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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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2

Unterdes stand Antons Hausgeist, die lederfarbene Katze, traurig auf ihrem Postament. Ein Jahr voll Grimm und Getöse war vergangen, die Katze hatte nichts davon gemerkt. Mit gesenktem Haupte sah sie in die leere Stube. Die Rouleaus waren niedergelassen, und kein Sonnenstrahl streifte ihr an die kleinen Ohren. Nichts regte sich in dem Zimmer als der Staub, welcher zu den Fenstern eindrang, eine Weile um die Katze wirbelte und endlich müde dahinsank auf ihr Gipsfell, auf den Schreibtisch und auf den Teppich des Fußbodens. Es war ein schlimmes Jahr für den Gips, und er wäre in der Einsamkeit untergegangen, daß man seine schlauen Äuglein und sein glattes Fell unter mißfarbigem Staub nimmermehr erkannt hätte, wenn ihm nicht manchmal ein freundschaftlicher Besuch zu Hilfe gekommen wäre. Denn an stillen Abenden vergoldete der Schein einer wandernden Lampe das Barthaar der Katze. Dann fuhr eine weiche Hand liebkosend über das Fell, die Fenster der Stube wurden auf eine Viertelstunde geöffnet, etwas Mondschein drang in das Zimmer, und einige Schwämme und Bürsten dienstbarer Mädchen fuhren schnell über den Fußboden. Dann schnurrte die Katze ein wenig, aber gleich darauf fiel ihr die Verlassenheit schwer aufs Herz, und sie versank wieder in ihren regungslosen Zustand.

Heute ist eine frische Mondnacht, alles im Hause schläft, in allen Stuben und Kammern sind die Menschen zur Ruhe gegangen, alles schläft, und niemand denkt daran, daß er sich zur Heimkehr bereitet, der schon ein Kind der Handlung war, als ihn sein alter Vater mit dem Samtkäppchen noch auf dem Knie hielt. Kein Mensch im Hause denkt daran, und wer weiß, ob viele es wünschen. Aber das große Haus weiß es, und in der Nacht rührt sich's in allen Winkeln, und es knistert im Holz, und es summt in den Galerien, und es arbeitet leise in allen Wandverschlägen, der Mondschein überzieht heut alle Gänge mit mattem Silber, und in den geheimsten Winkeln zittert ein dämmriges Licht.

Wer heut nacht die gelbe Katze sehen könnte, der würde sich wohl wundern. Sie leckt sich und strählt sich, sie streckt die steifen Beinchen und hebt den Schwanz lustig in die Höhe; endlich springt sie vom Schreibtisch herunter und zur Stubentür hinaus in den Hof. Feierlich schreitet sie durch alle Gänge und Löcher des Hauses. Und wo sie hinkommt, da wird es lebendig, und alles kleine Gesindel von Hausgeistern, das in einem solchen Baue unvermeidlich ist, das rührt sich und fährt aufgeregt durcheinander. Graue schattenhafte Kerlchen kommen aus den Ofenlöchern und unter den Pulten der Schreibstube hervorgeschlüpft, sie fegen die Treppen und die Gänge rein und fahren um den alten Pluto herum, der neben dem schlafenden Hausknecht die Wache hält, so daß der große Hund nicht einschlafen kann und mit Knurren und leisem Gebell auf die Arbeit der Heimlichen hinblickt.

Und die Katze kommt bei der Schlafkammer Sabinens vorbei und miaut leise, für Menschen unhörbar; aber das Wichtelmännchen, das dort in der Höhlung von Sabinens Lampe wohnt, kommt nicht heraus, es schüttelt mit dem Kopfe und murmelt: «Wir wollen uns nicht freuen»; und im Zimmer des Kaufmanns ist auch kein guter Wille, die Ankunft des Entfernten zu feiern, ja was von dem stillen Volke dort wohnt, das ist stolz und schimpft durchs Schlüsselloch auf die Katze. Aber der Gips läßt sich nicht stören; und das ganze übrige Haus läßt sich nicht stören. Und auf der großen Waage sitzt eine zahlreiche lustige Gesellschaft. Was von Wichtelmännchen im Hause ist, und es gibt viel solches Zeug in dem fleißigen Hause, das ist heut zu großer Festfeier versammelt, und in der Mitte sitzt die Katze, schnurrend und glänzend, und sie leckt sich vor Freude, und die Lustigsten der Sozietät klettern hinauf zu dem Balken der Waage und schneiden von da Gesichter gegen die Stube des Prinzipals, ja auch gegen ihren Liebling Sabine.

Kein Mensch weiß, daß er zurückkommen wird, aber das Haus merkt es, und es schmückt sich und öffnet seine Türen, den heimkehrenden Freund zu empfangen.

Es ist den Tag darauf gegen Abend, Sabine steht in ihrer Schatzkammer vor den geöffneten Schränken, sie ordnet die neue Wäsche und bindet wieder rosafarbene Zettel um die Nummern der Gedecke. Natürlich weiß sie von nichts und sie ahnt nichts. Ihr weißer Damast glänzt heut wie Silber und Atlas, der geschliffene Glasdeckel, den sie von dem alten Familienpokal hebt, gibt einen fröhlichen Klang gleich einer Glocke, und lange noch zittern die Schwingungen in dem Holze des großen Schrankes nach. Alle gemalten Köpfe auf ihren Porzellantassen sehen heut ausnehmend lustig aus, Doktor Martinus Luther und der Schwarzkünstler Faust verziehen die Gesichter und lachen, sogar der Goethe lächelt, und es ist gar nicht zu sagen, wie sehr der Alte Fritz lacht. Es blinkt und schimmert in allen Fächern der Schränke, jeder alte Glasnapf verspürt ein heimliches Ziehen und Klingen; nur Sabine merkt nichts, die kluge Herrin des Hauses weiß gar nicht, was alle Kleinen wissen. Oder ahnt sie doch etwas? Horch, sie singt. Lange ist kein fröhliches Lied von ihren Lippen geflogen, heut aber ist ihr leicht ums Herz, und wenn sie auf das glänzende Heer von Glas und Silber sieht, das vor ihr im Schranke aufgestellt ist, fällt etwas von dem bunten Glanz in ihre Seele; ihre Lippen bewegen sich, und leise, wie der Gesang eines Waldvogels, klingt ein Lied aus der Kinderzeit in der kleinen Stube. Und von dem Schrank tritt sie plötzlich ans Fenster, wo das Bild ihrer Mutter über dem Lehnstuhl hängt, sie sieht das Bild fröhlich an und singt vor dem Angesicht der Mutter dasselbe Kinderlied, das die Mutter einst vom Lehnstuhl aus der kleinen Sabine gesungen.

Da gleitet eine verhüllte Gestalt durch den Hausflur. Im offenen Warengewölbe steht Balbus, der jetzt im Kreis der großen Waage befiehlt, er sieht mit halbem Blick auf die Gestalt und denkt verwundert: ‹Der sieht ein wenig Anton ähnlich.› Die Hausknechte schlagen eine Kiste zu, und der älteste wendet sich zufällig herum und si[*]eht einen Schatten, der durch die Laterne an die Wand geworfen wird, und hält einen Augenblick mit Schlagen inne und sagt: «Das war fast, als wenn's Herr Wohlfart wäre.» Und hinten im Hofe hört man ein lautes Bellen und das Springen des Hundes, und Pluto kommt außer sich zu den Hausknechten gelaufen und schlägt mit dem Schwanze, bellt und leckt ihre Hände und erzählt in seiner Art die ganze Geschichte. Aber auch die Hausknechte wissen von nichts, und einer sagt: «Es war ein Geist, man sieht nichts mehr.»

Da öffnet sich die Tür zu Sabinens Kammer. «Sind Sie's, Franz?» fragt Sabine, sich unterbrechend. Niemand antwortet. Sie wendet sich um, ihr Auge blickt gespannt und ängstlich auf die Männergestalt, welche an der Tür steht. Da zittert ihre Hand und faßt nach der Lehne des Stuhls, sie hält sich fest, und er eilt auf sie zu, und in leidenschaftlicher Bewegung, ohne daß er weiß, was er tut, kniet er neben dem Stuhl nieder, in den sie gesunken ist, und legt sein Haupt auf ihre Hand.

Das war Anton. Keines sprach ein Wort. Wie auf eine holde Erscheinung sah Sabine auf den Knienden nieder, und leise legte sie die andere Hand auf seine Schulter. Und in dem Raume blinkt und klingt es fort; die Lampe wirft ihren hellen Schein auf die beiden Kinder der Handlung, und das Bild der Hausfrau über dem Armstuhl sieht freundlich auf die Gruppe herab.

Sie fragt nicht, weshalb er kam, nicht, ob er frei war von dem Zauber, der ihn fortgetrieben hatte. Als er vor ihr kniete und sie in sein offenes Auge sah, das ängstlich und voll Zärtlichkeit das ihre suchte, da verstand sie, daß er zurückkehrte zu dem Hause, zum Bruder, zu ihr.

«So lange waren Sie in der Fremde», sagte sie klagend, aber mit einem seligen Lächeln auf ihrem Antlitz.

«Immer war ich hier», rief Anton leidenschaftlich. «Schon in der Stunde, wo ich von diesen Mauern schied, ahnte ich, daß ich alles aufgab, was für mich Friede und Glück heißt. Jetzt treibt es mich unwiderstehlich in Ihre Nähe, ich muß Ihnen sagen, wie es in mir aussieht. Sie habe ich verehrt wie ein geweihtes Bild, solange ich in ihrer Nähe lebte. Der Gedanke an Sie war auch in der Fremde mein Schutz. Er behütete mich in der Einsamkeit, in einem ungeordneten Leben, in großer Versuchung. Ihre Gestalt stellte sich rettend zwischen mich und eine andere. Oft sah ich Ihr Auge auf mich gerichtet, wie damals, wo ich bei Ihnen Hilfe suchte vor mir selbst; oft erhob sich Ihre Hand, sie winkte und warnte vor der Gefahr, die mich lockte. Wenn ich mich nicht verloren habe, Ihnen, Sabine, danke ich das.»

In dem gleichmäßigen Leben des Hauses hat sie jahrelang eine herzliche Neigung zu Anton herumgetragen. Seit er von ihr gezogen, weiß sie, daß sie ihn liebt, mit stiller Fassung hat sie wieder den Schmerz in sich verschlossen. Weder ihre Liebe noch ihre Entsagung ist in dem regelmäßigen Hause sichtbar geworden. Kaum durch einen Blick, durch keine Miene hat sie verraten, was in ihr vorgeht, wie sich für ein Kind der Handlung schickt, in welcher das Soll und Haben der Menschen pünktlich und ohne alles Gefühl gebucht wird. Jetzt, in der Freude des Wiedersehens, bricht aus ihrem gehaltenen Wesen die Blüte der Leidenschaft. Sie erhebt sich in strahlender Freude und denkt an nichts als das Glück, ihn wiederzuhaben, und sie merkt in ihrer Freude nicht, daß in Antons bleichen Zügen noch eine andere Empfindung zuckt. Er hat sie gefunden, aber nur, um sie für immer zu verlieren.

Noch immer hält Sabine ihn an der Hand, und sie zieht ihn fort durch die Glasgalerie über den Flur bis an das Arbeitszimmer des Bruders.

Was tust du, Sabine? Dies Haus ist ein gutes Haus, aber es ist keins, wo man poetisch fühlt und sich leicht rühren läßt, die Arme schnell öffnet und den ans Herz drückt, der gerade kommt, um hereinzufallen. Es ist ein nüchternes, prosaisches Haus! Mit kurzen Worten wird hier gefordert und verweigert. Und es ist ein stolzes und strenges Haus! Denke daran! Kein zärtlicher Willkommen wird es sein, zu dem du deinen Freund führst.

Das empfand auch Sabine, und ihr Fuß zögerte einen Augenblick, ehe sie die Tür öffnete, aber sie entschloß sich schnell, und Antons Hand festhaltend, zog sie ihn über die Schwelle, und mit glücklichem Antlitz rief sie dem Bruder zu: «Hier ist er, er kommt zu uns zurück!»

Der Kaufmann erhob sich von seinem Arbeitstisch, aber er blieb am Tisch stehen, und was er zuerst sprach, ruhig, kalt, im Ton des Befehls, das waren die Worte: «Lassen Sie die Hand meiner Schwester los, Herr Wohlfart.»

Sabine trat zurück, Anton stand allein in der Mitte des Zimmers und sah erschüttert auf den Kaufmann. Die kräftige Gestalt des Mannes war in dem letzten Jahr gealtert, sein Haar ergraut, die Züge noch tiefer gefurcht. Nicht klein war der Kampf gewesen, der ihn so verändert hatte. «Daß ich auf die Gefahr, Ihnen unwillkommen zu sein, hier eintrete», sprach Anton, «wird Ihnen zeigen, wie stark meine Sehnsucht war, Sie und die Handlung wiederzusehen. Habe ich einst Ihre Unzufriedenheit erregt, lassen Sie mich das nicht in dieser Stunde fühlen.»

Der Kaufmann wandte sich zu seiner Schwester: «Verlaß uns, Sabine, was ich mit Herrn Wohlfart zu besprechen habe, will ich ohne Zeugen abmachen.» Sabine eilte auf den Bruder zu und stand ihm aufgerichtet gegenüber. Sie sprach kein Wort, aber mit hellem Blick, in dem ein fester Entschluß zu lesen war, sah sie in seine zusammengezogenen Augen, dann verließ sie das Zimmer. Der Kaufmann sah ihr düster nach und wandte sich zu Anton. «Was führt Sie zu uns zurück, Wohlfart?» fragte er. «Haben Sie auf dem Lande nicht erreicht, was Ihr jugendlicher Eifer träumte, und kommen Sie jetzt her, in dem Bürgerhause das Glück zu suchen, das Ihnen einst für Ihre Ansprüche zu leicht schien? Ich höre, Ihr Freund Fink hat sich auf dem Gute des Freiherrn festgesetzt, hat er Sie in unser Haus zurückgeschickt, weil Sie ihm dort im Wege waren?»

Antons Stirn umwölkte sich. «Nicht als Abenteurer, welcher das Glück sucht, trete ich vor Ihre Augen. Sie sind ungerecht, wenn Sie einen solchen Verdacht aussprechen, und mir ziemt nicht, ihn zu ertragen. Es gab eine Zeit, wo Sie freundlicher über mich urteilten, an diese Zeit dachte ich, als ich Sie aufsuchte; ich denke jetzt daran, um Ihre kränkenden Worte zu verzeihen.»

«Sie haben mir einst gesagt», fuhr der Kaufmann fort, «daß Sie sich in meiner Handlung und in diesem Hause fühlten wie in Ihrer Heimat. Und Sie hatten hier eine Heimat, Wohlfart, in unseren Herzen und im Geschäfte. In einer leichten Wallung haben Sie uns aufgegeben, und wir, trauernd und mit schwerem Herzen, haben mit Ihnen dasselbe getan. Wozu kehren Sie zurück? Sie können uns kein Fremder sein, denn wir haben Sie liebgehabt, und ich persönlich bin Ihnen tief verpflichtet. Sie können uns der alte Freund nicht mehr sein, denn Sie selbst haben gewaltsam das Band gelöst, das Sie an uns fesselte. Sie haben mich, gerade als ich so etwas am allerwenigsten erwartete, daran erinnert, daß nur ein einfaches Kontraktverhältnis Sie in meinem Kontor festhielt. Was suchen Sie jetzt? Wollen Sie wieder einen Platz in meinem Kontor, oder wollen Sie, wie es den Anschein hat, noch mehr?»

«Ich will nichts», rief Anton in überströmendem Gefühl, «nichts als die Versöhnung mit Ihnen. Ich will keinen Platz im Kontor und nichts anderes. In der Stunde, als ich das Gut des Freiherrn verließ, stand in mir fest, daß mein erster Weg in Ihr Haus sein mußte und mein nächster wieder hinaus, um mir woanders eine Tätigkeit zu suchen. Was ich auch in diesem Jahre verloren habe, meine Selbstachtung habe ich nicht verloren, und wenn Sie mir so freundlich entgegengekommen wären, wie mein Herz mich zu Ihnen zog, ich würde Ihnen in der ersten Stunde dasselbe gesagt haben, was Sie jetzt von mir hören wollen. Ich weiß, daß ich nicht hierbleiben kann. Ich habe es schon in der Fremde gefühlt, sooft ich an dieses Haus dachte. Seit ich diese Mauern betreten habe und seit ich Ihre Schwester wiedergesehen, seitdem weiß ich, daß ich hier nicht bleiben darf, ohne unehrlich zu handeln.»

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