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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 125
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Der Kaufmann trat an das Fenster und sah schweigend in die Nacht hinaus. Als er sich umwandte, war die Härte von seinem Gesicht verschwunden, er sah mit prüfendem Blick auf Anton. «Das war ehrlich gesprochen, Wohlfart», sagte er endlich, «und ich will hoffen, auch ehrlich gedacht; und ebenso will ich Ihnen sagen, es tut mir noch jetzt leid, daß Sie von uns gegangen sind. Ich kannte Sie, wie selten ein älterer Mann den jüngeren kennenlernt; unter meinen Augen waren Sie in der Handlung heraufgekommen, ich konnte auf die Reinheit Ihrer Empfindungen vertrauen, ich wußte, daß kein unehrenhafter Gedanke in Ihrer Seele heimisch war. Jetzt, lieber Wohlfart, sind Sie mir ein Fremder geworden. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen das sage. Ein ungeregeltes Begehren hat Sie in Verhältnisse gelockt, welche nach allem, was ich davon weiß, ungesund sein müssen für jeden, der darin lebt. Sie haben in einer Landschaft, wo die Gewissen oft weiter sind als bei uns und die menschlichen Verhältnisse weniger fest geordnet, die Verwaltung eines zerrütteten Wohlstandes gehabt, Sie sind der Vertraute eines bankrotten Schuldners gewesen, der manche Eigenschaft eines braven Mannes bewahrt haben mag, der aber in schlechten Geschäften mit verzweifelten Menschen das verloren hat, was in meiner Handlung Ehre heißt. Gern nehme ich an, daß Ihre Redlichkeit sich geweigert hat, dort etwas zu tun, was gegen Ihre Überzeugung war; aber, Wohlfart, ich wiederhole Ihnen jetzt, was ich Ihnen schon früher gesagt habe: jede fortgesetzte Tätigkeit unter Schwachen und Schlechten bringt auch den Ehrenmann in Gefahr. Allmählich, und ohne daß er es merkt, erscheint ihm erträglich, was ein anderer in sicherer Lage von sich fernhält, und die gebieterische Notwendigkeit zwingt ihn, in Maßregeln zu willigen, die er anderswo mit kurzem Entschluß abgewiesen hätte. Ich bin überzeugt, daß Sie geblieben sind, was die Welt einen ehrenhaften Geschäftsmann nennt, aber die stolze Reinheit Ihrer kaufmännischen Ehre, die leider bei vielen in unserer Geschäftswelt für eine Pedanterie gilt, ob Sie die sich bewahrt haben, das weiß ich nicht; und daß ich in der Stunde, wo ich Sie wiedersehe, daran zweifeln muß und daß ich Ihnen das sagen muß, sehen Sie, das macht mir die Zusammenkunft schmerzlich.»

Anton wurde bleich wie das Tuch, das er in der Hand hielt, und seine Lippen zitterten, als er antwortete: «Es ist genug, Herr Schröter! Daß Sie mir in der ersten Stunde das Bitterste sagen, was man einem Gegner sagt, ist mir ein Beweis, daß ich unrecht getan habe, dies Haus wieder zu betreten. Ja, Sie haben recht, in dieser ganzen Zeit hat mich das Gefühl nicht verlassen, daß die Gefahr, die Sie erwähnen, um meine Seele schwebte. In dem ganzen Jahr habe ich als das größte Unglück empfunden, daß die Geschäfte, für welche ich mich interessieren mußte, mir nicht erlaubten, den Mann hochzuachten, für den ich arbeitete. Ihnen aber darf ich, nicht weniger stolz als Sie, antworten, daß die Reinheit des Mannes, welcher sich ängstlich vor der Versuchung zurückzieht, nichts wert ist, und wenn ich etwas aus einem Jahre voll Kränkungen und bitterer Gefühle gerettet habe, so ist es gerade der Stolz, daß ich selbst geprüft worden bin und daß ich nicht mehr wie ein Knabe aus Instinkt und Gewohnheit handle, sondern als ein Mann, nach Grundsätzen. Ich habe in diesem Jahre zu mir ein Vertrauen gewonnen, das ich früher nicht hatte; und weil ich mich selbst achten gelernt habe, so sage ich Ihnen jetzt, daß ich Ihren Zweifel sehr wohl verstehe, daß ich aber, seit Sie ihn ausgesprochen, das Band für zerrissen halte, welches mich auch in der Fremde an Ihr Haus fesselte. Ich gehe, um diese Stätte nicht wieder zu betreten. Leben Sie wohl, Herr Schröter.»

Anton wandte sich zum Gehen, der Kaufmann eilte ihm nach, und seine Hand legte sich auf Antons Schulter.

«Nicht so schnell, Wohlfart», sagte der Kaufmann weich. «Der Mann, welcher den Streich des polnischen Säbels von mir abgewandt hat, soll nicht gekränkt und im Zorn mein Haus verlassen.»

«Erinnern Sie uns beide nicht an die Vergangenheit», sprach Anton, «das ist jetzt unnütz. Nicht ich, Sie selbst haben Kränkung und Zorn in unser Wiedersehen gebracht. Und Sie, nicht ich, haben vernichtet, was uns aus alter Zeit aneinander fesselte.»

«Nein, Wohlfart», sagte der Kaufmann. «Wenn ich Sie durch meine Worte mehr verletzt habe, als ich wollte, so sehen Sie das meinem grauen Haar nach und meinem Herzen, welches jahrelang voll schwerer Sorgen war, auch voll Sorgen um Sie. Wir sehen uns beide nicht so wieder, wie wir uns getrennt haben, und wenn zwei Männer etwas gegeneinander auf der Seele tragen, so sollen sie das in der Stunde des Wiedersehens ehrlich aussprechen, damit ihr Verhältnis klar werde. Wären Sie mir weniger wert, so hätte ich mein Bedenken wohl zurückgehalten, und mein Gruß wäre höflicher gewesen. Jetzt aber biete ich ihnen den Willkommen. Schlagen Sie ein.»

Anton legte seine Hand in die des Kaufmanns und sprach: «Leben Sie wohl.»

Der Kaufmann aber hielt die Hand Antons fest und sagte lächelnd: «Nicht so schnell; ich lasse Sie noch nicht fort. – Denken Sie, daß es Ihr ältester Bekannter ist, der Sie jetzt ersucht, zu bleiben», fügte er ernst hinzu, als Anton noch immer an der Tür stand.

«Ich bleibe heut abend, Herr Schröter», sagte Anton mit Haltung.

Der Kaufmann führte ihn zum Sofa. «Manches habe ich von Ihren Abenteuern gehört, aus Ihrem Munde möchte ich sie vollständiger erfahren. Und auch Sie werden Interesse daran nehmen, wie es uns ergangen ist; davon zuerst.» Er begann zu erzählen, was unterdes in der Handlung geschehen war. Es war kein heiteres Bild, das er Anton zeigte, aber sein Bericht bannte aus Antons Herzen einen Teil der Kälte, welche der herbe Empfang des Prinzipals angesammelt hatte, denn Anton verstand, welches Vertrauen der Kaufmann ihm durch seine Worte schenkte. Dieser erwähnte manches, was der Geschäftsmann nur selten seinen Freunden mitteilt, alle wichtigeren Geschäfte, den geringen Gewinn und die großen Verluste des letzten Jahres.

Nach und nach zog wieder Friede und ein Schimmer von Behagen durch das Haus, alle guten Hausgeister, die während der Unterredung zwischen den beiden Männern erschreckt in die Mauselöcher gekrochen waren, steckten jetzt mutig die Köpfe hervor, und die unter dem Geheimbuch fingen an, gegen die andern vertraulich zu werden.

Unvermerkt war Anton in das Geschäft zurückversetzt, schnell machte er alle Stimmungen des Jahres noch einmal durch, wieder rötete sich seine Wange, sein erloschenes Auge erhielt Glanz, und unwillkürlich begann er von den Geschäften der Handlung zu sprechen, als gehörte er noch dazu. Da hielt ihm der Kaufmann wieder mit trübem Lächeln die Hand hin, und Anton schlug herzhaft ein, die Versöhnung war geschlossen.

«Und jetzt sprechen wir von Ihnen, lieber Wohlfart», fuhr der Kaufmann fort. «Sie haben mir einst über Ihre Tätigkeit für den Freiherrn Mitteilung gemacht, die ich damals ungeduldig zurückwies, jetzt bitte ich Sie, mir zu erzählen, was Sie dürfen.»

Anton berichtete, was kein Geheimnis war; der Kaufmann hörte gespannt, ja ängstlich auf alles, was Anton von den Geschäften des Freiherrn und seiner eigenen Arbeit erwähnte. Anton sprach mit Zurückhaltung, denn sein Stolz bäumte in der Stille gegen das Ausfragen auf. Aber er gönnte dem Kaufmann doch manches, was dazu half, diesen getrosten Muts zu machen.

«Erlauben Sie mir, auch über Ihre Zukunft zu reden», begann der Kaufmann endlich und erhob sich von seinem Stuhl. «Nach dem, was Sie mir angedeutet haben, fordere ich Sie nicht auf, die nächsten Jahre in meinem Geschäft zuzubringen, so wertvoll Ihre Hilfe mir gerade jetzt wäre. Aber ich bitte, daß Sie mir überlassen, eine Stellung zu suchen, die für Sie paßt. Wir wollen gemeinsam prüfen und uns darin nicht übereilen. Unterdes bleiben Sie in den nächsten Wochen bei uns. Ihr Zimmer ist leer, alles darin unverändert. Wie ich höre, haben Sie in diesen Monaten ohnedies noch eine Verpflichtung zu erfüllen. Davon werden Sie sich unterdes befreien können. Und wenn Sie Zeit und Lust haben, mir nebenbei im Kontor zu helfen, so wird mir das sehr willkommen sein. – Was Ihr Verhältnis zu meinem Haus betrifft», fuhr er ernster fort, «so vertraue ich Ihnen vollständig. Es ist mir Bedürfnis, Ihnen das zu beweisen, auch deshalb mache ich Ihnen den Vorschlag.»

Anton sah schweigend vor sich nieder.

«Ich mute Ihnen nichts Peinliches zu», sagte der Kaufmann. «Sie wissen, wie es in unserm Haushalt zugeht, man muß manchmal die Gelegenheit sehr suchen, miteinander zu sprechen. Für Sabine und für Sie wünsche ich auf einige Wochen das Zusammenleben in der alten Weise, und wenn die Zeit kommt, ein ruhiges Scheiden. Ich wünsche das auch meiner Schwester wegen, Wohlfart», fügte er mit Offenheit hinzu.

Unterdes ging Sabine unruhig in ihrem Zimmer umher und lauschte auf einen Ton aus der Arbeitsstube des Bruders. Aber wie oft ihr traurige Gedanken kamen, heut vermochten sie sich nicht festzusetzen. Wieder knisterte das Feuer, und wieder lauschte sie auf den Schlag der Uhr, aber das Tannenholz knackte und prasselte heut lustig im Ofen und machte einen ungewöhnlichen Lärm. Unaufhörlich fuhren kleine Freudenraketen in der Glut umher, und die Funken flogen durch das Zugloch der Ofentür mitten in die Stube. Sie konnte nicht traurig werden, und sie konnte sich nicht ängstigen, denn immer wieder tickte die Uhr in ihre Gedanken: Er ist gekommen, er ist da!

Die Tür öffnete sich, die Tante trat eilig herein. «Was höre ich!» rief die Tante. «Ist es möglich? Franz behauptet, daß Wohlfart bei deinem Bruder ist.»

«Er ist da», sagte Sabine abgewandt.

«Was ist das wieder für ein geheimnisvolles Benehmen», fuhr die Tante unzufrieden fort. «Warum bringt Traugott ihn nicht herüber? Und in seiner Stube ist noch nichts zurechtgemacht. Wie kannst du so ruhig hier stehen, Sabine? Ich begreife dich nicht.»

«Ich warte», sagte Sabine leise, aber sie selbst faßte mit einer Hand nach der andern und hielt sie am Gelenk fest, denn die Hand zitterte.

Da näherten sich Männerschritte dem Zimmer, der Kaufmann trat mit Anton ein und rief schon an der Tür: «Hier ist unser Gast.» Und als Anton und die Tante einander freudig begrüßten, sagte der Kaufmann: «Herr Wohlfart wird einige Wochen bei uns wohnen, bis er eine Stelle gefunden hat, wie ich sie für ihn wünsche.» Höchlich erstaunt hörte die Tante diesen Beschluß, und Sabine rückte stark mit den Tassen, um ihre Unruhe zu verbergen. Aber keine der Frauen machte eine Bemerkung, und die eifrige Unterhaltung an der Abendtafel überdeckte die Bewegung, welche in allen nachzitterte. Jeder hatte viel zu fragen und viel zu erzählen, denn für alle war das letzte Jahr reich an großen Begebenheiten gewesen. Wohl war ein Zwang bemerkbar auch in Antons Haltung, als er von seinem Leben in der Fremde sprach, von Fink und von der deutschen Kolonie, die sich auf dem Gute festgesetzt hatte. Und mit gesenktem Haupt hörte Sabine auf seine Worte. Aber der Kaufmann wurde immer heiterer, und als Anton sich erhob, um nach seinem Zimmer zu gehen, da lag auf dem Angesicht des Kaufmanns fast das gütige Lächeln von ehedem, kräftig schüttelte er Antons Hand und sagte im Scherz: «Schlafen Sie wohl und achten Sie auf Ihren Traum in der ersten Nacht; man sagt, ein solcher Traum geht in Erfüllung.»

Und als Anton sich entfernt hatte, zog der Kaufmann die Schwester in das dunkle Nebenzimmer, dort küßte er sie auf die Stirn und sprach ihr leise ins Ohr: «Er ist brav geblieben, das hoffe ich jetzt mit ganzer Seele!» Und als er mit ihr wieder in das Helle trat, da glänzte es feucht in seinem Auge, und er fing an, die Tante mit ihrer stillen Neigung für Wohlfart zu necken, so daß die gute Tante endlich die Hände zusammenschlug und ausrief: «Der Mann ist heut ganz ausgelassen!»

Ermüdet und angegriffen warf sich Anton aufs Lager. Freudenleer erschien ihm seine Zukunft, und der Gedanke an die bittern Empfindungen des Abends und an den stillen Kampf der nächsten Wochen lag schwer auf seinem Herzen. Und doch sank er kurz darauf in ruhigen Schlummer. – Und es wurde wieder still in dem Patrizierhaus. – Es war ein nüchternes altes Haus mit vielen Ecken und einigen verborgenen Winkeln. Es war gar kein Ort für glühende Schwärmerei und auflodernde Leidenschaft. Aber es war auch ein gutes Haus, und es deckte sicher jeden, der in seinen Mauern schlief. Und wieder waren die kleinen Heimlichen heut nacht geschäftig, sie fuhren durcheinander und schwatzten und lachten, und in alle Räume summte die Nachricht, daß das Kind der Handlung zurückgekehrt war, und der Gips auf dem Postamente sah stolz auf den schlafenden Anton nieder, hob feierlich seinen hübschen geringelten Schwanz in die Luft und schnurrte die ganze Nacht hindurch.

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