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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 116
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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In der Halle des Oberstocks traf Anton mit Fink zusammen, gleich darauf kam der Förster. Schweigend suchte jeder der Freunde in dem matten Dämmerlicht zu erkennen, ob der andere unverletzt vor ihm stand. «Vortrefflich gemacht, Förster», rief Fink. «Erbitten Sie Einlaß beim Freiherrn und statten Sie Bericht ab.»

«Und bitten Sie Fräulein Lenore, Ihnen die Mittel zu einem Verband zu geben, wir haben Verluste gehabt», sagte Anton traurig und wies auf den Boden der Halle, wo an der Wand gelehnt zwei Männer saßen und stöhnten.

«Hier kommt noch ein dritter», antwortete Fink, auf einen dunklen Körper weisend, welcher langsam durch zwei Männer die Turmtreppe herabgetragen wurde. «Ich fürchte, der Mann ist tot, er lag wie ein Stück Holz zu meinen Füßen.»

«Wer ist es?» fragte Anton schaudernd.

«Borowski, der Schneider», erwiderte halblaut einer der Träger.

«Welch eine furchtbare Nacht!» rief Anton, sich abwendend.

«Daran dürfen wir jetzt nicht denken», sagte Fink, «das Menschenleben ist nur etwas wert, wenn man den Gleichmut hat, es bei passender Gelegenheit zu quittieren. Die Hauptsache ist, daß wir uns diese Brandfackel vom Halse gehalten haben; es ist nicht unmöglich, daß es den Schelmen noch gelingt, sie anzustecken, sie wird da, wo sie steht, wenig Schaden tun.»

In diesem Moment glänzte ein heller Schein durch die Schießlöcher des Turmes. Alles stürzte an die Fenster. Von dem abgewandten Teil des Wagens flammte ein blendendes Licht auf, und mit einem plötzlichen Ruck krachte die schwere Masse an die Mauer des Hauses. Ein einzelner Mann sprang von dem Wagen zurück, ein Dutzend Gewehre flog im Nu gegen ihn in Anschlag.

«Halt!» rief Fink mit durchdringender Stimme. «Es ist zu spät, schont ihn, er ist ein Braver, das Unglück ist geschehen.»

«Merci, Monsieur, au revoir», rief eine Stimme von unten, und der Mann sprang unverletzt vom Hause weg in die Finsternis.

Im Nu stand der Wagen in Brand; aus dem Stroh und Reisig, womit er auf der Höhe beladen war, stiegen züngelnd die gelben Flammen, und durch die sich lockernde Glut fuhren prasselnd weiße Feuergarben nach allen Richtungen auf. Das Haus war von plötzlichem Lichte erhellt, der Qualm drang massenhaft durch die zertrümmerten Fenster.

«Das ist Pulver», rief Fink. «Ruhig, ruhig, ihr Männer. Wir halten die Feinde ab, wenn sie wieder eindringen; du, Anton, sieh, ob du das Feuer bewältigst.»

«Wasser!» riefen die Leute. «Dort brennt das Fensterkreuz.»

Und draußen erklang neuer Kommandoruf, die Trommel wirbelte, und mit wildem Siegesgeschrei rückte der Feind in einer Schützenkette an das Haus. Von neuem begann das Feuer der Belagerer, um das Löschen des. Brandes zu verhindern. Aus dem Wasserbottich im Hofe wurde Wasser heraufgebracht und an die züngelnde Flamme des Fensters gegossen; es war eine gefährliche Arbeit, denn die Front des Hauses war erleuchtet, und auf jede Gestalt, welche sichtbar wurde, richteten sich die Schüsse der Angreifenden, welche immer kecker herandrängten. Ängstlich sahen die Verteidiger nach der Flamme und erwiderten nur unsicher das Feuer der Gegner. Auch die Wachen im Hofe sahen mehr hinter sich als nach vorn, die Unordnung wurde allgemein, der Augenblick der höchsten Gefahr war gekommen, alles schien verloren.

Vom Turme rief ein Mann herab: «Sie bringen kurze Leitern aus dem Dorfe, man sieht die Äxte in ihrer Hand.»

«Sie wollen über den Bretterzaun, sie schlagen die Fenster im Unterstock ein», riefen die Männer erschrocken durcheinander. Der Förster stürzte nach dem Hof, Fink riß einige Männer in seiner Nähe fort nach dem Flügel des Hauses, auf welchem ein Haufe mit Leitern heranzog. Alles schrie durcheinander, selbst Finks drohender Zuruf drang nicht mehr in das Ohr der Leute.

Da eilten einige Männer mit Stangen aus dem Hofe an die Tür der Vorhalle. «Macht Platz!» rief eine stämmige Gestalt. «Hier ist Schmiedearbeit.» Der Mann riß die Riegel der Tür zurück, die Türöffnung war vollständig geschlossen durch den brennenden Wagen. Mit der schweren Stange stieß der Schmied trotz Rauch und Flammen aus Leibeskräften in das brennende Holz des Wagens. «Helft mir, ihr Hasen», rief er im zornigen Eifer.

«Er hat recht», rief Anton, «heran, ihr Männer!» Bretter und Deichselstangen wurden herzugeschleppt, und in dem Qualm drangen die Männer unermüdlich vorwärts und drückten und stachen in die glühende Masse. Mehr als einmal mußten sie zurückweichen, aber immer wieder trieb der Schmied in das Feuer hinein. Endlich gelang es dem Kunauer, als er nach oben stach, einzelne Garben von der Höhe herunterzuwerfen. Man sah durch die lodernde Flamme am Oberteil der Tür den dunklen Nachthimmel, ein Luftzug entstand, der Rauch wurde weniger erstickend. «Jetzt haben wir die ganze Bescherung», rief er frohlockend, ein brennendes Bund nach dem andern flog auf den Boden; dort brannten die einzelnen Flammenhäufchen unschädlich nieder. Immer schneller wurde der Wagen entladen, brennende Federbetten und Holzscheite fielen herab. Anton ließ die Tür zur Hälfte schließen, weil jetzt die feindlichen Kugeln durch die Flammen des Wagens schlugen, die Arbeiter mußten ihre Hebel von der Seite handhaben. Die Wagenleitern fielen verkohlt herunter, und mit einem frohen Ruf setzten die Arbeiter ihre Stangen nebeneinander an das Wagengerüst und schoben die Trümmer des Wagens einige Schritte vom Tore ab. Die Tür wurde schnell wieder geschlossen, und die Leute, schwarz wie der Teufel, mit verbrannten Kleidern, wünschten einander laut Glück.

«Solche Nacht macht gute Freundschaft», rief der Schmied vergnügt und ergiff in der Freude seines Herzens Antons Hand, die nicht weniger geschwärzt war als die seine. – Unterdes schmetterten die Äxte der Belagerer an den Verschlag mehrerer Fenster des Unterstocks, die abgelösten Bretter krachten, und Finks Stimme erscholl: «Schlagt sie mit dem Kolben hinunter!» Anton und der Schmied warfen sich an die Fenster, durch welche die Belagerer einzudringen suchten. Auch dort war die gefährlichste Arbeit getan, als sie herzurannten. Fink kam ihnen entgegen, die blutige Axt eines Insurgenten in der Hand; er schleuderte die Axt von sich und rief dem Haufen entgegen: «Schlagt neue Bretter an die Fenster, ich hoffe, die Schlächterei ist zu Ende.»

Noch einige Salven von draußen und einzelne Schüsse vom Turm, dann wurde es wieder still im Schloß und auf der Ebene; noch schimmerten die Wände des Hauses von rötlichem Licht, aber der Schein wurde matter und grauer. Draußen erhob sich der Wind und trieb den Rauch, der aus den Fenstern wirbelte und aus den verbrannten Trümmern vor der Tür aufstieg, die Mauern entlang in die Finsternis. Die reine Nachtluft füllte wieder den Korridor und die Halle, und ruhig glänzte das Sternenlicht herunter auf die Gesichter der Verteidiger, auf tiefliegende Augen und bleiche Wangen. Die Kräfte der Kämpfenden waren erschöpft, im Hause wie draußen auf dem Felde.

«Welche Stunde der Nacht ist?» fragte Fink und trat zu Anton, der durch die Schießlöcher der Halle die Bewegungen des Feindes beobachtete. «Mitternacht vorüber», erwiderte Anton. Sie stiegen zum Turme hinauf und sahen in der Runde umher. Der Anger um das Schloß war leer. «Sie haben sich schlafen gelegt, die Guten», sagte Fink. «Auch die Feuer dort unten verglühen, aus dem Dorfe klingen noch einzelne Stimmen herüber. Nur die Schatten dort zeigen an, daß wir umstellt sind. Sie haben eine Postenkette in weitem Bogen rings um das Haus geführt, das sind unsere Nachtwächter. Wir haben einige Stunden Friede vor uns. Und da wir morgen bei Tageslicht schwerlich ausschlafen werden, müssen unsere Leute diese Stunden nutzen. Laß nur die nötigsten Wachen stehen und die Posten in zwei Stunden ablösen. Wenn du nichts dagegen hast, geh' auch ich zu Bett. Laß mich wecken, sobald sich draußen etwas regt. Die Nachtposten wirst du sehr gut besorgen, das weiß ich.» So wandte sich Fink ab und ging in sein Zimmer, wo er sich auf das Bett warf und nach einigen Augenblicken ruhig einschlief. Anton eilte in die Wachtstube, verteilte mit dem Förster die Posten und bestimmte die Reihenfolge der Ablösung. «Ich schlafe doch nicht», sagte der Alte, «erstens in meinen Jahren und dann als Jäger; ich will, wenn's Ihnen recht ist, die Nachtwache anführen und überall zum Rechten sehen.»

Noch einmal sah Anton in den Hof und die Ställe, auch hier war die Ruhe eingekehrt, nur die Pferde schlugen unruhig auf den harten Boden. Leise öffnete er die Tür der Frauenstuben, dort in dem zweiten Zimmer hatte man die Verwundeten niedergelegt. Als er eintrat, saß Lenore auf einem Schemel neben dem Strohlager, zu ihren Füßen zwei der fremden Frauen. Er beugte sich über das Lager der Verwundeten, die farblosen Gesichter und das verworrene Haar der Armen stachen grell ab gegen die weißen Kissen, welche Lenore von ihrem Bett gerafft hatte. «Wie steht's mit ihnen?» fragte Anton leise. «Wir haben versucht, die Wunden zu verbinden», erwiderte Lenore. «Der Förster sagt, daß beide Hoffnung geben.»

«Dann», fuhr Anton fort, «überlassen Sie den Frauen die Pflege und benutzen auch Sie die Stunden der Ruhe.»

«Sprechen Sie mir nicht von Ruhe», sprach Lenore aufstehend, «Sie sind in dem Zimmer des Todes.» Sie faßte ihn bei der Hand und führte ihn in die andere Ecke, dort zog sie an einem dunkeln Mantel und wies auf eine menschliche Gestalt, welche darunter lag.

«Er ist tot!» sagte sie mit klangloser Stimme. «Als ich ihn mit diesen Händen aufrichtete, ist er gestorben. An meinem Kleide hängt sein Blut, und es ist nicht das einzige, das heute vergossen worden. Ich bin es gewesen», rief sie mit wildem Ausdruck und drückte krampfhaft Antons Hand, «ich habe den Anfang gemacht mit diesem Blutvergießen. Wie ich den Fluch ertragen soll, weiß ich nicht. Wenn ich noch wohin gehöre in dieser Welt, so ist es in dieses Zimmer. Lassen Sie mich hier, Wohlfart, und sorgen Sie sich nicht mehr um mich.»

Sie wandte sich ab und setzte sich wieder auf den Schemel an das Strohlager. Anton deckte den Mantel über den toten Mann und verließ schweigend das Zimmer.

Er ging nach der Wachtstube und ergriff das Gewehr. «Ich gehe auf den Turm, Förster», sagte er.

«Jeder hat seine eigene Art», brummte der Alte. «Der andere ist klüger, er schläft aus. Aber es wird frisch dort oben, ohne Mantel soll er nicht bleiben.» Er schickte einen Mann mit einem Bauernmantel hinauf und befahl ihm, bei dem Herrn oben zu warten. Anton ließ den Mann zum Schlaf niedersetzen und wickelte sich in die warme Hülle. So saß er schweigend und stützte sein Haupt an die Mauer, über welche sich Lenore gebeugt hatte, als sie hinunterschoß. Und seine Gedanken flogen über die Ebene fort, aus der finstern Gegenwart in die unsichere Zukunft. Er sah über den Kreis der feindlichen Wachen und über den dunkeln Ring der Kiefernwälder, welche ihn hier gefangenhielten und ihn festbanden an die Verhältnisse, die ihm jetzt so fremd und abenteuerlich vorkamen, als lese er sie ab aus einem Buche. Sein eigenes Schicksal betrachtete er mit müdem Blick gleichmütig wie ein fremdes, und ruhig konnte er hineinblicken in die Tiefen seiner Seele, die ihm sonst das wogende Gefühl des Tages verbarg. Er sah sein vergangenes Leben vor sich vorüberziehen, die Gestalt der Edeldame auf dem Balkon des Schlosses, das schöne Mädchen auf dem Kahn unter ihren Schwänen, den Kerzenglanz im Tanzsalon, die traurige Stunde, wo die Edelfrau ihren Schmuck in seine Hände legte, alle Augenblicke, wo Lenorens Auge so liebevoll das seine gesucht hatte – alle diese Zeiten sah er vor sich, und deutlich erkannte er den Zauber, den sie um ihn gelegt hatten; alles, was seine Phantasie gefesselt hatte, sein Urteil bestochen, seinem Selbstgefühl geschmeichelt, das erschien ihm jetzt als eine Täuschung.

Ein Irrtum war's seiner kindlichen Seele, den die Eitelkeit großgezogen hatte. Ach, schon längst war der glänzende Schein zerronnen, der dem armen Sohn des Kalkulators das Leben der Ritterfamilie stark, edel, begehrenswert gezeigt hatte. Ein anderes Gefühl war an die Stelle getreten, ein reineres, eine zärtlichere Freundschaft zu der einzigen, die in dem Kreise sich stark erhalten hatte, als die andern zerbrachen. Und jetzt löste auch die sich von ihm. Er fühlte, daß es so war und immer mehr geschehen mußte. Er fühlte das in dieser Stunde ohne Schmerz als etwas Natürliches, was nicht anders kommen konnte. Und er fühlte, daß er selbst dadurch frei wurde von den Banden, welche ihn hier festhielten. Er erhob sein Haupt und sah über die Wälder hinüber in die Ferne. Er schalt sich, daß ihm dieser Verlust nicht mehr Schmerzen bereitete, und gleich darauf, daß er einen Verlust fühlte. War im Grunde seiner Seele doch ein stilles Begehren gewesen? Hatte er das schöne Mädchen für seine Zukunft zu erwerben gedacht? Hatte er davon geträumt, in der Familie, für die er jetzt arbeitete, heimisch zu werden für immer? Wenn er in einzelnen Stunden der Schwäche dies Gefühl gehabt hatte, jetzt verurteilte er es. Er war nicht immer gut gewesen, er hatte im stillen eigennützig auch an sich gedacht, wenn er Lenore sah. Das war unrecht gewesen, und ihm geschah sein Recht, daß er jetzt allein stand unter Fremden, in Verhältnissen, die ihn wund drückten, weil sie nicht klar waren, in einer Lage, aus der auch sein Entschluß ihn nicht lösen konnte, nicht jetzt und schwerlich in der nächsten Zukunft.

Und doch fühlte er sich frei. «Ich werde meine Pflicht tun und nur für ihr Glück sorgen», sagte er laut. – Aber ihr Glück? Er dachte an Fink und an das Wesen des Freundes, das ihm selbst immer wieder imponierte und ihn so oft ärgerte. Würde er sie wiederlieben und würde er sich fesseln lassen in diesen Verhältnissen? «Arme Lenore!» seufzte er.

So stand Anton, bis der helle Schein am Nordrand des Horizontes herüberzog auf Osten zu und von dort ein fahles Grau am Himmel aufstieg, der schauerbringende Vorbote der Morgensonne. Da sah Anton noch einmal auf die Landschaft um sich herum, schon konnte er die Wachen der Landleute zählen, die zu zweien das Schloß umstanden; hier und da blinkte ein Sensenspieß in hellerem Licht. Anton beugte sich nieder und weckte den Mann, der neben der Blutlache des getöteten Kameraden eingeschlafen war, dann stieg er herunter in die Wachtstube, warf sich auf das Stroh, das ihm der Förster sorgsam auseinanderschüttelte, und schlief ein, gerade als die Lerche aus dem feuchten Boden aufflog, um durch fröhlichen Ruf die Sonne herbeizuholen.

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