Zigarre rauche. Er grübelte darüber längere Zeit und kam endlich in seiner Wohnung an. Er schloß auf; als er das letztemal auf geschlossen hatte, war in der zweiten Stube ein wüster Lärm gewesen. Er blieb stehen und horchte, ob derselbe Lärm nicht wieder zu hören sei. Er wollte ihn durchaus hören. Vor wenigen Augenblicken war es gewesen. Oh, was hätte er darum gegeben, wenn die letzten Augenblicke nicht gewesen wären! Wieder fühlte er den dumpfen Schmerz, aber stärker, immer stärker. Er trat in die Zimmer, die Lampe brannte noch, die Scherben der Rumflasche lagen noch um das Sofa, das Quecksilber des Spiegels glänzte auf dem Boden wie silberne Taler. Veitel setzte sich erschöpft auf einen Stuhl und sah starr auf die glänzenden Trümmer seines Spiegels. Dabei fiel ihm ein, daß oft seine Mutter eine Kindergeschichte erzählt hatte, in welcher silberne Taler auf die Dielen eines armen Mannes fallen. Er sah die alte Judenfrau am Herde sitzen und sich als kleinen Jungen daneben. Er sah sich selbst neugierig auf die schwarze Erde blicken und erwarten, ob die weißen Taler nicht auch vor ihm niederfallen würden. Jetzt wußte er, bei ihm in der Stube sah es gerade so aus, als hätte es silberne Taler geregnet. Er fühlte wieder etwas von dem unruhigen Entzücken, das er als kleiner Veitel bei dieser Erzählung der Mutter gehabt hatte, und mitten in dieser Erinnerung kam plötzlich wieder der dumpfe Druck, den er in seinem Innern merkte, er wußte nicht, wo. Schwerfällig stand er auf, kauerte auf dem Boden und suchte die Glassplitter zusammen. Die Splitter trug er in die Ecke eines Schranks, den Rahmen des Spiegels löste er von der Wand ab und stellte ihn verkehrt in eine Ecke. Dann nahm er die Lampe und das Glas, welches er mit Trinkwasser für die Nacht zu füllen pflegte, aber als er das Glas füllte, überlief ihn ein Fieberschauer, und er setzte es wieder hin. Der, welcher nicht mehr war, hatte aus dem Glase getrunken. Er trug die Lampe zu seinem Bett und zog sich aus. Die Beinkleider versteckte er in den Schrank und holte sich ein paar andere herzu, deren Fußenden er an seinen Stiefeln rieb, bis sie schmutzig wurden. Darauf löschte er die Lampe aus, und als der Docht noch einmal aufflackerte, bevor er verlöschte, da fiel ihm ein, zufällig als etwas Gleichgültiges, daß die Leute die Flamme des Lichts mit dem Leben eines Menschen verglichen. Er hatte eine Flamme ausgedreht. Und wieder fühlte er den Schmerz in seiner Brust, aber undeutlich, seine Kraft war erschöpft, seine Nerven abgespannt, er schlief ein. Der Mörder schlief.

Aber wenn er erwacht! Dann wird die Schlauheit verloren sein, mit der sein verstörter Geist wie im Wahnwitz umhergriff nach allen kleinen Bildern und Gedanken, die er in der Finsternis auffinden konnte, um den einen Gedanken zu vermeiden, das eine Gefühl, welches von jetzt ab immer in ihm drückt und preßt. Wenn er aufwacht! Dann wird er schon im Halbschlafe fühlen, wie die Ruhe abzieht, und die Angst, der Jammer werden einziehen in seine Seele, er wird noch im Traume fühlen, wie süß die Bewußtlosigkeit ist und wie furchtbar das Denken, er wird sich sträuben gegen das Erwachen, aber in seinem Sträuben wird ihm der Schmerz immer stärker kommen, immer nagender. Bis er in Verzweiflung die Augen aufreißt und hineinstarrt in die gräßliche Gegenwart, in eine gräßliche Zukunft.

Und wieder wird sein Geist anfangen, die Spukgestalt mit feinen Fäden zu überziehen, und alle möglichen Gründe wird er zusammentragen, sich das Ungeheure unkenntlich zu machen; er wird daran denken, wie alt der Tote war, wie schlecht, wie elend; er wird sich vorzustellen suchen, daß es nur ein Zufall war, der den Tod herbeiführte, ein Schwung seiner Arme, den plötzliche Wut verursacht; welch unglücklicher Zufall es war, daß der Alte mit seinen Füßen nicht festen Grund gefunden! Dann wird ihm plötzlich einfallen, ob er auch sicher sei, und eine heiße Fieberangst wird sein bleiches Gesicht rot färben, der Tritt des Dieners auf der Treppe wird ihm Entsetzen einjagen, das Klirren einer Eisenstange im Hofe wird er für das Getöse der Waffen halten, welche das Gesetz gegen ihn ausschickt. Und wieder wird sein Geist arbeiten, während er verstört im Zimmer auf und ab rennt, er wird jeden Schritt, den er gestern tat, jede Bewegung der Hand und jedes Wort, das er gesprochen, noch einmal durchleben und wird bei jedem einzelnen, das geschehen ist, zu beweisen suchen, daß es unmöglich entdeckt werden kann. Niemand hat ihn gesehen, niemand gehört; der traurige alte Mann, halb verrückt, wie er war, hat sich selbst den Hut über die Augen gezogen und hat sich selbst ersäuft.

So wird er auch von dieser Seite um die Gestalt des alten Mannes seine Fäden ziehen. Und immer fühlt er die furchtbare Last, bis er endlich, erschöpft von dem innern Kampfe, sich hinausstürzt aus seiner Wohnung, in seine Geschäfte, unter die Menschen, voll Sehnsucht, etwas zu finden, was ihn vergessen macht. Wer ihn auf der Straße ansieht, der wird ihn quälen; wenn er einen Beamten der Polizei erblickt, muß er schnell in ein Haus treten, um seinen Schreck vor den spähenden Augen zu verbergen. Wo er Menschen findet, die er kennt, wird er sich in den dicksten Haufen drängen, er wird überall den Kopf hinhalten, an allem teilnehmen, er wird mehr sprechen und lachen als sonst, aber seine Augen werden unruhig umherirren, und seine Seele wird in beständiger Furcht sein, etwas zu hören von dem Getöteten, und wie die Leute über den plötzlichen Tod desselben denken. Er täuscht seine Bekannten, sie werden ihn vielleicht für besonders aufgeweckt halten, und zuweilen sagt einer: «Der Itzig ist guter Dinge, er hat große Geschäfte gemacht.» Er wird sich an manchen Arm hängen, den er sonst nicht berührt, und wird den Leuten lustige Geschichten erzählen und sie nach Hause begleiten, weil er weiß, daß er nicht allein sein kann. Er wird in die Kaffeehäuser eilen und in die Bierstuben, um Bekannte aufzusuchen, und er wird sich zu ihnen setzen und wird trinken und aufgeregt werden wie sie, weil er weiß, daß er nicht allein sein darf.

Und wenn er am Abend spät nach Hause kommt, ermüdet bis zum Umsinken, erschlafft und abgearbeitet von dem furchtbaren Kampfe, dann fühlt er sich leichter, er hat durchgesetzt, das, was in ihm ist, undeutlich zu machen, und er findet ein trübes Behagen an der Mattigkeit und der Bewußtlosigkeit und erwartet den Schlaf als das einzige Glück, was er auf Erden noch hat. Und wieder wird er einschlafen, und wenn er am nächsten Morgen erwacht, werden alle Spinnweben zerrissen sein, und von neuem wird die furchtbare Arbeit beginnen. So soll es gehen einen Tag, viele Tage, immer, solange er lebt. Nicht mehr lebt er wie andere Menschen, sein Dasein ist fortan ein Kampf, ein gräßlicher Kampf gegen einen Leichnam, ein Kampf, den niemand sieht und der doch allein seinen Geist beschäftigt. Was er tut in seinem Geschäft, in Gesellschaft mit Lebenden, ist nur Schein, eine Lüge. Wenn er lacht und wenn er andern die Hand schüttelt und wenn er auf Pfänder leiht und fünfzig vom Hundert nimmt, alles ist nur eine Täuschung für andere. Er weiß, daß er ausgeschieden ist aus der Gesellschaft der Menschen, daß alles leer und verächtlich ist, was er angreift; nur eines ist es, was ihn beschäftigt, wogegen er arbeitet, weshalb er trinkt und schwatzt und sich unter Menschen herumtreibt, und das eine ist der Leichnam des alten Mannes im Wasser.

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