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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 128
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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4

Es war ein finsterer Novemberabend; der Nebel lag auf der Stadt, er füllte die alten Straßen und Plätze und drang durch die offenen Türen in die Häuser. Er ballte sich um die Straßenlaternen, deren Licht in einer rötlichen Dampfkugel flackerte und nicht drei Schritt weit den Boden erleuchtete. Er schwebte über dem Flusse und wälzte sich dort in dicken Massen durcheinander. Eine Schar langschleppiger grauer Gestalten zog über den schwarzen Strom hin, über die alten Wasserpfähle, unter den Brücken durch, eine gespenstige Bande von giftigen Dünsten! Sie rollten an den Treppen hinauf, hefteten sich an die Holzpfeiler der Galerien und wogten geschäftig durcheinander. Zuweilen entstand eine Lücke zwischen den Gebilden des Nebels, dann konnte man auf das schwarze Wasser hinabsehen, welches wie ein unterirdischer Strom des Verderbens an den Wohnungen der Menschen dahinfloß.

Die Straßen waren leer, hier und da sah man eine Gestalt in der Nähe einer Laterne auftauchen und schnell wieder in der Finsternis verschwinden. Unter diesen dämmerigen Wesen war auch ein kleiner zusammengedrückter Mann, der mit schwankenden Schritten vorwärts strebte und unter den Laternen fortschlüpfte, so schnell ihm dies die unsicheren Füße erlaubten. Durch den Hausflur wankte er in den Hof, in welchem Itzigs Kontor war, und sah nach den Fenstern des Agenten hinauf. Die Vorhänge waren heruntergelassen, aber aus den Ritzen drang ein Lichtschimmer. Der kleine Mann versuchte festzustehen, starrte nach dem Licht, streckte die geballte Faust nach der Höhe und schüttelte sie drohend; dann stieg er die Treppe hinauf und klingelte heftig zwei-, dreimal. Endlich hörte man einen leisen Schritt, die Tür wurde geöffnet, der Kleine fuhr hinein und lief durch das Vorzimmer, welches Itzig hinter sich abschloß. Veitel sah noch bleicher aus als gewöhnlich, und sein Auge fuhr unstet über die Gestalt des späten Gastes. Hippus aber war nie ein einladendes Bild männlicher Schönheit gewesen, heut sah er wahrhaftig unheimlich aus. Seine Züge waren tief eingefallen, eine Mischung von Angst und Trotz saß in dem häßlichen Gesicht, und tückisch sahen seine Augen über die angelaufenen Brillengläser auf den früheren Schüler. Sicher war er wieder betrunken, aber eine fieberhafte Angst hatte seine Lebensgeister erregt und für den Augenblick die Wirkung des Branntweins aufgehoben.

«Sie sind mir auf dem Nacken», rief er und fingerte mit seinen Händen unruhig in der Luft. «Sie suchen mich!»

«Wer soll Euch suchen?» fragte Itzig, aber er wußte, wer ihn suchte.

«Die Polizei, du Schuft», schrie der Alte. «Um deinetwillen stecke ich in der Klemme. Ich darf nicht mehr nach Hause, du mußt mich verstecken.»

«So weit sind wir noch nicht», antwortete Veitel mit aller Kälte, die ihm zu Gebote stand. «Woher wißt Ihr, daß Euch die Polizeidiener auf der Ferse sind?»

«Die Kinder auf der Straße erzählen einander davon», rief Hippus, «auf der Straße hab' ich's gehört, als ich in mein Loch kriechen wollte. Es war ein Zufall, daß ich mich nicht in meiner Stube befand. Sie stehen an meinem Hause, sie stehen auf der Treppe, sie warten, bis ich zurückkomme. Du sollst mich verstecken, Geld will ich haben, über die Grenze will ich; hier ist meines Bleibens nicht mehr; du mußt mich fortschaffen.»

«Fortschaffen?» wiederholte Veitel finster. «Und wohin?»

«Dorthin, wo mich die Polizei nicht einholt, über die Grenze nach Amerika!»

«Und wenn ich nicht will», sprach Itzig feindselig und überlegend.

«Du wirst wollen, Einfaltspinsel. Bist du noch so grün, daß du nicht weißt, was ich tun werde, wenn du mir nicht aus der Klemme hilfst, du Taugenichts? Sie werden auf dem Kriminalgericht Ohren haben für das, was ich von dir weiß.»

«Ihr werdet so schlecht nicht sein und einen alten Freund verraten», sagte Itzig in einem Tone, der sich vergebens bemühte, gefühlvoll zu sein. «Seht die Sache ruhiger an, was ist zuletzt für Gefahr, wenn sie Euch arretieren? Wer kann Euch etwas beweisen? Sie müssen Euch wieder loslassen. Ihr kennt das Gesetz ja ebensogut wie die vom Gericht.»

«So», schrie der Alte giftig, «meinst du, daß ich ins Loch kriechen werde um deinetwillen, um eines solchen Hanswurstes willen? Daß ich bei Wasser und Brot sitzen werde, während du hier Gänsebraten ißt und den alten Esel von Hippus auslachst? Ich will nicht ins Loch, ich will fort, und bis ich fort kann, sollst du mich verstecken.»

«Hier könnt Ihr nicht bleiben», antwortete Veitel finster, «hier ist keine Sicherheit für Euch und für mich; der Jakob wird Euch verraten, die Leute im Hause werden merken, daß Ihr hier seid.»

«Das ist deine Sorge, wo du mich unterbringst», rief der Alte, «aber von dir verlange ich, daß du mir heraushilfst, oder -»

«Haltet Euer Maul», sagte Veitel, «und hört mir zu: Wenn ich Euch auch Geld geben will und dafür sorgen, daß Ihr mit der Eisenbahn nach Hamburg und über das Wasser kommt, so kann ich es doch nicht machen gleich und nicht machen von mir aus. Ihr müßt bei Nacht ein paar Meilen bis zu einer kleinen Station der Eisenbahn geschafft werden; ich darf Euch die Fuhre nicht mieten, das könnte Euch verraten, und wie Ihr vor mir steht, seid Ihr zu schwach zum Gehen. Ich muß Euch mit einer Gelegenheit fortbringen, von der ich erst sehen muß, ob ich sie finde. Unterdes muß ich Euch an einen andern Ort schaffen, wo die Polizei nicht weiß, daß ich selbst hinkomme, denn ich fürchte, sie wird Euch bei mir suchen. Wenn Ihr nicht nach Hause kommt, so wird sie Euch suchen bei mir vielleicht schon heut nacht. Ich will gehen und nachsehen, daß ich Euch eine Fuhre verschaffe und einen Ort, wo Ihr Euch verstecken könnt. Unterdes sollt Ihr bleiben in der hintern Stube, bis ich zurückkomme.» Er öffnete die Tür, Herr Hippus schlüpfte wie eine gescheuchte Fledermaus hinein. Veitel wollte die Tür hinter ihm schließen, aber das alte Geschöpf klemmte seinen Leib zwischen die Tür und schrie in voller Entrüstung: «Ich will nicht im Finstern bleiben wie eine Ratte, du wirst mir Licht hier lassen. Ich will Licht haben, du Satan!» schrie er laut.

«Man wird unten sehen, daß Licht in der Stube ist; das wird uns verraten.»

«Ich will nicht im Finstern sitzen!» schrie der Alte wieder.

Mit einem Fluch ergriff Veitel die Lampe und trug sie in das zweite Zimmer. Dann schloß er die Tür und eilte auf die Straße.

Vorsichtig näherte er sich dem Hause des Löbel Pinkus. Dort war alles ruhig; von dem Hausflur sah er durch das kleine Schiebefenster in den Branntweinladen, wo Pinkus und einige Gäste in der Sorglosigkeit eines guten Bewußtseins zusammensaßen. Er schlich die Treppe hinauf nach seiner frühern Stube, holte dort aus einem versteckten Winkel einige verrostete Schlüssel, betrat vorsichtig den Schlafsaal und sah mit Freude, daß dieser nicht erleuchtet und leer war. Er eilte auf die Galerie. Dort blieb er einen Augenblick stehen und blickte auf die rollenden Nebelmassen und die dunkle Flut. Der Augenblick war günstig, es war hohe Zeit, ihn zu benutzen, denn unregelmäßig strich ein Luftzug über das Wasser; schon war am Nachthimmel ein unruhiges Treiben sichtbar, zerrissen flogen die dunklen Wogen über dem Strome dahin, in kurzer Zeit mußte der Wind auch den Strom, die Umrisse der Häuser und die Laternen frei machen, welche an der Straßenecke wie rote Punkte glänzten.

Itzig eilte an das Ende der Galerie und steckte einen Schlüssel in die Tür, welche den Eingang zur Wassertreppe verdeckte. Knarrend flog die Tür auf, er stieg bis an den Rand des Flusses hinab und untersuchte die Höhe der Flut. Hohl gurgelte das Wasser und staute sich an den letzten Stufen der Treppe. Der Fußsteig war überschwemmt, welcher längs den Häusern am seichten Rande des Strombettes fast das ganze Jahr sichtbar war. Aber nur wenige Schritte durfte man im Wasser gehen, um von dieser Treppe zu der Treppe des Nebenhauses zu gelangen. Veitel sah starr auf das Wasser und steckte seinen Fuß in die eiskalte Flut, um zu fühlen, wie tief man zu steigen habe, um auf den Grund zu kommen. So besorgt war er für die Rettung des alten Mannes, daß er die Kälte an seinem Bein nicht beachtete; er empfand sie nicht einmal. Das Wasser reichte ihm bis an die Knie. Noch einen Blick warf er auf die Häuser in der Nähe. Alles war Finsternis, Dampf, Grabesstille, nur das Wasser und der Wind murmelten klagend.

Unterdes versuchte Hippus, sich in der verschlossenen Stube häuslich einzurichten. Nachdem er den abgehenden Veitel durch gottlose Flüche und geballte Fäuste, die er ihm nachschleuderte, auf seinem Gang gesegnet hatte, wandte er seinen verstörten Geist auf Untersuchung des Zimmers. Er wankte zu einem niedrigen Schrank, drehte den Schlüssel und suchte nach einer Flüssigkeit, die ihm die sinkende Kraft und den trockenen Gaumen erfrischen könnte. Er fand eine Flasche mit Rum, goß ihren Inhalt in ein Bierglas und schlürfte ihn mit so großer Hast hinunter, als das scharfe Gift möglich machte. Ein kalter Schweiß trat dem Unglücklichen sogleich auf die Stirn, er zog die Reste eines Taschentuchs hervor, wischte sein Gesicht eifrig ab und ging breitspurig mit trunkenen Schritten und mit schnell wachsendem Mut in der Stube auf und ab, indem er laut dazu phantasierte:

«Er ist ein Lump, ein schuftiger, feiger Hase, ein jämmerlicher Schacherer ist er; wenn ich ihm ein altes Taschentuch verkaufen will, er muß es kaufen, es ist seine Natur, er ist ein verächtliches Subjekt. Und mir will er trotzen, mich will er ins Gefängnis stecken, und er selbst will hier sitzen auf diesem Sofa und bei dieser Rumflasche, der Hundsfott!» Dabei ergriff er die leere Fl[*]asche und warf sie zornig gegen das Sofa, daß sie an dem Holz der Lehne zersprang. «Wer war er?» fuhr er in steigendem Zorne fort. «Ein schachernder Hanswurst. Durch mich ist er geworden, was er ist; ich habe ihn pfeifen gelehrt, den Gimpel. Wenn ich pfeife, muß er tanzen, er ist nur mein Lockvogel, ich bin der Vogelsteller. Dein Vogelsteller bin ich, du ruppiges Scheusal.» Hier versuchte der Alte zu pfeifen: «Freut euch des Lebens», erhob die Beine und machte einen Versuch, lustig umherzuspringen. Wieder strömte ihm der kalte Schweiß von der Stirne, er zog wieder den Lappen aus der Tasche, trocknete sich das Gesicht ab und steckte das Tuch gedankenlos wieder ein. – «Er wird nicht zurückkommen», rief er plötzlich, «er läßt mich hier sitzen, sie werden mich finden.» Er rannte nach der Tür und rüttelte heftig daran. «Eingeschlossen hat mich der Schuft, ein Jude hat mich eingeschlossen», schrie er kläglich. «Ich muß verhungern, ich muß verdursten in diesem Gefängnis. Oh, oh, er hat schlecht an mir gehandelt, niederträchtig an seinem Wohltäter, er ist ein undankbarer Bösewicht, ein Rabensohn ist er.» Dabei fing er an zu schluchzen. «Ich habe ihn gepflegt, als er krank war, ich habe ihn Kunststücke gelehrt, ich habe ihn zu einem Manne gemacht, und so lohnt er seinem alten Freund.» Der Advokat weinte laut und rang die Hände. Plötzlich blieb er vor dem Spiegel stehen, auf welchen der helle Glanz des Lichtes fiel, erschrocken starrte er die Gestalt an, welche ihm in dem Spiegel gegenüberstand. Immer zorniger wurde sein Blick, immer grausiger der Glanz seiner Augen, er sah von dem Spiegelglas auf den Rahmen, schob sich die verbogene Brille zurecht und bewegte den Kopf am Rahmen entlang. Der Spiegel kam ihm bekannt vor. Hatte der Zufall ein Möbel aus seinem frühern glänzenden Leben in den geheimen Trödel des Pinkus und von da in Itzigs Wohnung geführt oder täuschte den Trunkenen nur eine Ähnlichkeit? Aber die Erinnerung an sein Schicksal erfüllte ihn mit Wut. «Es ist mein Spiegel», schrie er laut, «mein eigener Spiegel ist es, den der Schurke in seiner Stube hat»; toll fuhr er durch das Zimmer, packte einen Stuhl in wahnwitziger Kraft und stieß ihn mit den Beinen gegen das Spiegelglas. Klirrend zerbrach die Platte in Scherben, aber immer und immer wieder stampfte der Betrunkene mit dem Stuhle gegen das Holz und schrie dabei wie rasend: «In meiner Stube hat er gehangen, der Schurke hat mir den Spiegel gestohlen, er hat mein Glück gestohlen, zur Hölle mit ihm!»

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