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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 123
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Als Anton aus der Wohnung des Amtmanns trat, stand Lenore vor der Tür. «Ich erwarte Sie», rief sie Anton hastig entgegen, «kommen Sie mit mir, Wohlfart; solange Sie noch hier sind, gehören Sie mir!»

«Wenn Ihre Worte weniger herzlich wären», erwiderte Anton, «so würde ich glauben, daß Sie sich in der Stille darüber freuen, mich loszuwerden. Denn, liebes Fräulein, seit langem habe ich Sie nicht so mutig gesehen. Aufgerichtet und mit geröteten Wangen treten Sie mir entgegen, auch das schwarze Kleid ist verschwunden.»

«Dies ist das Kleid, das ich trug, als wir zusammen im Schlitten fuhren, damals freuten Sie sich darüber. Ich bin eitel», rief sie mit trübem Lächeln, «ich will, daß der letzte Eindruck, den ich Ihnen hinterlasse, ein fröhlicher sei. Anton, Freund meiner Jugend, was ist das für ein Verhängnis, daß gerade wir scheiden müssen an dem ersten sorgenfreien Tage, den ich seit langer Zeit verlebe. Das Gut ist verkauft, heut atme ich wieder. – Was war das für ein Leben in den letzten Jahren, immer gequält, gedrückt, gedemütigt von Freund und Feind, immer etwas schuldig zu sein, bald Geld, bald Dank, es war fürchterlich. Nicht Ihnen gegenüber, Wohlfart. Sie sind mein Jugendfreund, und wenn Sie im Unglück wären oder in Not, so würde ich glücklich sein, wenn auch Sie mich riefen und zu mir sagten: Jetzt brauche ich dich, jetzt komm her, du wilde Lenore! – Ich will nicht mehr wild sein. Ich will an alles denken, was Sie mir gesagt haben.» So sprach sie aufgeregt in ihn hinein, und ihr Auge leuchtete. Sie hing sich an seinen Arm, was sie nie getan hatte, und zog ihn durch alle Räume des Hofes. «Kommen Sie, Wohlfart, den letzten Gang durch die Wirtschaft, die unser war! – Diese Kuh mit der Blesse haben wir zusammen gekauft», rief sie. «Sie fragten mich beim Kauf um meine Meinung, das hat mir sehr wohlgetan.»

Anton nickte. «Wir wußten beide nicht recht Bescheid, und Karl mußte den Ausschlag geben.»

«Ei was! Sie haben das Geld bezahlt, ich habe ihr das erste Heu gegeben, folglich gehört sie uns beiden. – Sehen Sie sich noch einmal das schwarze Kalb an. Es ist reizend. Herr Sturm droht, er will ihm die Ohren rot anstreichen, damit es ganz aussieht wie ein kleiner Teufel.» Sie kauerte vor dem Kalbe nieder, drückte es an sich und streichelte es; plötzlich stand sie auf und rief: «Ich weiß nicht, warum ich so hübsch mit ihm tue, es ist nicht mehr mein, es gehört einem andern.» Aber hinter ihrem Zorn klang es wie Schelmerei. Sie zog ihn weiter. «Kommen Sie zum Pony», bat sie. «Mein armes kleines Tier! Es ist alt geworden seit dem Tage, wo ich in unserm Garten hinter Ihnen herritt.»

Anton liebkoste das Tier, und der Pony wandte seinen Kopf bald zu ihm, bald zu Lenore.

«Wissen Sie, wie es damals zuging, daß ich Ihnen auf dem Pony begegnete?» fragte Lenore über den Rücken des Pferdes herüber. «Es war kein Zufall. Ich hatte Sie unter dem Strauch sitzen sehen, heut darf ich's Ihnen sagen, und ich hatte gedacht: Wetter, das ist ein hübscher Junge, den wollen wir uns doch einmal ansehen! So war es gekommen, wie's kam.»

«Ja», sagte Anton, «es kamen die Erdbeeren, es kam der See. Ich stand vor Ihnen und stopfte die Beeren hinein und war etwas weinerlich; aber bei alledem war mein Herz doch voll Freude über Sie, so schön und majestätisch standen Sie vor mir, ich sehe Sie noch im flatternden Gewand mit kurzen Ärmeln, und an dem weißen Arm ein goldenes Armband.»

«Wo ist das Armband hin?» fragte Lenore ernst und stützte ihr Haupt auf den Hals des Pferdes. «Sie haben's verkauft, böser Wohlfart.» – Die Tränen rollten ihr aus den Augen, sie faßte mit beiden Händen über den Rücken des Pony nach der Hand des Freundes. «Anton, wir konnten nicht Kinder bleiben.» Dann strich sie mit der Hand über seine Wange und rief: «Mein Herzensfreund, lebe wohl; ade, ihr Mädchenträume, ade, du leichte Frühlingszeit, ich muß jetzt lernen, ohne meinen Schutz durch die Welt zu laufen. – Ich werde Ihnen nicht Schande machen», sprach sie ruhiger, «ich werde immer verständig sein, ich werde auch gute Wirtschaft treiben. Von morgen fange ich an, ich gehe jetzt zu Babette in die Küche, ich weiß, daß Ihnen das lieb sein wird. Und ich werde sparen. Ich will wieder das Buch machen mit drei langen Strichen auf jeder Seite, ich werde alles aufschreiben. Wir werden diese Sparsamkeit auch im Kleinen brauchen, Wohlfart. Ach, du arme Mutter!» Sie rang die Hände und sah wieder sehr bekümmert aus.

«Kommen Sie hinaus ins Freie», bat Anton. «Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir nach dem Walde.»

«Nicht in den Wald, nicht in die Försterei», sagte Lenore feierlich, «aber auf das neue Vorwerk gehe ich mit Ihnen.»

So zogen beide miteinander über das Feld. «Sie müssen mich heut führen», sagte Lenore, «ich lasse Sie nicht los.»

«Lenore, Sie wollen mir den Abschied recht schwer machen.»

«Wird er Ihnen schwer?» fragte Lenore erfreut und schüttelte gleich darauf den Kopf. «Nein, Wohlfart, es ist nicht so, Sie haben sich in der Stille oft von mir fortgesehnt.»

Anton sah sie überrascht an.

«Ich weiß es», rief sie vertraulich und drückte ihn leise am Arm, «ich weiß es recht gut. Auch wenn Sie mit mir zusammen waren, Ihr Herz war nicht immer bei mir. Manchmal, ja; damals im Schlitten wohl, aber häufiger noch dachten Sie an die Fremde. Wenn Sie gewisse Briefe bekamen, die lasen Sie mit einer Hast – wie heißt doch der Herr?» fragte sie.

«Baumann», erwiderte Anton arglos.

«Gefangen!» rief Lenore und drückte ihm wieder den Arm. «Wissen Sie, daß mich das eine Zeitlang sehr unglücklich gemacht hat? Ich war ein törichtes Kind. – Wir sind klug geworden, Wohlfart, wir sind jetzt freie Leute, und deshalb können wir miteinander Arm in Arm gehen, o Sie lieber Freund!»

Als sie auf dem neuen Vorwerk ankamen, sagte Lenore zu der Frau des Vogtes: «Er geht fort von uns. Er hat mir erzählt, daß Sie ihm die erste Freude auf dem Gute gemacht haben durch den Strauß, den Sie für ihn pflückten. Holen Sie ihm jetzt den letzten. Ich selbst habe keine Blumen, in meiner Pflege gedeihen sie nicht. Hier hinter der Scheuer hat alles geblüht, was von Gartenblumen auf dem Gute war.»

Die Vogtin band wieder einen kleinen Strauß zusammen, überreichte ihn Anton mit einem Knicks und sagte dabei wehmütig: «Es ist gerade wieder so wie vor einem Jahre.»

«Er aber geht!» rief Lenore, wandte sich ab und drückte ihr Tuch an die Augen.

Dem Vogt und dem Schäfer schüttelte Anton herzlich die Hand. «Denkt freundlich an mich, ihr braven Leute!»

«Sie haben uns immer ein gütiges Herz gezeigt», rief die Frau des Vogtes.

«Und Futter für Menschen und Tiere», sprach der Schäfer, seinen Hut abnehmend, «und Überlegung, und Ordnung vor allem.»

«Für eure Zukunft ist gesorgt», sagte Anton, «ihr erhaltet einen Herrn, welcher mehr vermag als ich.» Zuletzt küßte Anton noch den krausköpfigen Knaben des Vogts, hieß ihn die kleine Sparbüchse holen, die in dem Schranke stand, und steckte ihm ein Andenken hinein. Das Kind hielt ihn am Rock fest und wollte ihn nicht fortlassen.

Auf dem Rückwege sagte Anton: «Wenn mir etwas die Trennung erleichtert, so ist es die Zukunft, welche das Gut jetzt hat. Und ahnend hoffe ich, daß auch in Ihrem Leben sich glücklich lösen wird, was noch unsicher ist.»

Lenore ging schweigend an seiner Seite, endlich fragte sie: «Darf ich mit Ihnen über den Mann reden, der jetzt Herr dieses Gutes ist? Ich möchte wissen, wie Sie sein Freund geworden sind.»

«Ich bin es geworden, weil ich mir ein Unrecht, das er mir zufügte, nicht gefallen ließ. Unser Verhältnis ist so fest geblieben, weil ich ihm in allen Kleinigkeiten gern nachgab, in größeren Dingen fest auf meiner eigenen Überzeugung stand. Er hat eine hohe Achtung vor aller Kraft und Selbständigkeit, er wird leicht hart, wo ihm die Schwäche des Urteils und des Willens entgegentritt.»

«Wie soll eine Frau Festigkeit gewinnen gegenüber einem solchen Wesen?» sagte Lenore niedergeschlagen.

«Ja», erwiderte Anton nachdenkend, «einem Weibe, das sich ihm mit Leidenschaft ergibt, wird das viel schwerer werden. Alles, was aussieht wie Trotz und Eigensinn, wird er mit herber Strenge brechen, und die Besiegte wird er nicht schonen. Aber wo ihm ein würdiger und gehaltener Sinn entgegentritt, wird er ihn ehren. Und wenn ich jemals in die Lage käme, seiner künftigen Gattin einen Rat zu geben, so wäre es der Rat, daß sie gerade ihm gegenüber sich vor allem hüte, was bei Frauen für gewagt und keck gilt. Was ihm eine Fremde angenehm macht, weil es ihm schnell leichte Vertraulichkeit gestattet, gerade das wird er an seiner Hausfrau am wenigsten achten.»

Lenore lehnte sich fester an ihn und senkte ihr Haupt. So kehrten beide in tiefem Schweigen auf das Schloß zurück.

Am Nachmittag ging Anton an Karls Seite noch einmal durch Feld und Wald. Immer hatte er das Leben auf dem Gute als einen Aufenthalt in der Fremde empfunden, und jetzt, wo er scheiden sollte, erschien ihm alles so vertraut wie in seiner Heimat. Überall fand er etwas, worüber er in dem Jahre gesorgt hatte; an den Ackerstücken, den Häusern, den Tieren und dem Gerät haftete seine Arbeit. Er hatte den Weizen gekauft, der auf diesem Stücke stand, er hatte die neuen Pflüge besorgt, womit der Knecht, den er in Dienst genommen, ackerte. Dort hatte er ein Dach gedeckt, hier eine schadhafte Brücke ausgebessert. Und wie jeder, der neu in eine Tätigkeit hineinkommt, hatte er auf das frischerworbene Wissen gern Pläne gebaut, über allen Teilen des Gutes schwebten Entwürfe, Hoffnungen und Glück verheißende Projekte. Stets hatte er beklagt, daß er zu wenig für die Geschäfte vorbereitet war, die er so schnell übernommen hatte; jetzt, wo er sich von ihnen löste, empfand er nur, wie lieb sie ihm waren. – In der Försterei saß er noch eine Stunde mit dem ehrlichen Alten zusammen. Draußen warf der Herbst die Blätter von den Bäumen und entfärbte das lustige Grün der Natur. Hier um den Alten grünte der Wald, und in der vollen Kraft der späten Mannesjahre saß der trotzige Waldmann ihm gegenüber. Beim Abschied an der Pforte sagte der Förster: «Als Sie zuerst die Hand an diese Tür legten, dachte ich nicht, daß die Bäume über uns so fest stehen würden und daß ich noch einmal anfangen sollte, mit andern Menschen zu leben. Sie haben einem alten Mann das Sterben schwer gemacht, Herr Wohlfart.»

Die Trennungstunde kam. Anton suchte den Freiherrn in seinem Zimmer auf und nahm von ihm einen kurzen und förmlichen Abschied, Lenore war ganz aufgelöst in weichem Gefühl und Fink herzlich gegen ihn wie gegen einen Bruder. Als Anton neben ihm stand und mit Rührung auf Lenore hinsah, sagte Fink: «Sei ruhig, mein Freund, hier wenigstens werde ich versuchen zu sein, wie du warst.» Fink und Lenore begleiteten den Scheidenden zum Wagen, noch einen Blick warf Anton auf das Schloß, das an dem grauen Herbsttage so finster in der öden Ebene stand wie damals, wo er eingekehrt war. Dann sprang er in den Wagen, ein letzter Händedruck, ein Lebewohl; Karl ergriff die Zügel, sie lenkten bei der Scheuer in den Dorfweg, das Dorf war verschwunden. Die Reihe der schlechten Dorfhütten, die Brücke am Bach, den Wald, alles sah er zum letztenmal für lange Zeit. Am Ende des Waldes, an der Grenze des Gutes, dort, wo der Weg nach Kunau und Neudorf abgeht, hielt Karl an. Ein Trupp Männer stand am Grenzstein. Es waren Leute vom Gut, der Förster, der Vogt und der Schäfer, dann der Schmied von Kunau mit einigen Nachbarn und der Sohn des Schulzen von Neudorf. Erfreut sprang Anton vom Wagen und begrüßte noch einmal die Genossen:

«Der Vater schickt mich, Sie zu grüßen», sprach der Schulzensohn; «es geht besser mit seinen Wunden, aber er darf noch nicht aus der Stube»; und der Kunauer Schmied rief ihm als letztes Lebewohl nach: «Grüßen Sie unsere Landsleute da drin im Deutschen, und sie sollen uns niemals vergessen.»

Schweigend, wie am Tage seiner Ankunft, fuhr Anton neben seinem Getreuen auf der Landstraße dahin. Er war jetzt frei, frei von dem Zauber, der ihn hierhergelockt hatte, frei von manchem Vorurteil, aber er war frei wie ein Vogel in der Luft. Er hatte ein Jahr rastlos gearbeitet, und er mußte sich jetzt lösen von allem, was ihn hier beschäftigt hatte; er hatte die gerade Linie seines Lebens verlassen, um für andere tätig zu sein, und er ging jetzt, sich selbst neue Arbeit zu suchen, er mußte von vorn anfangen. Ob er seine eigene Zukunft durch dieses Jahr stärker oder schwächer gemacht hatte, das war noch die Frage. Er hatte kennengelernt, wie hohen Wert ein sicheres, geformtes und gesundes Leben in selbständiger Tätigkeit habe, und er fühlte jetzt, daß er diesem Ziel ferner stehe als vor einem Jahre. Er erkannte, daß er mit seiner eigenen Kraft ein keckes Spiel gewagt, und der Gedanke fiel wie ein trüber Hauch auf den Spiegel, in dem er die Gestalten der letzten Vergangenheit sah. Aber er bereute nicht, was er getan. Er hatte Verluste gehabt, aber auch gewonnen, er hatte durchgesetzt, daß auf unkultivierter Fläche ein neues Leben aufgrünte; er hatte geholfen, eine neue Kolonie seines Volkes zu gründen, er hatte den Menschen, die er liebte, den Weg zu einer sichern Zukunft gebahnt; er selbst fühlte sich reifer, erfahrener, ruhiger. Und so sah er über die Häupter der Pferde, die ihn seiner Heimat zuführten, und sagte zu sich selbst: «Vorwärts! ich bin frei, und mein Weg ist jetzt klar.»

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