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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Jetzt sah Anton mit einem düstern Behagen, wie ruhig er selbst und wie mutig die Leute waren. Sie waren in Tätigkeit, sie arbeiteten; noch bei dem tödlichen Werke der Zerstörung war die Kraft zu erkennen, die jedes emsige Tun dem Menschen gibt. Nach den ersten Schüssen luden die auf der Vorderseite so besonnen, als übten sie ihr gewöhnliches Tagewerk. Das Gesicht des Knechtes sah nicht sorgenvoller aus, als wenn er zwischen seinen Ochsen hindurch auf die Ackerfurche blickte, und der gewandte Schneider faßte Rohr und Kolben seiner Waffe mit derselben Gleichgültigkeit wie das Holz seines Bügeleisens. Nur die Wachen im Hofe waren unruhig, aber nicht aus Furcht, sondern weil sie mißvergnügt waren über die eigene Untätigkeit. Zuweilen versuchte ein kecker Gesell, sich hinter Antons Rücken in das Haus zu stehlen, um auf der Vorderseite seinen Schuß abzufeuern, und Anton mußte den Techniker an die Hoftüre postieren, um das mutige Entweichen zu verhindern.

«Nur einmal, Herr Wohlfart, lassen Sie mich auf das Volk schießen», bat ein junger Mensch aus Neudorf flehentlich.

«Wartet», erwiderte Anton, «auch ihr werdet drankommen, in einer Stunde löst ihr die Vorderseite ab.»

Unterdes stiegen die Sterne auf, immer höher, auf beiden Seiten wurden die Schüsse spärlich, wie eine Ermüdung kam es über beide Teile.

«Unsere Leute haben die bessere Kraft», sagte Anton zu dem Freunde, «die im Hofe sind nicht mehr zu halten.»

«Das Ganze ist nicht viel mehr als blindes Schießen», erwiderte Fink. «Sie versuchen zwar ehrlich zu zielen, aber es ist doch zumeist Zufall, wenn eine Kugel Unglück anrichtet. Außer einigen leichten Verwundungen ist uns kein Schade geschehen, und ich glaube, die dort unten haben das Vergnügen auch nicht viel teurer bezahlt.»

Man vernahm das Rollen der Wagen. «Horch, sie fahren ihre Streitwagen zurück.» Das Feuern hörte auf, auf der ganzen Linie verschwanden die dunklen Massen in der Nacht. «Laß ablösen», fuhr Fink fort, «und wenn du hast, gib ihnen etwas zu trinken, denn sie haben sich als brave Männer gezeigt. Dann erwarten wir ruhig die Fortsetzung des Werks.»

Anton ließ eilig einige Stärkungen unter die Mannschaft verteilen und durchschritt das ganze Haus, die Mannschaft ablösend und die Räume vom Boden bis zum Keller untersuchend. In den Frauenstuben des Unterstocks hörte er schon von weitem ein klägliches Chaos von Stimmen. Als er eintrat, fand er die kahlen Wände durch eine kleine Küchenlampe notdürftig erhellt, der Boden war mit Stroh bedeckt, und auf der Streu kauerten und lagen in kleinen Häufchen die Frauen und Kinder neben ihren Sachen. Die Frauen drückten ihre Angst durch jede Art von leidenschaftlichen Bewegungen aus, manche hoben unaufhörlich die Hände in die Höhe und riefen die Hilfe des Himmels an, ohne etwas anderes zu empfinden als unendliche Angst, andere starrten verzweifelt vor sich hin, ganz betäubt durch die Schrecken der Nacht; den behaglichsten Eindruck machten noch die Kinder, welche mit ganzer Seele heulten und sich um nichts weiter kümmerten. In diesem Jammer lagen drei kleine Kinder, mit den Köpfen auf ein Bündel Betten gelehnt, und schliefen, die Händchen geballt, so ruhig wie in ihrer Bettstelle zu Haus, und eine junge Frau saß in der Ecke, wiegte ein schlummerndes Kind in den Armen und schien alles übrige zu vergessen. Endlich trat sie, immer auf ihr Kind sehend, leise zu Anton heran und fragte, wie es ihrem Manne gehe.

Unterdes zündeten die Feinde draußen große Feuer an, ein Teil der Bewaffneten saß an den Flammen, man sah, daß sie Töpfe an das Feuer trugen und ihre Abendkost kochten. Und in dem Dorfe ging es laut her, man hörte dort schreien und kommandieren, und von der Höhe sah man überall Lichter und ein starkes Hin- und Herlaufen auf der Dorfstraße. «Das sieht nicht aus wie Ruhe», sagte Anton.

In dem Augenblick pochte laut der Hammer am Hintertor; die Freunde sahen einander an und sprangen schnell in den Hof. «Rothsattel und Rebhühner», murmelte eine Stimme, die Losung improvisierend. «Der Förster!» rief Anton. Er schob die Verrammelung zurück und ließ den Alten ein. «Schließen Sie zu», sagte der Förster, «sie sind mir auf der Spur. Guten Abend allerseits; ich komme fragen, ob Sie mich brauchen können?» – «Schnell ins Haus», rief Anton, «dort erzählen Sie.»

«Im Walde ist alles still wie in der Kirche», sagte der Förster. «Auf der Waldwiese am Erlenbach liegt das Vieh, auch der Schäfer ist mit seinen Kreaturen dort. Der Vogt hält die Wache. Ich habe mich in der Finsternis als Schleichpatrouille in das Dorf gedrückt und komme Sie zu warnen. Da es mit dem Schießen nicht geglückt ist, wollen's die Schufte mit Feuer versuchen. Sie haben den Teer und die Wagenschmiere aus dem ganzen Dorf zusammengesucht, Kienspäne der Bauernweiber aus den Höfen geholt, und wo sie eine Öllampe fanden, haben sie diese über Reisigbüschel ausgegossen.»

«Sie wollen das Hoftor in Brand stecken?» fragte Fink.

Der Förster verzog sein Gesicht. «Das Hoftor ist es nicht, vor dem haben sie eine Höllenfurcht. Weil Sie doch Artilleriewagen und eine Haubitze im Hofraum haben.» – «Artillerie?» riefen die Freunde erstaunt. «Ja», nickte der Förster; «sie haben durch die Schießlöcher des Zauns blaue Wagen gesehen und Pferde und eine Lafette.»

«Karls neue Kartoffelwagen und die Bespannung», rief Anton, «und die Feuertonne.»

«Das wird wohl die Haubitze sein», erwiderte der Förster. «Auf meinem Wege hierher guckte ich von hinten in den Hof der Schenke und lauerte, ob ich einen Bekannten erwischen könnte. Da kam die Rebekka mit Wassereimern in den Hof gelaufen, ich pfiff leise und rief sie hinter den Stall. ‹Seid Ihr auch da, alter Schwede?› sagte das tolle Ding. ‹Nehmt Euch nur in acht, daß sie Euch nicht eins auf den Kopf brennen; ich habe keine Zeit, mich mit Euch abzugeben, ich muß die Herren bedienen, sie wollen Kaffee trinken.› – ‹Warum nicht gar Champagner›, sagte ich, ‹sie sind wohl recht artig, die Herren, du hübsches Schicksel›, sagte ich, denn mit Floretten gewinnt man die Weiber. ‹Ihr seid selber ein häßlicher Schäker›, sagte das Mädchen und lachte mich an, ‹macht, daß Ihr fortkommt.› – ‹Sie werden dir doch nichts tun, kleine Rebekka?› sagte ich wieder und kniff sie ein wenig in die Backen. ‹Das geht Euch nichts an, Ihr Hexenmeister›, sagte wieder der kleine Molch, ‹wenn ich schreie, kommt mir die ganze Stube zu Hilfe. Ich will nichts mit Euch zu tun haben.› – ‹Sei nicht so widerspenstig, mein Kind›, sagte ich, ‹sei ein gutes Mädel; fülle mir die Flasche hier und bringe sie mir heraus. Man muß in schlechten Zeiten etwas für seine Freunde tun.› Darauf riß mir das Ding die Flasche aus der Hand und sagte: ‹Wartet, aber haltet Euch still!› und rannte mit ihren Eimern zurück. Nach einer Weile kam sie wieder und brachte mir die Buddel ganz gefüllt, Kümmel und Korn, es ist ein gutmütiges Geschöpf. Und als sie mir die Flasche gab, rief sie mir noch zu: ‹Wenn Ihr zu den jungen Herren im Schloß kommt, so sagt ihnen, daß die drin große Angst vor ihrer Artillerie haben; sie haben uns ausgefragt, ob es wahr wäre, daß sie eine Kanone hätten. Ich habe ihnen gesagt, ich wüßte wohl, daß so ein großes Ding auf dem Gute sein müßte.› – So schlich ich wieder fort und kroch im Graben bei Kerlen mit Sensen vorbei, die hinter unserm Hof auf Wache stehn. Als ich an die hundert Schritte nahe war, riß ich aus, sie sakermenterten hinter mir her. So steht's.»

«Das mit dem Feuer ist ein gefährlicher Einfall», sagte Fink. «Wenn sie das Handwerk verstehen, können sie uns ausräuchern wie Dachse.»

«Diese Schwelle ist von Stein und die dicke Tür ist hoch über dem Boden», sagte der Förster.

«Ich fürchte nicht die Flammen, sondern den Rauch und die Helle», entgegnete Fink. «Wenn sie unsere Fenster erleuchten, so werden die Leute noch schlechter treffen. Unser Glück ist, daß die Herren auf englischen Sätteln, welche den Feind anführen, bis jetzt schwerlich andere Festungen eingenommen haben als solche, die durch einen Unterrock verschanzt waren. Wir wollen die Leute ins Vorderhaus werfen und hinten nur die notwendigsten Wachen halten und wollen Rebekkas Lüge vertrauen.»

Neue Patronen wurden ausgeteilt und eine neue Einteilung der Mannschaft vorgenommen, in die Turmhallen des Unter- und Oberstocks und oben auf die Plattform wurde mehr Mannschaft gestellt; unten kommandierte der Schmied, im Oberstock Anton, der Förster blieb mit einem kleinen Trupp in Reserve. Und es war Zeit, denn wieder hörte man in der Ferne ein lautes Gesumm, Kommandowörter, den Tritt der Heranziehenden und das Rollen der Wagen.

«Haltet die Kugel im Lauf», rief Fink, «und schießt nur auf das Volk, das sich an die Tür herandrängt.»

Die Wagen mit dem Bretterdach fuhren auf wie vorher, ein polnisches Kommando erklang, und ein heftiges Feuer der Feinde begann, diesmal ausschließlich auf die verhängnisvolle Tür und die Fenster in der Nähe gerichtet. Wie mächtige Schläge donnerten die Kugeln an die Tür und das Mauerwerk, mehr als eine fand ihren Weg durch die Fensteröffnungen und schlug über den Häuptern der Verteidiger an die Decke. Fink rief den Förster: «Sie sollen etwas wagen, Alter, stellen Sie Ihre Leute am Hintertor auf, öffnen Sie die Pforte, schleichen Sie dicht am Haus herum und fassen Sie die Gesellen hinter den drei Wagen links, die sich zu nahe an das Haus gewagt haben, von der Seite. Rücken Sie ihnen nah auf den Leib, Sie können die Mannschaft rasieren, wenn Sie gut zielen. Die Wagen haben keine Deckung, ehe das Gesindel von hinten herzuläuft, sind Sie wieder zurück. Seien Sie schnell und vorsichtig, ich gebe Ihnen mit der Pfeife ein Zeichen, wenn Sie aus dem Schatten der Mauer hervorbrechen sollen.»

Der Förster nahm seine Leute zusammen und eilte in den Hof, Fink sprang in den Oberstock zu Anton. Immer heftiger wurde das Feuer der Feinde. «Diesmal wird es grimmiger Ernst», sagte Anton. «Auch unsere Leute geraten in Hitze.» – «Dort kommt die Gefahr», rief Fink und wies durch die Mauerluke auf eine hohe unförmige Masse, welche sich langsam näher schob. Es war ein Erntewagen, breit und zu mächtiger Höhe beladen, der, von unsichtbarer Hand regiert, gerade auf die Mitte des Schlosses zu fuhr. «Ein Brander! Oben glänzen die gelben Strohschütten. Ihre Absicht ist klar, sie haben sich an die Deichsel gestemmt und stoßen den Wagen gegen die Tür. Jetzt gilt es zu zielen, keiner der Wichte, welche ihn heranstoßen, darf zurück.» Er flog die Treppe zum Turm hinauf und rief den Männern, die auf der Plattform postiert waren, zu: «Alles hängt jetzt von euch ab; sobald ihr die Leute seht, welche den Wagen dort vorwärts schieben, gebt Feuer; wo ihr einen Schädel oder ein Bein erkennt, gebt Feuer. Wer an diesem Wagen stößt, muß getötet werden.»

Langsam kam der Wagen näher, Fink erhob den Doppellauf seiner Büchse und preßte den Kolben an die Wange. Zweimal zielte er, und zweimal setzte er unzufrieden wieder ab. Der Wagen war zu hoch beladen, daß es unmöglich wurde, die Gestalten, welche ihn fortschoben, zu erkennen. Es waren Augenblicke ängstlicher Spannung von beiden Seiten, auch das Feuer der Feinde hörte auf, alle Blicke hingen an dem friedlichen Wagen, der jetzt den erbitterten Streit zum tödlichen Ende bringen sollte. Endlich wurde der Rücken der Hintersten, welche an der Spitze der Deichsel drückten, sichtbar. Ein Doppelblitz fuhr aus Finks Büchse, zwei gellende Schreie wurden gehört, der Wagen blieb stehen, die Stoßenden drängten sich dicht aneinander, man erkannte zwei dunkle Schatten am Boden. Fink lud, um seine Lippen schwebte ein wildes Lächeln. Ein wütendes Schießen nach dem Turm war die Antwort der Feinde. Einer der Leute auf dem Turm wurde in die Brust geschossen, sein Gewehr fiel über die Mauer hinab und rasselte auf den Boden, der Mann stürzte zu Finks Füßen nieder. Fink warf einen halben Blick auf den Gefallenen und schlug die zweite Kugel in den Lauf. Da flogen einige Gestalten mit Windeseile aus der Dämmerung an den Wagen heran, ein kräftiger Zuruf wurde gehört, und wieder setzte sich die Maschine in Bewegung. «Brave Jungen», murmelte Fink, «sie sind dem Tode verfallen.» Es wurde mehr von den Körpern an der Deichsel sichtbar. Wieder legte Fink an, und dicht hintereinander flogen vom Turm die tödlichen Kugeln an die Deichsel des Wagens. Wieder ein scharfer Wehruf, aber der Wagen bewegte sich vorwärts. Nicht mehr dreißig Schritt war er von der Tür, es war die höchste Zeit. Da klang der gellende Ton der Knochenpfeife langgezogen durch die Nacht, aus den Fenstern des Oberstocks flog die feurige Salve, und von der linken Seite des Hauses erhob sich ein lautes Geschrei. Der Förster brach vor, ein Haufen dunkler Schatten stürzte gegen das Bretterdach, das der Hausecke zunächst stand, ein Augenblick Handgemenge, einige Schüsse; erschreckt liefen die überfallenen Feinde von den Dächern zurück in das freie Feld. Zum dritten Male traf der tödliche Doppelblitz vom Turme die Deichsel des Erntewagens; von panischem Schrecken ergriffen, stürzten sich aus seinem Schatten die Leute rückwärts nach der rettenden Finsternis. Nicht zu ihrem Heil. Vom Turme und aus den Fenstern des Oberstocks trafen verfolgende Kugeln die Schutzlosen. Die im Schlosse erkannten, daß mehr als einer zusammenbrach. Hinten erhob sich zorniges Geschrei, im Schnellschritte rückte eine dunkle Linie vor, ihre Flüchtlinge aufzunehmen. Ein allgemeines Feuer der Massen gegen das Haus begann. Dann zog sich der Feind mit derselben Schnelligkeit zurück, mit der er vorgedrungen war, er zog die Gefallenen und die Bretterwagen mit sich aus der Schußlinie. Nur der Brander, eine dunkle Masse, stand noch einige Schritte vor der Tür. Das Feuer hörte auf, auf einen tödlichen Kampf folgte eine unheimliche Stille.

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