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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Er rief den Techniker in den Hof, und als dieser freudig beistimmte, alle freien Hände des Schlosses, auch die Weiber und stärkeren Kinder. Das Werkzeug der Arbeiter wurde herzugeholt, nach wenigen Augenblicken waren zehn Männer mit Hacke und Spaten beschäftigt, in der Mitte des Hofes ein großes Loch mit schräger Böschung nach unten zu graben, die Frauen und Kinder mußten unter Aufsicht des Technikers die aufgegrabene Erde an dem Pfahlwerk feststampfen. Einige Männer, und was von Frauen noch zur Hand war, rief Anton zum Schlachten der armen Kuh, welche noch einmal dem Volk gezeigt wurde, bevor sie dem Verhängnis des Tages erlag. Schnell war alles in eifrigster Tätigkeit. Das Brunnenloch, an der Oberfläche viel weiter, als für eine regelmäßige Röhre notwendig gewesen wäre, vertiefte sich zusehends, und an dem Bohlenzaun stieg ein Wall in die Höhe, wie durch die Kraft hilfreicher Erdgeister aus dem Boden gehoben. Die Leute griffen an, wie sie in ihrem Leben nicht getan hatten, im Wettkampf flogen die Spaten der Männer, barfüßige Beinchen sprangen begeistert über die Erde, Holzschuhe und Pantoffeln stampften ihre Spuren tief hinein. Jeder wollte mit angreifen, es waren mehr Hände zur Stelle, als der Raum zu bewegen erlaubte. Alle Bangigkeit war verschwunden, lustige Scherze flogen hin und her. Auch Fink kam herbei und sagte zu Anton: «Du bist ein Heidenbekehrer, du verstehst, für das Seelenheil deiner Gemeinde zu sorgen.»

«Die Gemeinde arbeitet», erwiderte Anton fröhlicher, als er in den letzten vierundzwanzig Stunden gewesen war.

Das Brunnenloch vertiefte sich, daß man mit einer kurzen Leiter hinabsteigen mußte, der Grund wurde feucht, die Männer arbeiteten in einem Sumpf, zuletzt mußte der Schlamm in Kübeln hinaufgereicht werden, aber die Leute drängten sich zum Tragen, die Eimer flogen aus einer Hand in die andere. Mit lautem Gelächter, wie Kinder, begrüßten sie jeden Schmutzfleck, der aus den Eimern auf die Kleider der Ungeduldigen spritzte. Der Wall erhob sich bereits fußhoch über das Pfahlwerk, und da es an Rasen fehlte, schlugen die Leute an der innern Böschung Holz und Steine mit einer Kraft hinein, welche die Masse fest machte wie Stuck. Kaum, daß Anton die schnelle Seitenpforte frei erhielt. Unter den feindlichen Posten am Bach zeigte sich eine unruhige Bewegung, Reiter sprengten die Postenkette entlang und sahen auf das neue Festungswerk, zuweilen wagte sich einer näher heran, zog sich aber zurück, wenn der Förster sein Gewehr über den Wall erhob. So verrann Stunde auf Stunde, die Sonne sank hinab, und der Schein der Abendröte flog über den Himmel. Die Leute im Hof achteten nicht darauf, unten im Brunnenloch standen die Männer bis an den Leib im Wasser. Es war eine gelbe, schmutzige Flüssigkeit, aber die Leute starrten in die Öffnung, als ob dort ein Schatz von flüssigem Gold heraufquölle. Endlich, als schon die Schatten des Abends dunkel auf der Öffnung lagen, befahl Anton den Arbeitern, aus der Grube zu steigen. Ein großes Tuch wurde gebracht und über den Wasserbottich gelegt, man schöpfte das Wasser in Eimern herauf und seihte es durch das Tuch.

«Zuerst meine Pferde», rief ein Knecht und riß die Eimer für die dürstenden Tiere an sich. «Wenn sich der Trank gesetzt hat, wird er so gut wie Bachwasser», rief der Schmied vergnügt, die Arbeiter wurden nicht müde, sich eine Probe auszuschöpfen, und jeder bestätigte siegesfroh die Meinung des angesehenen Mannes. Unterdes ließ Anton oben auf dem Wall, der fast bis zum Boden des obern Stockwerks heraufgewachsen war, neue Pfähle einschlagen und die starken Bretter der Kartoffelwagen als Schutzwehr daran befestigen. Als die Finsternis der Nacht sich über das Schloß legte, war das Werk vollendet. Die Frauen klärten unermüdlich über dem Bottich, große Stücke Fleisch wurden nach der Küche geschafft, dort knisterte ein mächtiges Feuer, und die anmutige Aussicht auf ein kräftiges Nachtessen zog in die Seele aller Belagerten.

Da rasselte draußen im Felde wieder die feindliche Trommel, und der schrille Ruf der Knochenpfeife zitterte durch die Räume des Hauses. Einen Augenblick standen die Männer im Hofe erschrocken, sie hatten in den letzten Stunden nur wenig an den Feind gedacht, dann stürmte alles nach der Wachtstube und ergriff die Gewehre. Schnell wurde der Unterstock mit doppelter Mannschaft besetzt, der Förster eilte mit einer starken Abteilung nach dem Hofe und kletterte auf den neuen Wall.

«Die Entscheidung naht», sagte Fink leise zu Anton, «in den letzten Stunden sind starke Banden ins Dorf eingerückt, im letzten Abendlicht ein Haufe Reiter. Wir vermögen eine zweite Nacht nicht zu widerstehen. Sie werden auf allen Seiten zugleich angreifen, mit einem Schock kurzer Leitern dringen sie in das Schloß. Und sie wissen das, denn sieh, jede Rotte, die aus dem Dorf heranzieht, ist mit Axt und Leiter versehen. Laß uns gemütlich durchmachen, was nicht zu ändern ist, dein ist das Verdienst, wenn wir als Männer unterliegen und nicht als Memmen. Ich war bei dem Freiherrn, er und die Frauen sind vorbereitet; sie werden sich zusammen in seinem Zimmer halten. Hast du noch einige Worte in der Kehle, wenn einer von den Messieurs der Bande über dich wegsteigt, so erinnere ihn an die Frauen, Gott befohlen, Anton, ich nehme die Hofseite, du die Front.»

«Mir ist's unmöglich», rief Anton, «daß wir unterliegen sollen, ich habe nie so frohe Hoffnung gehabt wie in dieser Stunde.»

«Hoffnung auf Entsatz?» fragte Fink, die Achseln zuckend, und wies durch das Fenster auf die feindlichen Haufen. «Und wenn er in einer Stunde kommt, er kommt zu spät. Seit Rebekkas Kanone abgefahren ist, sind wir in den Händen des Feindes, sobald dieser einen ernstlichen Sturm wagt. Und er wird ihn wagen. Man muß sich keinen Täuschungen hingeben, die nicht länger glimmen als eine Zigarre. Deine Hand, mein lieber Junge, lebe wohl!» Er drückte kräftig Antons Hand, und das stolze Lächeln glänzte wieder auf seinem Antlitz. So standen die beiden nebeneinander, jeder sah liebevoll auf die Gestalt des andern, ungewiß, ob er sie je wieder erblicken werde. «Fahre wohl!» rief Fink und erhob die Büchse, seine Hand aus der des Freundes lösend; aber er blieb wie angewurzelt stehen und lauschte, den über dem Trommelwirbel der Feinde und dem Lärm der anrückenden Haufen fuhr ein heller Klang durch die Nachtluft, eine fröhlich schmetternde Fanfare, und als Antwort klang von dem Dorfe her der regelmäßige Sturmschlag eines Tambours der Linie, darauf eine starke Gewehrsalve und ein fernes Hurra.

«Sie kommen», rief es aus allen Ecken des Schlosses, «unsere Soldaten kommen!» Der Förster stürzte in die Halle. «Die Rotmützen», schrie er, «sie reiten am Bach herauf zur Brücke, hinten im Dorf stürmt die Infanterie.»

«Alle in den Hof», rief Fink, «zum Ausfall, ihr Männer, vorwärts!» Die Verrammelung der Pforte wurde weggerissen, die Mannschaft war im Augenblick außerhalb der Verschanzung, kaum daß Anton den Techniker und einige Knechte als Besatzung des Hauses in den Hof zurücktrieb. Der Förster schritt die Reihe entlang und ordnete die Leute. Fink sah nach dem Stand des Gefechts. Die Infanteriekolonne drang im Dorf vor, das unaufhörliche Knattern des Gewehrfeuers verriet die Erbitterung des Kampfes, aber das Feuer kam langsam näher, die Feinde wichen, schon rannten einzelne Flüchtlinge aus dem Wirtschaftshofe eilends hervor. Unterdes setzte eine Abteilung Husaren durch den Bach gegenüber dem Schlosse, sie trieb kleine Haufen der Belagerer vor sich her. Fink führte seine Bewaffneten um das Haus herum und stellte sie an der Ecke auf, die dem Dorfe zunächst lag. «Geduld», rief er, «und wenn ich euch vorführe, vergeßt euren Kriegsruf nicht, sonst werdet ihr in der Dunkelheit überritten und zerstampft wie die Feinde.» Nur mit der größten Mühe waren die Ungeduldigen im Gliede zu halten.

Vom Bache her flog ein einzelner Reiter auf sie zu. «Hurra, Rothsattel!» rief er schon aus der Ferne. «Sturm!» schrie ihm ein Dutzend Stimmen entgegen, Anton sprang aus dem Gliede auf den treuen Mann zu. «Wir haben die Feinde», rief Karl, «ihr Fußvolk hatte die Straße von Rosmin besetzt, ich aber führte unsere Leute auf Umwegen durch den Wald.»

Ein dunkler Haufe wurde an den letzten Häusern des Dorfes sichtbar, Berittene sprengten vor, der feindliche Trupp machte halt und sammelte sich am Wirtschaftshofe. Dort setzte sich der Kampf, die Führer trieben ihre Leute wieder zurück ins Gefecht. «Jetzt gilt's», rief Fink. Im Schnellschritt zog die Schar über den Anger, stellte sich seitwärts vom Wege an der ersten Scheuer auf, und eine Salve von fünfundzwanzig Gewehren drang in die Seite des Feindes. Dadurch kam Verwirrung in die gedrängte Schar der Feinde, die Masse löste sich auf und stürzte in wilder Flucht über die Ebene. Wieder klang hinter denen vom Schloß die Trompete, im vollen Rosselauf stürmten die Husaren vor und hieben in einen Haufen ein, der noch standhielt. Karl warf sich zu ihnen und verschwand im Getümmel. So jagten sie den Feind in die Felder.

Aus dem Dorfe aber sprengten jetzt die polnischen Reiter, ihnen voran der Parlamentär, der seine Leute mit lautem Zuruf auf die Husaren trieb.

«Rothsattel!» rief eine jugendliche Stimme vom Pferde dicht neben Anton, und vor einem Zug Husaren stürmte ein schlanker Offizier den polnischen Reitern entgegen. Fink richtete seine Büchse gegen den polnischen Oberst.

«Ich danke», rief dieser, auf seinem Pferde wankend, und schoß mit letzter Kraft seine Waffe in die Brust des Husaren ab, der auf ihn einritt. Getroffen sank der Husar zur Erde, mit dem Körper des Polen jagte das Pferd von dannen.

Nach wenigen Minuten war die Umgebung des Schlosses von Feinden gereinigt; die Nacht deckte die Flüchtigen, schützend breiteten die Waldbäume ihre Äste über die Söhne des Landes. In kleinen Abteilungen verfolgten die Sieger den letzten Haufen der Feinde.

Vor dem Schlosse kniete Anton am Boden und stützte das Haupt des gefallenen Reiters mit seinen Armen. Mit Tränen im Auge sah er von dem Sterbenden zu dem Freund auf, welcher mit einer Gruppe von Offizieren teilnehmend zur Seite stand. Der Siegesjubel war verstummt, die Landleute umgaben in düsterem Schweigen die Stätte. Langsam wurde der Regungslose auf den Händen der Männer nach dem Hause getragen.

In der Vorhalle stand an der Treppe der Freiherr mit seiner Tochter, bereit, die willkommenen Gäste zu begrüßen. Als Lenore den wunden Mann erblickte, stürzte sie unter die Träger, welche schweigend den Körper vor den Freiherrn niederlegten, und sank mit einem Schrei zu Boden.

«Wer ist es?» stöhnte der blinde Mann und griff mit den Händen vor sich in die Luft. Niemand antwortete, scheu traten alle zurück.

«Vater», murmelte der Verwundete, ein Blutstrom quoll aus seinem Munde. «Mein Sohn, mein Sohn!» schrie der Blinde wie rasend, und seine Knie brachen zusammen.

Den Sohn hatte es aus seiner Garnison fortgetrieben zu dem Heere, welches sich nahe bei dem Gute seiner Eltern zusammenzog. Er hatte es durchgesetzt, ein anderes Regiment zu begleiten, er hatte Erlaubnis erhalten, die Schwadron zu begleiten, welche dem Vater zur Hilfe entsandt wurde. Er wollte die Eltern überraschen und brachte ihnen mit dem Entsatz seine blutende Brust in das Haus und den Tod in die Herzen.

Jetzt lag eine unheimliche Stille auf dem hohen Slawenschloß. Der Sturm hatte ausgetobt, von den Blütenbäumen im Felde fielen lautlos die weißen Blätter und lagen im Sternenlicht am Boden wie ein weißes Totentuch. Wo seid ihr, luftige Pläne des blinden Mannes, der gebaut, gesündigt, gelitten hat, um euch lebendig zu machen? Horche, du armer Vater, mit verhaltenem Atem; es ist still geworden im Schloß und auf den Gipfeln der Bäume, und doch vermagst du nicht mehr zu hören den einen Ton, an den du immer gedacht hast bei deinen Luftschlössern, unter deinen Pergamenten, den Herzschlag deines einzigen Sohnes, des erhofften Majoratsherrn der Rothsattel.

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