Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 117
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

5

Nach einer Stunde weckte der Förster den Schlafenden. Anton fuhr auf und sah verdutzt in die fremdartige Umgebung.

«Es ist fast Sünde, Sie zu stören», sagte der ehrliche Alte; «draußen ist alles ruhig, nur die Reiterei der Feinde ist auf dem Wege nach Rosmin abgezogen.»

«Abgezogen?» rief Anton. «So sind wir frei.»

«Bis auf das Fußvolk», sagte der Förster, «es kommen immer noch zwei auf einen von uns. Sie halten uns fest. – Und noch etwas habe ich zu sagen. In der Tonne ist kein Wasser mehr. Die Hälfte haben unsere Leute ausgetrunken, das übrige ist ins Feuer gegossen. Ich für meinen Teil mache mir nichts aus dem Getränk, aber das Schloß ist voll Menschen; ohne einen Trank werden sie schwerlich den Tag aushalten.»

Anton sprang auf. «Das war ein schlechter Morgengruß, mein Alter.»

«Der Brunnen ist kassiert», fuhr der Alte fort, «aber wenn wir jetzt eine von den Frauen an den Bach schickten? Die Wachen würden den Weibern nicht viel tun, vielleicht würden sie ihnen nicht wehren, einige Eimer Wasser zu holen.»

«Einige Eimer», sagte Anton, «die werden uns wenig nützen.»

«Es ist doch etwas fürs Herz», erwiderte der Alte, «man müßte es einteilen. Wenn die Rebekka hier wäre, die schaffte uns Wasser. So müssen wir es mit einer andern wagen. Die Sakramenter dort sind nicht schlecht gegen die Frauenzimmer, wenn nämlich diese Dreistigkeit haben. Wenn es Ihnen recht ist, will ich's mit einem von unsern Bälgern versuchen.»

Der Förster rief in die Küche hinunter: «Suska!» Das Polenkind sprang aus dem Kellerraum herauf.

«Höre, Suska», sagte der Förster bedächtig, «wenn der Herr Baron aufwacht, wird er frisches Wasser verlangen; das Wasser im Schlosse ist zu Ende, zum Trinken haben wir Bier und Schnaps genug, aber welcher Christenmensch kann sich in Bier die Hände waschen? Nimm schnell die Eimer und hole uns Wasser, lauf hinunter zum Bach, du wirst schon mit den Nachbarn dort fertig werden. Schwatze aber nicht lange mit ihnen, sonst kriegen wir ein Donnerwetter vom Herrn. – Und hör, frage die Nachbarn doch, wozu sie noch mit ihren Spießen dastehn, ihre Reiter sind ja schon abgeritten. Wir haben nichts dagegen, wenn die dort unten sich auch fortmachen.»

Willig ergriff das Mädchen die Wassereimer, der Förster öffnete die Hoftür, und die Kleine trabte dem Wasser zu. Mit unruhiger Erwartung sah ihr Anton nach. Das Mädchen kam bis an den Bach, ungehindert und ohne sich um den Posten zu kümmern, der etwa zwanzig Schritt vor ihr stand und ihr neugierig zusah. Endlich ging einer der Sensenmänner auf sie zu, das Mädchen setzte den Eimer zu Boden, schlug die Arme übereinander, und beide fingen eine friedliche Unterhaltung an. Zuletzt ergriff der Sensenmann die Eimer, bückte sich selbst zum Wasser hinunter und reichte die gefüllten dem Mädchen. Langsam brachte die Kleine ihre vollen Eimer zurück, der Förster öffnete wieder das Tor und sagte schmunzelnd: «Brav, Susanne. Was hat denn die Wache mit dir gesprochen?»

«Dumme Dinge», erwiderte das Mädchen errötend, «er hat mir gesagt, ich soll ihm und seinen Kameraden das Tor aufmachen, wenn sie wieder an das Schloß kommen.»

«Wenn's weiter nichts war», sagte der Förster schlau. «Also, sie wollen wieder an das Schloß?»

«Freilich wollen sie», sagte die Kleine, «die Reiter sind gegen das Militär nach Rosmin gezogen; wenn sie zurückkehren, laufen sie alle zusammen gegen das Schloß, sagte der Mann.»

«Wir werden sie schwerlich hereinlassen», erwiderte der Förster, «keiner soll zum Tor herein als dein Schatz dort unten. Du hast's ihm doch versprochen, wenn er allein kommt und bei der Nacht?»

«Nein», antwortete Susanne aufgebracht, «aber ich durfte doch nicht böse sein.»

«Vielleicht können wir's zum zweitenmal probieren?» fragte der Förster, auf Anton blickend.

«Ich zweifle», versetzte dieser. «Dort reitet einer der Offiziere an den Posten heran; der arme Bursch wird für seinen Ritterdienst einen rauhen Morgengruß erhalten. Kommt her, wir teilen den kleinen Vorrat! Der erste Eimer zur Hälfte für die Herrschaft, zur Hälfte für uns Männer, der zweite zu einer Morgensuppe für die Frauen und Kinder.» Er goß selbst das Wasser in die verschiedenen Gefäße und stellte den Schmied als Wächter dazu. Beim Eingießen sagte er zu dem Förster: «Das ist die schwerste Arbeit, die wir während der Belagerung gehabt haben. Noch weiß ich nicht, wie wir den Tag aushalten wollen.»

«Es geht vieles», erwiderte tröstend der Förster. -

Ein heller Frühlingstag begann, wolkenlos stieg die Sonne hinter dem Wirtschaftshofe herauf, bald erwärmte ihr milder Strahl die Luft, welche feucht um die Mauern des Schlosses lag. Die Leute suchten die sonnige Ecke des Hofes, in kleinen Gruppen saßen die Männer mit ihren Frauen und Kindern zusammen, alle zeigten gute Zuversicht. Anton trat unter sie: «Wir müssen uns gedulden bis Mittag, vielleicht bis Nachmittag, dann kommen unsere Soldaten.»

«Wenn die drüben nicht mehr tun als bis jetzt, so können wir's ruhig ansehn», bemerkte der Schmied, «sie stehn so hölzern wie eingegrabene Zaunpfähle.» -

«Sie haben gestern ihre Courage verloren», sagte ein anderer verächtlich.

«Es war Strohfeuer, der Schmied hat ihnen die Bündel vom Wagen geworfen, sie haben nichts mehr zuzusetzen», rief ein Dritter.

Der Schmied schlug die Arme übereinander und lächelte stolz, und vergnügt sah seine Frau zu ihm auf.

Jetzt wurde es in dem obern Stock lebendig, der Freiherr klingelte und forderte Bericht. Anton eilte hinauf, ihm und den Damen zu erzählen, dann trat er in Finks Zimmer und weckte den Freund, der noch im festen Schlummer lag.

«Guten Morgen, Tony», grüßte Fink und dehnte sich behaglich. «Ich komme im Augenblick herunter. Wenn du mir durch deine Verbindungen etwas Wasser verschaffen könntest, würde ich dir sehr dankbar sein.»

«Ich will dir eine Flasche Wein aus dem Keller holen», erwiderte Anton, «du mußt dich heut mit Wein waschen.»

«Hui», rief Fink, «steht es so? Es ist doch wenigstens kein Rotwein?»

«Wir haben überhaupt nur wenige Flaschen», fuhr Anton fort.

«Du bist ein Unglücksrabe», sagte Fink, seine Stiefel suchend, «um so mehr Bier wird in euren Kellern sein.»

«Geradesoviel, als zu einem Trunk für die Mannschaft reicht; ein Fäßchen Branntwein ist jetzt unser größter Schatz.»

Fink pfiff die Melodie des Dessauers. «Siehst du wohl, mein Sohn, daß die Zärtlichkeit für die Frauen und Kinder ein wenig sentimental war? Ich sehe dich im Geiste vor mir, wie du mit aufgestreiften Hemdärmeln die magere Kuh schlachtest und mit deiner alten Gewissenhaftigkeit dem hungernden Volk bissenweis in den Mund steckst. Du in der Mitte, fünfzig aufgesperrte Mäuler um dich herum. Binde dir nur gleich ein Dutzend Birkenruten, in wenigen Stunden wird ein Geschrei hungernder Kinder zum Himmel aufsteigen, und du wirst genötigt sein, trotz deiner Menschenliebe die ganze Bande auszuhauen. Übrigens denke ich, wir haben uns gestern nicht schlecht gehalten, ich habe ausgeschlafen, und so mögen heut die Dinge gehn, wie sie können. Und jetzt laß uns nach dem Feinde sehn.» Die Freunde stiegen auf den Turm, Anton berichtete, was er erfahren hatte. Fink untersuchte sorgfältig die Postenkette und sah mit dem Fernrohr die hellen Bänder der Feldwege entlang, bis dahin, wo der dunkle Wald sie verdeckte. «Unsere Lage ist zu friedlich, um trostreich zu sein», sagte er endlich, das Rohr zusammenschiebend.

«Sie wollen uns aushungern», versetzte Anton ernst.

«Ich traue ihnen diese Schlauheit zu, und sie rechnen nicht schlecht, denn im Vertrauen, ich habe starken Zweifel, ob wir auf Entsatz hoffen dürfen.»

«Auf Karl können wir uns verlassen», begütigte Anton.

«Auf meinen Braunen auch», erwiderte Fink. «Aber es ist wohl möglich, daß mein armer Blackfoot in diesem Augenblick bereits das Unglück hat, das Gesäß irgendeines Insurgenten zu tragen. Ob Karl nicht einem der Haufen, welche sicher in der ganzen Gegend umherschwärmen, in die Hände gefallen ist, ob er überhaupt die Regulären aufgefunden hat, ob diese ferner Lust haben, uns zu Hilfe zu marschieren, ob sie endlich den Witz haben, zu rechter Zeit anzukommen, und ob sie zu allerletzt stark genug sind, die Schar, welche ihnen den Weg zu uns verlegt, zu zerstreuen – das, mein Junge, sind alles Fragen, welche wohl aufgeworfen werden dürfen, und ich will lieber alle Brombeeren der Welt aufessen, als eine fröhliche Antwort darauf geben.»

«Wir könnten's mit einem Ausfall versuchen; freilich, er würde blutig werden», riet Anton.

«Bah», sagte Fink. «Aber was schlimmer ist, er würde nichts nutzen. Einen Haufen werfen wir vielleicht, die nächste Stunde ist ein anderer da. Nur siegreicher Entsatz kann uns aus der Klemme helfen. Solange wir in diesen Mauern unser Hausrecht wahren, sind wir stark, auf freiem Felde mit Weibern und Kindern werden wir von einem Dutzend Reiter überrannt.»

«Warten wir's also ab», schloß Anton finster.

«Weise gesprochen, der ganze Witz des Lebens ist zuletzt der, daß man sich und andern keine Fragen vorlegt, die nicht zu beantworten sind. Die Sache droht langweilig zu werden.»

So stiegen die Freunde wieder herab, und so verstrich Stunde auf Stunde, langsame Stunden bleierner Untätigkeit. Bald sah Anton, bald Fink mit dem Fernrohr nach den Öffnungen des Waldes, es war wenig Auffallendes zu sehen. Patrouillen der Feinde kamen und gingen, bewaffnete Haufen von Landleuten zogen dem Dorfe zu und wurden nach verschiedenen Richtungen wieder abgesandt, die Postenkette wurde regelmäßig besichtigt und alle zwei Stunden abgelöst. Die Belagerer waren beschäftigt, die Dörfer der Umgebung zu durchsuchen und zu entwaffnen, um die im Schloß zuletzt mit vereinter Kraft anzugreifen. Die Deutschen waren in ihrem Steinbau umstellt wie ein wildes Tier in seinem Lager, und die Jäger warteten mit ruhiger Sicherheit die Stunde ab, wo der Hunger oder Feuer und Waffen die Bezwungenen heraustreiben mußten.

Unterdes versuchte Fink, die Leute zu beschäftigen, die Männer mußten Waffen und Armatur reinigen und putzen, sie mußten antreten, und Fink untersuchte selbst die einzelnen Gewehre; darauf wurde Pulver und Blei verteilt, Kugeln gegossen und Patronen gemacht. Die Frauen wies Anton an, Haus und Hof zu reinigen, soweit dies ohne Wasser möglich war. Das hatte die gute Wirkung, die Eingeschlossenen durch einige Stunden in Tätigkeit zu erhalten.

 << Kapitel 116  Kapitel 118 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.